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Ethik im Alltag

„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“

Dieser Satz, gestern in einem Blog gefunden (dazu später mehr), ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es ist ein sehr einfacher Satz, der ein ganz einfaches Quid-Pro-Quo ausdrückt. Die darin enthaltene Aussage ist ebenfalls ganz einfach. Es gibt keine Win-Win-Situation. Jegliches Verhalten und Tun hat Kosten, die irgend jemand bezahlen muss. Leben geht immer „zu Lasten Dritter“. Wenn es uns gut gehen soll, muss das einen Ausgleich auf der negativen Seite finden: Einem anderen muss es dafür schlecht gehen. Damit es uns besser geht, muss es anderen schlechter gehen. Statt Win-Win also ein Nullsummenspiel. „Dies ist leider so.“ – Ist das so?

Der erste Augenschein spricht dagegen. Warum sollte es einem anderen schlechter gehen, nur weil es mir heute besser geht, besser als gestern, besser als früher? Ich will doch niemandem etwas zu Leide tun. Und überhaupt: Die Sonne scheint, ich fühle mich gut. Was hat das mit anderen zu tun?

Ok, eine erste nähere Bestimmung ist fällig. „Gut gehen“ kann in dieser Aussage nicht einfach meinen „gut fühlen“. Gut fühlen kann ich mich auch völlig unabhängig von äußeren Einflüssen, zumindest von mir bewussten äußeren Einflüssen. Ich habe gut geschlafen, es ist ein schöner Tag draußen, ich bin unternehmungslustig, es geht mir gut. Solange ich nur mich und mein Gefühl betrachte, ist die momentane Situation unabhängig von Dritten, geht also auch nicht „zu Lasten Dritter“. Wenn ich allerdings weiter frage, was es denn für Bedingungen dafür gibt, dass ich mich heute so gut fühle, dann wird es schon schwieriger.

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Einige ganz einfache Voraussetzungen für mein „gutes Gefühl“ sind eine warme Wohnung, ein bequemes Bett, ein leckeres Frühstück, eine freundliche Aussicht, meine Gesundheit, die fast selbstverständliche Tatsache, dass ich mir über mein Auskommen heute und morgen keine Sorgen machen muss. Diese Voraussetzungen teile ich allerdings keineswegs mit allen lebenden Menschen auf Erden. Ich vermute, ich teile sie nur mit den Wenigsten. Man kann ja einmal probehalber die sechs einfachen Voraussetzungen für sich durchgehen. Spätestens bei der Sorglosigkeit über das Auskommen heute und morgen muss die überwältigende Mehrheit der Menschen die Segel streichen. Mir dürfte klar werden, dass ich mit der Gegebenheit dieser Voraussetzungen zu einer kleinen Gruppe privilegierter Menschen auf diesem Planeten gehöre. Nur Gesundheit scheint da nicht recht hinein zu passen, weil die ja nicht sozial beeinflussbar, sondern naturgegeben sei – o weh, nicht sozial beeinflussbar? Da sagen aber alle Untersuchungen und Ergebnisse der Gesundheitsforschung etwas ganz Anderes. Von mir persönlich nicht beeinflusst ist allenfalls die genetisch bedingte Konstitution, die mir in die Wiege gelegt wurde. Aber die jeweilige „Gen-Expression“ kann dann wiederum durch äußere Einflüsse bedingt und sozial vermittelt sein. Und schon wieder bin ich bei den Verhältnissen, in denen ich lebe, und bei den Voraussetzungen meines „guten Gefühls“.

Denn mein ‚“gutes Gefühl“ kommt wesentlich daher, dass es mir tatsächlich gut geht. Die Voraussetzungen und Bedingungen meines Lebens müssen schon einigermaßen stimmen, damit ich mich gut fühlen kann. Das jeweilige Maß der Voraussetzungen ist gewiss individuell variabel. Auch bei größter Disziplin, Enthaltsamkeit und Selbstbescheidung müssen von den genannten Voraussetzungen doch die meisten wenigstens einigermaßen zufriedenstellend erfüllt sein. Und damit ich eine gute Wohnung, ein angenehmes Bett, ein verlockendes Frühstück, einen netten Blick aus dem Fenster und alles in allem auch keine große Sorgen betreffs meines Einkommens haben kann, müssen schon eine Menge Menschen etwas getan haben – für mich. Es muss mir nicht bewusst sein, „aber es ist so“.

Ich hänge von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ab, von der Qualität des Sozialsystems, von der Verfügbarkeit der Bildungsmöglichkeiten, von der Nutzbarkeit der Bildungschancen für mich konkret, hänge davon ab, dass Lebensmittel und Wohnung bezahlbar vorhanden sind und dass meine beruflichen Aussichten positiv oder zumindest gesichert sind. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung hänge ich aber wie der Faden an der Nadel des globalen Austausches von Waren und Dienstleistungen aller Art. Praktisch zeigt mir das schon ein Blick auf das Angebot des Edeka-Ladens bei mir um die Ecke. Es wird schnell klar und dürfte auch für jeden als Information verfügbar sein, dass unsere „moderne“ Wohlstandsgesellschaft durchaus nur „zu Lasten Dritter“ funktioniert.
Es sind nicht nur die billigen Arbeitskräfte, die für Apple oder Amazon (gestern ARD Dokumentation) und für sonst wen, Nestle, United Fruit (heute Chiquita Brands Int.), McDonalds uvam, schuften, es sind auch die Kosten am Verbrauch von Rohstoffen, Energie, an Lebensressourcen überhaupt, die nicht nur zu Lasten lebender Dritter gehen, sondern vor allem auch zu Lasten künftiger Generationen. Auch dies ist bekannt, „es ist leider so“. Dazu kommt, dass die Ressourcen endlich sind, dass auch alle Phantasie des Menschen diese Endlichkeit nur verzögern, aber nicht aufheben kann, weil der Planet Erde räumlich endlich und zeitlich begrenzt existiert. Dasselbe gilt für die Gattung  Mensch. Woher immer das Leben kommt, es ist endlich und vergänglich. Das Leben insgesamt ist als eine Art „Entropie-Verzögerung“ ein riesiger Prozess „zu Lasten Dritter“: Jede Energie verbraucht sich einmal, um auf den niedrigsten stabilen Level zurück zu kehren.

„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“ Es zeigt sich, dass dieser Satz ein wahrer ist. Das „leider“ zeigt die gewisse Trauer über die Unabänderlichkeit dieser Tatsache an. Und doch leben wir, wollen wir gut leben und tun alles, um möglichst gut zu überleben, und sei es auch „zu Lasten Dritter“. Dies ist so. Nicht Fatalismus, sondern Realismus ist angesagt. Die Bedingungen und Voraussetzungen unseres Lebens sind so, wir können sie kaum beeinflussen. „Kaum“ heißt nicht „gar nicht“. Es wäre schon viel gewonnen, sich darüber bewusst zu werden und so viel wie möglich dazu beizutragen, dass durch unser einzelnes Gutgehen andere möglichst wenig „bezahlen“ müssen, also möglichst eine Win-Win-Situation anzustreben. Ob das überhaupt möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Bewusstsein über diese Zusammenhänge hilft schon viel. Es schützt vor Überheblichkeit und Übermut.

Der zitierte Satz geht übrigens noch weiter: „- dies ist leider so, interessiert in der heutigen Zeit aber immer weniger Menschen.“ Wenigstens das lässt sich ändern.

Das Zitat stammt aus einem Blogbeitrag von „Caschy“ Carsten Knobloch über die ARD-Dokumentation zu Amazon. Caschy’s Blog, Carsten Knobloch, zeichnet sich nicht nur durch gute und locker präsentierte Informationen aus, sondern immer wieder durch eine Haltung sehr bewusster „Alltags-Ethik“, die ich bewundere und für vorbildlich halte.

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