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Verwechslung der Ebenen

Wieder einmal fiel mir auf, wie leicht man – absichtlich oder unabsichtlich – sprachlich die Ebenen verwechselt. Beide Male waren es religiös-kirchliche Kurzbeiträge im Radio. Es könnte einem so ähnlich aber auch in anderem Zusammenhang begegnen.

Da hieß es einleitend, der Mensch bestehe ja nicht nur aus Körper, sondern auch aus Seele und Geist. Damit wird an das herkömmliche allgemeine Vorverständnis appelliert, so als habe sich nie etwas geändert, als gäbe es keine Hirnforschung und keine aktuelle Diskussion dazu. Wie immer man dazu steht, dürfte man nicht mehr selbstverständlich und kommentarlos von der tatsächlichen Gegebenheit von drei – ja was denn?  Wesenheiten? Dingen? Gegenständen? reden, die da heißen Körper, Geist und Seele. Der menschliche Körper ist, anatomisch gesehen, ein klar definierter Gegenstand, eine tatsächliche Gegebenheit, ein „Ding“. Ebenso klar ist auch, dass der Mensch als Person nicht ohne Körper denkbar ist. Der tote Körper, der Leichnam, ist keine Person mehr. Er wird nicht nur begrifflich vom lebendigen Köper unterschieden, sondern auch rechtlich. Der tote Körper ist kein Rechtssubjekt mehr. Er ist etwas anderes als „Mensch“, eben die Leiche. Aber auch diese bleibt gegenständlich, tatsächlich, nur in einem anderen Zustand als der belebte Körper.

Seele und Geist sind dagegen Interpretamente der Belebtheit des Menschen, Aspekte der menschlichen Person. Es sind keine Gegenstände oder Dinge, so wie ein Arm oder Bein beispielsweise ein Objekt medizinischen Handelns ist. Ob dem Geist und der Seele des Menschen eine eigenständige, vom Körper unabhängige Existenz zukommt, ist gerade umstritten. Die Hirnforschung, speziell die Neuropsychologie haben zumindest dies erbracht, dass geistige und seelische („mentale“) Fähigkeiten des Menschen nicht ohne seinen Körper, nicht ohne das Organ Gehirn wissenschaftlich betrachtet werden können. Wie man diese Fähigkeiten bewertet, einordnet, welche besondere Bedeutung man ihnen für die Persönlichkeit des Menschen zumisst, ist dann Sache einer ganz anderen Betrachtung. Sie „interpretiert“ gewissermaßen das Menschsein unter den Aspekten seiner geistigen oder seelischen Vermögen. Die Reduktion aller mentaler Fähigkeiten auf physiologische Prozesse wird zwar ebenfalls wissenschaftlich vertreten, ist aber nicht die einzige und auch nicht die plausibelste wissenschaftlich gestützte Position. Darüber hinaus spielt natürlich auch die jeweilige weltanschaulich-religiöse Grundeinstellung eine Rolle, die unsere Sicht auf „Leib, Seele und Geist“ bestimmt.

Klar ist nur so viel, dass sich „Körper“ einerseits und „Seele“ und „Geist“ auf der anderen Seite auf unterschiedlichen Ebenen möglicher Gegenstände rationaler Betrachtung befinden. Diese sollten nicht verwechselt werden, auch nicht mehr in der Alltagssprache. Seele und Geist können nur in einem anderen, uneigentlichen Sinne als „Objekte“ der Untersuchung gelten, sie sind besser als spezifische personale Aspekte des Menschseins zu bezeichnen, die sich als Fähigkeiten, als Vermögen fassen und beschreiben lassen. Jedenfalls sollte man nicht den Eindruck erwecken, der Mensch sei ein „Mischwesen“ aus drei verschiedenen Wesenheiten. Diese Redeweise verharrt in einem Weltbild, das unserem Wissen und unserer Sicht auf den Menschen nicht mehr entspricht.

Creation
Giovanni di Paolo – Creation (Wikipedia)

Ein wenig anders verhält es sich mit der Bemerkung, religiöse Überlieferungen und Geschichten würden uns etwas „berichten“. Konkret gesagt: Biblische Geschichten – ebenso wenig wie Koranische Verse – sind keine „Berichte“, das heißt Auskünfte über historisch positive Tatsachen („news“), und wollen es auch gar nicht sein. Es sind von bestimmten religiösen Überzeugungen geprägte Erzählungen, „Geschichten“, die ihre Wahrheit nicht im Tatsachen-Geschehen haben, sondern in der von und in ihnen intendierten Aussage bezüglich einer religiösen „Wahrheit“. Die moderne kritische Bibelwissenschaft spricht daher davon, dass biblische Geschichten immer zu allererst „Verkündigung“ sind, Predigten, die auf Überzeugung und Vergewisserung der Gläubigen zielen. Was sich über Jesus oder Mohammed historisch als tatsächlich heraus finden lässt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Religionsgemeinschaften neigen allerdings dazu, die narrative Ebene mit der Ebene historischer Faktizität zu verwechseln, zu vermischen oder gar die Historizität von religiöser Narration zu behaupten. Dies hilft weder der Religion als Sinn- und Symbolsystem noch dem heutigen Menschen, der bei „Berichten“ gleich an Tatsächlichkeit denkt. Die Wahrheit der Religionen stützt sich nur zum geringsten Teil auf historische Tatsächlichkeit, sondern viel mehr auf die Bedeutung eines Geschehens, das seinen Wert und seine Wahrheit aus dem religiösen Verweiszusammenhang erhält. Die möglicherweise dahinter stehende historische Tatsächlichkeit kann oft kaum mehr erhoben werden. Historie ist da die falsche Kategorie, die falsche Ebene, die nur zu einem ideologischen Fundamentalismus führt. Dieser nämlich macht aus religiösen Erzählungen von Bedeutung eine tatsächliche Gegebenheit, historische Faktizität. Da wird dann auf einmal die Schöpfungserzählung aus der Bibel zum naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht. Das aber geht am religiösen Text – und am Menschen vorbei.

Es ließen sich noch mehr Beispiele solcher implizit-tatsächlichen Redeweisen nennen, die auf einer absichtlichen oder unabsichtlichen Verwechslung von Aussage- und Bedeutungsebene beruht. Hier besser zu unterscheiden schafft eine Klarheit, an der auch die sich historisch begründenden Religionen interessiert sein sollten, und sei es auch nur, um Anschluss an heutiges Weltverstehen zu halten. Es wäre zudem ein Gebot der Redlichkeit.