Feb 142013
 

„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“

Dieser Satz, gestern in einem Blog gefunden (dazu später mehr), ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es ist ein sehr einfacher Satz, der ein ganz einfaches Quid-Pro-Quo ausdrückt. Die darin enthaltene Aussage ist ebenfalls ganz einfach. Es gibt keine Win-Win-Situation. Jegliches Verhalten und Tun hat Kosten, die irgend jemand bezahlen muss. Leben geht immer „zu Lasten Dritter“. Wenn es uns gut gehen soll, muss das einen Ausgleich auf der negativen Seite finden: Einem anderen muss es dafür schlecht gehen. Damit es uns besser geht, muss es anderen schlechter gehen. Statt Win-Win also ein Nullsummenspiel. „Dies ist leider so.“ – Ist das so?

Der erste Augenschein spricht dagegen. Warum sollte es einem anderen schlechter gehen, nur weil es mir heute besser geht, besser als gestern, besser als früher? Ich will doch niemandem etwas zu Leide tun. Und überhaupt: Die Sonne scheint, ich fühle mich gut. Was hat das mit anderen zu tun?

Ok, eine erste nähere Bestimmung ist fällig. „Gut gehen“ kann in dieser Aussage nicht einfach meinen „gut fühlen“. Gut fühlen kann ich mich auch völlig unabhängig von äußeren Einflüssen, zumindest von mir bewussten äußeren Einflüssen. Ich habe gut geschlafen, es ist ein schöner Tag draußen, ich bin unternehmungslustig, es geht mir gut. Solange ich nur mich und mein Gefühl betrachte, ist die momentane Situation unabhängig von Dritten, geht also auch nicht „zu Lasten Dritter“. Wenn ich allerdings weiter frage, was es denn für Bedingungen dafür gibt, dass ich mich heute so gut fühle, dann wird es schon schwieriger.

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Einige ganz einfache Voraussetzungen für mein „gutes Gefühl“ sind eine warme Wohnung, ein bequemes Bett, ein leckeres Frühstück, eine freundliche Aussicht, meine Gesundheit, die fast selbstverständliche Tatsache, dass ich mir über mein Auskommen heute und morgen keine Sorgen machen muss. Diese Voraussetzungen teile ich allerdings keineswegs mit allen lebenden Menschen auf Erden. Ich vermute, ich teile sie nur mit den Wenigsten. Man kann ja einmal probehalber die sechs einfachen Voraussetzungen für sich durchgehen. Spätestens bei der Sorglosigkeit über das Auskommen heute und morgen muss die überwältigende Mehrheit der Menschen die Segel streichen. Mir dürfte klar werden, dass ich mit der Gegebenheit dieser Voraussetzungen zu einer kleinen Gruppe privilegierter Menschen auf diesem Planeten gehöre. Nur Gesundheit scheint da nicht recht hinein zu passen, weil die ja nicht sozial beeinflussbar, sondern naturgegeben sei – o weh, nicht sozial beeinflussbar? Da sagen aber alle Untersuchungen und Ergebnisse der Gesundheitsforschung etwas ganz Anderes. Von mir persönlich nicht beeinflusst ist allenfalls die genetisch bedingte Konstitution, die mir in die Wiege gelegt wurde. Aber die jeweilige „Gen-Expression“ kann dann wiederum durch äußere Einflüsse bedingt und sozial vermittelt sein. Und schon wieder bin ich bei den Verhältnissen, in denen ich lebe, und bei den Voraussetzungen meines „guten Gefühls“.

Denn mein ‚“gutes Gefühl“ kommt wesentlich daher, dass es mir tatsächlich gut geht. Die Voraussetzungen und Bedingungen meines Lebens müssen schon einigermaßen stimmen, damit ich mich gut fühlen kann. Das jeweilige Maß der Voraussetzungen ist gewiss individuell variabel. Auch bei größter Disziplin, Enthaltsamkeit und Selbstbescheidung müssen von den genannten Voraussetzungen doch die meisten wenigstens einigermaßen zufriedenstellend erfüllt sein. Und damit ich eine gute Wohnung, ein angenehmes Bett, ein verlockendes Frühstück, einen netten Blick aus dem Fenster und alles in allem auch keine große Sorgen betreffs meines Einkommens haben kann, müssen schon eine Menge Menschen etwas getan haben – für mich. Es muss mir nicht bewusst sein, „aber es ist so“.

Ich hänge von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ab, von der Qualität des Sozialsystems, von der Verfügbarkeit der Bildungsmöglichkeiten, von der Nutzbarkeit der Bildungschancen für mich konkret, hänge davon ab, dass Lebensmittel und Wohnung bezahlbar vorhanden sind und dass meine beruflichen Aussichten positiv oder zumindest gesichert sind. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung hänge ich aber wie der Faden an der Nadel des globalen Austausches von Waren und Dienstleistungen aller Art. Praktisch zeigt mir das schon ein Blick auf das Angebot des Edeka-Ladens bei mir um die Ecke. Es wird schnell klar und dürfte auch für jeden als Information verfügbar sein, dass unsere „moderne“ Wohlstandsgesellschaft durchaus nur „zu Lasten Dritter“ funktioniert.
Es sind nicht nur die billigen Arbeitskräfte, die für Apple oder Amazon (gestern ARD Dokumentation) und für sonst wen, Nestle, United Fruit (heute Chiquita Brands Int.), McDonalds uvam, schuften, es sind auch die Kosten am Verbrauch von Rohstoffen, Energie, an Lebensressourcen überhaupt, die nicht nur zu Lasten lebender Dritter gehen, sondern vor allem auch zu Lasten künftiger Generationen. Auch dies ist bekannt, „es ist leider so“. Dazu kommt, dass die Ressourcen endlich sind, dass auch alle Phantasie des Menschen diese Endlichkeit nur verzögern, aber nicht aufheben kann, weil der Planet Erde räumlich endlich und zeitlich begrenzt existiert. Dasselbe gilt für die Gattung  Mensch. Woher immer das Leben kommt, es ist endlich und vergänglich. Das Leben insgesamt ist als eine Art „Entropie-Verzögerung“ ein riesiger Prozess „zu Lasten Dritter“: Jede Energie verbraucht sich einmal, um auf den niedrigsten stabilen Level zurück zu kehren.

„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“ Es zeigt sich, dass dieser Satz ein wahrer ist. Das „leider“ zeigt die gewisse Trauer über die Unabänderlichkeit dieser Tatsache an. Und doch leben wir, wollen wir gut leben und tun alles, um möglichst gut zu überleben, und sei es auch „zu Lasten Dritter“. Dies ist so. Nicht Fatalismus, sondern Realismus ist angesagt. Die Bedingungen und Voraussetzungen unseres Lebens sind so, wir können sie kaum beeinflussen. „Kaum“ heißt nicht „gar nicht“. Es wäre schon viel gewonnen, sich darüber bewusst zu werden und so viel wie möglich dazu beizutragen, dass durch unser einzelnes Gutgehen andere möglichst wenig „bezahlen“ müssen, also möglichst eine Win-Win-Situation anzustreben. Ob das überhaupt möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Bewusstsein über diese Zusammenhänge hilft schon viel. Es schützt vor Überheblichkeit und Übermut.

Der zitierte Satz geht übrigens noch weiter: „- dies ist leider so, interessiert in der heutigen Zeit aber immer weniger Menschen.“ Wenigstens das lässt sich ändern.

Das Zitat stammt aus einem Blogbeitrag von „Caschy“ Carsten Knobloch über die ARD-Dokumentation zu Amazon. Caschy’s Blog, Carsten Knobloch, zeichnet sich nicht nur durch gute und locker präsentierte Informationen aus, sondern immer wieder durch eine Haltung sehr bewusster „Alltags-Ethik“, die ich bewundere und für vorbildlich halte.

 14. Februar 2013  Posted by at 10:30 Ethik, Wissen Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik im Alltag
Jan 312013
 

Altes Denken – neues Denken, das ist doch keine Alternative. Altes Denken ist eben alt, vergangen, ‚out‘; neues Denken ist modern, dran, ‚in‘. Seit Francis Bacon (†1626)  ist „das Neue“ Ausweis wirklichen Wissens und vorwärts treibende Kraft der Wissenschaft. „Wissen ist Macht“ – dieses Diktum wird ihm zugeschrieben, es kennzeichnet durchaus das, was Bacon mit seiner „Neuen Methodenlehre der Wissenschaft“ (1620) verband: den stetigen Fortschritt der Erkenntnis und eine wachsende Naturbeherrschung. Seine Gedanken haben das, was sich danach im neuzeitlichen Denken und Wissensbetrieb  abspielte, erstaunlich hellsichtig auf den Begriff gebracht. Bacon kennzeichnet damit die endgültige Abkehr vom mittelalterlichen Denken, dessen Gütesiegel eher darin bestanden hatte, wie die berühmten Alten zu denken und keine Neuerungen zu lehren. Denn das war ja gerade der Inbegriff der Ketzerei: Neues zu lehren und nicht mehr der Tradition zu folgen. Die Hinwendung zum fortschreitend Neuen kennzeichnet sehr präzise die Wende zur „Neu-Zeit“, nämlich zur ‚Zeit des Neuen‘. Klaus Peter Fischer hat in einem kleinen Vortrag „Als das Neue noch neu war“ sehr schön diesen Wandel der Perspektive des Denkens heraus gestellt.

Für uns heute ist diese Perspektive ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Nur das Neue ist wirklich interessant. Nachrichten sind eo ipso „Neuigkeiten, „news“. ‚Altigkeiten‘ gibts nicht. Neue Ideen, neue Modelle, neue Lösungen sind gefragt. Im Zeitalter des Internets leben wir in einer ständig Neues produzierenden Welt: Neue ‚gadgets‘, neue ‚apps‘, neue (Facebook-) Freunde und Kontakte, das Neuste jeweils als „Gezwitscher“ im Netz, neue Bildung, neues Wissen usw. Manche sehen ja erst mit den Möglichkeiten des Internets die wirklich neue Neuzeit angebrochen. Im Denken zumindest gilt Älteres nur dann als interessant, wenn früher schon etwas Neues gedacht und eben nur nicht beachtet wurde. Das Alte als solches ist definitiv vorbei und uninteressant. Es wäre durchaus lohnend, einmal über das Zeitgefühl nachzudenken, das sich in dieser modernen Mentalität äußert. Der Hinweis, es sei eben zielgerichtetes Denken auf dem „Zeitpfeil“ und nicht mehr Denken in Kreisläufen, gibt eine einfache, vielleicht sogar zutreffende Deutung, reicht aber zur näheren Kennzeichnung und Erfassung dessen, was unser neuzeitliches Zeitverständnis ausmacht, noch längst nicht aus.

Bacon

Bacon, Great Instauration – Titel (Wikipedia)

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele nur noch Kurzes lesen (wenn denn gelesen wird),  mal eben den Anfang einer Nachricht, einer Geschichte, eines Blogbeitrags („tl;dr“), – Lesen als literales Zappen gewissermaßen. Oft fehlt die Muße und die Mühe, ein größeres Werk in seinem Zusammenhang zu lesen, zu durchdenken, zur Kenntnis zu nehmen. Dies Verhalten ist natürlich nicht neu, wird aber durch die schnellen Medien und den Zwang zur Kürze (Twitter: 140 Zeichen) und durch die ständig einströmenden Meldungen der jeweiligen „timeline“ erheblich gefördert. Dabei lässt sich komplexes Denken, also ein Denken, das sich als größeres System begreift und ein Denkgebäude darstellt, kaum im Vorbeigehen erfassen. Das braucht Zeit, um in alle Räume dieses Denkens einzutauchen. Nur dann wird sich das Spezifische, das Eigentümliche, das Faszinierende und das vielleicht sogar Wahre dieses jeweiligen Denkentwurfs erschließen. Hinzu kommt, dass manche denkerischen Gebäude schwer zugänglich sind, man sich einlesen und eindenken muss, die Begrifflichkeit des Denkens lernen und verstehen muss, um überhaupt erst die „Denkräume“ begehen und erforschen zu können. Dies gilt übrigens nicht nur für Philosophen, die als „schwer“ gelten (Leibniz, Kant, Wittgenstein), sondern oft viel mehr für die vermeintlichen „Leichtgewichte“ im Verstehen, die sich so glatt weglesen (Platon, Jaspers), deren strenge und sehr präzisen Denkstruktur dann aber glatt übersehen oder gar nicht erfasst werden. Schon gar nicht gilt das für die „Modedenker“, zu denen ich hier einmal Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk rechne, wobei auf jeden Fall die beiden Erstgenannten in ihren eigenen Werken (weniger in den Popularisierungen) äußerst streng, präzise, vielschichtig und deswegen ’schwierig‘ sind. Sloterdijk legt es von vornherein, mit Sprache spielend, mehr aufs Feuilleton an, was die Gefahr der Fehleinschätzung als „oberflächlich“ eher noch erhöht.

Wer es aber unternimmt, in das Gebäude eines Denkens hinein zu gehen und es auszuforschen, einem Denker auf seinen Denkwegen zu folgen und auch dem nur Angedeuteten, Ungesagten nachzuspüren, dem erschließt sich eine ganz andere Welt, ja auch eine ’neue‘ Welt, nämlich unterschieden von dem, was einem bisher zu denken und verstehen gewohnt und vertraut war. Und dann spielt es auch kaum eine Rolle, ob es sich um einen „alten“ oder einen „modernen“ Denker handelt. Ja, es kann einem dann so ergehen, dass ein recht altes Denksystem, gerade weil es uns in seinen Zusammenhängen so fremdartig und unvertraut ist, völlig faszinieren und neue Räume öffnen und Denkmöglichkeiten erschließen kann, als käme es aus einer anderen Welt. Mir ist das so bei dem schon literarisch-technisch in der Tat schwer zugänglichen Werk Plotins († 270) ergangen. „Faszinierend“, um es mit Spock zu sagen. Beginnt man dieses platonische (neuplatonisch genannte) Denken eines so großartigen Denkers wie Plotin ein wenig zu begreifen, erkennt man eine Schönheit und Wahrheit („ja, das ist so“), die einen fast überwältigen kann. Klar, eine solche faszinierende Wirkung führt leicht dazu, über die Widersprüche und Fragwürdigkeiten hinweg zu sehen. Dennoch, es liegt ein besonderer Reiz in der Entdeckung solcher Denkwege und Denkmöglichkeiten. Beim genaueren Hinschauen ist dann zu merken, wie sehr doch viele Begriffe und Ideen eines Plotin und seines Schülers Porphyrios zum Beispiel Jahrhunderte später wieder kehren und in diesem Falle bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel fast in Reinform auftauchen. So nah liegt oft das Alte.

Ich komme darum immer mehr zu der Einsicht, dass es nur sehr wenig wirklich Neues im Denken und Verstehen gibt. Das Meiste, was uns neu erscheint, ist uns nur unbekannt gewesen, obwohl es schon längst da war und gedacht und beschrieben worden ist. Das trifft sich mit der Bemerkung des britischen Philosophen Alfred North Whiteheads († 1947), die abendländische Philosophiegeschichte bestehe aus „Fußnoten zu Plato“. Oft ist das jeweils Neue nur eine kleine Änderung der Perspektive, eine leichte Verschiebung des Gewichtes bestimmter Ansätze und Ausgangspunkt. So etwas kann man sehr schön bei Descartes im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorläufern und Zeitgenossen finden. Das Besondere und Geniale liegt dann, übrigens nicht nur im Denken, im rechten Zeitpunkt und im gefundenen Begriff. Auf die knappe Formulierung „cogito ergo sum“ muss man erstmal kommen, auch wenn der Sache nach Ähnliches schon lange vorher gedacht und geschrieben war. Mich interessiert darum immer wieder und oftmals stärker als manches Neue, das sich in Kürze als Geschwätz erweist, das Alte: Denkmöglichkeiten, die schon einmal erprobt, formuliert, vielleicht nur angedeutet waren. Wenn ich oder ein beliebiger anderer dies heute tut, geschieht es ja in einem ganz anderen zeitlichen Zusammenhang, in einer anderen Welt als derjenigen, in welcher der ursprüngliche Denker gelebt und gearbeitet hat. Schon die ‚Verfremdung‘ kann erhellend sein. Erneutes Nachdenken eines alten Gedankens ist dann eben doch auch zugleich ein erneutes Durchdenken und insofern ein ’neues Denken‘. Das Alte neu zu denken ist dann vielleicht das Spannendste, was es überhaupt zu denken gibt.

 31. Januar 2013  Posted by at 11:33 Geschichte, Philosophie, Wissen Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Altes Denken, neues Denken
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer „christlich – abendländischen“ Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem „christlichen Abendland“ hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die „christlich-abendländischen Werte“. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff „christliches Abendland“ eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom „christlichen Abendland“ bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines „Kreuzzuges“ das Unternehmen „reconquista“ durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur „Rückeroberung“ Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem „Winkel“ Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die „Mauren“ in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-„Schule“ von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, „propädeutische“ Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die „alten“ griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-„heidnischen“ Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der „Akademie“ Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden „Standardliteratur“ in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte „Scholastik“, also „Schulphilosophie“, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen „Großen“ wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës‘. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der „deutsche Mystiker“ Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine „Aufklärung“ im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die „Mächte“ (vor allem Roms) errungen werden. Das „christliche Abendland“ ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um „Christentum“ und „Islam“ nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Posted by at 18:03 Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Revision eines Geschichtsbildes
Feb 122012
 

Kultur beruht auf Sprache und Schrift als „geronnenem Geist“. Kulturelle Techniken und Träger verändern Einzelne und Gesellschaften. Die digitale Veränderung ist als kulturelle Weltveränderung zu begreifen und in „demokratischer“ Verantwortung zu gestalten.

In Zeiten medialer Umbrüche ist es gut, sich bestimmte kulturgeschichtliche Entwicklungen ins Gedächtnis zu rufen. Fragt man die Sprachgeschichtsforscher, so ist man für die Zeit vor der Schriftlichkeit auf Vermutungen bzw. Rückschlüsse angewiesen. Die (größte) indoeuropäische (indogermanische) Sprachfamilie lässt sich ca. 9000 Jahre zurück verfolgen, ähnlich ist es bei anderen Gruppen der Welt-Sprachfamilien, zum Beispiel der zweitgrößten, der sinotibetischen Sprachfamilie. Es gibt vorher gehende Sprachen, aber die Suche nach Proto-Sprachen oder gar einer einzigen menschlichen Protosprache bleibt weitgehend Spekulation. Immerhin lässt sich zum Beispiel das Baskische als Weiterentwicklung einer vor-indogermanischen europäischen Sprache identifizieren. Dass komplexe Sprachfähigkeit erst dem Homo sapiens eigen war und zu dessen Evolutionserfolg beigetragen hat, darf heute als gesichert gelten. Insofern ist dieser Evolutionserfolg zugleich ein Beispiel eines Entwicklungserfolges durch Kultur. Noch deutlicher wird dies, wenn wir auf die Entwicklung der Schrift sehen. Die ältesten uns bisher bekannten schriftlichen  Zeugnisse sind 6000 Jahre alt und stammen aus sumerischer Zeit (Uruk, 4000 v.C.) Von da war es noch ein weiter Weg bis zur entwickelten Laut- bzw. Buchstabenschrift. In Europa fand eine „Explosion“ der Schriftlichkeit erst durch das vom Phönizischen abgeleitete griechische Alphabet statt (um 1000 v.C.). In Verbindung mit dem Gebrauch von Schiefer- und Wachstäfelchen (für den Alltag) und Papyrus (für größere Dauerhaftigkeit) und schließlich Pergament (am dauerhaftesten, erst abgelöst durch die Papierherstellung) verließ die Schriftlichkeit die Exklusivität der Könige. In Europa wurde zuerst in Griechenland Schrift zur Kulturtechnik des Volkes.

Des „Volkes“ muss gleich wieder eingeschränkt werden. Natürlich konnte nicht jedermann lesen und schreiben, aber Schriftsprache wurde ein „Bildungsgut“ des städtischen Bürgertums. In Athen kann man dies auf das 7. – 6. Jahrhundert v.C. datieren. Das passt zeitlich in etwa zur ersten Schriftfassung der Bibel in Babylon während der sog. „babylonischen Gefangenschaft“  Israels (587 – 537 v.C.) in einer semitischen Buchstabenschrift. Seit dieser Zeit gibt es „Bücher“: Der Erfahrungsschatz einer Generation musstee nicht mehr nur ausschließlich mündlich tradiert werden, sondern konnte im Medium der Schrift als einem ‚geronnenen Gedächtnis‘ (Platon) aufbewahrt werden. Wie sehr die Besonderheit dieser neuen Kulturtechnik noch im Bewusstsein derer war, die sie nun anwandten, wird ebenfalls an Platon deutlich. Für ihn war die Schrift, wie er sagte / schrieb, nur eine „Stütze des Gedächtnisses“. Diese gewisse Reserviertheit gegenüber der Schriftlichkeit zeichnete auch Platons und anderer Zeitgenossen Weise des Philosophierens aus, wenn sie die mündliche Lehre und das Gespräch als das „Eigentliche“ bezeichneten („esoterisch“) und ihre Schriften, also all die wunderbaren platonischen Dialoge und Schriften, die uns fast vollständig erhalten sind, nur als unvollkommene Darstellungen ihrer „Weisheit“ für die Allgemeinheit, also die Nicht-Schüler und Nicht-Eingeweihten („exoterisch“) ansahen. Das Schriftliche wurde als geronnenes, fixiertes Wort durchaus als ambivalent und abstrahiert vom lebendigen, gesprochenen Wort wahrgenommen. Sie konnten noch nicht vollständig absehen, wenngleich sie es ahnten, welche Revolution der kulturellen Entwicklung durch Bücher, durch Gesetzes-Corpora, durch schriftlich fixierte Verträge hervorgerufen wurde. Aber es dauerte Jahrhunderte, bis Bücher als ein größerer Schatz denn Gold und Silber erachtet wurden wie bei den (muslimischen) Abbasiden des 8. bis 10. Jahrhunderts (Bagdad, Alexandria).

Eine weitere folgenschwere mediale Umwälzung geschah durch die Verbreitung der Kunst des Buchdruckes. Auch dies dauerte eine Weile, immerhin hatte Gutenberg seine berühmte Erfindung (Strittigkeit hin oder her) schon Mitte des 15. Jahrhunderts gemacht. Aber erst durch die kulturrevolutionären Ereignisse der Reformation wurde der Buchdruck, oder genauer der Druck von Flugblättern, Kampfschriften und Pamphleten, zu einer Art „Massenmedium“ der frühen Neuzeit. Auch hier muss sogleich eingeschränkt werden, dass mit „Massen“ wiederum nicht das breite Volk gemeint ist, sondern das allerdings gegenüber der Antike sehr viel breitere gebildete Stadtbürgertum. Der Buchdruck entwand die Schriftlichkeit der Exklusivität der Kirche und ihrer Klöster. „Bildung“, das heißt lesen und schreiben lernen, war eine Parole der Reformation. Beispielhaft dafür war M. Luthers Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ (1524). Die allererste Absicht der Reformatoren war, dass das „Volk“ die Bibel lesen können sollte, aber das Erlernen dieser Kulturtechnik entwickelte durchaus eine Eigendynamik, die weit über die Reformation hinaus führte. Die katholische Kirche wusste genau, was sie tat, als sie sich im Zeitalter der Gegenreformation gegen das allgemeine Lesen und Schreiben aussprach und Druck und Bücher wieder zu monopolisieren und zu indizieren trachtete. Sie pochte auf ihr verloren gehendes „Urheberrecht“ und die alleinige Deutungshoheit der Wirklichkeit. Es fruchtete nicht viel, verzögerte nur manches. In vielen protestantischen Landesteilen wurde schon früh die allgemeine Schulpflicht eingeführt (Straßburg, Pfalz-Zweibrücken, Württemberg), ehe sie ab 1717 für ganz Preußen per königlichem Dekret durchgesetzt wurde. Lesen und Schreiben war die Voraussetzung für eigenes Denken, für  die Lösung von reiner Tradition und vorgegebener Autorität, war die erste Stufe des „Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (I. Kant, Was ist Aufklärung?, 1784). Erst jetzt, seit der Aufklärung, kann man von einer wirklichen Alphabetisierung des Volkes bzw. einer „Demokratisierung der Bildung“ unter den europäischen Völkern sprechen. Nun, bis das alles umgesetzt und Wirklichkeit wurde, dauerte es weitere hundert Jahre. Erst im 19. und 20. Jahrhundert kann man von einem bis dahin nie erreichten Stand der Bildung und Ausbildung (fast) aller Schichten der Bevölkerung sprechen: Die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens, des Buch- und Zeitungsdruckes hatte sich durchgesetzt. Ein wirkliches „Massenmedium“ war entstanden.

In der Folgezeit kam es zu weit schneller aufeinander folgenden technischen Veränderungen, die das gesprochene Wort noch einmal ganz anders „konservierten“ und zur sofortigen weltumspannenden Kommunikation nutzten: Telegraph, Telefon, Radio und schließlich das Fernsehen: Tele-Vision. All diese „Massenmedien“ und „modernen“ Kommunikationsmittel, die gerade einmal 150 Jahre alt sind, haben Kultur und Gesellschaft lokal wie international geprägt und verändert. Darüber wären noch Bücher zu schreiben und viele gründliche kulturgeschichtliche Untersuchungen anzustellen. Doch die Entwicklung beschleunigte sich noch einmal durch die Digitalisierung von Wort und Bild: Die „reale“ Welt, die „analoge“, wie man sich selbstbewusst abgrenzend sagt, schuf und schafft sich ihre digitale Vervielfältigung. Das Medium Internet und die Digitalisierung aller Produkte des Geistes schicken sich an, eine neue, weit folgenreichere Umwälzung in Gang zu setzen, die nicht ganz zu Unrecht mit der Durchsetzung des Buchdruckes verglichen wird, die aber vielleicht noch darüber hinaus geht.

Was ist nun aber das Neue und Kultur Verändernde? Die digitale Welt ist per se „grenzenlos“ und dank Internet „instant“ verfügbar. Noch nie war es möglich, Wort, Bild, Ton so schnell allgegenwärtig zu machen, wie es heute der Fall ist. Und ein weiteres, noch wesentlicheres Element: Die „digitale Welt“ (ich nenne es einmal recht unscharf verallgemeinernd so) steht nahezu jedem Menschen zu geringen Kosten weltweit zur Verfügung. Die „Demokratisierung“ kultureller Gegebenheiten und Errungenschaften, die dadurch eingeleitet wird, das heißt ihre allgemeine Verbreitung und nahezu grenzenlose Verfügbarkeit ist beispiellos. Dass dadurch einige Tradition und Autorität ins Wanken kommt, ist mehr als nahe liegend. Der Ruf nach mehr Transparenz, nach Mit-Wissen, Mit-Schreiben, Mit-Reden, Mit-Entscheiden wird nicht mehr zu unterdrücken sein. Es gibt gerade jetzt Ereignisse hierzulande, an denen sich dieses neue Streben und diese kulturelle Entgrenzung (in jeder Hinsicht!) wie an einem Symbol fest macht. Dies Symbol eingeforderter Öffentlichkeit und Transparenz, veränderter Rechte und Rechtfertigungen trägt die Buchstaben ACTA. Von der Sache her war das vielleicht weniger zu erwarten. De facto ist ACTA zu einem (weiteren) Symbol des kulturellen Aufbruchs des digitalen Zeitalters aus den Fesseln der „analogen“ Welt geworden. Große Worte? Ich denke nicht, denn es geht nicht nur um das Urheberrecht als solches, es geht um die Art und Weise, wie kulturelle Güter künftig unter den Bedingungen der Digitalisierung zu behandeln und zu „teilen“ sind. Die soeben erlebten Proteste zeigen das Gären in einer Generation, die sich die Möglichkeiten und Chancen digitaler Kommunikation und digital geteilter Kultur nicht mehr nehmen lassen will. Ein weiters, allerdings negatives Beispiel ist die Lage in Syrien. Massive gewaltsame Unterdrückung und völlige mediale Abschottung scheinen der herrschenden Clique das einzige noch mögliche Mittel zu sein, die alte Macht zu behaupten. Sie steht auf mordenden, aber tönernen Füßen.

Wie alles Neue hat auch diese Zeit und diese Entwicklung ihre Extreme, ihre einseitigen Heilsversprechen, ihre unerfüllbaren Wünsche und Hoffnungen. Aber dass manches über das Ziel hinaus schießt und vielleicht überzogen ist / wirkt, bedeutet ja nicht, dass der Streit und Kampf um die Richtung der Entwicklung einer Kultur des Digitalen nicht angemessen und berechtigt wäre. Die Philosophie der Griechen hat nicht die Gräuel des Peloponnesischen Krieges verhindert, der Buchdruck nicht den Dreißigjährigen Krieg, und die Aufklärung nicht zwei Weltkriege. Auch die digitale Welt wird nicht automatisch friedlicher und menschenfreundlicher werden, als es die bisherige war. Aber der Entwicklungsschub durch die Entwicklung des vernetzten Digitalen ist eben nicht nur ein Schub eines neuen „Massenmediums“, sondern eine Transformation kultureller Möglichkeiten: Gedanken und Gegenstände, Sachverhalte und Ideen, Ausdrucksformen und Willensbildungen, wie wir sie bisher noch nicht kannten in der Menschheitsgeschichte. Veränderungen brauchen ihre Zeit, und es wird dauern und noch mancherlei Brüche in den Umbrüchen geben, auch Reaktionen und Gegenbewegungen, ehe ein neuer kultureller, gesellschaftlicher und politischer Level erreicht werden kann. Zu hoffen ist, dass die Fehler, die dabei gemacht werde, nicht zu groß sind. Und fest zu halten ist, das auch diese Verwandlung der Kultur auf Sprache beruht, auf Schrift und Bild, Ton und Gestik, auf „geronnener Selbstäußerung“ des menschlichen Geistes. Die digitale Welt kann vieles bewegen und verändern, nur eines nicht: Wissen, Weisheit und Erfahrung sind immer nur im Einzelnen aktuell. Das Netz ersetzt nicht den Kopf, der dahinter steckt. Kultur bleibt sprachlich vermittelt. Es ist der Logos, den die alten Griechen so benannten, der das Besondere der Menschenwelt ausmacht.

 12. Februar 2012  Posted by at 12:10 Kultur, Schrift, Sprache, Wissen Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Sprache Schrift Kultur
Jul 052009
 

>In den letzten Tagen gab es aus meiner Sicht kaum etwas, das zu kommentieren wert gewesen wäre. Der Tod Michael Jacksons und in dessen Gefolge auch sein Leben und Wirken ist nun wirklich von allen Seiten beleuchtet und vergegenwärtigt worden. Andere Größen zum Beispiel des Sports fielen tief, weil sie in Dopingverdacht gerieten. Wieder andere vermeintliche und wirkliche Größen spielen auf dem politischen Parkett weiter, egal ob es den Zuschauern gefällt oder nicht – auch unabhängig davon, ob es überhaupt viele Zuschauer gibt. Da verhakeln sich zu Guttenberg mit seinem Ziehvater Seehofer über die Quelle-Rettung, da tauschen angesichts eines bevorstehenden Besuches aus der Ferne schon einmal der amerikanische Präsident und sein russischer Vorgänger Putin Nettigkeiten aus, die nach Kindergarten klingen: „Ich hab das schönere Förmchen!“ Und Übermutter Merkel sieht alles aus höherer Warte (?) auf einem guten Weg. Klar, wenn man auf der Spitze ist, gefällt einem der Blick nach unten. Die Wirtschaftskrise kriselt weiter, die Finanzkrise wirft neue Blähungen (IKB: weitere 7 Milliarden Bedarf), Europa kriselt auch, und nicht erst wegen Afghanistan und seines Engagements dort, sondern noch mehr wegen seiner selbst. Das Verfassungsgericht jedenfalls hat den Euroskeptikern hier wie jenseits der Grenzen erneut Nahrung gegeben. Es ist wahrlich nicht alles Gold, was dort im Sternenkranz auf blauem Grunde glänzt. Brüssel ist und bleibt allzu oft das Forum für nationale Eitel-und Befindlichkeiten. Das 19. Jahrhundert liegt eben doch noch nicht sehr weit zurück, und überwunden ist das, was der Nationalismus damals geboren hat, längst noch nicht.

Zwei kleine Meldungen sind mir aufgefallen, die ich doch für bemerkenstwert halte. Da stellt der Freiburger Wissenschaftler Thomas Stieglitz , Professor für „Biomedizinische Mikrotechnik“ in Freiburg, zu den erträumten Möglichkeiten und Fähigkeiten von Brainchips lapidar fest: „Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Momentan versuchen die Forscher, das Gehirn zu verstehen, um es zu simulieren. Erst danach sind differenzierte Funktionssteigerungen denkbar. Die Technik hat zwar einen enormen Miniaturisierungsprozess durchlaufen, aber richtig viel weiter als vor 100 Jahren sind wir technisch nicht.“ Das sollte man auch manchen hochtrabenden Neurowissenschaftlern über die Leistungsfähigkeit unserer „Hirnwissenschaften“ ins Stammbuch schreiben. Wir sind offenbar noch längst nicht so weit, auch nur alle Vorgänge im Gehirn überhaupt zu verstehen geschweige denn sie zu beeinflussen oder gar zu simulieren. Noch nicht, – vielleicht auch gut so.

In Queensland im Nordosten Australiens wurden die Fossilien dreier riesiger Dinosaurier entdeckt, sog. Sauropoden, die zu den ältesten Funden überhaupt gehören. Mehr als 100 Millionen Jahre sollen sie alt sein. Sie repräsentieren drei neue Arten von Sauropden und verändern und erweitern unser Wissen vom prähistorischen Leben auf diesem Kontinent und damit auch auf der Erde überhaupt ganz erheblich. Umgekehrt kann man auch feststellen, wie wenig wir eigentlich noch darüber wissen, wie das Leben auf der Erde vor Hunderten Millionen Jahren wirklich aussah. Auch dies zeigt deutlich, dass wir überhaupt keinen Anlass haben, weder in diesem noch im vorigen Jahrhundert, darüber zu jubeln, „wie herrlich weit wir’s denn gebracht„, sei es in den Neurowissenschaften, sei es in den (natur)historischen Wissenschaften, von Politik und Philosophie einmal ganz zu schweigen. Es bleibt wahrlich noch viel zu tun, bis der Mensch wirklich etwas weiß und ein moralisches Wesen wird, wenn es denn überhaupt einmal geschehen kann.

 5. Juli 2009  Posted by at 06:38 Mensch, Neurowissenschaften, Wissen Kommentare deaktiviert für >Nichts Neues unter der Sonne