>Das darf es eigentlich im Jahr 2011 bei uns nicht geben. Das darf es schon gar nicht in einer kirchlichen Einrichtung geben. Die evangelische Kirche hält „Bethel“ bei Bielefeld in hohen Ehren. Und dann sowas. Skandalös ist noch das schwächste Wort. Eine FAZ – Reportage.
Taubblinde in Deutschland
Es liegt keine Problemanzeige vor
Wir glauben, der Staat sorge sich um uns. Doch das ist eine Illusion. Es gibt Lücken. Und Opfer. Wer durch seine Raster fällt, ist verloren – so wie der taubblinde Herr R. Die Geschichte eines Versagens.
16. August 2011 Der Sozialstaat ist ein Versprechen. Er schließt aus, dass ein Mensch das Opfer von Strukturen wird und ins Bodenlose fällt. Wer durch ein Unglück plötzlich einer Minderheit und nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft angehört, den fängt der Sozialstaat auf. So muss es sein in Deutschland, denkt man, aber das ist ein Irrtum.
Der Name Bethel stammt aus dem Hebräischen und bedeutet Haus Gottes. Das Haus steht in Bielefeld, es ist ein weitläufiges Dorf mit Parkanlagen, Seen, einem Wald in der Nähe. In Bethel werden Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut, sie leben und arbeiten dort, Bethel ist ihr Zuhause. Vor mehr als hundertvierzig Jahren wurden die Bodelschwinghschen Anstalten gegründet, heute ist Bethel das größte diakonische Unternehmen Europas. Dessen Grundsätze kann man auf der Homepage nachlesen. Dort ist vom „Mensch-Sein“ und vom „christlichen Auftrag“ die Rede. Bethel achte die Würde des Einzelnen und schütze sein Recht auf persönliche Entfaltung. „Unser Ziel ist es, den von uns betreuten Menschen ein Höchstmaß an Lebensqualität zu ermöglichen.“ Wer in Bethel lebt, soll sein Leben bejahen.
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Er sitzt zwischen ihnen wie ein Fremdkörper, manchmal rempelt ihn versehentlich jemand an. Herr R. ist seiner Umwelt ausgeliefert, er hat nicht die geringste räumliche Vorstellung der Umgebung, im Ebenezerhaus gibt es weder taktile Leitlinien in den Gängen noch Handläufe. Herr R. hat auch keinen Blindenstock, nur ein Rohr, mit dem er nicht umgehen kann, weil es ihm in den letzten fünfzig Jahren niemand beigebracht hat. Er schleift es hinter sich her. Taubblinde Menschen verständigen sich durch taktiles Gebärden und Lormen. Beim taktilen Gebärden ertastet man die Gebärdensprache, beim Lormen stehen bestimmte Berührungen der Handinnenfläche für einzelne Buchstaben. Aber auch das hat Herr R. nie gelernt. Er muss jeden Tag hoffen, dass ihn ein Betreuer in den Computerraum oder nach draußen führt, damit er auf einer Bank in der Sonne sitzen kann, sonst sitzt er in seinem kargen Zimmer. Mitarbeiter, die ihm etwas sagen wollen, brüllen ihm ins linke Ohr. Meistens sind es einzelne Wörter wie „Mittagessen“. Auf die Frage, warum Herr R. in völliger Isolation zwischen geistig behinderten Menschen lebt, obwohl er gar nicht geistig behindert ist, antwortet ein Mitarbeiter schulterzuckend: „Nach heutigen Maßstäben gehört Herr R. nicht nach Bethel.“
Warum ist er dann überhaupt noch dort?
Ja, warum? Wer mehr erfahren will, lese hier bitte weiter: Taubblinde in Deutschland.