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Wie lange wollen wir leben

Viele sind sich darin einig, dass sich mit der „digitalen Revolution“ eine Umwälzung mit epochalen Auswirkungen vollzieht, wir also mitten in einer Technologie-Entwicklung („Explosion“) stecken, die zwar allmählich, aber unaufhaltsam tief greifende mediale, soziale und kulturelle Veränderungen hervor ruft. „Technologische Revolution“, „evolutionärer Schub“ jubeln die einen, „totale Überwachung“, „grenzenlose Manipulation“ giften die anderen. Wie so oft liegt die Wahrheit eher in der Mitte. Die neuen Medien und Techniken bieten tatsächlich phantastische Möglichkeiten der zwanglosen Kommunikation mit Menschen und Ideen, die man nie zuvor „getroffen“ oder entdeckt hätte. Und zugleich mit den Möglichkeiten wächst auch die Versuchung des freiheitsfeindlichen, ökonomistischen und vereinfachend-polarisierenden Gebrauchs. Wo Staatsorgane sich der neuen Techniken bemächtigen, kommt meist etwas für das Individuum sehr Bedrohliches heraus. So geht es also auch in der digitalen Welt der Netze wie eh und je darum zu unterstützen, was Freiheit und kulturelle Vielfalt fördert, und  zu begrenzen, was Uniformität und Kontrolle mit sich bringt .

Dabei läuft aber gleichzeitig eine ganz andere „Revolution“ ab, die wir merkwürdig teilnahmslos und scheinbar uninteressiert und darüber hinaus mit völlig schiefen Schlagworten wahrnehmen: Die unaufhörlich wachsende und weltweit an Dynamik zunehmende Lebenserwartung des modernen homo sapiens. „Mit Macht drängt die Menschheit den Tod zurück.“ schreibt Inge Klopfer in einem Artikel der FAZ vor ein paar Tagen und zitiert Jutta Gampe vom Rostocker Max-Planck-Institut für Demographie: „Doch unsere Lebenserwartung wird immer noch weit unterschätzt… [der Blick auf die Statistik] wirft ein völlig falsches Licht auf die Dynamik. Wir drängen den Tod immer weiter zurück.“ Heute geborene Kinder können bei uns durchaus erwarten, 100 Jahre alt zu werden und mehr. Die Dynamik der Lebensverlängerung, gespeist aus medizinischem Fortschritt, verbesserter Hygiene, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, veränderter Arbeits- und Freizeitwelt, bewussterem („gesünderem“) Leben im Alter (wann fängt das eigentlich an?), – sie wirkt weltweit, am deutlichsten in den am meisten entwickelten Ländern, den früher sogenannten „Industrieländern“, also z.B. bei uns.

Meist wird diese Entwicklung aber eher negativ konnotiert mit den Stichworten „Bevölkerungsrückgang“, „Vergreisung“, „Altersarmut“, „Alzheimer“. Wer länger lebt, so wird suggeriert, wird mit Demenz und Armut bestraft. Der ansonsten so verdiente Bielefelder Demographie-Forscher Herwig Birg hat schon vor vielen Jahren auf das gewaltige Veränderungspotential der demographischen Entwicklung hingewiesen, allerdings ebenfalls meist mit warnendem Unterton. Bei Sarrazin hieß es dann nur noch platt und populistisch, dass „wir“, die Deutschen (und natürlich Intelligenten) dabei sind „auszusterben“. Das ist genauso dumm wie das vormalige Jammern darüber, dass „die Computer“ Arbeitsplätze vernichten. Das eigentliche welt- und kulturverändernde Potential dieser demographischen Entwicklung wird dabei völlig verkannt. Ja, wir werden immer älter, ja, es gibt bei uns relativ immer weniger junge Menschen, ja, wer heute geboren wird, hat die Chance auf ein erfülltes, gesundes und mehr als 10 Dekaden währendes Leben. Sich zu fragen, wie das bezahlt werden soll, ist wichtig, greift aber zu kurz. Klar, wer länger gesund ist und länger lebt, wird auch länger für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen und wollen. „Länger leben gibt es nicht umsonst„, schon klar. Aber werfen wir doch einmal einen Blick auf die Perspektiven dieses Wandels. Sie sind wahrlich beeindruckend und werden Leben und Kultur nachhaltig verändern und neu gestalten.

Der vitruvianische Mensch, nach Leonardo da Vinci (Wikipedia)

Noch ist die Frage: „Wie lange wollen Sie leben?“ eine Fiktion. Sie könnte allerdings in einigen Jahrzehnten Wirklichkeit werden, auch wenn es dabei (noch) nicht um die Frage einer unbegrenzten Verlängerung der Lebenszeit geht. Davor liegen noch einige biologische Hürden, wenn es denn überhaupt jemals medizinisch machbar sein wird. Aber auch eine um Jahrzehnte ausgedehnte Lebenszeit stellt unsere mentale Verfassung vor gewaltige Herausforderungen. „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ – und dies nicht mehr als Kriegsepos, sondern als reale Möglichkeit, wobei „ewig“ bis auf weiteres bildhaft zu verstehen ist: im Vergleich zu unseren jetzigen Erfahrungen unvergleichlich viel länger. Aus körpereigenen Stammzellen werden Organe erneuert werden; miniaturisierte technische Implantate werden mit Energie aus unserem eigenen Stoffwechsel versorgt werden können; durch genetische Manipulation wird der Alterungsprozess der Zellen gezielt beeinflusst werden können; unser Gedächtnis (Nervenzellen) wird durch Mikrochips unterstützt und erweitert werden usw. usw. Dies alles ist keine science fiction, sondern beschreibt nur, woran jetzt schon in Laborversuchen konkret gearbeitet wird. Man muss nur die Meldungen sammeln, die es bis in die Wissens-Seiten der Zeitungen und Magazine geschafft haben. Menschen werden definitiv sehr viel älter werden können, als es heute vorstellbar ist. „Der Sinkflug der Mortalität ist eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der jüngeren Menschheitsgeschichte“, zitiere ich noch einmal Jutta Gampe.

Wie gehen wir mit der gewonnen Zeit um? Wie lange können wir arbeiten und leben? Wie lange „müssen“ wir arbeiten und leben? Gibt es ein „Zulange“, ein Leben als nicht endende Langeweile oder gar Qual? Welche Lebensqualität ist für ein solch stark verlängertes menschliches Leben einzufordern? Muss es damit zusammen nicht auch das Recht auf ein selbst bestimmtes Sterben geben? Wie entkommt man einem gesellschaftlichen Zwang zum „sozialverträglichen Ableben“? Jede Menge neuer Fragen, ethischer Grundsatzfragen, Fragen an die Vorstellung vom Leben, die jeder und jede Einzelne hat, haben wird. Man schiebe dies nicht als Spinnerei beiseite. Schon in anderen Fällen hat sich der Mensch „selbst bestimmt“ über seine natürlichen Grenzen hinweg gesetzt: Bei der Zeugung, also beim Eintritt in das Leben mit der Erfindung der „Pille“. Kinder zu bekommen ist für den heutigen Menschen keine Naturnotwendigkeit mehr, sondern frei gewähltes Wollen. Sex und Fortpflanzung sind seit über 50 Jahren zwei unterschiedliche Dinge geworden. Welche Revolution das in unserem Sozialverhalten bewirkt hat, können wir heute allmählich annähernd abschätzen. Das selbst bestimmte Ende des Lebens steht noch in größerer Ferne, so scheint es. Angesichts der immer noch erschreckend hohen Zahl von Unterernährten und Hungernden, ganz zu schweigen von sozial am Existenzminimum lebenden Menschen erscheinen solche Überlegungen fast zynisch. Aber täuschen wir uns nicht: Die Entwicklung in den hoch entwickelten Ländern geht genau in die skizzierte Richtung, und die anderen Länder folgen früher oder später nach. Die wachsende Lebenserwartung ist ein weltweites Phänomen. Wenn die Menschheit nicht gerade in einer selbst- oder fremdverschuldeten Katastrophe ihr Ende findet.

Bis dahin jedenfalls sollten wir uns durchaus darüber Gedanken machen, was wir heute und morgen unter Altern verstehen, wann denn überhaupt das Altsein anfängt, welche Gesundheit jeweils zur Verfügung steht, welche Auswirkungen dies auf unser Arbeiten, Geldverdienen, auf soziale Zusammenhänge, den Zusammenhalt und die sozialen Sicherungssysteme haben wird. Die stetig älter werdende Gesellschaft, womöglich als Massenphänomen, dürfte einigen sozialen Stress verursachen. Es fängt ja heute schon an, siehe das böse Stichwort vom „sozialverträglichen Ableben.“ Nicht erst anlässlich des derzeit aktuellen Themas Organspende (-Ausweis) ist die Frage nach dem eigen verantwortlich geführten, verlängertem Leben sinnvoll und nötig. Von den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften ist da wenig Hilfe zu erwarten. Sie hängen erfahrungsgemäß allzu lange an vergangenen Wertvorstellungen. Die Frage „Wie lange wollen wir leben?“ soll provozieren: uns zum Nachdenken anregen. Es steht nicht weniger als eine soziobiologische „Revolution“ an, ein Wandel ungeahnten Ausmaßes. Es ist nicht immer „der Computer“, der alles verändert, aber die digitale Technik kann den biologischen Wandel erheblich beschleunigen*). Er sollte uns nicht völlig unvorbereitet treffen, damit längeres, gesundes Leben zu einem Gewinn für den Menschen wird. Darüber entscheidet dann nicht mehr allein die Natur, sondern eine  neu zu definierende, sozial gestaltete „Kultur des Lebens“.

*) Vielleicht ist es sogar zutreffender, von Interdependenz zwischen digitaler und biologischer Entwicklung zu sprechen. Anders gesagt sind es wohl zwei Seiten einer Medaille. Das verdeutlicht die Forschung zur „Künstlichen Intelligenz“, die auf dem Wege ist, Gefühle zu modellieren. Siehe zum Beispiel Dietmar Dietrich, Wien, „Intelligenz braucht Gefühle“. Das wäre ein eigenes spannendes Thema.

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