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Gesellschaft Individuum

Nah und Fern

Das Verhältnis zu Nahem und Fernem ist in unserem Leben ein recht eigentümliches. Es zeigt sich als besonders spannungsreich, seit das Nahe nicht mehr selbstverständlich nah und das Ferne nicht mehr selbstverständlich fern ist. Das gilt sowohl räumlich als auch zeitlich, sowohl in Bezug auf andere Menschen als auch in Bezug auf das eigene Leben.

Der Raum der Erfahrungswelt ist in gewisser Weise geschrumpft. Für die Generation derer, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, war der Raum rund um Deutschland Feindesland; dorthin verreiste man nicht, man fuhr allenfalls an die Front. Oder man musste in die Ferne auswandern. Später kam man aus der Ferne der Kriegsgefangenschaft zurück, wenn  man überlebt hatte. Andere hatten alles Nahe und Vertraute, die Heimat, verloren. Die Kriegsgeneration musste – neben vielem anderen – auch das Verhältnis von dem, was nah, und dem, was fern war, neu buchstabieren. Für viele waren die Flüchtlinge Fremde, Ferne, mit denen man in Notzeiten im Nah-Kampf ums Überleben konkurrieren musste. Wirklich nah war nur das eigene Leben und das der engsten Angehörigen, der „Nächsten“, alles andere war doch sehr weit weg.

Das änderte sich eine Generation später völlig. Man entdeckte die Nachbarländer als Urlaubsziele, Holland, Italien, Österreich, und erlebte neue Fremde aus Italien, oft aus dem ländlichen Sizilien, ganz in der Nähe. Man nannte sie zur Unterscheidung von Einheimischen und Flüchtlingen „Gastarbeiter“. Gäste bedeutete natürlich, dass sie nur vorübergehend da sein sollten, aber sie blieben und wurden zu Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitbürgern. Das Fernsehen brachte die weite Welt ins Wohnzimmer, so konnte man sich ein Bild machen und nicht mehr nur im Radio hören, was in der fernen Welt so alles passierte. Für die Nachkriegsgeneration (meine Generation) weitete sich die Welt enorm. Die Maßstäbe dessen, was nah und was fern war, änderten sich unaufhaltsam und immer wirkungsvoller. Nicht nur die Reiseziele wurden entfernter, überhaupt wurden Urlaubsreisen zu einer konkreten und beliebten Möglichkeit für große Teile der Bevölkerung, Stichwort ‚Massentourismus‘, passend zu den ‚Massenmedien‘. Das Verächtliche, das in diesen Begriffen mitschwingt, ist eine durch nichts gerechtfertigte Abwertung aufgrund des Dünkels derjenigen, die sich eines Erlebnisprivilegs beraubt sahen. Nun musste eben anderes als Statussymbol herhalten („mein Haus, mein Auto, mein Boot“). Das, was vorher so fern war, rückte als Erlebnis ganz nah und ließ sich mit Urlaubsfotos ‚beweisen‘. Anderes, was ganz nahe lag, wie die neu Zugezogenen im Wohnblock nebenan oder die eigene oder der Eltern Vergangenheit, rückte ganz weit weg aus dem Gesichtsfeld des gerade neu Erlebten.

Es brauchte eines heftigen Anstoßes, um sich der eigenen Vergangenheit im Nazideutschland zu stellen, als Volk ebenso wie als Familie oder Individuum. Wo warst du? Was hast du gemacht? Was hast du gewusst? Dass man die eigene Vergangenheit an sich heran ließ, das hat lange gedauert. Es wurde eine schmerzhafte Begegnung. In mancher Hinsicht wiederholte sich dieser Prozess noch einmal nach 1989, als mit der Vereinigung Deutschlands die Frage vieler ehemaliger DDR-Bürger an Nächste, Nachbarn und Freunde war: Wo hast du gestanden? Wie sehr hast du mitgemacht? Über wen hast du berichtet? Nähe und Ferne bestimmte sich auch im größer gewordenen Deutschland neu: Die „Brüder und Schwestern in der Zone“, die es vor einiger Zeit gewagt hatten, bei Olympia mit der „Spalterflagge“ einzumarschieren, wurden die unbekannten, etwas merkwürdigen ‚Ossis‘, denen man eigentlich den eigenen westlichen Lebensstil erst richtig nahe bringen musste – und die diese Art von Nähe oftmals als erdrückend und verletzend von sich wiesen. Wer und was war da nun fern, und wer war nah? Da gab es neue Bundesländer, also nahes Deutschland, die niemand kannte: die im Westen nicht den Osten, die im Osten nicht den Westen. Mallorca bzw. die Ostsee waren für viele näher als Weimar bzw. Köln.

Man sieht sehr schnell, dass die ursprünglich nur räumliche Nähe und Ferne zugleich eine Dimension menschlicher Beziehungen bekommt und nun zu einer Frage von Nähe und Ferne in menschlichen Beziehungen, am Arbeitsplatz (der Kollege aus dem ‚anderen‘ Deutschland) und sogar in der Familie (die Tante, die man doch nur aus Briefen gekannt hatte, und die nun anreiste) wurde. Menschen aus dem Osten Deutschlands haben in diesen Jahren offenbar einen sehr viel deutlicheren Bruch im eigenen Leben erlebt als Westdeutsche. Nähe und Ferne im eigenen Land ordnete sich neu.

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Zeitgleich begann sich ökonomisch die Globalisierung bemerkbar zu machen. Erst waren es japanische Produkte, die den europäischen Markt erreichten, heute sind es längst chinesische, koreanische, vietnamesische – kurz Produkte aus allen möglichen Ländern rund um den Globus, die wir nicht nur im Kaufhaus, sondern im Lebensmittelmarkt um die Ecke antreffen, die für uns alltäglich geworden sind. Die weltweite Kommunikation hatte sich durch Telefon, Telefax und dann erst recht durch das World Wide Web radikal verändert. Für die jetzt aktive Generation ist das Ferne ‚instant‘ verfügbar, also völlig nah geworden. Online ist alles gleich nah oder fern. Selbst das Reisen hat sich durch den Flugverkehr in einem Maße verändert, wie es noch zwei Generationen vorher nicht vorstellbar war.

Heute haben sich die Verhältnisse von Nah und Fern bisweilen völlig umgekehrt. Die bulgarische Roma-Familie ist zwar (unangenehm, wie man meint) physisch sehr nahe gerückt, wohnt in der Nachbarschaft, ist einem aber vom kulturellen Lebensgefühl her um Welten entfernt, was tatsächlich so ist. An die Nähe anderer „Fremder“ = eigentlich Ferner hat man sich mühsam gewöhnt, zumindest wird Pita und Pizza gerne konsumiert. Auch die billige Arbeitskraft einer osteuropäischen Altenpflegerin ist willkommen, neuerdings auch Ärztinnen und Ärzte, weil die Stellen in den Krankenhäusern sonst nicht zu besetzen wären. Merkwürdig disparate Gegebenheiten: Im Netz kann mir ein ganz Entfernter, erst recht wenn ich mich auf Englisch als Lingua franca einlasse, ein ganz alltäglicher ’naher‘ Facebook-Freund werden, wogegen ich ein bestimmtes Viertel meiner eigenen Stadt lieber nicht aufsuche, nicht aus Angst, sondern wegen erlebter Fremdheit. Wenn sich zur Befremdung die Angst vor dem Fremden gesellt, dann haben wir schnell die heftigste Fremdenfeindlichkeit. In der Kommunikation auf social media Plattformen kann es für viele dagegen gar nicht nahe genug zugehen, zumindest was die Bereitschaft angeht, Privates öffentlich zu machen und den Fernen in die eigene Nähe zu lassen.

Eine deutliche Reaktion auf diese Verunsicherung im Verhältnis von Ferne und Nähe ist die Wiederentdeckung und Betonung der eigenen Region mit ihren „Einheimischen“ in Abgrenzung zu allem, was man nun als Fremdes von sich distanziert. Das Eigene wird als Besonderheit isoliert und gepflegt. Vieles davon ist eine leicht verständliche Reaktion, die sich am besten mit einem neuen Heimatgefühl bezeichnen lässt. Man kultiviert die eigene Mundart; man betont die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Region mit ihrem Brauchtum, man möchte möglichst viel ‚vor Ort‘ entscheiden können. Man versteht sich in erster Linie als Bayer oder Franke oder Hannoveraner oder Rheinländer oder oder, und erst dann als Deutscher und eigentlich kaum als Europäer. Die Differenzierung und Distanzierung von nah und fern, von Eigenem und Fremden, geht übrigens im Nahbereich durchaus noch weiter und kann Nachbarorte und sogar Stadtviertel betreffen. Es ist auch kein deutsches Phänomen, denn in vielen Regionen Europas strebt man neuerdings nach Eigenständigkeit, wie im Baskenland, in Katalonien, Schottland, Norditalien („Padanien“), Südtirol, von den Nachfolgestaaten Jugoslawiens einmal ganz zu schweigen. Selbst die Schweizer, zumindest die Deutschschweizer, wollen sich nicht mehr „deutsch“, sondern am liebsten „schwizerdütsch“ verstehen und verständigen. Im Niederdeutschen („Platt“) ist man noch nicht ganz so weit, dafür im „Katalanischen“ umso mehr. Es sind nur Zeichen der Regionalisierung und Abgrenzung, aber sie verdeutlichen, dass in einer globalisierten Welt, wo so vieles Ferne ganz nah gerückt ist, die Frage nach der eigenen, vertrauten Nähe und Identität neu gestellt und beantwortet werden muss. Zumindest ist die Frage sehr virulent. Die Zeit der Hochstimmung auf alles Gemeinsame und Europäische scheint vorerst vorbei zu sein, politisch ebenso wie kulturell. Da hat merkwürdigerweise auch der Euro weder positiv noch negativ viel verändert. Nur die Bequemlichkeit des innereuropäischen Zahlungsverkehrs wird geschätzt, ebenso wie die fehlenden Passkontrollen dank Schengen. Aber auch dagegen gibt es zunehmende Widerstände, die das Eigene und Eigenständige betonen, nicht nur in Dänemark, England und Frankreich.

Eine letzte Beobachtung mehr existentieller Art. Beim Älterwerden fällt mir auf, wie manches dem Lebensalter nach sehr Ferne, Frühe, später wieder Bedeutung gewinnt und nahe rückt, während anderes, erst recht kurz Zurückliegendes, sehr weit entfernt scheint. Auch hier ordnet sich das, was einem nah oder fern liegt, mit der Zeit noch einmal neu, – eine interessante Erfahrung. Letztlich weist es darauf hin, dass Nähe und Ferne sehr relative Bestimmungen sind und stets etwas damit zu tun haben, was mir wichtig oder unwichtig ist, was eine Bedeutung hat oder was eine Überforderung ist, was in der eigenen Nähe ausgehalten oder was distanziert und abgestoßen wird. Unsicherheit und Angst spielen dabei immer eine Rolle, wo es um Nähe und Ferne geht, oder positiv gesagt: Vertrauen und Sicherheit, im Persönlichen Verständnis und Geborgenheit. Wie man sieht, sind diese Fragen nach der eigenen Identität sehr weit gehend Bestimmungen des Gefühls. Genau darum ist wohl auch das, was einem nah oder fern ist, etwas sehr Veränderliches, welches das je eigene Weltverhältnis ausmacht, und das darum auch zu jeder Zeit neu bestimmt und austariert werden muss. Nähe und Ferne sind offenbar existentielle, soziale und kulturelle Kategorien, die für einen einzelnen für sich oder in einer Gruppe von irgendwie ‚Gleichen‘ zeitlich Geltung finden, Identität stiften und das jeweilige Verhältnis zur Welt wider spiegeln. Nah und fern ist ein sensibler Aspekt für das Verhältnis meiner selbst zum Verlauf einer sich rasant verändernden Welt.

NACHTRAG:

Als eine Konkretion fällt mir gerade Frank Schirrmachers Vorbericht des  ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ in die Hände.