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Wahrnehmung

Es ist natürlich nichts Neues. Der Focus der öffentlichen Wahrnehmung, basierend auf der veröffentlichten Meinung, wechselt ständig. Da kann ich auch keinen Unterschied zwischen den klassischen Medien (Zeitungen, Radio, TV) und den neuen Medien, sozialen Plattformen und Blogs feststellen. Der Schwerpunkt der Themen und die Intensität, in der gerade aktuelle Themen behandelt, verbreitet und diskutiert werden, der kann allerdings unterschiedlich sein. So sind nach meiner Beobachtung diejenigen Themen, die mit dem Netz zu tun haben (Trojaner, Piraten, Netzsperren), in der Netz-Diskussion auch stärker verankert und intensiver als in den „alten“ Medien. Das verwundert ja auch nicht. Was mir jedoch auffällt, ist dies, dass der Fokuswechsel dort mindestens so schnell und häufig ist wie in der traditionellen Presse. „Occupy“ ist eine Woche nach den Demonstrationen nahezu vollständig als Thema verschwunden. Die Piraten tauchen seltener auf, seitdem auch die Umfragewerte nichts Neues mehr hergeben. Wurde das Ergebnis der ersten bundesweiten Umfrage nach den Berlin-Wahlen, als die Piraten nun auch auf Bundesebene 8 % Zustimmung erfuhren, noch in hoher Taktzahl retweetet, so erfahre ich die heutige Presseinfo, dass der Umfragewert der Piraten nach wie vor bei 10 % liegt, aus Online-Zeitungen und nicht von Twitter. Beschäftigen sich die klassischen Medien dagegen vorzugsweise mit dem Thema Euro-Rettung und allen verwandten Themen, so findet sich dieses in den social media viel weniger wieder; offenbar ist man dort des ständigen Hin und Her und Auf und Ab der offiziellen Politik müde und überdrüssig. Die TL enthält wieder sehr viel mehr private und spaßige Themen, eine Art Rückkehr zur Normalität, denke ich. Es ist eben auch hier nicht jede Woche die Stimmung für Drama und Alarm vorhanden. Und die Presse treibt dann irgend eine andere Sau durchs Dorf. Selbst der zwielichtige Tod Gaddafis war nach 3 Tagen „durch“.

Nun ist dies alles bestens bekannt und überhaupt nicht verwunderlich und kaum der Rede und des Nachdenkens wert. Wenn da nicht die kleine Hoffnung wäre, es könnte in den nicht-hierarchischen sozialen Medien etwas „nachhaltiger“ zugehen als bei den hektischen und auf Tagesaktualität um fast jeden Preis angewiesene Zeitungen, online wie gedruckt. In Foren findet man am ehesten das Dranbleiben an einem Thema, allerdings auch in einem  meist sehr geschlossenen Kreis. Dies gilt übrigens auch für manche längere und interessantere Threads zum Beispiel bei Google+: Es beteiligen sich „immer dieselben“ – und auch da gibt es Platzhirsche und Meinungsführer. Die ‚circles‘ grenzen aus und grenzen ein. Die fehlende Hierarchie ist oft nur eine technische oder theoretische Möglichkeit. Faktisch ist der öffentliche Diskurs eben doch nicht so öffentlich, so ‚demokratisch‘, wie einen manches Mal die ‚Netizens‘ glauben machen wollen. Vielleicht erliegen sie auch einer verständlichen Selbsttäuschung, in dem die eigene Netz-Affinität als Normalfall für die Öffentlichkeit genommen wird. Das aber ist noch lange nicht der Fall – und ob es jemals der Fall sein wird, steht auch dahin. Denn zur interessierten Öffentlichkeit gehört eben immer auch das Interesse, das politische, kulturelle, auch das pure Interesse an Diskussion. Freude an Rhetorik und Argumentation gehört dann eben auch dazu. Und dies scheint dann doch eben immer noch bei wenigen vorhanden zu sein. Konsumieren, auch im Netz, ist da allemal einfacher und von vielen bevorzugt und gewollt. Nur so kann ich auch den Erfolg des Apple-Modells verstehen, das ja weniger eine Beteiligungsstruktur hat, sondern eine perfekt organisierte Distributionsstruktur ist Nun, auch Rom wurde nicht in 3 Tagen erbaut; hoffen wir also, dass die Möglichkeiten öffentlicher, freier und nicht-hierarchisch geordneter Diskussion doch allmählich mehr und breiter genutzt werden. Diskussion allein wird da allerdings nicht reichen: Echte Beteiligung an Willensbildungen wäre dafür gewiss ein aktivierendes Motiv. Vielleicht haben ja die Piraten mit ihrem Modell der ‚liquid democracy‘ (bei allen Unzulänglichkeiten) doch ein wenig Erfolg – Veränderungspotential hat es jedenfalls.

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