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>Wer kann Krise am besten?

>Oh, da fällt mir gleich Tissy Bruns ein in der ZEIT, natürlich neben der Ober-Kassandra Frank Schirrmacher von der FAZ. Aber T.B. bekommt von mir für das letzte Wochenende klar alle 10 Krisen-Wälzer-Punkte. So schön beißend im Ausmalen der Krise zur Jahrhundert-Super-Krise,  („Die Welt ist aus den Fugen … Marktwirtschaft ist nicht mehr Marktwirtschaft … Demokratie ist nicht mehr Demokratie, wenn…“) war bisher kein anderer Kommentar. Nach dem GAU in Japan nun die GAK weltweit. Das muss man erst mal toppen.

Es herrscht offenbar Krieg, der Krieg des anbrechenden Chaos. Märkte, diese „Sensibelchen“ (Tissy hat sogar noch Humor!) sind zur „Parallelgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ geworden, in denen „anonyme Heckenschützen“ jederzeit zuschlagen. Der Finanzkapitalismus hat die Politik „paralysiert“, die Demokratie ist im „Gedankengefängnissen“ lahm gelegt und von „Partikularinteressen … untergraben“ mehr als von jedem „äußeren Feind“. Es ist natürlich „dieser neue Kapitalismus… der Hedgefonds, Leerverkäufe und Derivate“, der die Politik nur noch mit „Staatsverachtung“ behandelt und mit „Deregulierung und Privatisierung“ die „alternden Demokratien kapitulieren“ lässt. Der „Finanzkapitalismus“ und die „Finanzoligarchie“ sind die geheimen Mächte der „Globalisierung“, die hinter allem die Strippen ziehen und in den westlichen Gesellschaften, sofern sie überhaupt noch vorkommen, („Thatcher: „There is no such thing like society.““), „die abrupt sinkende Fähigkeit zur Selbstkorrektur“ verursachen. Die Folge ist eine „Selbsterniedrigung der Politik“, die zum Vertrauensverlust in der Bevölkerung kräftig beiträgt: Die „Bürger sind fertig mit ihren Parteien, beinah fertig aber auch mit einer Demokratie…“ Und weiter: „Das Vertrauen breiter Bevölkerungsschichten ist dramatisch gesunken …. Nicht gegenseitige Kontrolle im Interesse des Gemeinwohls sehen die Bürger, sondern abgehobene und untereinander verbandelte Kasten, Reiche und Einflussreiche, die am großen Rausch partizipieren.“ Zumindest sehen das die „Gebildeten“ so, wenn sie gegen S21 protestieren.

Sklerotisch wie die westliche Gesellschaft sind aber auch die Medien (hört, hört), auch sie kriegen ihr Fett weg in diesem großen Untergangs-Szenario des schlangenköpfigen  („Kaa“) Finanzkapitalismus: „Leitartikel und Wirtschaftsseiten geben vor, die Mechanismen von Leerverkäufen, Derivaten, Hegden oder Outperformen zu verstehen. Tatsächlich beeindrucken sie nur mit dem Insiderbluff, der alle zum Schweigen bringen kann, weil sich niemand mit dummen Fragen blamieren will. In ihrer Geringschätzung der Politik können die Medien sich großer Zustimmung sicher sein. Nicht aber in in ihrem Respekt für die Raffinesse der Märkte. Denen trauen die meisten Bürger nur noch das Schlechteste zu. Den Medien übrigens auch. Man muss, um das zu verstehen, nicht erst nach Italien oder England sehen.“ „Anlass zur Hoffnung“ findet unsere Tissy Bruns nur bei Frank Schirrmacher (den sie doch glatt in ihrem Krisengemälde übertroffen hat) und seiner Aufnahme des Charles Moore – Zitats. Fazit: „Die Welt ist aus den Fugen geraten … Der Krisensommer 2011 legt den Blick frei auf einen desaströsen Zustand der westlichen Welt.“ Rumms, das wars.

Ja, liebe Tissy Bruns, wo schreiben wir denn? Na klar, die ZEIT ist die große Ausnahme… Aber ein Blick in das eigene Archiv und danach vielleicht auch in ein Geschichtsbuch hätte schnell zeigen können, dass Krisen nicht so neu sind, wie T.B. tut. In der Krise ist natürlich auch jede Krise die größte. Wie wars beim Platzen der Internetblase und der Krise der Internetwirtschaft 2000 ? Was war denn mit der „Ölkrise“ 1973 / 79, als die „Grenzen des Wachstums“ erreicht und die Wirtschaft im Untergang gesehen wurde? An das Menetekel „autofreier Sonntage“ (!!) und verkehrsfreier Autobahnen erinnert sich kaum einer mehr. Ach, das zählt alles nicht mehr gegenüber heute? Dann lest bitte noch mal die Untergangsszenarien des Kapitalismus seitens des  „Club of Rome„, die damals die Medien beherrschten. Von der Weltwirtschaftskrise 1929 / 1933 will ich gar nicht erst reden, dazu kann man eine ganze Bibliothek voller Bücher bemühen. Und noch weiter zurück zur „Tulpenmanie“ im 17. Jahrhundert (dieser „Mutter aller Wirtschaftskrisen“) will ich besser nicht gehen, auch nicht die Rolle des Finanzkapitals der Fugger beleuchten, die ganze Dynastien subventionierten, Politik und Kaiser nach ihrem Belieben „machten“ und Kriege entschieden – ‚hemmungslos‘ und ‚ungebremst‘. Was also ist heute so neu?

Vielleicht der berühmte „Klick“. Tatsächlich war es noch nie zuvor in der Geschichte möglich, im Takt von Bruchteilen von Sekunden mit dem berühmten Mausklick, ja noch nicht einmal mit diesem, sondern automatisch durch Algorithmen der Finanzsoftware gesteuert, -zig Milliarden Buchkapital zu bewegen. Diese Geschwindigkeit und Automatik der Transaktionen, die nationale Grenzen überschreitend Kapital und Geldströme völlig verflüssigt hat, dies ist vielleicht das wirklich Neue an der heutigen Situation. Es ist „nur“ technisch, aber mit größten Auswirkungen. Sonst kann ich eigentlich nichts Neues erkennen, weder im Geschehen selbst noch in der alarmistischen Berichterstattung und Meinungsmache. Dass unsere heutige Situation ein bisschen merkwürdig ist, wird allerdings an kuriosen Allianzen deutlich, wenn  man auf einmal Frank Schirrmacher, Tissy Bruns und Oskar Lafontaine  (klar, der pure Alt-Marxismus darf nicht fehlen!) ins selbe Horn stoßen sieht… Ansonsten viel Sommertheater – und die einzigen, die wirklich etwas von einer Krise merken, sind die Griechen…

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