Jul 252011
 

>Die Reaktionen auf den zum Killer gewordenen Breivik sind heute vielfältig und verwirrend – und vor allem selten aus meiner Sicht sachlich und angemessen. Einmal wird er für die innenpolitische Diskussion instrumentalisiert: Uhl (CDU) benutzt sie als Argument für die Vorratsdatenspeicherung, dabei war Breivik offenkundig Einzeltäter; oder in der Forderung nach einer Datei für auffällige Typen, dabei war Breivik ja gerade völlig unauffällig. Solch Gerede ist also Blech. Zum andern bedient die Abscheu über diese Tat doch recht niedrige Instinkte, wenn sogar ein Leitartikler der FAZ, Georg Paul Hefty, seine klammheimliche Enttäuschung darüber, dass es in Europa keine Todesstrafe mehr gibt, nur mühsam durch seinen politisch korrekten Hinweis verdecken kann, dass man solch „niederen Beweggründen keinen Raum geben dürfe“ – warum verweist er denn so lauthals und ausdrücklich auf die mangelhafte Gerechtigkeit „im gesellschaftsbefriedendem Sinne“? Im Übrigen kann er ohne groß nachzudenken das Geschehen nur als „Tat eines Irrsinnigen“ deuten, das sich jeder Rationalität entziehe. – Genau das tut es nicht. Es hat nur seine eigene „Rationalität“, d.h. innere Konsistenz. Sie nach zu vollziehen fällt uns nur deswegen schwer, weil wir (meistens jedenfalls) seine Auffassungen und Überzeugungen nicht teilen, die Grundlage seines Denkens und Tuns geworden sind. Man kann durchaus erschreckt feststellen, dass eine ganze Menge von Einzelgedanken und Einzelideen Breiviks durchaus von vielen geteilt werden: Antikommunismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Reinhaltung des eigenen Volkes, Abschottung der eigenen Kultur von „fremden“ Einflüssen, gegen Islamisierung  des Abendlandes usw. usw. 20 % ist das Stimmenpotential für solche rechten Denkmuster und Parteien in Europa. Breivik hat all dies nur (!) zu einer kompletten Ideologie zusammen gefügt und mystifiziert, sich dabei auf den UNA-Bomber und auf den Gewalttäter Timothy McVeigh bezogen und entsprechend radikalisiert. Ganz so „abartig“ wie oft dargestellt sind Breiviks krude Gedankenkonstrukte leider nicht. Gedacht wird so wohl ansatzweise vielerorts. Nur so konsequent handlungsleitend ist derlei Geschwätz normalerweise nicht. Zum Verbrecher wird Breivik aber erst durch sein Tun. Seine Logik mag als „hirnrissig“ bezeichnet werden, aber es steckt – leider – eine eigene Logik dahinter.

Breiviks „Manifest“ ist sehr detailliert und hoch interessant; man kann daraus das Psychogramm eines Massenmörders lesen. Man erfährt tatsächlich recht genau, wie er ‚tickt‘. Dabei fällt auf: Er glaubte, das Rechte und Gute zu tun; diese Überzeugung teilt er übrigens mit vielen führenden Nazis und auch mit terroristischen Islamisten: Die einen taten es um des „deutschen Volkes“ und der „arischen Rasse willen“, die anderen tun es „um Gottes / Allahs willen“. Das ist ja das Erschreckende: Es ist die Ideologie, es sind die Ideen, die einen Menschen zum Verbrechen führen und zum Massenmörder machen. Der Versuch, ihn zum „Monster“ zu machen und zu entmenschlichen, will nur verdecken, dass dies Tun eben auch ein „menschliches“ ist, ein Menschen mögliches. Leider wahr!

UPDATE: In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ist ein sehr guter und wohltuend durchdachter Kommentar zu lesen. DIE WELT bringt eine aufschlussreiche Übersicht über Reaktionen aus dem „rechten Lager“ sowie eine Stellungnahme von Henryk M. Broder.

 25. Juli 2011  Posted by at 10:35 Gewalt, Terrorismus

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