Sep 272013
 

„Neuland ist abgebrannt“ titelt heute Richard Gutjahr in seinem Blog und beschreibt das Desaster der digital natives und des social web bei der Bundestagswahl. Er greift etwas gründlicher auf („Oder ist am Ende doch alles komplizierter?“), was an zynischen, enttäuschten und bissigen Kommentaren zur Wahl am vergangenen Sonntag durchs Netz geisterte und von einzelnen Exponenten der Netzelite in Talkshows zugespitzt wurde. Tenor: Der Wähler ist zu dumm. Der Wähler wurde eingelullt. Die Mehrheit wusste nicht, was sie tat. Merkelland ist Dummerland.

Michael Hanfeld hatte dagegen schon am Montag nach der Wahl in der FAZ sehr bissig und pointiert (es gab entsprechendes Aufjaulen) auf die faktische Bedeutungslosigkeit von Twitter gezeigt. „Motzkis der Republik“ bewegten sich dort nur in der eigenen Filter-Bubble. Sein Fazit: „In den Netzwerken schweigen die Wähler.“ Das wäre in der Tat bemerkenswert, auf jeden Fall scharf beobachtet. „Informationsgewinn gleich Null.“ Tweets seien weder informativ noch aussagekräftig noch repräsentativ. Das „Twitter-Gewitter“ – nur eine Blase.

Dem schließt sich Gutjahr nicht an. Er analysiert genauer, schaut näher hin auf das (fehlende) Zusammenspiel von Online und Offline im Wahlkampf und fragt sich, woran die Wirkungslosigkeit des Netzes und der Netzelite bei der Wahl wohl liegen könnte:

Was also bleibt übrig vom Gedöns rund um Liquid Democracy, 2.0-Kampagnen, dem Wunsch nach mehr Transparenz und Mitbestimmung durch das Netz? Wo genau verläuft die Linie zwischen (Selbst-) Anspruch und Wirklichkeit dieser neuen Kommunikationswege? Haben wir uns alle getäuscht, ist das Internet in Wahrheit irrelevant für den Ausgang von Wahlen? – Am mangelnden Interesse jedenfalls hat es nicht gelegen.

Und auch nicht an den Themen, betont Gutjahr. Die Netzgemeinde habe nämlich durchaus die richtig wichtigen Themen artikuliert: „Zukunftsthemen wie Netzneutralität, Netzsperren und Datenschutz werden uns schon bald einholen, so wie Waldsterben, Klimaerwärmung und Tsunami das getan haben.“ Also was war es dann, das zur Ignoranz des Wählers geführt hat? Gutjahr hat eine andere Antwort parat: Das Alter ist es. Die Bevölkerungspyramide. Die „Zwischendrin-Generationen 50- und 60-plus“. Sie haben kein Interesse an Experimenten. Sie haben keine Kinder. Ihnen ist das Netz fremd, Neuland halt. Sie sind an Zukunft und neuen Technologien nicht interessiert. Sein Gewährsmann ist Thomas Knüwer. Der hatte schon am Montag in seinem Blog noch schärfer formuliert, „die Wahl in Deutschland [ist] faktisch eine Wahl der Älteren bis Alten“ gewesen, d.h. der über 50 Jährigen. Dagegen: „Das wichtigste Lebensumfeld im Alltag junger Menschen wurde nicht abgebildet.“ Welches ist das „wichtigste Lebensumfeld“? Familie? Freunde? Sportverein? Nein – das Surfen im Netz natürlich. So strickt man neue Legenden.

Schauen wir zunächst die Thesen von Thomas Knüwer genauer an. Abgesehen davon, dass der Ärger über den Wahlausgang fast in jeder Zeile seines Blogposts zu spüren ist, hält er es mit den Daten nicht so genau. Schon die Aussage, mehr als 50 % der Wähler sei über 50 Jahre, stimmt so nicht. Laut Bundeswahlleiter sind es nicht ganz 50 % der Wahlberechtigten. Richtig ist: Es ist mit fast der Hälfte die mit Abstand größte Wählergruppe. Dies mag nur als kleine Ungenauigkeit und Übertreibung durchgehen. Weniger genau ist sein Bezug auf die Zahlen, was die Parteipräferenzen der Jungen (Altersgruppe 18 – 29) angeht. Er verweist auf Daten der Forschungsgruppe Wahlen , die belegen sollen, dass die Themen der jungen Generation, ihre Interessen und ihr Lebensumfeld, keine Rolle spielen.

Dieses Sache mit den jungen Wählern wird umso unwohler, je weiter man ins Detail schaut. Denn welche Parteien haben laut der Forschungsgruppe Wahlen mehr Prozentpunkte in der Altersgruppe 18 – 29 als in der Sektion über 60 Jahren?

Die Grünen. OK.

Die FDP. Ups.

Die AFD. Ups.

Nicht erfasst wurden die Piraten – wir dürfen aber davon ausgehen, dass es dort ebenfalls so aussieht. Sprich: Überdurchschnittlich viele junge Wähler, die ihre Stimme abgaben, sehen diese nicht im Bundestag repräsentiert. Gab es das so schon einmal in der Geschichte der Bundesrepublik?

Fakt ist laut eben dieser Zahlen, dass 34 % der jungen Wähler die CDU gewählt haben, nimmt man die nächste Altersgruppe der 30 – 44 jährigen hinzu, sind es gar 38 %, das liegt gar nicht so weit vom Gesamtwert 41,5 % entfernt. 58 % der jüngsten Altersgruppe haben CDU oder SPD gewählt. CDU und SPD weisen als einzige Parteien einen überproportionalen Anteil älterer Wähler auf. Was die Grünen, Linke, FDP und Afd betrifft, so unterscheiden sich die Prozentzahlen der jungen Altersgruppe von den Älteren gar nicht (alle anderen Altersgruppen) oder nur um 1 Prozentpunkt (über 60). Ein besonderes Wahlverhalten der jungen Wähler im Unterschied zu den Älteren ist hier also gerade nicht zu erkennen. Wie Knüwer zu seiner Schlussfolgerung (Zitat oben) kommt, ist mir schleierhaft.

Offenbar wird hier ein Generationenkonflikt herbei geredet, um einer Auseinandersetzung um Sachthemen auszuweichen. Diesen Eindruck verstärkt Gutjahrs pointierte Weiterführung des Themas Generationenkonflikt: Schuld ist die „Zwischendrin-Generation“. Was meint er damit?

Das Neuland wird nicht von den Digital Natives beherrscht, sondern, wie Thomas Knüwer es bereits in seinem Blog pointiert auf den Punkt gebracht hat, von jenen Alten, die noch überwiegend ohne Internet aufgewachsen sind. Ein Blick auf die Bevölkerungspyramide zeigt, dass das vermutlich auch noch für die nächsten beiden Bundestagswahlen der Fall sein wird. Dieses Klientel sitzt auf Vermögen, das es zu verteidigen gilt. Die „Zwischendrin“-Generationen 50- und 60-plus haben kein Interesse an Experimenten. Sie wissen, sie werden von den Vorzügen der neuen Technologien nicht mehr profitieren, zumindest nicht aktiv. Da immer weniger von ihnen Kinder haben, interessieren sie sich auch nur bedingt dafür, was nach ihnen kommt.

Mal abgesehen davon, dass das mit dem Keine-Kinder-haben weniger die Jahrgänge nach 1960 betrifft (nach dem Pillenknick geht es mit der Geburtenrate Ende der 70er Jahre erst einmal wieder aufwärts), sondern in weitaus stärkerem Maße für die nach 1970 Geborenen zutrifft (in deren Fertilitätsphase sackt die Geburtenrate noch einmal kräftig nach unten), ist das unterstellte Desinteresse an Zukunft doch reichlich infam.

Google zum 15. Geb.

Google Doodle zum 15. Geb.

Es wäre interessant zu erfahren, auf welche Erfahrungen sich Gutjahrs Zuspitzung stützt, die „Zwischendrin-Generation“ 50- und 60 plus sei nur an der Verteidigung ihres Besitzstandes interessiert, wolle keine Experimente und sei an den „Vorzügen“ der neuen Technologien und an dem, „was nach ihnen kommt“, schlicht nicht mehr interessiert. Es soll ja tatsächlich noch Großeltern geben, die sich für die Zukunft ihrer Enkel interessieren und sogar zunehmend fleißig „Internet“ lernen und in sozialen Medien kommunizieren. Zunächst klingt das aber sehr vorurteilsbehaftet und sehr pauschal nach dem Stereotyp der sauertöpfischen Alten, die nur noch an sich selbst und ihre bescheidene Lebenserwartung denken. Da soll Richard Gutjahr doch einfach mal einige dieser „Alten“ fragen, was sie von seinen Thesen halten! Wirtschaft und Einzelhandel haben dagegen die Zielgruppe der gut situierten, lebenslustigen Senioren-Konsumenten längst äußerst ertragreich ins Visier genommen.

Es spricht schon eine ganze Menge Unkenntnis und Unverfrorenheit gegenüber dem Zusammenspiel und den Unterschieden der Generationen aus diesen  Thesen. Jedenfalls wirken sie doch arg konstruiert und an den Haaren herbei gezogen, weil einem offenbar sonst nichts Gescheites dazu einfällt. Diffamierung ist auch eine Art von Wählerbeschimpfung, und zwar keine noble und schon gar keine begründete.

„Dazu“ – damit meine ich das Thema Netz und digitale Wirklichkeit, also das, was Gutjahr recht euphorisch mit den „Vorzügen der neuen Technologien“ meint. Ob er dabei heute, am 15. Geburtstag von Google, an die „asymmetrischen Mächte“ der „Informationsökonomie“ denkt? Frank Schirrmacher weiß dazu einiges zu sagen an Chancen, aber auch gewaltigen (asymmetrischen) Risiken. Oder denkt er dabei an Apples schöne neue (geschlossene) Welt? Oder an die NSA, die sich laut ihres Chefs Alexander damit brüstet, Amerika habe das Internet geschaffen, jetzt könne es dieses auch ausnutzen wie es wolle? Oder meint Gutjahr mit den wichtigen Zukunftsthemen auch das (zitierte) Thema Netzneutralität, aber bitteschön doch so genau und ausführlich als Problem dargelegt und erfasst (siehe Richard Sietmann bei Heise), dass man hier schwerlich nur zu einer Schwarz-Weiß-Malerei kommen kann? Immerhin, Datenschutz wird von Gutjahr als wichtiges Zukunftthema wenigstens erwähnt. Manche Älteren dürften in dieser Hinsicht sehr viel sensibler und (begründet) zurückhaltender sein als manche Junge, die (angeblich) alles Technische geil finden. Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein gerne bemühtes, dennoch falsches Stereotyp. Stereotypen und Vorurteile – und erst recht primitive Schuldzuweisungen bringen einen hier kaum weiter.

Vielleicht wäre es tatsächlich angesagt, inhaltlich zu diskutieren, in welcher Welt wir in der digitalen Gegenwart und Zukunft eigentlich leben wollen. Es ist die einfache Begründung Edward Snowdens für sein Tun, dass er in einer Welt, wie er sie in seiner beruflichen geheimdienstlichen Praxis kennen gelernt hat, nicht leben möchte. Darüber wäre es sinnvoll zu diskutieren. Welche Welt wollen wir für uns und unsere Nachkommen? Welche Bürgerrechte sollen gelten? Wieviel Privatheit, wieviel Respekt gegenüber der Person ist unerlässlich? Wie kann man die Asymmetrie von big data ausgleichen und unter Kontrolle bringen? Wie kann nun nachträglich verhindert werden, dass „die schöne neue Welt der NSA nichts anderes [ist] als Wal Mart plus staatlichen Gewaltmonopols minus politischer Kontrolle“, wie Schirrmacher treffend formuliert? Wie also lassen sich die gewaltigen Potentiale der neuen Techniken demokratisch einhegen und zum Nutzen aller (Bildung!) einsetzen, und zwar unter der Geltung des Rechts und der Freiheit, national wie international?

Fragen über Fragen, und wahrlich genug wichtige Zukunftsthemen. Ich bin sicher, dass daran sehr viele Menschen, Bürger, Wählerinnen, egal welchen Alters, interessiert sind. Diese Themen sind bisher kaum ausreichend und über die Grenzen der digital natives hinaus kommuniziert worden. Dafür wird es aber höchste Zeit. Das ist nicht nur ein Problem für die großen Parteien wie die SPD, das ist schon gar nicht bloß ein Problem für Randgruppen wie die Piraten, und das ist erst recht kein Problem, das nur die Jungen interessiert und die Älteren ausschließt. Das alles ist als gesellschaftliches Thema dran und gehört in die Öffentlichkeit, in Diskussion, Information, Rede und Gegenrede. Raus aus dem Käfig der „Netzgemeinde“ !

Lieber Thomas Knüwer, lieber Richard Gutjahr, liebe N.N., ihr habt es euch einfach zu leicht gemacht. Ihr seid zu oberflächlich. Das war nicht ausreichend. Setzen. Noch einmal neu nachdenken.

 27. September 2013  Posted by at 16:14 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , , ,

  One Response to “Legenden über Alter, Netz und Filterbubble”

  1. Nun ja, diese politisch Legenden…..
    Es kommt in unserer digitalen Zeit so ein Sehnen auf, bescheiden das Leben mit jungen und älteren Mitmenschen zu teilen und wieder bei sich selbst anzukommen – trotz realer virtueller Irrwege. http://psychopathologisch.blogspot.de/2013/10/der-gereifte-kann-seine-blatter-zeigen.html
    https://plus.google.com/111634746643816111742/posts/BaBR78zNZyL

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