Jan 302014
 

[Geschichte]

Es ist offenbar gut, dass unsere Wahrnehmung und unser Verstand auf die Gegenwart und auf die allernächste Zukunft ausgerichtet sind. Das hat sich zum Überleben als das Wichtigste erwiesen. Dennoch ist der Mensch auch in der Lage, einen Zukunftsentwurf seines Lebens zu machen und Pläne zu schmieden, sich überhaupt die Zukunft vorzustellen, mal ganz abgesehen von der Wahrscheinlichkeit der Realisierung. Möglicherweise ist dies sogar etwas, was Menschen von intelligenten Tieren unterscheidet. Zugleich pflegen wir unsere Erinnerungen, betrachten wir die Vergangenheit und erforschen die Geschichte. Sich um Herkunft und Zukunft zu kümmern, erscheint uns zumindest persönlich als ganz natürlich.

Wenn es um politische Geschichte geht, ist Erinnerung fast stets von einem Zweck in der Gegenwart bestimmt. „Nie wieder Krieg“, „den Holocaust als beispielloses Verbrechen niemals vergessen“ sind solche Topoi, deren Motivation in der Gegenwart liegt und die aktuelles politisches Handeln prägen und begründen sollen. Ob damit eine wirklich genaue Ursachenforschung und Klärung der Entstehungsbedingungen vergangener Ereignisse verbunden ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ob man also aus geschichtlichen Ereignissen und „Tatsachen“ wirklich lernen will und kann, ist eine offene Frage. Schon das Feststellen dessen, was denn „Tatsache“ war, ist eine Frage heutigen Standpunktes und gegenwärtiger Interessen (darum die Anführungszeichen). Insofern ist Geschichte immer auch eine Konstruktion.

Dennoch scheint es umso wichtiger zu sein, geschichtliche Ereignisse möglichst nüchtern zu klären und zu betrachten, je weiter sie entfernt sind und je mehr sich mögliche Parallelen zur Jetztzeit aufdrängen. Die zunehmende zeitliche Entfernung sichert das Zurücktreten heutiger Interessen bei der Untersuchung geschichtlicher Ereignisse, zugleich zeigt sich jeweils die Besonderheit und Einmaligkeit einer geschichtlichen Situation, die direkte Parallelisierung verbietet. Aber Linien und Typen des Verhaltens können sich sehr wohl ausmachen lassen, die dann für die Gegenwart Gewicht bekommen können.

Und noch eines leisten geschichtliche Untersuchungen: Sie können die Auffassung jeder Gegenwart relativieren, so gut / schlecht / gefährlich / hoffnungsvoll wie heute sei es noch nie zuvor gewesen. Das gilt sowohl für die politische wie für die kulturelle Geschichte insgesamt. Es gilt dabei, aus der jeweiligen Aktualität geborene Legenden aufzuarbeiten (und zu widerlegen) und eine Wahrnehmung für größere Zusammenhänge zu entwickeln, die sich erst mit der Zeit deutlicher zeigen. Einhundert Jahre sind einerseits viel, auf historische Epochen gesehen jedoch noch ein kürzerer Zeitraum. Dennoch ist ein rundes Datum wie das des kontinentalen Kriegsbeginns im August 1914 ein guter Anlass, sich sowohl über den heutigen Stand der historischen Forschung als auch über mögliche „Lehren“ oder besser Parallelen zu späteren Ereignissen oder gar zu Heute aufklären zu lassen.

In einem Interview mit dem Berliner Politikwissenschaftler und Kriegsforscher Herfried Münkler (Andreas Kilb in der FAZ vom 28.01.2014) über Ursachen und Zusammenhänge des Ersten Weltkriegs fand ich folgende Ausführung:

In Ihrem Buch bezeichnen sie den Ersten Weltkrieg sowohl als Kompendium für all das, was man in einem Krieg falsch machen kann, als auch als Laboratorium des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Kann man beides zusammendenken?

Ein Laboratorium ist dieser Krieg, wenn ich ihn über die vier Jahre hinweg mit Blick auf seine technischen Errungenschaften betrachte. Ein Kompendium ist er, wenn ich ihn rückschauend analysiere. Was wir aus ihm zu lernen haben, ist, dass Fritz Fischers These von der deutschen Allein- oder Hauptschuld ihre geschichtspolitische Berechtigung gehabt haben mag, diese Sicht inzwischen aber auch geschichtspolitisch falsch ist, weil sie von dem eigentlichen Lernergebnis ablenkt. Die wilhelminische Gesellschaft ist in ihrer politischen Naivität in mancher Hinsicht vergleichbar mit bestimmten Gruppierungen der heutigen bundesdeutschen Gesellschaft, die nicht bereit sind, sich den Paradoxien der Politik zu stellen. Man hält die Reinheit der Gesinnung, die Aufrichtigkeit, die Gutherzigkeit der Absichten teilweise wieder für den Schlüssel zum richtigen politischen Handeln und ist nicht bereit, vom Ende her zu denken. Man kann den Ersten Weltkrieg als Verkettung von Fehleinschätzungen, Missgriffen, Illusionen und gutgemeinten Irrtümern denken. Das meine ich mit Kompendium: ein Lehr- und Warnstück gegen eine Politik, die glaubt, durch Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit werde schon alles gut werden.

Das bringt mich zu Überlegungen über die konkrete Bedeutung von Geschichte, insbesondere politischer Geschichte, Gegenwartsverantwortung und Zukunftserwartung. Münkler legt den Finger in eine Problemstelle unserer politischen (netz-) öffentlichen Diskussionen, sich lieber an Illusionen als an Realitäten zu halten. Die öffentlich kultivierte „Gesinnungsethik“ (Max Weber) verbunden mit einer möglichst korrekten „Erinnerungskultur“ tragen mehr zur Legendenbildung als zur Aufklärung bei. Münklers Hinweis auf die vergleichbare „Naivität“ der Wilhelminischen und unserer heutigen Gesellschaft lässt aufmerken. Gut gemeint ist selten gut gedacht und niemals gut gemacht – oder das Bonmot „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“. Demnach wäre ein großer Teil der öffentlichen Diskussionen, Aufgeregtheiten und Betroffenheiten wohl faktisch nicht „gut“, weil nur „gut gemeint“.

Oberste Heeresleitung 1918 in Avesnes (Wikimedia)

Oberste Heeresleitung 1918 in Avesnes (Wikimedia)

Wenn die Fragen militärischer Fähigkeiten und Ausrüstung, weltpolitischer (Macht-) Instrumente und wirtschaftlicher Interessen einschließlich der Energiepolitik zu Fragen des persönlichen Bekenntnisses und der reinen Gesinnung werden, dann hat sich die „Politik als Kunst des Möglichen“ (Bismarck), also Pragmatismus (Böll) und Realpolitik, längst verabschiedet. Das tut weder uns Deutschen in der Mitte Europas noch unserer politischen Debattenkultur im Lande gut – von kluger Regierungspolitik ganz zu schweigen. Den Unterschied markierte der sonst so beliebte und geschätzte Altkanzler Helmut Schmidt, als er angesichts der Aufregungen über die Überwachungstätigkeiten der Geheimdienste dazu mahnte, gelassen zu bleiben und mit den Realitäten zu leben. Das wurde in der (Netz-) Öffentlichkeit nicht so goutiert.

Ein paar grundsätzliche Dinge werden gern außer Acht gelassen. Nationalstaaten, wie wir sie kennen, sind eine neuzeitliche Erscheinung, die wohl kaum Ewigkeitswert hat. Die Redeweise von „failed states“ zeigt unser Unvermögen, mit nicht-staatlichen Konglomerationen umzugehen. Supranationale Großmächte (Russland, China, Indien) haben von ihren „Nationalitäten“ sowieso etwas andere Vorstellungen. Die EU ist dabei ein modernes Gebilde ganz eigener Art, und wahrscheinlich deshalb so angreifbar und (derzeit) unbeliebt, aber wahrscheinlich das interessanteste staatliche Projekt neuerer Art. Ob es Bestand hat, wird sich zeigen. Denn auch Grenzen und Hoheitsgebiete sind nicht unveränderlich. Bislang wurden und werden Grenzen meist gewaltsam verändert (Kriege). Eine große Ausnahme davon war die osteuropäische Neugestaltung nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Welche Transformationen der Staatlichkeit in Zukunft möglich sind und welche Rolle dabei die wirtschaftlichen und technischen Eliten spielen werden, ist nicht absehbar.

Das ist der zweite Hinweis, der mir immer wieder einfällt: Uns scheint heute oft die Bewältigung der Zukunftsfragen eine rein technologische zu sein, unabhängig davon ob es sich dabei um die umfassende Vernetzung („Internet der Dinge“) einschließlich der Kontrolle und Macht über die Daten handelt, oder ob es um Energiegewinnung, Mobilität, Gesundheit und Ernährung geht. Dagegen zeigt sich immer deutlicher, dass ein gut Teil unserer heutigen Weltprobleme (Klima, Armut, Fehlernährung) mit der industriellen Produktions- und globalen Wirtschaftsweise zu tun haben. Natürlich gibt es auch den Segen technischer Errungenschaften. Aber Technik und Ökonomie bleiben äußerst zwiespältig in ihren globalen und (in)humanen Auswirkungen. Schon deswegen bleibt Nüchternheit und Gelassenheit angesagt, sowohl gegenüber geschichtlichen Verklärungen oder „Erinnerungskulturen“ als auch gegenüber allzu großen Hoffnungen auf die Lösung aller Nöte durch entsprechende Technologien.

Sogar die USA werden als Großmacht nicht ewig bestehen, obwohl das der frühere US-Botschafter Kornblum jüngst bei Günter Jauch (ironisch) meinte. Das Spannendste in der Geschichte (und beim Interesse an der Geschichte) ist die ungeheure Dynamik ständiger Veränderungen. Ein Menschenleben ist für die Wahrnehmung solcher Veränderungen viel zu kurz. Wer allerdings seinen Enkelkindern heute erzählt, ihre Urgroßeltern hätten in ihrer Jugend weder Autos noch Fernreisen noch gar TV, Handys oder Internet gekannt, wird ungläubiges Staunen ernten. Geschichte und Geschichtsbewusstsein gehören zum wichtigsten Reservoir kulturellen Wissens. Wenn wir heute oft Geschichte vergessen oder bloß ausschnittsweise für unsere aktuellen Zwecke einspannen, ist das ein Zeichen für Arroganz gegenüber früherer Wirklichkeit und ein Verkennen der Relativität von Menschen, Mächten und Gestalten.

Geschichte wiederholt sich nie, nicht weil man so gut aus ihr lernt, sondern eher im Gegenteil: Weil sich die Ausgangsbedingungen stetig ändern und man zu wenig beachtet, dass der Mensch dahinter – derselbe bleibt. Streben nach Macht und Glück, – Hoffnungen, Illusionen, Enttäuschungen, Überheblichkeit und Vorurteile sind immer wieder die entscheidenden Triebkräfte für geschichtliche Veränderungen. Darum ist es wohl sehr angemessen, im aktuellen Falle den Ersten Weltkrieg mit Münkler als Kompendium menschlichen Verhaltens und Lehrstück der Geschichte zu begreifen.

 30. Januar 2014  Posted by at 15:30 Europa, Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , ,

  One Response to “Wahrnehmung der Geschichte”

  1. Deine Gedanken zur Notwendigkeit geschichtlichen Bewusstseins finde ich sehr wertvoll. Gerade hier im deutschen Raum erlebe ich eine Art von Unfähigkeit oder Unwillen, die Geschichte, die sich im europäischen Raum im Zusammenhang mit deutscher Politik abgespielt hat, sich bewusst zu machen. In dieser Hinsicht stimme ich mit dem österreichischen Publizisten Friedrich Heer überein, der den Deutschen schon 1978 bescheinigt hat, dass sie sich in ein geschichtsloses „Jetzt“ verkrochen hätten (siehe Einleitung zu meinem Buch „Von der Seele zum Geist“ http://jurgensp7.blogspot.no/ ) Zugleich aber muss gesagt werden, dass es mit einem blossen Aufarbeiten des „Faktischen“, wobei das an sich schon schwierig ist, nicht getan ist. Die Art der Geschichtsbetrachtung hängt immer mit dem eigenen Bewusstsein zusammen, und aktive Geschichtsbetrachtung kann gar nicht anders, als geschichtliche Perioden in Zusammenhang zu sehen mit Perioden der Bewusstseinsentwicklung. Die jeweiligen mentalen Paradigma einer Periode sind sehr wirksam. Schauen wir nur nach Davos, wo die Reichen mit den von ihnen bestallten Politikern zusammensitzen und Berichte lesen, die unmissverständlich auf die Probleme des neuliberalen Kapitalismus hindeuten. Aber was sie wissen oder erkennen, möchten sie sicher nicht der breiten Masse kundtun, sondern eher weiter an den mentalen Paradigmen unserer Zeit stricken, die die „public opinion“ steuern, auf dass der Kapitalismus, der Menschheit und Erde ausbeutet, noch eine Weile weitermachen kann.
    Jürgen

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