Jan 042014
 
[Politik]

Neulich regte sich ein süddeutscher „Sprachwissenschaftler“ in der FAZ darüber auf, die Süddeutschen würden sprachlich benachteiligt. „Der Diskriminierung süddeutscher Sprachfärbungen sei entgegenzuwirken.“ Einige Lesermeinungen griffen das zustimmend auf. Süddeutschland gehöre sprachlich und wirtschaftlich zur Schweiz, und das könne in Zukunft auch so kommen. Was dazu wohl die Schweizer sagen würden, wenn sie der „große Kanton“ im Norden überrennen bzw. übernehmen wollte?

Klar, nur an einem nachrichtenarmen Feiertag (26.12.) kann es solch eine „Nachricht“ in die Zeitung schaffen. Man kann amüsiert darüber hinweg gehen, sich aber wundern, mit welcher Verve dieses Non-Thema aufgegriffen wird – und gleich wieder als allzu abstrus verschwindet. Eines zeigt es aber an: Regionalismus ist „in“.

Man könnte den Faden weiter spinnen und fragen, wo die Grenzen zwischen Regionalismus, Separatismus, Sezessionismus liegen. Was hierzulande kaum eine Rolle spielt (allenfalls in Feuilleton und Comedy, „Schwaben in Berlin“ zum Beispiel), ist in Spanien (Baskenland und Katalonien), in Großbritannien (Schottland) und Belgien (Flandern / Wallonien) ein ernstes Problem. Dort spielt ein verspäteter Nationalismus hinein, wie er auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall Jugoslawiens zum Ausbruch kam und zu heftigen Kriegen auf dem Balkan führte. Das Miteinander der nationalen „Entitäten“ ist dort immer noch fragil, letztlich nur durch Apartheid (räumliche Trennung) gelöst.

Zugleich ist die Idee „Europa“, also die Idee einer über die Nationen hinausgehende Identität vereinter europäischer Völker lange nicht so wenig attraktiv gewesen wie heute. „Brüssel“ ist ein Stichwort für abschreckende transnationale Bürokratie, und die Briten, zumindest in großen Teilen, sprechen nur öffentlich und politikwirksam aus, was manch andere in anderen Teilen Europas ebenfalls denken: Weniger EU wäre „für uns“ besser, wobei das „für uns“ die nationale Eigenstaatlichkeit oder eine besondere Region oder auch ein besonderes Klientel meinen kann.

Bis zum Erweis einer besseren Alternative bleiben solche wenig europafreundlichen Strömungen aber nur Randerscheinungen, zumindest derzeit noch bei uns (AfD). Der Euro hat allerdings vor allem in diesen kritischen Jahren eher weniger als mehr zum Bewusstsein der Einheit Europas beigetragen. Was ein fulminantes Erfolgsmodell hätte werden können (und in vielen Hinsichten immer noch ist), krankt an vielen gravierenden Konstruktionsfehlern. Das sehen wir heute sehr viel deutlicher als bei seiner Einführung. Reparaturen sind aufwändig und nicht kostenlos zu haben (siehe den interessanten Denkanstoß von Ulrich van Suntum).

Europaparlament

Europaparlament Straßburg (Wikimedia)

Man könnte sich zurück lehnen und nüchtern feststellen, dass nach einer (nachkriegsbedingten) Zeit des Strebens nach supranationaler Einheit („europäische Idee“, EU-Verfassung) heute eine (krisenbedingte) Zeit nachlassenden Einheitsstrebens dran ist, wo sich die wirtschaftlich Stärksten am liebsten nur auf die eigene Kraft verlassen und allein weiter kommen möchten. Das Auseinanderdriften hat insofern klar eine wirtschaftliche und soziale Komponente. Das ist sogar hierzulande an dem immer wieder neu aufbrechenden Streit um den Länderfinanzausgleich erkennbar.

An diesem letzten Beispiel lässt sich auch ablesen, dass solche regionalen Befindlichkeiten und insgeheim sezessionistischen Stimmungen („Bayern allein könnte es doch viel besser“) oft genug durch Wahlkampfstrategien angetrieben werden. Das gilt in mancher Hinsicht auch für die erstrebte Unabhängigkeit Schottlands. Aus Stimmungen sollen Stimmen werden, ein fatales, populistisches Spiel. Es wird aber heute gerne in vielen Ländern Europas gespielt; es ist ein Spiel mit dem Feuer.

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Mit der Gründung der Europäischen Union haben europäische Staaten eine Lehre gezogen aus einem Jahrhundert zweier Kriege (plus dem Kalten Krieg), die Europa verwüstet und unendlich viel Leid und Opfer gekostet haben. Es ist mir bewusst, dass Menschen selten aus der Geschichte lernen, und schon gar nicht über Generationen hinweg. Umso wichtiger ist es heute, Zukunftsperspektiven für die europäischen Länder und Völker zu entwickeln. Das ist entschieden mehr als Krisenbewältigung und Rettung des Euro. Es bedeutet, den Nutzen und Sinn der europäischen Einigung für alle Beteiligten heraus zu arbeiten und konkrete politische Ziele für Europa als Ganzes zu formulieren. Darum sollte es bei den Euopawahlen im Mai gehen.

Die europäische Idee muss in gewisser Weise wiedergeboren werden. Es wird eine neue Idee sein. Sie wird den Eigenheiten und Besonderheiten der Regionen und Nationen in viel stärkerem Maße Ausdruck verleihen müssen. Es wird darum zu Reformen im europäischen Vertragswerk kommen müssen. „Mehr Europa“ heißt dann zugleich „mehr für das Eigene“, denn nur in einem starken Europa werden auch die einzelnen Mitglieder und ihre Regionen stark und selbstbewusst sein können.

Sonst endet Europa als irgendeine Provinz westlich von Russland und China.

 4. Januar 2014  Posted by at 13:57 Europa, Politik Tagged with: , , ,

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