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Christentum Religion

Was ich glaube

Ich glaube, dass das Leben unheimlich gut und schön ist.

Das ist ein Glaubenssatz, denn wissen kann ich es nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Vertrauen auf die Güte des Lebens, auch meines Lebens, geht oftmals gegen den Augenschein. Es siegt nicht immer das Gute. Krebs ist nicht schön. Gewalt, Neid, Hass und Niedertracht gibt es genug  im Umgang miteinander, aber auch Hingabe, Hoffnung, Freundschaft, Mitgefühl. Im miteinander Leben, Denken, Arbeiten finde ich den Sinnzusammenhang, der über den Tod hinaus weist.

Die Natur ist, wie sie ist. Trotz aller Härte des „Kampfes ums Überleben“ kommt sie mir wunderschön vor, faszinierend und stark, aber auch empfindlich und zerbrechlich. Die Kraft des Lebens ist bisweilen unheimlich. Dabei wissen wir noch nicht einmal, woher es kommt, wie es entstanden ist. Stoffwechsel und Fortpflanzung – das Geheimnis des Entropie-Aufschubs, der „geborgten Energie“, des Ursprungs der Zeit. Einzigartig im Universum – bislang.

Der Mensch ist, wie er ist, und macht sich zu dem, was er wird. Er koexistiert im Zusammenhang von Natur und Kultur. Gut und Böse fallen nicht vom Himmel, sondern sind soziale Kategorien. Böckenfördes berühmter Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, wird oft religiös verstanden, als würde damit auf einen transzendenten Hintergrund verwiesen. Dabei ist es der Mensch als soziales Wesen, sind es seine gesellschaftlich geprägten Werte und Grundsätze, die als kulturelle Voraussetzungen des Gemeinswesens „vorwissenschaftlich“ und also nicht ableitbar oder garantierbar sind.

Ich glaube, für ein zufriedenes, gelingendes Leben brauche ich weder den Himmel noch die Ewigkeit, weder Gott noch Unsterblichkeit. Ich suche aber Symbole und Bilder, die mir jenseits der Ratio die Erfahrung des Urvertrauens vermitteln und mich darin immer wieder bestärken: Erzählungen, Rituale, kultische und kulturelle Gemeinschaft. Dies wäre die begrenzte und positiv „eingehegte“ (Habermas) Bedeutung von Religion.

 

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Was ich definitiv nicht brauche, was ich vielmehr für eine üble Weise der Okkupation und Monopolisierung des menschlichen Bedürfnisses nach Trost, Sicherheit und Jenseitigkeit halte, ist die Institution der Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche hat aus ihrer Geschichte heraus derart mafiöse Strukturen entwickelt, dass man zwischen perfider Scheinheiligkeit, perfekt inszenierter Ideologie und realer Macht kaum mehr unterscheiden kann: ein fundamentalistischer religiös-industrieller Machtkomplex, anachronistisch und doch, was die eigenen Interessen betrifft, stets auf der Höhe der Zeit. –  Die protestantischen Kirchen leiden an organisatorischer und vor allem intellektueller Auszehrung und faktischer Bedeutungslosigkeit, stellen sich oft nur noch naiv, nett und dumm dar: „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ als trinitarischer Bekenntnisersatz der „Gutmenschen“. Wo Dummheit herrscht, kanns gefährlich werden, das sieht man am  evangelikalen Fundamentalismus. – Dabei gibt es überall in den christlichen Traditionen und Institutionen immer auch viele Menschen guten Willens, guter Absichten, guter Taten. Sonst wäre es mit dem Christentum überhaupt nicht auszuhalten.

Was fehlt, ist ein ehrliches Aufdecken der geschichtlichen Gewordenheit und der kulturellen Zeitbedingtheit der christlichen Dogmatik. Himmel, Hölle und Paradies, Trinität und Gottessohnschaft, Gericht und Strafe, die Hypostasierung einer „Heiligen Schrift“ – alles von Menschen gemacht, relativ, fehlbar und absolut kritikbedürftig. Was also fehlt nach der gesellschaftlichen Säkularisierung ist eine „geistliche“ Säkularisierung. Man wird darauf vergeblich hoffen, denn es bedeutete die Selbstabschaffung der Kirchen in ihrer heutigen Form. Dran wäre es. Dann könnte man vielleicht auch wieder Positives am Christentum entdecken.

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