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Mystifikation des +St. Jobs

>Was da gestern in den Sozialen Medien, TV und Presse abging, war schon erstaunlich bis befremdlich. Der Tod eines Konzern-Chefs der Internet-Branche, Steve Jobs von dem Firmenmulti Apple, ließ die Welt vor Betroffenheit aus den Fugen geraten. Schnell waren Titulierungen wie „genialer Erfinder“ (Obama), Internet-Guru, kreativster Kopf der modernen Welt (!) zu lesen. Nein, es geht nicht um einen Nobelpreisträger, es geht ’nur‘ um den Tod eines Firmen-Bosses. Selbst in der Tagesschau um 20 Uhr stand die Berichterstattung über den Tod des Apple-Chefs an erster Stelle, noch vor dem Bericht über die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Tomas Tranströmer. Unglaublich. Der Apple-Gründer wurde zum einzigartigen Visionär, zum Inbegriff des  Internet-Zeitalters verklärt. Die Preisungen hatten den Charakter einer überschnellen Mystifikation, die Jobs zum genialen Erfolgsgaranten machte (von seinen Misserfolgen und gefloppten Produkten war kaum die Rede), die medial verstärkte Betroffenheit wirkte hysterisch: eine Art Massenhysterie wie beim Tod von Michael Jackson oder Lady Di. Alle „fühlten mit“:

Schon kurz nach der Nachricht von Steve Jobs‘ Tod hat es viele Fans zu den Apple-Läden gezogen. Sie legten Blumen nieder und drückten ihre Gefühle mit Abschiedsworten aus, die sie auf Karten schrieben. Viele ließen in Gesprächen erkennen, wie persönlich sie den Verlust empfinden.
Vor dem Apple Store in New Yorks Upper West Side hat jemand eine Vase mit weißen Lilien und eine kleine Votifkerze hinterlassen. Als der Laden abends schloss, versammelte sich eine kleine Menge. Neugierige wurden angezogen durch die TV-Übertragungswagen, Kameraleute und Reporter, die vor der Glasfront standen. Zu ihnen gehörte ein Paar aus der Ukraine, das in New York Urlaub machte, und noch nie von Steve Jobs gehört hatte. „Es erscheint so plötzlich“, erklärte die ganz in der Nähe wohnende Farzana Ramzan (32), deren erster Computer ein Apple IIGS war. „Er ist eben erst zurückgetreten. Ich habe das wirklich nicht erwartet. Es ist unglaublich traurig.“
Er war so etwas wie der John Lennon dieser Generation“, erklärte der 58-jährige Softwareentwickler Frank Arico. „Alles, was ich jemals gemacht habe und was mir wichtig war, habe ich mit Produkten von Apple gemacht“, bekannte der 34-jährige iPhone-Entwickler Doc Pop, der vor einem Apple Store in der Innenstadt von San Francisco stand. „Ich glaube nicht, dass es bei Apple noch einmal jemanden geben wird, der so viel unmittelbaren Einfluss hat. Ich bin irgendwie unruhig. Er war so sehr Teil meines Lebens.“ ZD-NET

Ok, das Phänomen ist altbekannt, man nennt es seit und mit Donald Horton and R. Richard Wohl (1956) „parasoziale Interaktion“ (siehe auch Wikipedia engl.), wenn es um die einseitige emotionale Beziehung zu unbekannten, nichtexistenten oder virtuellen Partnern („Stars“, Promis) geht. Dass aber alle Medien fast ausnahmslos in diesen Hype um den toten St. Jobs einstimmten, ist schon verwunderlich, für mich eher befremdlich und erschreckend, was den darin zum Ausdruck kommen Realitätsverlust angeht. Steve Jobs war das meiste dessen, wofür er nun gepriesen wurde nicht, auch kein Existential-Philosoph (Stanford-Rede), zu dem er nun auf einmal gerne ersatzweise befördert wurde. Er war dagegen offenkundig ein sehr geschickter Geschäftsmann mit zuletzt viel Fortune, dem es gelang, wovon viele Geschäftsleute träumen: zur rechten Zeit das richtige Produkt mit entsprechender Marktmacht durchzusetzen. Dass er ebenso offenbar eine glückliche Hand bei seinen Entwicklern und Designern (Jonathan Ive!) hatte, kam ihm und der Firma Apple zu gute. Was und wer er als Mensch sonst war, kann ich nicht beurteilen: Ich kannte ihn nicht. Es mag makaber oder zynisch klingen, aber er hatte das „Glück“, auf dem Höhepunkt des Erfolges der Fa. Apple zu sterben. Alles, was nun kommt, kann, wenn es abwärts geht, ihm nicht mehr zugerechnet werden, eben wie bei einem echten ‚Erlöser‘. Der „Tod eines Weltverbesserers“ (Spiegel) zeigt aber nur eine sehr kleine Welt:
Es ist die Welt derer, die keine großen Probleme haben. Dank seiner Innovationen haben sie einige kleine Probleme weniger: Sie müssen sich nicht mehr (na gut: nicht mehr so viel) mit rätselhaften Kabelsteckverbindungen beschäftigen und kryptischen Betriebssystemmeldungen. Sie haben von Jobs Produkte gekauft, die halten, was in der Werbung versprochen wurde, die gut aussehen und Spaß machen. Darüber kann man schon einmal die schlimmen Arbeitsbedingungen in China, diefragwürdige Datengier des Konzerns und das restriktive Korsett, das Apple seinen Kunden aufzwingt, verdrängen. 
(Spiegel).
Überhaupt ist dieser zuletzt zitierte Artikel bei Spiegel Online mit das Beste, was es gestern nach all dem ‚mitfühlenden‘ Trauer-Rummel dann doch noch zu lesen gab: den Artikel „Erlöserfigur Steve Jobs –
Weltverbesserer für wenige“ von  Stefan Kuzmany. Es heißt bei ihm im letzten Absatz:
Der Mensch Steve Jobs ist gestorben, mit nur 56 Jahren. Das ist zu früh, das ist traurig. Das Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden. Alle anderen seien beruhigt: Apple wird auch in Zukunft schöne Smartphones bauen. Und das iPhone 5 kommt auch noch, keine Sorge.
Eben. Auf dem Teppich bleiben.