Okt 202012
 

Eigentlich können wir so gut wie nie zuvor kommunizieren. Internet und Smartphones bieten die Möglichkeit, jederzeit mit jedermann in Kontakt zu treten, seien es Freunde, seien es Fremde. SMS hat den Anrufbeantworter verdrängt, und Email oder  Statusmeldungen bei Facebook oder die Timeline bei Twitter ergänzen oder ersetzen ihrerseits die klassische SMS. Whatsapp kommt mit rasantem Wachstum daher, allen Sicherheitslücken zum Trotz. Regierungsmitglieder einschließlich der Kanzlerin tippen bei Debatten im Bundestag fortwährend wie wild in ihr Handy oder Smartphone. Man kann sich fragen, wie denn die Kommunikation in der Zeit vor der ständigen Erreichbarkeit ausgesehen hat, wie „damals“ das Regieren überhaupt vonstatten ging.

„Digital Natives“, wie die „Netzgemeinde“ neudeutsch genannt wird, oder auch die „digitale Bohème“ (Süddeutsche Zeitung), propagieren zwar unermüdlich die kommunikativen Segnungen des Netzes, aber bisher hat ihr politischer Arm, die Piraten, nur eine altbekannte Selbstgefälligkeit im Zurschaustellen von Arroganz und Inkompetenz öffentlich gemacht. Die viel gerühmte und vehement geforderte Transparenz erschöpfte sich bald in Personalquerelen und Shitstorms; Austritte auf Grund solcher persönlichen Verletzungen sind die Folge. Also nichts Neues, das übliche menschlich-bornierte Klein-Klein. Das dürfte einen kaum wundern, denn es wirken ja keine „neuen Menschen“ im Netz der social media.

Google, Douglas County, Georgia, by Zhou

Erstaunlicher ist für mich allerdings, dass die ungleich größeren und intensiveren Kommunikationsmöglichkeiten gegenüber der Zeit sagen wir vor 50 Jahren („rotes Telefon“) zwischen politischen und kulturellen Gruppen, Eliten wie Normalos, kaum zu mehr Verständigung und Hörbereitschaft geführt haben, von größerer Toleranz und von mehr Einfühlungsvermögen ganz zu schweigen. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf erleben wir eine irritierende Verhärtung der politisch verfeindeten Lager, die US-Beobachter mit dem Riss vergleichen, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts durch die damalige US-Gesellschaft ging. In Europa lesen wir heute mitten in einer der tiefgreifendsten Krisen des Kontinents seit 1945 von einem EU-Gipfel der Sprachlosigkeit, des Nichtverstehens, von einer „Achse des Misstrauens“ zwischen Deutschland und Frankreich. Beunruhigend. Während dessen schlittert die griechische Gesellschaft sehenden Auges (seitens der griechischen Bürger ebenso wie seitens der auswärtigen Beobachter) auf eine Katastrophe zu: es droht ein „failed state“ mitten in Europa, und die politischen Konzepte zur „Rettung“ klingen eher nach der Alternative zwischen Erhängen oder Erschießen.

Wie nie zuvor in der deutschen Gesellschaft ist die soziale Schere auseinander gegangen. Das zeigt sich in den Schulen (fehlende soziale Durchlässigkeit) ebenso wie beim Wohnen und Arbeiten. Während sich große Teile der Gesellschaft immer größeren Luxus leisten können, wird ein anderer größer werdender Teil der Gesellschaft (Geringverdiener, Rentner, Alleinstehende) von der Wohlstandsentwicklung zunehmend abgehängt. Es ist dabei erstaunlich, wie wenig diese wachsende Kluft hier im Lande zu Diskussionen oder gar zu Unruhe führt. Noch nicht zumindest. Statt dessen befleissigt man sich anderer  beliebter und trotz aller gegenteiligen Aufklärung unausrottbarer Vorurteile: dass die Hartz IV – Leute selber Schuld sind, dass Ausländer „uns“ die Jobs wegnehmen, dass die Ossis maulen und dass mit der D-Mark alles besser war.

Neben der sozialen Kluft entdecke ich auch eine sich eher verstärkende digitale Kluft. Teile meiner Lebenswelt können und wollen die „Segnungen“ des Internets nicht „genießen“. Es ist nach meiner Beobachtung keineswegs nur eine Frage der Generationen. Man passt sich dort an, wo es unumgänglich ist (Geldautomaten, Fahrkartenautomaten, Hotlines) – und macht ansonsten einen möglichst großen Bogen um die Glitzerwelt der Computertechnik. Andererseits weist das Internet ständig zunehmende Nutzerzahlen auf, sei es beim Online-Shopping, beim Buchen einer Reise oder bei der Möglichkeit sich zu informieren: Nachrichten, Kaufberatung, Preisvergleiche. Man nutzt also das, was einem einen praktischen Nutzen verspricht. Social media sind davon noch weit entfernt, sie sind eher eine Spielwiese der Jugend oder der – „digital Bohème“ (?!).

Wo bitte gibt es angesichts der ständig präsenten „instant“ Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, wirklich mehr Verständigung, mehr Bereitschaft, aufeinander zu hören und dann auch auf einander zu zu gehen? Wo ist der „gesellschaftliche Diskurs“ sichtbar und greifbar? Die Beschränkung auf das Eigene, Private fängt im Wohnviertel an und hört bei kulturellen oder politischen Fragen noch lange nicht auf. Bevorzugt wird allemal die Rückversicherung in der peer group, also in der eigenen Gruppe der Meinungs- und Interesse – Gleichen, Netzwerke hin, Netzwerke her, bzw. gerade in und mit den Netzwerken. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass die zunehmende Globalisierung die Suche nach dem Tellerrand, den man nicht überschreiten möchte, eher noch begünstigt, fehlende „Nestwärme“ also. So wächst ein kaum für möglich gehaltener Separatismus in Europas Regionen ebenso wie ein Fundamentalismus der Meinungen und Überzeugungen. Oft wird auf die „Hass-Seiten“ radikaler Islamisten im Netz verwiesen, dabei vergisst man, dass neben den Websites zum Thema Sex das Thema Religion das zweitgrößte ist: religiöser Fundamentalismus feiert allerorten, gerade auch bei Christen, fröhliche Urständ. Immerhin weist das Christentum die größte fundamentalistische Institution auf: die römisch-katholische Kirche (vgl. Hans Küng). Wie soll es da zu mehr Verständigung untereinander kommen?

Kommunikationsmittel, Medien, Netze als solche schaffen noch keine wirkliche Kommunikation, die auf Verständigung und Ausgleich zielt. Demokratisches Verhalten wird in dem Maße obsolet, wie die Fähigkeit zum Kompromiss verlernt wird. Auf Verständigung aber kommt es an, auf das Zwischenmenschliche gerade mit dem, der anders ist / denkt / lebt als ich. Alles andere ist bestenfalls – Selbstbefriedigung im Netz. Hoffen wir, dass wenigstens die europäischen Regierungen noch einmal die Kurve kriegen – und sei es aus ökonomischem Eigennutz -, ehe alles auseinander fliegt.

 20. Oktober 2012  Posted by at 10:59 Gesellschaft, Netzkultur, Politik Tagged with: , ,

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