Jul 152012
 

Schrille Töne in einer erneuerten Debatte um das Recht auf Beschneidung kleiner Jungen. Details aus dem „Fall Köln“ geraten in die Schlagzeilen und emotionalisieren. Es bleibt das Erfordernis der Sachlichkeit und der Güterabwägung über die Anerkennung des „Anderen“.

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen sind, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung wertete, hatte sich die anfänglich aufgeregte Diskussion gelegt. Zuletzt gab es mehrere Verlautbarungen von Politikern unterschiedlichster Parteien (ausgenommen Die Linke), dass man jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin ermöglichen wolle, dass darum die Rechtslage umgehend so geändert werden müsse, dass die religiös-kultische Beschneidung von kleinen Jungen straffrei möglich würde. Diese rechtliche Klärung sei im Interesse der Religionsfreiheit und der kulturellen Vielfalt in unserem Lande.  Juden und Muslime müssten nicht nur ohne Strafandrohung, sondern unter wohlwollender Akzeptanz ihrer religiös-kulturellen Eigenheiten leben dürfen und eben auch die gebotene Jungen-Beschneidung ausführen lassen dürfen – medizinisch einwandfrei, versteht sich. Schließlich bestätigte der Regierungssprecher Seibert, „verantwortungvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesen Land straffrei möglich sein“, und zwar aus Sorge um den Rechtsfrieden. Das ist dann zwar kein besonders juristisch ausgezeichnetes Argument, sondern ein politisches, aber ein immerhin nachvollziehbares.

Nun werden nähere Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Falles bekannt, der zu dem Kölner Gerichtsurteil führte. Und schon werden die Stimmen wieder lauter und vor allem schriller. Von „Beschneidung in Notaufnahme“, einem „Gemetzel in Köln“, „brisanten Komplikationen“ sowie einem „zerfressenen Penis“ ist allein schon in den Schlagzeilen die Rede. Zu den besonnenen Äußerungen gehört die gut fundierte Recherche zur Vorgeschichte und zu den bekannt gewordenen Details des in Köln verhandelten Falles, die Philip Eppelsheim heute in der FAS (FAZ.Net) vorgelegt hat. Aufgrund dieser detaillierten Schilderung des Falles und zugleich des Ursprungs der dem Urteil zugrunde liegenden Rechtsauffassung stehen weitere Informationen bereit, die zur Grundlegung eines eigenen Urteils beitragen können. Der in den reißerischen Meldungen enthaltene Generalverdacht, Beschneidung sei eine medizinisch höchst zweifelhafte, unsaubere und quälerische Angelegenheit religiöser Fundamentalisten, trägt allerdings wenig zur Versachlichung bei. Im Gegenteil, nun wird das Urteil zum Erweis eines ethisch gebotenen Verhaltens um der reinen Humanität willen gegenüber archaischen religiösen Miss-Bräuchen, die in unserer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Gruselvorstellungen allein durch die Zusammenstellung der Begriffe „Amputation“ und „männliches Glied“ werden verbreitet und wecken Urängste vor Entmannung. Die Beschneidung zu verbieten wird so zum Gebot der Menschlichkeit, zu einer Forderung gemäß den Menschenrechten und zu einer Selbstverständlichkeit säkularer Vernunft.

Dies alles aber bestätigt zwar viele möglichen Vorurteile, hilft aber wenig zur Klärung der anstehenden Frage, ob und wie der religiöse Ritus der Beschneidung von unserer Gesellschaft als möglich und vertretbar akzeptiert und zumindest straffrei gestellt werden kann. Die Klärung dieser Frage kann nur in einer grundsätzlichen Erwägung über die Reichweite der Freiheit der Religionen zur Ausübung ihrer Gewohnheiten und Bräuche und der Reichweite des Anspruchs der Allgemeingültigkeit des Rechtes jedes Individuums auf körperliche Unversehrtheit erfolgen. Dabei geht es, das liegt auf der Hand, um eine schwierige Güterabwägung. Überlegungen der politischen Praktikabilität (Rechtsfriede, kulturelle Vielfalt, straffreie Ausnahmeregelung) dürfen dabei selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen, denn Recht bildet sich nie fern der Kultur und der gelebten Lebenswirklichkeit. Zu letzterer gehört es aber eben auch, dass Religionen, religiöse Erziehung und religiöse Selbstbestimmung bei uns einen Raum haben. Bisher herrschte mehr oder weniger Konsens darüber, dass Religion im Alltag, wiewohl nicht rational begründbar, dennoch emotional und traditionell verankert einen wesentlichen Bereich menschlichen Selbstverständnisses, menschlichen Verhaltens und menschlicher Kultur darstellt. Und zu religiösem Leben gehören eine Fülle sogenannter „archaischer“ Riten wie Opfergaben, Niederknien, Anbetung vor Altären, Segnungen, Amulette und Bildnisse, Initiationsriten und Riten an den „Übergangspassagen“ (rites de passage) menschlichen Lebens. Religiöses Leben ist äußerst komplex und facettenreich, dazu später einmal mehr. Hier geht es nun aktuell darum, wieweit sich eine säkulare und humanitären Werten verpflichtete Gesellschaft „etwas“ in sich und neben sich und mit sich er-tragen, also im eigentlichen Sinne tolerieren kann und will, was vielleicht vielem, sicher jedoch manchem der heutigen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen und wissenschaftlich-kulturellen Erkenntnissen widerspricht. Es wäre dies ein Zeichen gelebter Liberalität, die auch die geschichtliche und soziale Bedingtheit von Werten und Ordnungen in einer Gesellschaft bedenkt und sich davor hütet, sich selber absolut zu setzen.

Ich erhoffe mir immer noch eine grundsätzliche und zugleich pragmatische Diskussion in der Öffentlichkeit darüber, welche Chancen und welche Grenzen religiöses Leben in der säkularen Gesellschaft haben darf. Vernunft ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Maßstab. Das tradierte „Andere“ anders sein zu lassen und dieses in den Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung zuzulassen, wäre ein Merkmal einer umfassenden Humanität und einer wohlverstandenen Säkularität. Es ist die Probe darauf, was uns kulturelle Vielfalt wert ist und was sie uns in der Praxis an den Grenzen unserer Werte abverlangt. Insofern kann es ein guter und hilfreicher Diskurs sein, der die Überlegungen zu einer eventuell neuen gesetzlichen Regelung begleitet.

 15. Juli 2012  Posted by at 12:03 Aufklärung, Freiheit, Gesellschaft, Islam, Judentum, Kinder, Mensch, Menschenrechte, Moderne, Religion Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Beschneidungsurteil reloaded
Mrz 252012
 
Der Papst wird in Mexiko mit heftigen Vorwürfen der Missbrauchsopfer vergangener Jahre konfrontiert. Solange er dazu schweigt, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, sind sie blanker Zynismus. Die Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar – organisierte Lüge und Vertuschung.

Man sollte meinen, das Thema sei nun hinreichend aufgeklärt. Zahllose Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gegenüber ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen durch ihre eigenen Priester und Bischöfe weltweit und vor allem auch in Deutschland und Österreich sind vor wenigen Jahren aufgedeckt worden. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, Berichte verfasst, Besserung gelobt, ein wenig Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Davon ist allerdings wenig geschehen. Die Kirche hat es weit von sich gewiesen, dass die Missbrauchsfälle etwas mit dem „System“ zu tun haben, mit dem Zölibat, mit der Sexualfeindlichkeit, mit der Verdrängung aller Aufklärung aus dem katholischen Raum. Das war zwar unaufrichtig und zeigte wenig wirkliche Einsicht in die Perversität des „Systems Kirche“, war aber kaum anders zu erwarten.

Und nun dies. Innerhalb von wenigen Tagen drei Meldungen, die so horribel sind, dass man sie kaum glauben mag. Alte Fälle zum Teil, aber auch erschreckende Heuchelei in der Gegenwart. Fangen wir mit dem letzten an. Da ist die Meldung, dass der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Ackermann (Trier), in seinem Bistum sieben als pädophil bekannte und teilweise verurteilte Priester weiterhin als Seelsorger beschäftigt:

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. (Spiegel Online)

Da hat man offenbar den Bock zum Gärtner gemacht – in schamloser Offenheit. Noch unglaublicher sind Meldungen, dass von der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren in den Niederlanden missbrauchte Jugendliche offenbar zur Strafe und Abschreckung, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen, kastriert wurden. Einzelne Fälle können nun dokumentiert werden.

Laut dem Bericht des liberalen Handelsblad hatte Heithuis 1956 bei der Polizei Anzeige erstattet und angegeben, in dem Jungeninternat der katholischen Kirche in Harreveld in der Provinz Gelderland sexuell missbraucht worden zu sein. Statt die Vorwürfe zu untersuchen, wurde er nach seiner Aussage bei der Polizei in die psychiatrische Einrichtung „Huize Padua“ in der Provinz Nordbrabant eingeliefert. Diese Einrichtung wurde ebenfalls von katholischen Priestern geleitet. Hier wurde Henk Heithuis die Schuld am sexuellen Missbrauch angelastet. Es habe geheißen, er habe die Priester verführt, berichtet Cornelius Rogge.
Heithuis sei dann kastriert worden. Er sei total verstümmelt gewesen, berichtet Rogge. Der Eingriff sei vorgenommen worden, um Heithuis von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Das Handelsblad verfügt nach eigenen Angaben über Hinweise, dass die katholische Kirche noch mindestens zehn Minderjährige in den 50er Jahren kastrieren ließ. (taz)

Es ist einfach unfasslich. Es wurde und wird totgeschwiegen. Nur mit Mühe lassen sich die alten Fälle unglaublicher Grausamkeit und eines kaum überbietbaren Zynismus aufdecken. Die römische Kirche trägt ihrerseits weiterhin zur Vertuschung bei. Informationen müssen recherchiert und der Amtskirche mühsam entlockt werden. Keine Stellungnahme. Keine Einsicht. Keine Reue. Kein Versuch der Selbstkritik. Immer sind es nur „Einzelfälle“. Die allerdings massenhaft und ebenso offensichtlich systematisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes: vom System Kirche bedingt und verursacht.

Und nun heute die Meldungen über die Vorwürfe gegenüber dem Papst in Mexiko. Er hat als Chef der Glaubenskonkregation offenbar von den Missbrauchsfällen um den Ordensoberen Marcial Maciel (verst. 2008) genau Bescheid gewusst. Natürlich alles vertuscht und verleugnet. Heute klagen die Opfer Benedikt an, dass er so lange zu den Verbrechen dieses „Ordensbruders“ geschwiegen hat.

Opfer sexuellen Missbrauchs in Mexiko erhoben am Samstag schwere Vorwürfe gegen den Papst. Der 84-Jährige habe in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan die Aufklärung des Missbrauchskandals um den inzwischen verstorbenen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, behindert, heißt es in einem Manifest. Einer der Betroffenen, José Barba, beklagte, dass sie über Jahre nicht gehört worden seien. Sie kritisierten zudem, dass das Thema beim Papstbesuch nicht zur Sprache kommen soll. Treffen von Benedikt XVI. mit Opfern pädophiler katholischer Priester wie in den USA oder Irland waren in Mexiko nicht geplant. (Focus)

Der Papst meidet das Thema. Treffen mit Opfern sind nicht geplant. Die Papstkirche hat nichts dazu zu sagen. Die Papstkirche hat nichts gelernt aus all den Verbrechen, dem Missbrauch, den Täuschungen, Lügen und Abstreitereien. Solange sich die katholische Kirche so zeigt und verhält, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, ja sind sie nur blanker Zynismus. Der Katholizismus führt sich ad absurdum und widerlegt sich selbst. Diese Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar. Das Kürzel „RK“ für „römisch katholisch“ muss eher lauten „OK“: „Organisierte Kriminalität“ – organisierte Lüge und Vertuschung eigener Verbrechen.

Okt 162009
 

>Ein Artikel in der FAZ aus der letzten Woche hat mich doch betroffen gemacht. Er berichtet von der „Gewalt im öffentlichen Raum„, die schon so alltäglich geworden ist, dass kaum mehr darüber berichtet wird. Wenn möglich, weicht man ihr aus, und so werden U- oder S-Bahnhöfe und manche Plätze und Straßen in den Großstädten zu No-Go-Areas: zu Gebieten, wo das Gesetz nicht gilt, nicht durchgesetzt wird. Das wäre eine eigene Betrachtung wert. Der massive Abbau von Polizeidienststellen und auch nachts besetzten Polizeiwachen macht sich hier natürlich auch bemerkbar. Wenn der Gesetzeshüter weicht, übernimmt das Gesetz des Stärkeren oder die blanke Lust an der Gewalt.

Eben dies lässt mich erschrecken: dass es mehr und mehr auffällige Jugendliche sind, die Lust an der Gewalt haben und keine Grenze mehr kennen, bei sich selber nicht, gegenüber Mitmenschen nicht, dass so oft und so viele Jugendliche und junge Erwachsene am Rande der Gesellschaft, wie es so schön heißt, gibt, die keine Maßstäbe haben für gut und böse, Recht und Unrecht, sondern nur noch sich selbst und ihr eigenes Recht des Stärkeren zu kennen meinen. Diese Jugendlichen wurden nicht erzogen; Erziehung hat hier offenbar überhaupt nicht statt gefunden.

Wir sehen heute die Folgen davon, dass Erwachsene, Eltern, keinen Mut, keine Fähigkeit oder auch einfach keine Lust zur Erziehung ihrer Kinder hatten. Nach Jahren der Delegitimierung der „elterlichen Gewalt“ und Verantwortung, nach einer epochalen Verirrung in die Allzuständigkeit des Staates, der öffentlichen Bildungssysteme, nach einer andauernden Missachtung und Herabsetzung von Familie (Hausarbeit als Firlefanz, nur Erwerbstätigkeit zählt) und Häuslichkeit, nach einer ideologisch betriebenen Destruktion von Autorität, ob als Lehrer, Erzieher oder Polizist, sehen wir heute die Folgen dieses gesellschaftlichen Wandels. Ich möchte damit nicht sagen, dass die „68er-Ideologie“ (denn eben diese ist gemeint) allein für alle Missstände in der heutigen Gesellschaft verantwortlichist, aber eben doch für einige, vor allem im Bereich von Erziehung und Bildung, und in einem nicht unerheblichem Ausmaß. Korrekturen anzubringen wird schwer, ein Umsteuern in der Gesellschaft zur Stärkung der Familien, auch der Arbeit in der Familie, wird wiederum mindestens eine Generation dauern. Eltern müssen lernen und befähigt werden, dass die Erziehung und Bildung ihrer Kinder ihre Pflicht, ihre größte Aufgabe und ihre schönste Perspektive ist. „Mut zur Erziehung“ ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich in der Gesellschaft etwas ändern kann, dass eine wirklich zivilisierte Gesellschaft entstehen und Menschen mit Zivilcourage aufwachsen können. Mut zur Erziehung, ok, aber Erziehung woraufhin? Zur Mündigkeit, Selbstbestimmtheit und Verantwortung gehören eben auch Werte und Normen, Verhaltensregeln und soziale Fähigkeiten, die schon als Kleinkind gelernt, die dem Kleinkind vorgelebt werden müssen. Die Schule kommt da altersmäßig schon viel zu spät, wie wir aus der Entwicklungspsychologie wissen. Eltern sind gefragt, und Eltern sind unvertretbar. Verantwortungsvolle und mutige Eltern, die fördern und fordern, die Grenzen setzen und Konflikte mit ihren Kindern aushalten und durchstehen (denn das gehört auch dazu) und in allem die Kinder ihre Liebe und Fürsorge spüren lassen, gerade auch durch die Zeit, die sie für ihre Kinder haben, solche bewussten Eltern werden auf die Dauer mehr zum Positiven verändern als alle möglichen Regierungsmaßnahmen. Der Gesetzgeber kann aber eines sicher tun: Eltern und Erzieher / Lehrer in ihrer unvertretbar wichtigen Funktion stärken und fördern, ihre Autorität unterstützen und das Umfeld auch finanziell oder steuerlich bereiten, in dem Familien sich entfalten können. Da gibt es wahrlich noch viel zu tun!

 16. Oktober 2009  Posted by at 16:23 Familie, Gewalt, Kinder Kommentare deaktiviert für >Unfähig zu erziehen