Jan 012020
 

Über einen Liberalismus mit Zukunft

(1) „Ich respektiere jeden, der auf Fleisch verzichtet oder auf ein Auto, weil er CO2 sparen will. Aber ich will keine Politik, die aus privaten Entscheidungen eine moralische Frage von richtig oder falsch, von gut oder schlecht macht. Die Politik muss und kann die Rahmen so setzen, dass jeder diese Entscheidungen für sich treffen kann. Sie darf diese Entscheidungen aber nicht erzwingen wollen, weil sie glaubt, ganz allein zu wissen, was für alle richtig ist, oder wie alle gefälligst zu leben haben. Das ist für mich der größte Unterschied zwischen Liberalen und den Grünen.“

(2) „Ein großer europäischer Demokrat namens Tony Blair hat kürzlich in einem Interview gesagt, politischer Wettbewerb, das sei für ihn vor allem die kontinuierliche Suche nach „the better idea“. Er habe während seiner Regierungszeit immer nur eine Sorge gehabt: dass jemand von der Gegenseite die bessere Idee haben könnte. Diesen Spirit würde man sich für Deutschland wünschen. Dieses Fortschrittsdenken begeisterte damals auch Liberale. Denn das progressive Element, der Glaube an eine bessere Zukunft, das ist es, was Liberale ausmacht.“

Zwei Bekenntnisse zu einem modernen Liberalismus von zwei sehr unterschiedlichen Personen, nämlich von (1) von Annegret Kramp-Karrenbauer, der Vorsitzenden der CDU, und (2) von Johannes Vogel, MdB und Generalsekretär der FDP-NRW. Ich habe diese ganz aktuellen Äußerungen ein bisschen verändert: Kramp-Karrenbauer sieht am Ende des Zitats den „Unterschied zwischen der CDU und den Grünen“, Johannes Vogel beschreibt Tony Blair als „großen europäischen Sozialdemokraten“ und meint im letzten Satz das, „was Liberale und Sozialdemokraten politisch verbindet“. Somit sind es aus unterschiedlicher politischen Ausrichtung zwei Bekenntnisse zu einer neuen liberalen Mitte – erstaunlich in dieser Zeit. Ob „AKK“ mit diesen Worten bei der CDU tatsächlich ins Schwarze trifft und wie sie damit den rechts-konservativen Flügel bedienen kann – oder ob Vogel aus einer schwarz-gelben Koalition heraus nicht nur einen Versuchsballon in Richtung sozialliberaler Reste der Sozialdemokratie testet, also das jeweilige politische Kalkül sei dahingestellt. Immerhin sind es zwei Aufrufe zu einem liberalen Selbstverständnis oder zu einer liberalen Verpflichtung. Driften Rechte und Linke stärker auseinander, müsste eigentlich mehr Platz in der liberalen Mitte freiwerden. Jedenfalls sollte diese Mitte ausgefüllt und behauptet werden.

Denn antiliberale Meinungen und Überzeugungen werden immer vernehmlicher. Es gibt sie zwar schon länger bei linken Parteien und Gruppierungen, für die „liberal“ immer ein Schimpfwort war und die sich als Vertreter der „richtigen“ Weltsicht wahlweise für die „Diktatur des Proletariats“ oder zumindest für die Vorherrschaft einer Partei und einer „linken“ Ideologie verstanden haben und noch verstehen. Die heutigen Grünen können ihre Herkunft aus linken, teilweise sozialistischen Strömungen nicht verleugnen. Geerbt haben sie ein ausdrückliches Sendungsbewusstsein und die Überzeugung, die „richtige“, nun eben ökologische Ideologie zu vertreten. Die Rettung der Welt stand bereits früh auf dem Programm der „Fundis“, noch ehe die Klimadebatte richtig Fahrt aufgenommen hatte. Heute hängt den Grünen das Etikett der „Verbotspartei“ an, nicht zu Unrecht. Wollen viele Mitbürgerinnen ökologische oder klimaneutrale Verhaltensweisen nicht freiwillig übernehmen, müssen sie eben mit gesetzlicher Gewalt zu ihrem Glück gezwungen werden. Die heutigen Grünen teilen insofern einen ziemlich rigiden Etatismus. Wenn ihre Intoleranz („Veggy-day“) verschreckt, ziehen sie sich zwar schnell zurück, aber das wirkt stets nur taktisch. Mit vielen Linken unterscheiden manche unter ihnen sehr genau zwischen kurzfristigen taktischen Zielen und ihrer Langzeitstrategie einer „ökologischen“ Systemveränderung (degrowth).

Kein Dialog zwischen den Fronten: Wie wirkungsvoll dieser Gedanke ist, sieht man daran, dass 2019 das bislang erfolgreichste Jahr der Grünen war, der erwachsen gewordenen, aber immer noch faltenlosen Jugendpartei, die in der Europawahl einen solchen Vertrauensbeweis der jungen Generation bekam, dass es den „alten“ Parteien in die morschen Glieder fuhr. Auf der anderen Seite steht die AfD als die Partei der verbitterten und restaurativ gesinnten „Alten“, die sich mit verbaler Gewalt gegen das Neue und Notwendige richtet. Zwischen ihr und der klimapolitisch bewegten Jugend gibt es keinerlei Verbindung, sondern nur gegenseitige Verachtung bis hin zum Hass.


… in der Romantik, im Jungen Deutschland, in der Gesellen- und Arbeiterbewegung… Deren Versatzstücke tauchen bis heute in jeder Jugendrebellion wieder auf, bis hin zur Sehnsucht nach einer ökologischen, „großen Transformation“ der kapitalistischen Gesellschaft.

JASPER VON ALTENBOCKUM FAZ 01.01.2020

In Deutschland gewinnt die politische Rechte zunehmend an Einfluss und übernimmt illiberale Überzeugungen der osteuropäischen Nationalisten (Viktor Orbán) oder radikaler Neofaschisten, die von Alexandr Dugin inspiriert werden, ebenso wie nationalistische bzw. rassistische Themen der US-amerikanischen Alt-Right – Bewegung (Breitbart, Bannon). Björn Höckes „Flügel“ ist da eher symptomatisch als scheinbar gemäßigte Mitglieder der AfD. Diese haben ohne den „Flügel“ ohnehin keine Gestaltungsmöglichkeit mehr (siehe Austritt Lars Herrmann). Ein paar radikalisierte Ultranationalisten und womöglich Neofaschisten / Nazis wären kaum ein Problem (es sei denn wegen Gewalttaten / Terrorismus), wenn sie nicht bis zu einem Viertel der Wählerstimmen als Zustimmung verbuchen könnten – in Ostdeutschland zumindest. In der CDU formieren sich daher einige Kräfte, die einen Rechtsruck fordern und Koalitionen mit den Neuen Rechten anstreben (Maaßen in Thüringen). Sie nennen sich „Werteunion“, vertreten aber keineswegs bestimmte moralische oder politische Werte, sondern nationale bis nationalistische Interessen. Das harmlose Wort „Heimat“ wird völkisch aufgeladen und so zum rechten Kampfbegriff instrumentalisiert. Das Bundesinnenministerium zum „Heimatministerium“ zu deklarieren, war ein fadenscheiniges Versuch der „Umarmung“. Liberalismus, Feminismus, Diversität, Pluralismus sind in rechten Kreisen abgelehnte Ideen und Programme der „links-grün versifften Eliten“ und Medien, wogegen dann traditionelle Familien- und Rollenstrukturen, weiße und maskuline Suprematie und völkische Homogenität als Ziele gesetzt werden. Autoritäre Führerfiguren, die „illiberal“ als positives Attribut zur Selbstbezeichnung verwenden, werden zu medialen Idolen – von Putin über Erdogan bis zu Trump. Vom Faszinosum der chinesischen Ein-Parteien-Diktatur, heute sogar Ein-Mann-Diktatur, Wirtschaftskraft und hard power ganz zu schweigen.

…  hat sich in Europa in den letzten zehn Jahren ein Trend entwickelt, den man leider noch wirkungsmächtiger in vielen Teilen der Welt beobachten kann. Es ist die Abkehr von der liberalen Demokratie, die sich auf das Wertegerüst der französischen und der amerikanischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts stützt. Heinrich August Winkler, der wie kein anderer deutscher Historiker das Nachkriegsdeutschland, Europa und den Westen analytisch zu ordnen versteht, spricht davon, dass die „illiberale Demokratie“ an Boden gewinnt. In den Neunzigerjahren, als man noch glaubte, die globale Entwicklung laufe nahezu gesetzmäßig auf das westliche Gesellschaftsmodell zu (Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“), strebten die Staaten Ost- und Südosteuropas in die EU. Heute haben sich etliche dieser Staaten, am deutlichsten Ungarn und Polen, einem nationalistischen Modell verschrieben, in dem „westliche Werte“ als schädlich gelten – Emanzipation, Aspekte der Gewaltenteilung, Solidarität mit Migranten, Kunst- und Pressefreiheit und vieles mehr. Die Entstehung dieser illiberalen Demokratien – Politiker, die ein semiautoritäres Gebaren an den Tag legen, werden von Mehrheiten gewählt – ist der größte Rückschlag für das gemeinsame Europa.

Kurt Kister, siehe unten

Das 21. Jahrhundert jedenfalls ist eindeutig von einer Rückkehr des Nationalismus geprägt, der nicht liberal, also freiheitlich gegenüber jedermann sein kann. Nationalismus ist eine kollektive Ideologie, weil es ihm nicht auf das Individuum ankommt, sondern auf mythische Gesamtwesen: das Volk, das Land. Nationalismus ist beileibe kein Patriotismus oder gar Heimatliebe, derer sich die Rechten allüberall gerne rühmen. Den Illiberalen geht es um permanente Kontroverse, um den Vorteil auf Kosten der anderen. Trumps Slogan „America first“ ist die moderne Übersetzung von „Deutschland über alles“. Und leider können in einer Union illiberale und liberale Demokratien kaum nach dem gemeinsamen Guten streben.

Kurt Kister, Süddeutsche 31.12.2019

Was hat dagegen der Liberalismus zu bieten? Um nicht die ganze Ideologiegeschichte diese Begriffes heraufzubeschwören, wäre es vielleicht besser, von gelebter Liberalität zu sprechen. Was zeichnet Liberalität aus?

Ein starker Liberalismus bedeutet:
(1) Der Staat darf niemandem die Überzeugung und Ideologie einer Gruppe vorschreiben wollen, und sei es die Mehrheit. Jeder und jede hat das Recht, „nach seiner eigenen Façon selig zu werden“ und seine / ihre eigene Meinung und Weltanschauung zu haben.
(2) Die Freiheit der eigenen Meinung kennt keine Grenzen. Die Freiheit der eigenen Lebensweise findet ihre Grenze an der Freiheit des anderen.

Kinder im Welt-Kreis (c) km.bayern.de

Zu (1): Es klingt selbstverständlich, und doch nimmt das Gegenteil in der Gesellschaft zu, zum Glück nicht von Staats wegen, denn der ist zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet Die Anfeindungen wegen abweichender Meinungen lösen aber in den sogenannten Sozialen Medien immer wieder Beschimpfungen, Drohungen und Verächtlichmachung aus. Abweichend ist dasjenige, was der eigenen Meinung oder der Meinung und Ideologie einer Gruppe widerspricht, der man sich zugehörig fühlt. Eine einheitliche Norm für öffentliche Meinungen gibt es schon längst nicht mehr, obwohl das immer wieder polemisch und verleumderisch behauptet wird („Fakenews“, „Systempresse“). Die Polarisierung in der Vielfalt der Meinungen hat zugenommen, obwohl die veröffentlichten Meinungen, zumal in den „Sozialen Medien“, nur ein verzerrtes Bild einer kleinen Teil-Öffentlichkeit wiedergeben. Wahrheit, Faktizität, Vernunft, Wissenschaft sind keine allgemein akzeptierten Instanzen oder Ideale, die nicht sogleich wieder mit einem eigenen Vorzeichen versehen werden können. Selbst im Namen der Wissenschaft wird Meinungskampf betrieben, wenn beliebige angebliche Ergebnisse (“Studien“, „Prognosen“) zur Untermauerung der eigenen Überzeugungen ins Feld geführt werden. (Die kriegerische Begrifflichkeit ist hier nicht zufällig.) Das Ideal „Sagen was ist“ (Augstein, Spiegel) wird selber strittig. Auch ein heute üblicher Fakten-Check kann bezweifelt werden. Der Bezugspunkt einer den Menschen gemeinsamen Vernunft verschwimmt durch den Vorbehalt gesellschaftlicher oder kultureller Konstruktionen. Die Gefahr ist weniger ein allseits um sich greifender Relativismus als vielmehr die Polarisierung und die Abschottung in weltanschaulichen Kokons und meinungsführenden Echokammern. Auch wenn niemand zur Vernunft gezwungen werden kann und jeder ein Recht auf Andersdenken hat, muss doch das Bemühen um sachliche, faktengerechte Erkenntnis und Darstellung Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sein, wenn denn die gesellschaftliche Öffentlichkeit nicht gänzlich auseinanderfallen soll. Hier liegt die besondere Aufgabe und Verantwortung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und der großen unabhängigen Tageszeitungen, besonders mit ihrem Netz-Engagement.

Zu (2): Zu sagen, was ist und was man denkt, ist das Eine. Das Andere ist die Lebens- und Verhaltensweise, die sich daraus ergeben kann. Hier gibt es natürlich Grenzen, nämlich die Grenzen gegenüber der Freiheit des Anderen und Anderslebenden. Und diese Grenzziehung ist oft genug ein Problem. Hier gibt es im Streitfall faktisch nur die Möglichkeit von Mehrheitsentscheidungen, indem allgemein verbindliche Regelungen (Gesetze) gefunden werden müssen. Beispiele sind das Rauchverbot in öffentlichen Räumen und (teilweise) Anlagen, einzuhaltende Grenzwerte für Feinstaub oder CO2-Ausstoß, Impfpflichten (Masern!), hinzunehmende Lärmemissionen, Abstandsregeln zu Windkraftanlagen und vieles mehr. Damit werden äußere Rahmen gesetzt, deren Einhaltung vom Staat durchgesetzt werden. Um welche Dinge und Bereiche es da geht, ist immer wieder von aktuellen Anlässen und den wechselnden Meinungen im Zeitverlauf abhängig. Feinstaub gilt als nicht mehr zumutbar, weil gesundheitsschädlich, Alkohol zwar als gesundheitsschädlich, aber akzeptabel, wie vielleicht demnächst auch Cannabis – usw.. Eine liberale und tolerante Gesellschaft wird möglichst wenig Verhaltensregeln gesetzlich festzurren, denn jedes Gesetz beschneidet die persönliche Freiheit. Politische Kunst ist es, hier das rechte Maß und den geeigneten Kompromiss zu finden. Koalitionsregierungen bieten dafür die besten Voraussetzungen.

Zum alltäglichen Leben gehören aber noch sehr viel mehr Regeln des Umgangs miteinander, der Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft, des Zuhörens und Verständnisses. Daraus besteht ja der größte Teil unseres sozialen Miteinanders. Die hier akzeptierten Verhaltensweisen und Regeln sind immer wieder neu auszuhandeln, besonders zwischen Jung und Alt, Fremd und Heimisch, Oben und Unten. Schwierig wird es, wenn eine Gruppe mit dem Anspruch auftritt, alleine die richtige Verhaltensweise zu vertreten und vorzuschreiben. Das wird zu Recht als Bevormundung abgelehnt, wie sich besonders an der Emanzipation von kirchlich-religiöser Bevormundung zeigt. Gleichzeitig ist aber eine Gegenbewegung festzustellen, die sich neuer Bevormundung willfährig aussetzt, seien es neue religiöse Rücksichtnahmen (Islam), seien es weltanschauliche Programme, wie zum Beispiel ökologische Anweisungen zum ‚richtigen‘ Leben. Der Hinweis, dies diene ja nur der Rettung der Natur, der Ozeane, der Artenvielfalt, des Klimas, des Planeten insgesamt, wirkt dann faktisch totalitär, weil es keinen Widerspruch duldet gegen das, was universell als allein richtig und wertvoll und notwendig erkannt und behauptet wird. Dies ist eine heute verbreitete Tendenz zur Illiberalität, die dank eigener Scheuklappen mit Irrtumsfähigkeit und Toleranz nichts mehr anfangen kann. Die Menschheit hat kein verbrieftes Recht auf Wohlstand und Glück, aber auch keines auf Vernunft und Richtigkeit, wohl aber auf Arbeit und Auskommen. Auch hier müssen im Zweifelsfall Mehrheitsentscheidungen den (gesetzlichen) Rahmen setzen, der dann auch von der anders meinenden Minderheit respektiert werden muss. Jeder Minderheit ist es unbenommen, dafür zu kämpfen, dass ihre Meinung und Auffassung der Dinge mehrheitsfähig wird. Das nennt man demokratische Meinungs- und Willensbildung, und deren Regeln haben wir nach wie vor dringend nötig. Nur so kann eine liberale Gesellschaft mit ganz unterschiedlichen Meinungen und diversen Lebensentwürfen funktionieren.


Dafür ist Liberalität, also eine freiheitliche Einstellung erforderlich. Hier und heute in einem polarisierenden Umfeld gesellschaftlich aufklärend, mäßigend und moderierend zu wirken, ist Aufgabe und Stärke des Liberalismus. Wirtschaftspolitisch gibt es einen klaren Wunsch für die Twenties: Bessere (digitale) Rahmenbedingungen für eine starke, innovative Wirtschaft, um Wohlstand zu erhalten und mit den Folgen der Warmzeit fertig zu werden. Angesichts der illiberalen „Feinde der offenen Gesellschaft“ (Popper) ist der Liberalismus heute mehr denn je herausgefordert, weil er die beste Chance auf die Erhaltung einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft bietet. Liberalität sollte verlockend sein und zur Selbstbestimmung einladen, auch wenn man dafür den eigenen Verstand gebrauchen und sich kontroversen Diskussionen stellen muss. Es lohnt sich immer noch und immer wieder, mit den Ideen der Aufklärung offensiv und diskursiv für eine humane und liberale Gesellschaft einzutreten.

.art

Sep 292019
 

Umwelt – Leben – Technik

Panik ist ein schlechter Ratgeber, da hat Boris Palmer schon recht – unter vielen anderen ähnlichen Meinungen. Auch Pessimismus mag vorerst eine naheliegende Reaktion sein auf die Fülle der Probleme, mit denen die Menschheit heute konfrontiert ist, aber echte Lösungen, wirkliche praktisch umsetzbare und gangbare Wege der Politik wird es nur geben können mit ruhiger Vernunft, Augenmaß und einer guten Portion Optimismus: Neben der menschlichen Dummheit ist sicher auch der menschliche Einfallsreichtum grenzenlos.

Es ist schwierig, aus der Vielzahl der Herausforderungen diejenige zu benennen, welche aktuell die größte ist. „Klima“ wird sofort gerufen, weil ein Endzeit-Drama drohe. Die Klima – Katastrophe bekommt apokalyptische Ausmaße, vom Ende des Planeten gar ist die Rede. Für einen Planeten, der schon mehrere Phasen völliger Verwandlung und beinahe Totalvernichtungen des Lebens durchgemacht hat, dürfte die derzeitige Situation recht belanglos sein. Die Zukunft der Erde hängt zum geringsten Teil vom menschlichen Handeln ab, vielmehr von astro- und geophysikalischen Entwicklungen und Ereignissen. Das ‚Leben‘ hat sich schon in der Vergangenheit unter völlig gewandelten planetarischen Verhältnissen neu erfunden. Aber es steht durchaus die „Zukunft der Welt“ auf dem Spiel, wenn man mit „Welt“ die Menschenwelt, unseren globalen Lebensraum, meint: die Welt, wie wir sie bisher kennen.

Die rasante Erderwärmung ist offenkundig wesentlich vom Menschen verursacht, darauf jedenfalls weisen alle bekannten wissenschaftlichen Fakten und Daten hin. Prognosen aufgrund der bestehenden Datenlage sind zwar von hoher Wahrscheinlichkeit, auch darin sind sich die Wissenschaftler einig, aber es sind dennoch Aussagen über Wahrscheinlichkeiten; kleine Änderungen in der Datenbasis können in der Berechnung große Auswirkungen haben (Schmetterlingseffekt). Nichtsdestoweniger müssen wir, also die Menschheit insgesamt, eine globale Anstrengung unternehmen, und zwar gemeinsam, jede Gruppe und Nation da, wo sie handlungsfähig ist, um den weiteren Temperaturanstieg wenigstens zu bremsen, soweit und solange das noch möglich ist (vgl. die „Kipppunkte“ in vorigen Beiträgen). Diese Anstrengung wird sich darauf konzentrieren müssen, den Anstieg von temperaturrelevanten Stoffen in der Atmosphäre (Kohlendioxid, Methan, Aerosole) drastisch zu vermindern. Um das zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Verringerung des Ausstoßes ist nur eine davon, natürliche oder technologische Reduktionen sind andere Möglichkeiten. Jedenfalls brauchen wir mehr und nicht weniger geeignete Technologie, mehr Einfallsreichtum und technologie- und lösungsoffene Förderung entsprechender wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung, und zwar rasch.

[Nebenmerkung: Wissenschaft ist keine Religion. Auch Wissenschaftler können irren (Beispiele: Phrenologie, Kraniometrie), und haben es schon oft getan. Nur die Daten sind objektiv innerhalb ihres Erhebungsrahmens. Schon ihre Auswertung, Bewertung und dann Extrapolation für künftige Szenarien enthält eine Menge variabler Elemente und unvermeidlich subjektiver Faktoren – sonst würde es ja nicht so viel Streit unter den Wissenschaftlern geben. Hier in der Klimafrage ist sich allerdings die überwältigende Mehrheit der internationalen Wissenschaft bemerkenswert einig. Darum ist davon als derzeit gültiger Faktenlage auszugehen.]

Das andere ist: Wir brauchen sehr viel mehr Vorsorge für die jetzt schon absehbaren Folgen der Klimaerwärmung in unseren Lebensräumen. Küsten- und Deichschutz, Wassermanagement, insbesondere bezüglich des Grundwasserspiegels, Luftreinigung von Feinstaub und Aerosolen, Waldmanagement im Blick auf Trockenheiten und klimagerechter Pflanzenauswahl (auch Neuzüchtungen), weitaus mehr als heute üblich ressourcenschonende landwirtschaftliche und industrielle Produktion, regenerative und schadstoffarme Energieerzeugung, intelligente Vernetzung und Nutzung vorhandener Energie, ein Recycling von Wertstoffen, das den Namen verdient (Verbrennen oder Exportieren ist kein ‚recycling‘, siehe unter Nachträge) und schon bei der Produktion von Gütern Beachtung finden muss (Zertifizierung), forcierte Entwicklung klimaneutraler synthetischer Kraftstoffe für Verbrennungsmotoren, emissionsfreie Mobilität, wirksame Regulierung der Finanzmärkte (Vermeidung von ökonomisch und sozial schädlichen Fehlallokationen, Beispiel Immobilienmarkt) – und vieles andere mehr. Dieser kleine unvollständige Überblick soll zeigen, dass es keineswegs um rückwärtsgewandte Vernichtung von Industrie und Abbau von Arbeitsplätzen geht, sondern um deren weitreichenden Umbau und globale Weiterentwicklung gemäß den Erfordernissen des Klimawandels, wirtschaftlicher Anreize und sozialer Teilhabe. Wenn man auf diesen gesamten Bereich schaut, kann man mit Sicherheit sagen, das hier noch viel zu wenig umgedacht und entsprechend gehandelt wird. Hier wäre viel mehr vorausschauende Politik und weitsichtige Verantwortung nötig, welche die Menschen „mitnimmt“.

Bio Urban 2.0 (c) BiomiTech

Es bleiben aber weitere wesentliche globale „Baustellen“ offen. In vorigen Beiträgen hier im Blog ist schon die Rede von der weltweiten Migration, beschleunigt durch Kriege um Ressourcen, Bevölkerungswachstum durch Bildungsmangel und gleichzeitiger Verknappung landwirtschaftlich geeigneter Flächen, obwohl auch dafür weiterführende neue Entwicklungen denkbar sind. Eine weitere Herausforderung stellt das Eindringen von Mikroplastik in die Nahrungskette dar, wie es sich gerade vollzieht. Schon jetzt ist im Menschen (sogar Säuglingen) die Anreicherung von Mikroplastik im Körper nachweisbar. Die Auswirkungen sind bisher noch kaum bekannt und erforscht, bergen aber unabsehbare gesundheitliche Risiken. Weitere globale Problemanzeigen sind das erneute Anwachsen von Infektionskrankheiten durch multiresistente Keime, also durch das Versagen der klassischen Antibiotika-Medizin. Ein Spezialfall sind die bei uns bisher wenig beachteten, aber bedrohlich zunehmenden Fälle von Sepsis. Von weiteren Krankheitserregern, die wir keineswegs im Griff haben, von Malaria oder viralen Erregern mit Seuchenpotential könnte man viele Blogs füllen, ganz zu schweigen von der weiteren Ausbreitung von Krebs (auch bedingt durch höhere Lebenserwartung). Will sagen: Es gibt wirklich sehr vieles, was auf sehr vielfältige Weise den Lebensraum und die Lebensweise der Menschheit bedroht – und damit die Menschheit insgesamt. Zynisch und ironisch zugespitzt könnte man sagen: Vielleicht hat uns noch vor dem Klimatod eine Grippeseuche dahingerafft.

Von einer schwerwiegenden Bedrohung anderer Art ist nun noch zu reden: Von dem weltweiten Verlust des Vertrauens in Institutionen und Regierungen, vom Zerfall internationaler Zusammenarbeit, vom Vordringen nationalistischer Partikularisierung, vom Angriff auf Menschen- und Freiheitsrechte an vielen Orten der Erde, vom Anwachsen von Verschwörungstheorien, Gewaltbereitschaft, Radikalisierung, Terror und einer Wiedergeburt von Rassismus, Antisemitismus und ‚Faschismus‘ (siehe „Volksverhexer“) – ausgestorben war das freilich nie. Gerade der Antisemitismus ist so etwas wie der Lackmustest für den Grad von Humanismus und aufgeklärter Moral. Damit steht es nicht gut. In einer Epoche, in der wir eigentlich sehr viel mehr Vernunft, wissenschaftlichen Verstand, rechtsstaatliche Institutionen, weltweite Zusammenarbeit, Verständigungsbereitschaft und Kompromissfähigkeit nötig haben, darüber hinaus aufgeschlossen sein sollten gegenüber technischer Innovation und vielfältigen Lösungsansätzen, – genau in dieser Situation, wo alles nach Zusammenarbeit und phantasievollem Neustart schreit, wenden wir uns ab und altbekannten Mustern der Vereinfachung, der Feindbilder, der nationalen und religiösen Ideologien zu, die vorhandene Probleme und Herausforderungen eher noch verschlimmern, weil sie nun auch noch Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind.

Nötig ist in der Tat eine politische, ökonomische und ökologische, klimagerechte und sozialverträgliche, phantasievolle und innovationsfreudige (Digitalisierung) Neuausrichtung der gesellschaftspolitischen Agenda. Da fehlt noch viel, aber da zeigen sich auch neue Wege. Jugend ist nicht nur auf der Straße aus Lust an der Revolte oder Klima-Fanatismus, sondern weil sie sich von der gegenwärtigen Art, wie Politik funktioniert, ausgeschlossen und nicht ernst genommen sieht. Das, was „Rezo“ ausgelöst hat, gibt davon ausreichend Zeugnis. Jakob von Lindern hat dazu jüngst Beherzigenswertes und Treffendes geschrieben über die „Rezolution der Politik“. Recht hat er, und von guten neuen Chancen schreibt er, wenn man das Anliegen junger Menschen, die sich um ihre Zukunft betrogen sehen, ernst nimmt – sei es bei YouTube, sei es bei vielen Aktivisten von #FridaysForFuture. Gerade hier ist viel mehr Optimismus angesagt und Bereitschaft, neue Formen der Kommunikation für ein neues Gespräch der Generationen zu erproben. So könnte sich Politik jenseits der Parteien erneuern und etwas Neues ‚ausbrüten‘. Das wäre gut, eine wirkliche Chance zur Veränderung. Denn die, darin sind sich eigentlich alle einig, tut bitter not. „Gegen den Wandel des Klimas hilft nur der Wandel des Systems.“ (siehe Maja Göpel „Gebt die Privilegien auf!“).

Nachträge:

  1. In einem Artikel in der FAZ vom 30.09.2019 beleuchten die Ökonomen Prof. Dr. Kai Carstensen und Prof. Dr. Stefan Kooths in hervorragender Weise die Aufgabe einer vernünftigen Klimapolitik aus wissenschaftlicher Sicht: So geht vernünftige Klimapolitik – gut auf den Punkt gebracht.
  2. „Bei Circular Economy geht es nicht um Recycling, es geht nicht um Müllmanagement“, erklärte Antonia Gawel, die beim World Economic Forum die gleichnamige Initiative leitet. „Es geht darum, ein ganzes System neu zu designen und neu darüber nachzudenken, wie wir Produkte designen, nutzen, wiederverwenden, länger behalten und ihr Material weiterverwerten.“ Lies den Beitrag über Bits & Pretzels im Handelsblatt.

.art

 29. September 2019  Posted by at 18:06 Gesellschaft, Klima, Oekologie, Ökologie Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Moderne Klimapolitik
Feb 282019
 

Der globale Blick über den lokalen Tellerrand

Wir denken immer in Zusammenhängen, es geht gar nicht anders. Es sind in der Regel alltägliche, soziale, pragmatische Zusammenhänge: Wenn ich überlege, welchen Weg zur Arbeit ich wähle angesichts aktueller Baustellen; wenn ich mir Erledigungen auf dem Heimweg vornehme; wenn ich mich darauf einstelle, was mich in der morgendlichen Teamsitzung erwarten wird. Bei der Urlaubsplanung sind die Zusammenhänge schon etwas weiter gefasst: Urlaubspläne abstimmen und beantragen, Ziele aussuchen, Hotels und Flüge buchen usw. Zeitlich noch weiter greifen die Zusammenhänge aus, die ich bei meiner Karriereplanung zu berücksichtigen habe, oder bei der Auswahl der Schulen für meine Kinder. Wir können uns ganz gut in Zusammenhängen orientieren, in denen wir Erfahrungen haben, die unsere alltägliche Welt von Beruf, Familie und Freizeit abdecken. Auch der Umgang mit einem Garten, wenn wir denn einen haben, ist uns vertraut: pflanzen, jäten, mähen, mal einen Busch zurückschneiden. Das wars dann schon.

Da fängt es allerdings an, dass größere Zusammenhänge eine Rolle spielen. Verhalte ich mich so wie bisher, den angenehmsten Effekt mit dem geringsten Aufwand zu verbinden oder beziehe ich zum Beispiel ökologische Gesichtspunkte ein? Düngen – womit? Spritzen – ja oder nein? Viel einfach zu pflegender Rasen oder mehr abwechslungsreiche Büsche und Stauden, die natürlich mehr Pflege und also Arbeit erfordern? Im Grunde sind diese größeren Zusammenhänge auch schon vorher im Hintergrund vorhanden: Welches Verkehrsmittel nutze ich auf dem Weg zur Arbeit? Welche Art Urlaub möchte ich verwirklichen? Spielt bei den Überlegungen auch das Transportmittel eine Rolle? Bei all diesen Zusammenhängen und den Fragen, die sich daraus ergeben, werde ich entweder der eingespielten Gewohnheit entsprechen (das geht wie von selbst) oder eine Ziel – Aufwand – Nutzen – Überlegung anstellen: Wie kann ich mein Ziel am besten erreichen – und was ist das jeweils Beste? Das Schnellste oder Einfachste? Das Bequemste? Das, worüber ich nicht zu viel nachdenken muss? Wenn ich bereit bin, größere Zusammenhänge zu berücksichtigen, wieviel Aufwand erlaube ich mir dafür, was darf es zusätzlich kosten? Zu welchen Alternativen und Umwegen bin ich gegebenenfalls bereit?

Das muss nicht allein die Ökologie sein, die mich zum Nachdenken bringt, es kann sich auch um bildungspolitische Zusammenhänge handeln, die ich bei der Auswahl der Schule für meine KInder zu berücksichtigen bereit bin – und dafür eventuell weitere Wege und höheren Zeitaufwand in Kauf nehme. Sobald die Zusammenhänge weiter und größer werden im Vergleich zu den Zusammenhängen des alltäglichen Lebens, wird es komplizierter und aufwändiger. Es sind mehr Informationen nötig, unbekannte oder unerwartete Entscheidungen, Meinungsaustausch, Diskussionen mit Familienangehörigen oder Kollegen. Größere Zusammenhänge lassen sich nicht so leicht überblicken. Was auf den ersten Blick als gute Idee erscheint, erweist sich vielleicht beim zweiten Hinschauen als gar nicht so gut oder zumindest zwiespältig. Der Vorteil des Gewohnten ist es, dass all diese Probleme oder Auswahlen aufgeblendet werden. Das macht das Leben einfacher und den Alltag erträglich. Bei jedem Schritt, den ich tatsächlich mache, an den „ökologischen Fußabdruck“ zu denken, macht das Leben schwierig bis unerträglich.

Ich suche also einen gangbaren Weg zwischen den einfachen Lösungen aus Gewohnheit und den komplizierten Abwägungen und Entscheidungen, wenn ich große Zusammenhänge einbeziehe. Eine dafür bewährte Methode ist die des Vergleichs und der Vereinfachung. Beim Vergleichen versuche ich, den größeren Zusammenhang auf meinen Erfahrungsbereich abzubilden. Dies bedeutet oft eine erhebliche Vereinfachung. Außerdem mache ich mir dadurch etwas Unbekanntes, Neues vertrauter und zugänglicher, weil ich es direkt mit meinem Erfahrungswissen verbinde. Das führt manchmal zu pragmatischen Lösungen, oft aber auch zu Kurzschlüssen. „Externe Kosten“ werden dabei leicht außer Acht gelassen. Selbst das Fahrrad als Verkehrsmittel hat nicht nur die positiven Aspekte umweltpolitischer Sorgsamkeit, sondern auch die gesundheitlichen Aspekte erhöhter Unfall- und Verletzungsgefahr in Innenstädten, die keine gute Fahrrad-Infrastruktur haben. Es mag sehr vernünftig sein, im Garten mehr Büsche und Sträucher anzupflanzen, aber die Angebote der Gärtnereien beinhalten oft exotische Gewächse, die kurzlebig und / oder mit der heimischen Fauna wenig kompatibel sind. Der praktische Sack Blumenerde mag bei seiner Herstellung und seinem Transport einige ökologische Sünden mit sich schleppen. Und die Bio-Trauben aus Südafrika sind vielleicht doch nicht ganz so unbedenklich, wie die Vorsilbe Bio- glauben macht. Kurz: Größere Zusammenhänge enthalten viel mehr Daten, Informationen und weitere Verknüpfungen als alles, was mir aus meiner unmittelbaren Erfahrung vertraut ist. Darum ist die Verbindung der Erkenntnisse aus größeren Zusammenhängen mit meiner Alltagserfahrung so schwierig.

Um einen gangbaren Weg zu finden, muss ich mich also umfassend informieren, und das ist ziemlich aufwendig. Zudem gilt: Je mehr Informationen über Zusammenhänge ich bekomme, desto schwieriger wird die Beurteilung. Es gilt nicht nur, einzelne Fakten zu gewichten, sondern auch bestimmte Abhängigkeiten und Folgewirkungen einzubeziehen. Dabei bin ich normalerweise kein Fachmann, sondern muss mir geeignete Quellen suchen, denen ich vertrauen kann. Zum Glück gibt es (auch dank Internet und Google) fast zu allen Gebieten gute Darstellungen und journalistisch aufbereitete Fakten. Ich kann mir also sehr wohl aus unterschiedlichen Quellen und aufgrund verschiedener Auffassungen ein eigenes Urteil bilden. Das muss dann allerdings noch zu Entscheidungen über Handlungsmöglichkeiten führen, die es in meine eigene Lebenswirklichkeit zu übersetzen und zu konkretisieren gilt. Das wird nur durch Gespräche mit anderen Familienmitgliedern und Freunden gelingen. Social media dürfte dabei nur wenig helfen: zu viel Übertreibung, zu viel Zuspitzung und Verzerrung. Die dann für mich und meine Lebenspraxis infrage kommende Lösung wird ein Kompromiss sein, gewonnen aus unterschiedlichen Optionen, eingebettet in eine Praxis dessen, was ich mir an Verhaltensänderung zutraue und / oder zumuten möchte. An drei Komplexen von großen Zusammenhängen möchte ich das verdeutlichen.

A. Plastik ist in aller Munde. Das gilt sogar wörtlich, wenn ich an Fastfood, Snacks und Getränke denke, die mir in der Stadt unterwegs so angeboten werden. Plastik umgibt uns fast überall, und das Problem ist, wie wir es wieder loswerden. Immer noch finde ich viel Müll, insbesondere Plastikmüll, in der Landschaft wieder, besonders an Straßenrändern und an Autobahnauffahrten. Aber der meiste Plastikmüll aus Betrieben und Haushalten wird inzwischen brav eingesammelt. Er sollte recycelt werden. Das klappt bislang nur sehr unzureichend, weil auch Verbrennung („thermische Verwertung“) und Verschiffung als „recyceln“ gelten. In Wirklichkeit wird erst rund ein Drittel des Plastikabfalls als Wertstoff einer neuen Verwertung zugeführt. Vom Plastikmüll in den Meeren und Ozeanen haben wir schon oft gehört, gelesen oder sogar beim Urlaub selbst etwas davon gesehen. Was also tun? Vor unsrer Haustür können wir einfach aufsammeln, was da liegt, und den Verpackungsmüll in die gelbe Tonne entsorgen – eben damit wir die Sorge mit dem Plastik los sind. Dem ist aber nicht so, wir sehen den Plastikmüll nur nicht mehr. Vermeidung wäre sicher eine bessere Strategie, also erst gar nicht so viel Plastik in Umlauf bringen. Aber von unserer chemischen Industrie, die Kunststoffe herstellt, leben wir mit zig tausend Arbeitsplätzen. Zudem ist es mit Alternativen auch nicht besonders gut bestellt. Das Wuppertaler Institut für Umwelt, Klima und Energie hat sehr genau geschaut und gerechnet und festgestellt, dass zum Beispiel Papiertüten eine höhere Energie- und Umweltbelastung darstellen als Plastiktüten. Das liegt hauptsächlich am hohen Wasserverbrauch und Klärbedarf bei der Papierherstellung. Nun ist Wasser hierzulande (noch) keine sehr begrenzte Ressource. Mir persönlich ist eine Papiertüte lieber, die schnell verrottet und in der ich sogar meine Küchenabfälle in der Biotonne entsorgen kann. Aber wohlgemerkt: Diese Schlussfolgerung entspringt schon einer persönlichen Abwägung und Wertung der Faktenlage. Die manchmal vorgeschlagene Möglichkeit, Lebensmittel öfter „lose“ zu kaufen und in eigene Gefäße füllen zu lassen, führt zu erheblichen hygienischen Bedenken. Unbestreitbar ist, dass Plastik über die Flüsse und Weltmeere in den Nahrungskreislauf gerät und am Ende in Mikropartikeln wieder auf unserem Teller landet. Das zeigt deutlich, dass die betrachteten Zusammenhänge nicht nur räumlich global sind, sondern auch eine große zeitliche Dimension haben. Was Mikroplastik in unserem Organismus alles verursachen kann, wissen wir noch gar nicht.

B. Heftig diskutiert wurde und wird die Schädlichkeit von Stickoxid und Feinstaub, vor allem beim Autoverkehr. Die Fakten dazu hat der SPIEGEL einmal gut und knapp zusammengefasst. Feinstaub und Stickoxid müssen genau unterschieden werden, da die Verursacher nicht immer dieselben sind. Feinstaub entsteht bei allen möglichen Tätigkeiten und Prozessen. Nicht nur bei der Verbrennung entsteht Feinstaub durch Asche, sondern immer wenn es Reibung gibt, gibt es auch Abrieb und damit Feinstaub. Der Autoverkehr trägt rund ein Drittel zur Feinstaubbelastung bei, am meisten durch Reifen und Bremsen. Zu Stickoxiden kann man noch viel mehr Informationen finden. Die Schädlichkeit wird in standardisierten statistischen Verfahren berechnet, an deren Ende so etwas wie ‚verlorene Lebenszeit‘ in Monaten herauskommt. Das auf reale Todesfälle umzurechnen ist zwar publizistisch beliebt, aber wissenschaftlich kaum gerechtfertigt. Egal, Feinstaub und Stickoxide sind gesundheitlich äußerst schädlich. Es ist darum richtig, dass die Politik aufgrund eigenen Ermessens dazu Grenzwerte festlegt. Aber dies ist bezüglich des Kraftfahrzeugverkehrs nicht das einzige Problem. Es bleibt der klimaschädliche CO2-Ausstoß, der bei fossilen Verbrennungsmotoren zwangsläufig entsteht. Hierbei steht zwar die Technik des Dieselmotors als besonders günstig da, aber auch bei allen Filtern und technischen Abgas-Nachbehandlungen bleibt noch ein Rest CO2, der in die Atmosphäre abgegeben wird. Emissionsfreie Automobile (und überhaupt Verkehrsmittel) wird es zwar nie geben, siehe Feinstaub, aber fossile Emissionen können durch neuartige Antriebe (Elektro, Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe) abgelöst werden. Dadurch hätte man schon einiges hinsichtlich Klima und Luftbelastung verbessert, aber noch keineswegs alle Probleme gelöst. Die Tatsache, dass der Strom, um aus der Steckdose herauszukommen, erst einmal hineinkommen, also hergestellt und zur Verbrauchsstelle geleitet werden muss, ist eine Aufgabe, die erst langfristig ökologisch und ökonomisch zufriedenstellend gelöst werden kann (siehe erneuerbare Energien, Gleichstromtrassen, Sonnenkraftwerke). – Die Batterieproduktion ist noch einmal ein eigenes sehr kompliziertes und problematisches Kapitel komplexer Zusammenhänge (Rohstoffe- Herstellung – Recycling).

So viel ist jedenfalls klar: Die Verkehrspolitik grundlegend emissionsarm zu gestalten, ist eine Mammutaufgabe, deren Erfolg keineswegs garantiert ist. Es gibt einfach zu viele Aspekte und Variablen, die bisher noch nicht berücksichtigt oder überhaupt bekannt sind. Was also soll ich tun? Es bleibt nur, sich so umweltbewusst wie möglich zu verhalten, was die eigene Nutzung von Verkehrsmitteln angeht. Dabei spielen auch andere Faktoren eine Rolle, die zur Lebensqualität, wie wir sie heute kennen, beitragen: zum Beispiel Fernreisen. Ich perönlich möchte darauf nicht verzichten, weil sie meinen Horizont im Blick auf andere Länder, Menschen und Kulturen enorm erweitert haben. Dabei gehört der rasant zunehmende Flugverkehr (ganz zu schweigen von den Kreuzfahrtschiffen) zu den größten Umweltbelastungen und ‚Klimakillern‘ überhaupt. Wie soll man das gegen Reiselust und Weltoffenheit abwägen? Da bin ich derzeit ratlos.

Kohlekraftwerk RWE
Kohlekraftwerk RWE (c) dpa

C. Letztes Beispiel: Kohlekraftwerke – Kohleausstieg. Hier scheint die Sache sehr einach zu sein: Verbrennung von Stein- und insbesondere von Braunkohle setzt jede Menge von Schadstoffen frei, die zwar zum großen Teil ausgefiltert werden können, die aber als CO2 zum großen Teil in die Atmosphäre abgegeben werden. Kohleverstromung ist damit als bedeutender ‚Klimakiller‘ identifiziert. Die Folgerung, Kohleverstromung einzustellen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. ist da nur naheliegend. Die Frage ist nur, auf welche Weise und in welchem Zeitraum dies geschehen kann und welche Alternativen dann bereitstehen. Da ist trotz des anvisierten Ausstiegsjahres 2035 noch vieles unklar und offen. Vorausgesetzt, die Stilllegung der Kohlekraftwerke bei uns im Land gelingt auf eine sozialverträgliche und ökonomisch sinnvolle Weise, so bleibt doch der internationale Zusammenhang: Strom fließt in europäischen Verbundnetzen, und es wäre eine kaum erwünschte Auswirkung, fehlenden Strom nach 2035 aus osteuropäischen Kohlekraftwerken oder aus französischem Atomstrom zu importieren. Hier sind eigentlich nur europäische Lösungen möglich. Und auch diese Ebene greift noch zu kurz. Kürzlich bei meiner Reise nach Südafrika habe ich die Bedeutung der Kohle und der Kohleverstromung für dies aufstrebende Industrieland kennengelernt. Südafrika hat reichlich eigene Kohle im Tagebau, es fehlen derzeit nur die modernisierten und erweiterten Kraftwerke, um den Energiebedarf des Landes zu decken. Noch gibt es fast tägliche Stromabschaltungen („powershed“). Angesichts der bestehenden Infrastruktur kommt energiepolitisch für Südafrika schon aus Kostengründen derzeit kaum etwas anderes infrage als neue und größere Kohlekraftwerke. Ich weiß, Südafrika steht damit in einer Reihe mit vielen anderen Schwellenländern (Brasilien, Indien, China). Erneuerbare Energien können hier auf absehbare Zeit allenfalls eine ergänzende Rolle spielen. So haben wir die absonderliche Lage, dass wir als altes Industrieland zusammen mit den anderen Industrieländern Europas aus der Kohle aussteigen wollen, aber in den Schwellenländern der übrigen Welt Kohleverstromung ausgebaut wird, zusätzlich zur Kernenergie.

Derzeit ist die globale energiepopolitische Entwicklung also völlig gegenläufig. Die Symbolpolitik um den „Hambacher Forst“ wirkt dagegen geradezu grotesk: nur lokal , nicht global gedacht. Was soll man angesichts dieser Lage nun tun? Klimapolitik lokal als symbolische Stellvertretung für das, was „richtig“ wäre? WIR steigen aus? Auch die Klimakonferenzen haben trotz der Bekräftigung des inzwischen nahezu unerreichbaren 2-Grad-Ziels wenig Konkretes erbracht außer Absichtserklärungen. Konservative Regierungen in den USA und in Brasilien forcieren statt dessen fossile Energieproduktion und das weitere Abholzen des Regenwaldes. [„Regenwald“ wäre übrigens eine weiteres Thema für einen globalen Zusammenhang.] Was tun? Die globalen Zusammenhänge aufklären und zur Kenntnis nehmen und damit anerkennen, dass es keine einfachen, schnellen und effektiven Lösungen für alle gibt.

So zeigt sich am Ende unserer Betrachtung globaler Zusammenhänge ein nur wenig ermutigender Ausblick. Die Verflechtungen sind enorm, eins greift ins andere, und nach all den Informationen, die man heranziehen und aufnehmen kann, bleibt einem die Ratlosigkeit, an welchem Faden des Knäuels man denn anfangen müsste. Es geht tatsächlich immer nur im Kleinen und im Praktischen, dieses Anfangen. Denn eines muss sich am allermeisten und am allerersten wandeln: unser Bewusstsein. Man konnte gelegentlich lesen, dass Wissenschaftler vorschlagen, unsere Weltperiode „Anthropozän“ zu nennen: Zeitalter des Menschen und seiner Um-Welt-Gestaltung. Das klingt zwar einleuchtend und hat etwas für sich, nivelliert aber auch. Zum Anthropozän gehören auch bereits die Pyramiden und die Bewässerungssysteme im frühen Zweistromland. Seit der neolithischen Umwälzung ist der Mensch aufgebrochen, um die Welt für sich umzugestalten. Zunächst ging das bei vergleichsweise geringen Bevölkerungszahlen auch nur in jeweils kleinen Maßstäben, – was auch immer für Wunderwerke damals schon und weiterhin vollbracht wurden. Es gibt aber eine weitere Wende, die zu einer Umgestaltung der Welt von ungeahnten Ausmaßen geführt hat und noch weiterhin führt: Die Anwendung von Wissenschaft und Technik ca. seit dem 16. Jahrhundert (übrigens auch in China) und daraufhin die Entdeckung und industrielle Nutzung von Kohle und Erdöl. Was wir seit gut eineinhalb Jahrhunderten haben, ist eigentlich das „Petrozän“: Nicht nur Produktion und Produkte selbst wurden durch fossile Brenntoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas revolutioniert, sondern unsere ganze Lebensweise. Unser Verkehrs-, Transport- und Kommunikationswesen, die gesamte bisherige Energieproduktion beruht auf fossiler Energie. ÖL ist das moderne Geheimnis von allem. Es ist ein Zaubermittel, dessen Auswirkungen (zum Beispiel Plastik) wir kaum mehr aus der Welt schaffen können, selbst wenn wir es wollten.

Um diese Grundlage und Grundstruktur der Neuzeit zu verändern und durch eine neue Energie-, Produktions- und Lebensweise zu ersetzen, bedarf es der Anstrengung von einer Art, die die Menschheit so noch nie geleistet hat. Selbst wenn man diese Zusammenhänge erkennt – ich weiß nicht, ob unser lokales Bewusstsein jemals für einen solch globalen Sinneswandel bereit und in der Lage ist. Die sozialen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen wären gravierend. Vielleicht, vielleicht kommen da technische Lösungen wie „Künstliche Intelligenz“ in einer vernetzten Welt gerade zum rechten Zeitpunkt.
Vielleicht wird es allerdings auch erst sehr viel dramatischer werden, ehe es (wenn überhaupt) besser werden kann.

Reinhart Gruhn

Nachtrag:
Klimagerecheter Waldumbau dauert 100 Jahre, Westfalenpost

 28. Februar 2019  Posted by at 18:19 Energiewende, Klima, Oekologie, Ökologie, Politik, Technik, Wirtschaft, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für In Zusammenhängen denken