Okt 152011
 

Resümee eines Gespräches.

Die Trennung von Staat und Religion (Kirche) ist in Deutschland nicht so strikt wie andernorts, z.B. in Frankreich. Das dort praktizierte Modell der völligen Trennung von Staat und Kirche wird „säkularistisch“ genannt. Die Verfasser des Grundgesetzes haben das anders gesehen; die gesellschaftliche Wirklichkeit hat sich anders gestaltet. Und das ist auch gut so.

Dagegen steht die These: „Ein säkularer modernen Staat ist die einzige Alternative zur Theokratie.“ Dafür verweisen manche auf das Beispiel der USA. Im „First Amendmend“ heisst es: „Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.“ Wenn dann aber auf die Schriften von Christopher Hitchens über die Stellung der Religionen im liberalen Staat oder auf den polemischen Antitheisten Richard Dawkins verwiesen wird, dann wird eine Tendenz erkennbar, die den Staat von jeder Beziehung zur Religion „befreien“ will.

Christopher Hitchens (britisch-amerikanisch) ist ein ein klassischer Libertärer, aber dennoch in dieser Frage „Partei“, d.h. ein Anhänger des Atheismus, und  das kann auch eine Weltanschauung sein. Seine Ansichten sind gewiss interessant und diskutabel, aber als einziger Maßstab für die Beurteilung von Religion und Säkularität doch sehr einseitig. Dagegen hat der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof zum bei uns gewachsenen Verhältnis von Staat und Kirche sehr Erhellendes und Bedenkenswertes geschrieben: „Die postsäkulare Gesellschaft“, leider nicht frei verfügbar (Kostenpflichtig unter http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20040603/fd1200406032300260.html). In unserer Gesellschaft und Kultur spielt das Christentum eine heraus ragende Rolle. Darum gehört meines Erachtens auch die Kenntnis der Bibel zum grundlegenden Kulturwissen auch in den Schulen: Immerhin ist die Bibel von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Tradition und das Verständnis unserer Kultur, für Kunst in all ihren Formen (Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Poesie und Literatur), wie immer man diese Bedeutung dann im Einzelnen bewerten mag.

Mich wundert immer wieder, wenn man gerade die USA als Beispiel für einen „säkularen Staat“ anführt – das „1. Amendment“ ist zwar Norm, aber die Wirklichkeit sieht sehr anders aus: Man müsste die sog. amerikanische „Zivilreligion“ bewerten, die zur Grundideologie der USA gehört. Außerdem gibt es kaum ein anderes westliches Land, in dem die „Religion“ für Staat und Politik so einflussreich und bedeutend ist wie in den USA. Der sprichwörtliche „bible belt“ ist wahlentscheidend für jeden Präsidenten.

Sieht man sich die Declaration of Independence (wirklich ein fulminanter historischer Text!), die Bill of Rights und das „1. Amendment“ an, so wird man leicht zu dem Urteil kommen, dass kein anderer Staat der Neuzeit die Ideale der Aufklärung so konsequent in „Verfassungsrecht“ gegossen hat wie die USA. Sieht man die Wirklichkeit an, nicht erst heute, sondern auch schon zur Zeit und im Verlaufe des Bürgerkriegs (hehre Motive – fürchterliche Metzeleien), so wird einem schwarz vor Augen, wie weit Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit dort auseinander liegen, im Hinblick auf Bürgerrechte (seit Guantanamo gilt nicht einmal mehr „habeas corpus“, eine freiheitsrechtliche Ur-Errungenschaft), auf Redefreiheit (das falsche Wort im falschen post – schon kann das FBI da sein wegen Terrorismusverdacht) und eben auch in Sachen Säkularität. Gerade in den USA kann ich von den einstigen Prinzipien der Trennung von Religion und Staat kaum mehr etwas wiederfinden (-> http://swampland.time.com/2011/05/06/natl-day-of-prayer-gop-only-please/) Der „Pledge of Allegiance“ gehört in den öffentlichen Schulen der USA zum „Morgenritual“, einschließlich der Formulierung „nation under god“ (seit 1954). Da ist unsere deutsche Wirklichkeit im Vergleich zur Verfassungsnorm vergleichsweise „konsistent“.

Religion ist immer öffentlich; sie als reine Privatsache zu erklären, verkennt einen Teil des Wesens von Religion. In der Tat muss dieser Öffentlichkeits- und Missionierungsdrang sozial verträglich „eingehegt“ (Habermas) werden; auch Religion muss sich in der Zivilgesellschaft an die Errungenschaften des gewaltfreien Dialogs „gewöhnen“; „Theokratie“ bleibt ausgeschlossen. Das ist wahrhaftig gut so! Jürgen Habermas bringt das in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises 2002 auf den Punkt (http://www.glasnost.de/docs01/011014habermas.html).

Es ist letztlich eine Frage der Praxis, auch des Pragmatismus, wo dann jeweils die Grenzen gezogen werden im Verhältnis von Staat und Kirche. Weder die Kirchensteuer noch der konfessionelle Religionsunterricht haben Ewigkeitswert; es sind Produkte einer bestimmten historischen Situation. Ich bin durchaus der Meinung, dass dies heute anders bedacht und entsprechend anders geregelt werden müsste. Allerdings sind hierzulande die kulturellen Aspekte des Christentums zu würdigen; einen Traditionsbruch möchte ich vermeiden, um nicht das „Kind mit dem Bade auszuschütten“. Die Kritik religiöser und kirchlicher Praktiken ist aus Vernunftgründen erforderlich und nötig im Sinne der „Einhegung“ (Habermas) der Religion, schon allein um sie ihres immanenten Macht- und Gewaltpotentials zu entkleiden. Ich sehe aber auch das Positive der Religion und ihrer Symbole & Rituale – und vor allem lehrt mich die Geschichte und meine Erfahrung, dass man Religion auch in der Öffentlichkeit nicht unterdrücken darf, sonst kommt die nächste Ideologie zu anderen Tür herein.

Darum bedarf es im Gespräch zwischen Religionskundigen und Religionskritikern vor allem des Respektes voreinander. Respekt gegenüber einer Meinung zu erwarten, ist eigentlich sprachlich eine Kontraktion: Respekt gilt immer gegenüber einer Person, Toleranz gegenüber anderen Auffassungen. Wenn ich eine Meinung respektiere, dann müsste es genauer heißen: jemanden als Person zu respektieren (und entsprechend höflich und wohlwollend zu behandeln) und seine Meinung zu tolerieren, ohne ihr zustimmen zu müssen. Dieser umgangssprachliche Gebrauch von „Respekt“ (Person und Sache gegenüber) ist durchaus sinnvoll, denn fehlender Respekt und Intoleranz sind immer wieder äußerst benachbart gewesen. Ob man sich Respekt tatsächlich „verdienen“ muss, das wage ich zu bezweifeln; das hat für mich einen arroganten und zugleich intoleranten Ruch. Jeder Mensch „verdient“ schon als Person qua Menschenwürde Respekt. Die beschworenen säkularistischen Ideale (Voltaire, Jefferson usw.) entspringen der Aufklärung, wahrlich eine idealistische Zeit. Doch sie hat ebenso die französische Revolution samt Jakobinern und Guillotine hervorgebracht.

Das gilt als geschichtliche Erfahrung zu aller Zeit: Hinter den Idealisten wartete oft genug ein Henker.

 15. Oktober 2011  Posted by at 19:58 Kirchen, Religion, Religionskritik, Staat

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