Dez 072012
 

In den letzten Jahren liest man im Blick auf das „alte“ Europa viel vom Niedergang des Christentums im Allgemeinen und der Kirchen im Besonderen. Desinteresse und Skandale, ein verändertes Lebensgefühl und gewandelte Wertvorstellungen haben zu einem drastischen Schrumpfen der großen christlichen Kirchen beigetragen. Engagierte Mitglieder und Funktionäre der Kirchen merken das alljährlich deutlich an den schrumpfenden Budgets und der sinkenden Personaldecke. Deutschland – ein christliches Land? Diese Aussage scheint der Vergangenheit anzugehören. Nur noch 62% aller Bundesbürger gehören einer christlichen Konfession an, 59% einer der beiden großen Kirchen (katholisch bzw. evangelisch). [Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf die bei Wikipedia zusammen gestellten Zahlen, Aktuelleres findet man unter dem Stichwort Statistik auf den Webseiten der Deutschen Bischofskonferenz, der EKD sowie des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes REMID.] In den östlichen Bundesländern im Bereich der ehemaligen DDR sind es gar nur noch um die 20%, Ausnahme Thüringen mir etwas über 30% Kirchenmitgliedern. Da alle übrigen Religionsgemeinschaften kaum 7% der Bevölkerung erreichen (davon allein 4 Mio. = 5% Muslime), sind inzwischen rund ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands „konfessionslos“. Die weiterhin sinkenden Mitgliederzahlen der Großkirchen, schubweise durch Skandale und kontinuierlich durch die demographische Entwicklung verursacht, scheinen den Trend der Entkirchlichung oder gar der Entchristlichung des Kontinents Europa unumkehrbar zu machen. Deutschland, das Land der Reformation, wird zum christlich-kirchlichen Problemfall, sogar zum Sonderfall, denn weltweit sieht die Bilanz der christlichen Konfessionen ganz anders aus, nämlich zahlenmäßig positiv wie in Nord- und Südamerika sowie in Asien. Da passt es denn, dass hierzulande alljährlich darüber geklagt wird, wie sinnentleert und „unchristlich“ doch das Weihnachtsfest als reines „Konsumfest“ geworden sei.

Man kann diese Zahlen und Fakten aber auch ganz anders sehen.

Die Katholische Kirche und die Evangelischen Kirchen haben derzeit jeweils rund 24 Millionen Mitglieder, das sind 59% der Bevölkerung. Weitere christliche Kirchen und Gemeinschaften machen ca. 2 Millionen aus, so dass man auf knapp 62% Mitglieder christlicher Kirchen und Gemeinschaften in Deutschland kommt. Regional ist das natürlich recht verschieden (Bayern: 76% Kirchenmitglieder, Sachsen-Anhalt 18% Kirchenmitglieder). Aber schauen wir einmal nur auf die Gesamtzahl in Deutschland. Mit jeweils 24 Millionen = zusammen 48 Millionen Mitgliedern sind die beiden traditionellen Kirchen die mit Abstand größten gesellschaftlichen Organisationen überhaupt. Die nächst größere Organisation dürfte der Deutsche Sportbund sein, der 27 Millionen Mitglieder vertritt (Wikipedia). Danach kommt der  ADAC mit über 18 Millionen Mitgliedern (Wikipedia). Dann kommt wieder lange gar nichts, und danach folgen die Gewerkschaften, die 6,2 Millionen Mitglieder (DGB) repräsentieren. Und noch einmal mit deutlichem Abstand folgen die politischen Parteien, die insgesamt ca. 1,2 Millionen Mitglieder vertreten. Das zeigt überdeutlich: Die christlichen Kirchen mit ihrem hohen Organisationsgrad haben in unserer Gesellschaft die mit großem Abstand meisten Mitglieder. Sie sind zudem der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Öffentlichen Dienst mit 1,3 Millionen Beschäftigten bei Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden (Caritas, Diakonie). Insofern ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass die christlichen Kirchen in Deutschland mit Abstand die zahlenmäßig größten und gesellschaftlich bedeutendsten Organisationen sind. „Unchristliches“ Deutschland?

Christentum

Christentum (Wikipedia)

Man mag einwenden, dass hier Äpfel und Birnen verglichen werden, dass die bloßen Zahlen wenig über die tatsächliche Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz aussagen. Der Einwand ist nur zum Teil berechtigt, denn natürlich bewegen sich Kirchen, Sportler, Gewerkschaften und Parteien in recht verschiedenen Feldern der Gesellschaft. Zudem mag man erklären, dass die Parteien laut Grundgesetz an der „politischen Willensbildung“ mitzuwirken haben und damit in gewisser Weise dem Gemeinwohl verpflichtet sind; das versuchen sie zumindest in ihrer Programmatik abzubilden. Doch Sportvereine sind ja nicht in erster Linie Produzenten von Leistungssport, sondern Aktionsfeld des Breitensports, der Freizeitgestaltung, der Gesundheitsvorsorge, der Geselligkeit und Freundschaften. All dies gehört wohl auch zum „Gemeinwohl“. Selbst eine Interessenvertretung wie der ADAC mit seiner enormen Mitgliederzahl repräsentiert eine große Gruppe in der Bevölkerung, für die autofahrende Mobilität beruflich und privat wichtig ist – und wer wollte bestreiten, dass Verkehr und Mobilität gesellschaftlich „relevante“ Aufgabenbereiche sind? Ähnliches gilt ja für die Gewerkschaften, die zwar auch „nur“ Partikularinteressen vertreten, aber eben die der in ihnen organisierten Arbeitnehmer, deren Interessen sich mit der noch viel größeren Zahl der Nichtorganisierten zumindest überschneiden. Die „Tarifautonomie“ gehört unbestritten zu den Errungenschaften unserer freiheitlichen Demokratie, ergo gesellschaftlich relevant und insgesamt ebenfalls im Interesse des Gemeinwohls.

Und die Kirchen? Abgesehen davon, dass sie in den vielfältigen Aufgabenbereichen der sozialen Dienste in Caritas und Diakonie wichtige gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen, dass sie im Bereich von Erziehung und Bildung insbesondere bei Kindergärten / Kindertagesstätten, aber auch im Bereich von Schulen und Hochschulen engagiert sind, scheinen sie zudem immerhin die religiösen Bedürfnisse des größten Teiles der Bevölkerung erfolgreich zu befriedigen – „erfolgreich“ im Blick auf die Zahlen. Platt gesagt: Wenns nicht „erfolgreich“ wäre und also keine Nachfrage befriedigte, würden noch mehr Menschen austreten. Tun sie nicht, also in diesem Sinne „erfolgreich“ oder „positiv“. Alles Nörgeln und Kritisieren der angeblichen Rückständigkeit und Traditionsverhaftung der Kirchen führt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Großkirchen nach wie vor eine gesellschaftliche Macht erster Ordnung darstellen. Sie klein oder schlecht zu reden offenbart nur einen erheblichen Mangel an Wahrnehmung und / oder in der Einschätzung der mit Zahlen belegten Fakten. Ich wende mich damit keineswegs gegen mögliche und nötige Kritik, im Gegenteil. Sie sollte aber fundiert sein und die nach wie vor gültige gesellschaftliche Kraft und Bedeutung der christlichen Kirchen und damit des Christentums bei uns sachgemäß einschätzen. Der Abgesang kommt jedenfalls zu früh.

Ein kleines Gedankenspiel zum Schluss: Was würde diese Erkenntnis der Relevanz der aufgeführten gesellschaftlichen Gruppen beispielsweise für die Besetzung der Rundfunkräte bedeuten? Derzeit sollen die politischen Vertreter verringert, aber die parteiangehörigen Vertreter beibehalten werden, dabei haben die Vertreter politischer Gremien wenigstens eine gesellschaftliche Legitimation, die Parteienvertreter dagegen kaum. Eigentlich müssten dort, wenn es nur um die größenmäßige gesellschaftliche Relevanz von Gruppen geht, viel mehr Vertreter von Kirchen, Sport und ADAC sitzen… Das ist gesellschaftlich aus gutem Grund so nicht gewollt. Das Beispiel soll nur zeigen, welche Relevanz gesellschaftliche Organisationen haben könnten, wenn wir auf ihre zahlenmäßig belegte Bedeutung schauen. Und es zeigt: Unsere Wahrnehmung ist da bisweilen etwas verzerrt, quantitativ unterbelichtet gewissermaßen.

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