Sep 282012
 

„Das Netz“ ist inzwischen ein häufig benutztes Bild. „Vernetzung“, „Netzwerk“ sind sehr beliebte Begriffe. Ursprünglich in der Fachsprache der Informationstechnologie angesiedelt, dienen sie heute oft als Metaphern zur Beschreibung aller möglichen sozialen und kommunikativen Strukturen. Ob solcherart Allerweltbegriffe dann noch analytisch taugen, mögen die Soziologen und Politologen unter sich entscheiden. Ich greife das Bild des Netzes einmal auf, um daraus einige Gedanken zum Thema „Europa“ und „Geschichte“ zu spinnen.

Unsichtbare Grenzen Ein Netz besteht aus Knoten und Verbindungen zwischen den Knotenpunkten. Im Prinzip sind alle Knoten gleichberechtigt. Das ist ja der Witz bei einem ‚Netzwerk‘. Über verschiedene andere Knoten und Verbindungen sind alle Punkte, alle einzelnen Knoten eines Netzes miteinander und untereinander verbunden. Hier hängen tatsächlich alle mit allen anderen zusammen. So wird das Ganze zusammen gehalten. Wer es noch aus der Anschauung kennt: Ein Netz aus Baumwollfäden oder Garn bildet ein starkes Behältnis. Ist es ungefüllt ganz schlank, dann wird das Netz voll und schwer zu einer starken Angelegenheit. Es trägt viel, es bindet vieles ein, es hält alles beieinander. Ein solches Netz ist eine praktische Sache. Solange nichts reißt. Ein Knoten, eine Verbindung kann versagen. Dann reißt es schnell noch weiter ein, und alles fällt heraus. Das Netz ist zerrissen, die noch zusammen hängenden Knoten halten und tragen nichts mehr. Das Ganze zerfällt in seine Einzelteile. Wenn die Verbindungen brüchig geworden sind, ist auch eine Reparatur schwer, vielleicht unmöglich. Der nächste Riss würde sogleich folgen. Diese Eigenschaft teilt das Netz mit der Kette: Eine Kette ist so stark wie das schwächste seiner Glieder. Ein Netz hält so viel aus wie die schwächsten seiner Knoten, wie die schwächsten Verbindungen. Europa in Gestalt der Europäischen Union und darin speziell der Gruppe der Euro-Länder kann als ein solches „Netz“ angesehen werden. Ein Netzwerk wurde geknüpft. Europa wurde unter vielen Mühen aus seinen Mitgliedsländern zusammen gefügt. Es wuchs, immer neue „Knoten“ (Staaten) und „Verbindungen“ (EU-Regelungen, „Acquis communautaire„) wurden in das Netz eingeflochten. Europa ist ein großes Netz geworden. Manchen ist es sogar schon zu feinmaschig, „überreguliert“. Aber ohne Zweifel hat sich Europa zu einem sehr starken Netz entwickelt. Das Netzwerk EU trägt 27 Mitgliedsländer aus ganz unterschiedlichen nationalen und kulturellen Traditionen, darunter die 17 Euro-Staaten mit gemeinsamer Währung. Ein Netzwerk fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht, geknüpft, gepflegt, ausgebessert, verstärkt, in Stand gehalten, erweitert. Europa hat viele Jahrhunderte hinter sich, in denen es nur sehr kurzfristige und interessegeleitete ‚Netze‘ gab: Allianzen, ‚Verbindungen‘ von Verbündeten, solange man einig war gegen Dritte, eben nur bis auf weiteres. In zwei furchtbaren Kriegen hat Europa im vergangenen Jahrhundert erfahren müssen, wohin man gerät, wenn ‚Netze‘ nur Kriegskoalitionen und das vermeintliche nationale Eigeninteresse das Wichtigste war – vom ideologischen „Überbau“ mal ganz abgesehen. Seit fünfzig Jahren erleben wir Europa als ein einziges Netz, als Montanunion zuerst, dann als Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich als Europäische Union. Eine völlig neue, singuläre Erfahrung in Europa, wenn man die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte seit Kaiser Karl betrachtet. Es gibt sie nicht umsonst. Wenn der Euro zerbricht, zerbricht Europa, liest man, sagt man. Das hat einen falschen Zungenschlag. Da zerbricht nichts von alleine. Man lässt etwas zerreißen, man nimmt  in Kauf, dass das Netz kaputt geht. Menschen haben das Netz geknüpft, und Menschen können es wieder zerstören. Aus Nachlässigkeit, weil es einem zu teuer wird, weil einem das je Eigene wichtiger ist, weil, weil, weil. Weil man dumm daher schwatzt wie ein Dobrindt oder jüngst Berlusconi. Es zerreißt nicht von alleine. Man lässt die Risse im Netz zu, wenn die Fliehkräfte zu groß geworden sind. Wer die ‚Knoten‘ zu sehr belastet, nimmt auch das Zerreißen willentlich hin. Da ist nichts Schicksalhaftes: Man handelt, man unterlässt – und schon ist ein Netzwerk nur noch in seinen Brüchen da. Das Netzwerk Europa besteht und erhält sich nicht aus sich selber. Es hat fantastische Entwicklungen erlebt: Die vielen jungen Länder des europäischen Ostens, die dazu gekommen sind. Grenzen, scheinbar unverrückbar (was natürlich geschichtlich gesehen Unsinn ist) wurden verändert, neu gezogen, meist friedlich (nicht zuletzt das, was wir nicht sehr zutreffend „Deutsche Wiedervereinigung nennen), anderswo, in Jugoslawien, sehr blutig. Nichts besteht aus sich heraus für immer, weder Staaten noch Nationen, weder Grenzen noch Verträge. Nur solange es Menschen gibt, die das so wollen – oder Menschen, die etwas anderes wollen. Da geht es um Macht und Politik, um die Gunst der Stunde. Manche „Separatisten“ in verschiedenen Ländern Europas (besonders in Spanien, Italien) sehen in der wirtschaftlichen Schwäche ihrer ungeliebten Staaten eine Chance, Veränderungen einzuleiten. Wie immer man das politisch beurteilen mag, so etwas ist immer möglich und geschieht und wird wieder geschehen. Das ‚Netz‘ Europa ist nie und nimmer etwas Statisches. Es ist auch mehr als nur Statistik. Das Netz Europa ist genau das, was es uns wert ist. Es sollte uns sehr viel wert sein nach all den mühseligen und unseligen Erfahrungen vergangener Jahrhunderte. Man muss etwas dafür tun, dass dieses Netz nicht reißt, dass Knoten stark gemacht werden, Nahtstellen besonders beachtet werden, dass Verständnis wächst für den Wert des Ganzen. Das Netz Europa – es liegt an uns, es weiter zu knüpfen und nach Möglichkeit zu erhalten. Nachgetragen: Siehe den Kommentar von Stefan Kornelius in der „Süddeutschen“ vom Samstag, 29.09.2012: Gefährliche Vielfalt: „Europas Nationen wachsen nicht zusammen, Europa zerfällt in Zellen des nationalen Egoismus.“

 28. September 2012  Posted by at 19:40 Europa, Geschichte Tagged with: ,

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