Dez 232012
 

Wenn man sich intensiver mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, so muss das keineswegs mit einem erwarteten oder erhofften Gegenwartsbezug verbunden sein. Wenn ich mich seit einiger Zeit genauer mit der Geschichte des Römischen Reiches befasse, insbesondere mit der Epoche seiner Transformation zur Spätantike und schließlich zu dem, was „Mittelalter“ genannt wird, so geschieht das eben nicht, um Parallelen mit irgendwelchen Erscheinungen oder Mächten unserer Gegenwart herzustellen oder aufzudecken. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Was immer man an vermeintlichen Ähnlichkeiten in der Geschichte des „Aufstiegs und Falles“ großer Reiche / Mächte / Kulturen mit jüngeren oder gegenwärtigen Entwicklungen zu finden meint, ist weit mehr von Projektionen bestimmt, die wir aus den Fragen und Problemen unserer Gegenwart heraus in Ereignisse der Geschichte hinein verlegen, als von den geschichtlichen Gegebenheiten, Tatsachen und Ereignissen selbst. Tun wir das womöglich mit dem Ziel, aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen zu können, sei es um sie besser zu deuten, sei es gar um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, so gehen wir doppelt fehl. Die Geschichte „lehrt“ nichts. Sie ist kein Steinbruch von Direktiven und Handlungsanweisungen. Sie bietet uns noch nicht einmal eine Auswahl an Optionen, die wir für die Gegenwart fruchtbar machen könnten.

Was für die Militärs oft festgestellt wurde, dass nämlich die Generalität für den nächsten Krieg stets mit den Erfahrungen des letzten Krieges plant – und dann von der völligen Andersartigkeit des nächsten Krieges überrascht wird, genau dies gilt auch für geschichtliche und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen insgesamt. Die Bedingungen und Zusammenhänge eines jeden Ereignisses in Geschichte und Gegenwart sind so einzigartig, multipel kausal, verflochten und ambivalent, dass allein schon die Feststellung dessen, was „Tatsache“, also was wirklich „der Fall ist“, nie unproblematisch ist. Die Erhebung nackter distinkter Daten allein sagt ja noch überhaupt nichts über das damit gemeinte Ereignis aus: über seinen Zusammenhang, die Genese, die Komplexität, die darin zum Ausdruck kommenden Absichten und Interessen, die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen und Auswirkungen, erst recht nicht über die jeweilige Bedeutung eines Ereignisses. All dies nämlich setzt schon eine Einbettung eines Ereignisses in einen Sachzusammenhang voraus, der vom Beobachter nie ohne einen zugehörigen Deutungs- und Verstehenszusammenhang zu haben ist. Nicht nur für Ereignisse der Geschichte, sondern ebenso auch für solche der Gegenwart (was ist überhaupt die „Gegenwart“? wie lange erstreckt sie sich?) gilt die methodische Klärung der Herangehensweise und des damit jeweils verbundenen vorausgesetzten Verstehensrahmens des Betrachters. Sogleich kommen dann die metahistorischen, gewissermaßen geschichtsphilosophischen Fragen auf, zum Beispiel nach „Historismus“, „Konstruktivismus“ (in diversen Spielarten), dem „post-histoire“ und anderen Geschichtsbildern. Bei Ereignissen der Gegenwart liefert uns unser Weltbild und unser vorgängiges Weltverstehen („Vorurteil“) den Rahmen möglicher Deutungen, die allererst zur Bedeutung eines Ereignisses führen.

Forum Romanum (Wikipedia)

Forum Romanum (Wikipedia)

Man mag meinen, Ereignisse der Gegenwart seien doch viel leichter und besser zu erkennen und zu verstehen als solche der Geschichte, da wir doch viel „näher dran“ sind und heute viel mehr Informationen zur Verfügung haben. Das hilft jedoch nicht allzu viel, da die Menge möglicher Informationen immer unabsehbar größer ist als die gegebene Menge vorhandener Informationen. Dies gilt natürlich auch für Ereignisse in der Geschichte, in vergangenen Zeiten, nur dass uns dort mit wachsendem Abstand eine immer größere Menge von Informationen über wesentliche Zusammenhänge für immer verborgen bleibt und eben nicht mehr verfügbar ist. Zwar bietet das Urteil aus dem zeitlichen Abstand heraus den Vorteil, bestimmte Verläufe inzwischen zu kennen. Jedoch ist es bleibend schwierig, hier Verläufe als Folgen und Auswirkungen zu verstehen. Allein dies setzt gleich wieder eine bestimmte „Konstruktion“ unserer eigenen Wahrnehmung und Bewertung der früheren Ereignisse voraus. Damit ist dann die Erkenntnis und das Verstehen geschichtlicher Ereignisse gar nicht so verschieden von der Erkenntnis und dem Versuch, gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen zu verstehen.

Diese angedeutete Schwierigkeit mit vermeintlich „objektiven“ Beschreibungen geschichtlicher Ereignisse (abgesehen von der reinen Tatsächlichkeit begrenzter Fakten und Daten), die sie mit gegenwärtigen Ereignissen durchaus teilen, macht es schwer, zu einem abschließenden Urteil der Bedeutung, der Auswirkungen und der „Lehren“ zu kommen. Deutungen und Bewertungen, die sich möglichst genau und umfassend auf vorhandenes oder zugängliches Faktenmaterial stützen möchten, werden stets nur annäherungsweise und vorläufig möglich sein. Darum ist es auch vergebliche Mühe, aus Geschehenem außerhalb meines unmittelbaren Einflussbereiches und außerhalb meines unmittelbaren Wirkungszusammenhanges irgendwelche positiven Handlungsalternativen (und das wären „Lehren“ ja) abzuleiten. Jedenfalls wäre eine intuitive Wahl unter verschiedenen gegenwärtigen Optionen mindestens genau so „vernünftig“ wie eine vermeintlich rational begründete. Der von mir jeweils feststellbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bleibt in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Sache mit unendlich vielen Variablen.

Warum also sich überhaupt mit Geschichte beschäftigen? Um des Menschen willen, um zu sehen und zu erkennen, wie Menschen sich verhalten haben oder gerade verhalten, was ihnen möglich war oder eben nicht möglich ist. Der Mensch in der Geschichte ist das eigentlich spannende Thema. Je mehr man in geschichtliche Zusammenhänge eintaucht, Ereignisse und Gestalten zu erkennen sucht, desto mehr  wird man zu der Auffassung kommen, dass unserer Art nichts „Menschliches“ fremd ist. Die mich leitende Frage ist also weniger: Was ist warum so und nicht anders passiert? sondern vielmehr die Frage: Wie haben sich Menschen verhalten? Wie weit sind ihre Motive, Wünsche und Absichten erkennbar? Wie haben sie tatsächlich gelebt und gedacht? Wenn man so will, sind dies einerseits sozialgeschichtliche, andererseits verhaltenspsychologische Fragestellungen.

Ich möchte sie aber nicht so eng und methodisch begrenzt verstanden wissen. Mich interessiert schlicht das „Humanum“, der homo sapiens als Kultur- und Geschichtswesen, als meist etwas erleidendes und seltener aktiv handelndes Subjekt seines Lebens. Mit dieser Fragestellung rückt mir ein konkreter Mensch von vor 2000 Jahren, sofern und so weit er fassbar ist, sehr nahe: Er ist dasselbe, was ich bin, nur unter sehr anderen Umständen und Bedingungen. Auch diese Frage will nicht quasi hinten herum nach „Lehren“ fragen, eben nach den Lehren aus dem sogenannt Allzumenschlichen. Das wäre ziemlich platt und uninteressant. Natürlich haben Menschen zu allen Zeiten gelebt, geliebt, gelitten und sind erfüllt oder unerfüllt gestorben. Mein Nachfragen in die Geschichte hinein (genauso wie übrigens in andere Kulturkreise hinein) orientiert sich an den vielfältigen Facetten des Menschlichen, ihres Umgangs mit Glück und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, mit Macht und Reichtum, mit Gewalt und Stolz und und und. Und da gibt es dann in der Tat unendlich viele Unterschiede zu entdecken, Merkwürdiges, Beeindruckendes, Großartiges, Ernüchterndes, Kleinliches, Jämmerliches usw. in allen nur denkbaren Nuancierungen. Nein, eben nicht in nur „denkbaren“ Nuancen, sondern in Weisen und Facetten der Lebensgestaltung, die immer wieder anders und neu und unerwartet, weil unableitbar sind. Nur dies macht für mich Geschichte so interessant, ja so wahnsinnig aufregend: Weil einem dadurch das, was Menschen möglich ist, so erhellend, aber auch so grausam vor Augen geführt wird. Geschichte ist darum auch so spannend – und desillusionierend. Und genau diese zu gewinnende Nüchternheit ist es, die dann auch für die Orientierung in der je eigenen Gegenwart hilft. Es ist nicht das geschichtliche Beispiel, es ist die Vielfalt des dem Menschen Möglichen. Wer das ein wenig erkennt und damit zu rechnen lernt, der gewinnt tatsächlich auch eher Orientierung und Perspektiven in der Gegenwart, sei es im Großen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, sei es im Kleinen des mir eigenen Verantwortungsbereiches. Nur insofern kann Geschichte ‚Schule des Menschlichen‘ sein.

Einer, der zu einer solch selten nüchternen und scharfsichtigen Urteilskraft über Dinge der Vergangenheit und Gegenwart im Verlaufe eines langen Lebens gefunden hat, ist Helmut Schmidt. Ich denke, das macht die eigentliche Faszination seiner Person aus.

 23. Dezember 2012  Posted by at 12:34 Geschichte, Kultur, Mensch Tagged with: , , , ,

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