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Macht Moral Politik

Komplexität und Einfachheit

Modell einer multikonditionalen und multifunktionalen Theorie politischen Handelns

(1) Komplex sind die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, wie sie sich im öffentlichen Raum abbilden. Politik ist interpretierende und handelnde Tätigkeit in diesem öffentlichen Raum komplexer Lebenswirklichkeit.

(2) Politik sucht in der Bevölkerung Zustimmung zu bestimmten Inhalten, die interessegeleitet eine Beeinflussung und Veränderung der komplexen Struktur gesellschaftlicher Gegebenheiten zum Ziele haben.

(3) Um Inhalte verständlich und akzeptabel zu machen, muss der politisch Handelnde komplexe Sachverhalte vereinfachen, verschachtelte oder rekursive Ziele auf einfache Schritte und Abfolgen reduzieren, unterschiedliche Interessen und Werte gewichten und in seiner Argumentation klare Prioritäten setzen.

(4) Politische Akteure werden in ihrem Handeln zudem von eigenen Interessen, internalisierten Normen und expliziten Werten bestimmt; hierin stimmt ihr Aktionsmuster mit dem eines jeden Bürgers überein. Besonderes Gewicht erhalten diese ausdrücklichen oder verdeckten, bewussten oder unbewussten Motive dadurch, dass sie notwendig alle Sachüberlegungen und Entscheidungen öffentlichen Interesses begleiten und prägen.

(5) Eigene Prioritäten und Abhängigkeiten, Vorteile und Karriereziele werden daher stets in der politischen Handlungsleitung eine wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Rolle spielen, auch und gerade wenn es um Sachentscheidungen geht, die doch erklärtermaßen dem Ziel des Allgemeinwohls dienen.

(6) Einen guten Politiker wird man daran messen können, dass er oder sie ersichtlich seine privaten Interessen den allgemeinen Interessen angemessen zuordnen, bestenfalls auch unterordnen kann. In der Regel wird dies erst eine Zeit nach den längst gefallenen Entscheidungen und Klärungen erkennbar sein, wenn Zusammenhänge, Ursachen und Gründe allmählich sichtbarer werden.

(7) Ein Skandal tritt dann ein, wenn diese Aufdeckung sehr plötzlich und mitten im Prozess politischer Entscheidung geschieht und wenn darin deutlich wird, dass die vermeintlich dem Allgemeinwohl dienenden Absichten und Handlungen letztlich überwiegend oder ausschließlich dem privaten Interesse diente.

(8) Politisches Handeln ist daher auf Grund  seiner vielfältigen Verflochtenheit in private und öffentliche Interessen, offene und versteckte Machtverhältnisse, direkte oder indirekte Konkurrenzsituationen und viele andere Bestimmungsfaktoren durchaus gefährdet, auf die eine oder andere Seite dieser individuell austarierten Balance abzugleiten.

(9) Wenn ein Politiker der eigenen Vereinfachung aufsitzt und die komplexen Strukturen, in denen eigenes Handeln erfolgt, nicht mehr wahrnimmt oder durchschaut, ist ein Straucheln fast unvermeidlich: Öffentliche Beobachtung und kritische mediale Präsenz wird alsbald Korrekturen erzwingen.

(10) Sofern diese Beschreibung politischen Handelns von der parallelen und verschränkten Wirkung vieler Bestimmungsgründe ausgeht, ist sie multikonditional;  sofern parallele, miteinander konkurrierende Zielbestimmungen beschrieben werden, ist sie multifunktional.