Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins“ darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

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Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas „Öffentlichkeit“.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

„Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.“

Ernst Cassirer, 1944

 1. April 2013  Posted by at 09:25 Öffentlichkeit, Philosophie Tagged with: , , , , , ,

  One Response to “Öffentlichkeit – ein Buch”

  1. Das Fehlen einer gesamteuropäischen Öffentlichkeit rächt sich nun in der Eurokrise. Nationale Medien die für ihre nationalen Leser die Empörung kanalisieren, doch eine Kontrolle der europäischen Politik- sie fehlt. Hier liegt der Verdienst von Volker Gerhards Arbeit, hier schon früh den Finger in die Wunde gelegt zu haben. Leider zu früh, denn damals hat es keinen wirklich interessiert. Alle hingen noch am Strukturwnadel von Habermas oder systemtheoretischen Arbeiten, bis heute. Das Thema einer fehlenden gesamteuropäischen Öffentlichkeit wird nämlich ganz sicher nicht von der EU- Bürokratie gefördert, und die großen internationalen Medienkonzerne haben hier auch keine Interesse. Es wäre vielleicht nicht ganz unnütz auf eine alte Arbeit von 2001 des Berliner Soziologen Harald Wenzel mehr Aufmerksamkeit zu verwenden, als es bisher möglich war. „Die Abenteuer der Kommunikation“- Echtzeitmassenmedien und der Handlungsraum der Hochmoderne – diese Arbeit, sie analysiert die vorliegenden wissenschaftlichen Öffentlichkeits- und Kommunikationskonzepte. Fazit: Es ist ein forschungspolitischer Skandal, dass Massenmedien bisher kaum von empirischer Forschung, dafür aber mehr vom Ekel der Wissenschaftler vor der Masse, oder ausgehend vom Medium Buch her, gedacht werden. Dabei gäbe es ein Forschungsprogramm, dass aber leider aus der deutschen Wahrnehmung bisher heraus fällt: Die verdeckte Eigenlogik der Medien erkennen! Mit Hilfe von Walter Lippman und John Dewey.: “ … beide weisen deshalb die Auffassung zurück, die Massenmedien manipulierten einen passiven Rezipienten bzw. verhielten sich wie ein neutraler und deshalb zu vernachlässigender Äther. Während Lippman das Problem der Öffentlichkeit als ein kognitives Problem diagnostiziert, das von einer sozial- technokratischen Elite zu lösen ist, sieht Dewey es als ein praktisches Problem. Nicht eine Elite, sondern die in Massenkommunikation verkörperte soziale Intelligenz soll eine funktionierende Öffentlichkeit innerhalb der great society soll eine great Community ermöglichen.Für einen Leser der Gegenwart ( im Jahr 2001!!!) ist Deweys Optimismus in dieser Hinsicht geradezu schockierend, zu sehr sind wir daran gewöhnt, der unmerklichen Manipulation der Medien mit Mißtrauen oder ihrem Demokratiepotential mit Pessimismus zu begegnen. Es ist dieses Mißtrauen und es ist dieser Pessimismus, die die Ausarbeitung von Deweys optimistischer Version zu einem Forschungsprogramm und dessen Überprüfung verhindert haben( Wenzel S. 78) Hinzu kommt der Ekel vor dem Vulgären, vor der Masse, die hier die Forschung zur Wiederkehr der immergleichen Autoren zwingt, obwohl deren Konzepte als gescheiter angesehen werden können. .

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