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Illusionen

[Gesellschaft]

Jede Gesellschaft lebt auch von ihren Hoffnungen und Wünschen. „Auch“, das heißt, dass eine Gesellschaft zunächst einmal von dem getragen wird, was sie eint, zum Beispiel eine bestimmte Sprache und Kultur, und von dem, was sie am Leben erhält, also von ihrer Wirtschaftskraft. Die Stimmung in einer Gesellschaft wird aber durch sehr viel mehr geprägt als nur durch ihre materielle Basis. Dazu gehören geschichtliche Erfahrungen, überlieferte Denkweisen, Mentalitäten gewissermaßen, die sich eben auch in Wünschen und Träumen äußern. Wenn diese genügend ausgeprägt und verbreitet sind, können sie sogar in konkrete politische Willensäußerungen und Projekte münden. Und wie es die meisten Hoffnungen, Wünsche, Träume im Leben des Einzelnen so an sich haben, so trifft es auch für eine Gesellschaft als ganze zu: Wunschträume müssen nicht unbedingt einen Realitätsbezug haben. Es handelt sich dann eher um Illusionen, die sich eine Gesellschaft über sich selber macht. Diese können weitreichende praktische Folgen haben. Im Folgenden zähle ich einige Illusionen auf.

1.) Die Energiewende. Dieses Super-Projekt hat in Deutschland ein völlige Veränderung der Energieversorgung in die Wege geleitet mit äußerst ambitionierten Zielen. Die Energieversorgung soll durch den Verzicht auf Atomkraft nicht nur sicherer werden, sondern umweltfreundlicher und klimaschonender, anfangs war auch von billiger die Rede. Die Politik konnte sich darin bisher von einer breiten gesellschaftlichen Zustimmung bestätigt sehen. Inzwischen kann man allerdings wissen – wenn man es denn möchte -, dass die meisten dieser Ziele leere Hoffnungen und pure Illusionen sind. Deutschland ist demnächst eine AKW-freie Zone inmitten eines europäischen Energieverbundes, der nach wie vor auf Kernenergie setzt und Kernenergie teilweise ausbaut (Finnland, Polen, Baltikum). Eine CO2-Verminderung ist in weiter Ferne, da der Ersatz des Atomstroms wesentlich durch fossile Kraftwerke (Grundlast Braunkohle, Steinkohle, Gas) geschieht. Biomasse-Kraftwerke tragen die Kennzeichnung als „grüne“ d.h. „gute“ Energie völlig zu Unrecht, ihre Ökobilanz ist verheerend. Bleiben Wind- und Solarkraftwerke. Die Ausbaugeschwindigkeit ist durch die Anreize des EEG beeindruckend, die Auswirkungen sind allerdings eher zwiespältig, solange sowohl neue Stromtrassen als auch komplett regelbare Stromverbünde innerhalb Europas fehlen. Bislang fließt überflüssiger Strom dorthin, wo noch freie Kapazitäten sind, umgekehrt muss Strom dann von auswärts zugekauft werden, wenn Wind und Sonne mal Pause machen. Und Stromerzeugung ist nur ein Teil des Energiebedarfs, für Heizung und Industrie hat sich die Abhängigkeit von Kohle und Gas noch verstärkt. Die gerade kritischen Beziehungen zu Russland machen das erneut deutlich. Insgesamt hat die Energiewende zu einer erheblichen Verteuerung geführt, die dank EEG umso stärker wird, je billiger Strom am freien Markt wird. Will sagen: Die Energiewende ist ein hochkomplexes Geschehen, das offenbar nur in gewissen Grenzen steuerbar ist – und von vielen Profiteuren auch gar nicht gesteuert bzw. begrenzt werden will. „Saubere“ Energie, die sicher und bezahlbar ist, die die Umwelt schont und den CO2-Ausstoß verringert, ist bisher eine pure Illusion. Sie wird weiterhin gerne gepflegt.

2.) Der Pazifismus. „Frieden schaffen ohne Waffen“ war ein schönes Motto der achtziger Jahre. Es hat sich offenbar ins Unterbewusstsein unserer Gesellschaft eingebrannt, unabhängig davon, wie die Weltläufe sind und wie realistisch dieser Traum ist. Denn um einen Traum handelt es sich, der, wenn er zur Richtschnur politischen Handelns wird, zu einer gefährlichen Illusion wird. Die Gegenposition ist nicht Kriegstreiberei, wie oft zynisch unterstellt wird, sondern Realpolitik, die die gegebenen Kräfte, Mächte und Interessen nüchtern berücksichtigt. Wenn die gesellschaftliche Stimmung meint (wie derzeit in Teilen der öffentlichen Meinung bezüglich Russland / Ukraine), „Raushalten“ wäre eine kluge Option, so wird dabei nicht zu Ende gedacht. Wir sind auf Partner angewiesen und auf wechselseitige Solidarität. Wenn in Europa seit sechzig Jahren zwischen den Nationen das Recht regiert und nicht Gewalt, wenn Verhandlungen und Interessenausgleich zu Verträgen führen und diese Verträge belastbar sind, dann spiegelt das zum einen die bösen Erfahrungen in der europäischen Geschichte des vorigen Jahrhunderts wider, zum anderen beruht der Erfolg darauf, dass sich alle an die Spielregeln halten. Schert einer aus, ist das europäische Befriedungssystem als ganzes gefährdet. Ist dieser eine eine Großmacht im Osten, dann hilft nicht mehr nur der Verweis aufs Völkerrecht oder auf Verträge, sondern der glaubwürdige Wille und die entschlossene Bereitschaft, die eigenen Rechte und Werte zu behaupten und Übergriffen, die auf Waffengewalt setzen, mit entschiedenen Maßnahmen zu begegnen. Wo Machtanspruch gegenüber dem Rechtssystem auftritt, bedarf es glaubwürdiger Gegenmacht. Ein Verteidigungsbündnis als Papiertiger braucht niemand. Das nicht wahrhaben zu wollen, ist eine der gefährlichen Illusionen.

DBP 1981
Deutsche Bundespost 1981 (Wikimedia)

Noch eine grundsätzliche Bemerkung zu diesem „heißen“ Thema. Es gerät in einer Gesellschaft, die von Wohlstand, hohem Lebensstandard und einem verlässlichem Rechtssystem geprägt ist, leicht aus dem Blick, dass dies alles nicht selbstverständlich ist. Demokratie, ein internationales Rechtssystem, Verträge, die die europäischen Länder in der EU zusammen führen und Interessenausgleich bewirken, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Rechtsstaat im Innern – all das ist heute ein westeuropäischer Standard, der seinesgleichen sucht. Er ist geschichtlich ziemlich einmalig. Und Europa mit der Kern-EU lebt damit wie auf einer Insel in einem sehr rauen Weltmeer. Autoritäre bis diktatorische Regierungsformen sind viel verbreiteter, fast der Normalfall, von schlimmeren ganz zu schweigen. Rechtssicherheit gibt es nur in europäischen Staaten bzw. in Ländern, die aus der europäischen Tradition schöpfen (USA, Kanada, Australien, Neuseeland). Viele aufstrebende Staaten teilen dieses Vertrauen auf das Recht und auf friedlichen Interessenausgleich nicht oder nicht im gleichen Maße. Und der Machtkampf um Ressourcen, auch mit Waffengewalt, halt längst begonnen. Er droht sich künftig massiv zu verstärken. Es ist eine der unglaublichsten Illusionen zu meinen, „die Welt“ würde sich nach unseren Wünschen, Träumen und Maßstäben richten.

3.) Das führt direkt zum dritten Beispiel von „Illusionen“: Der Selbstgerechtigkeit und Selbstgenügsamkeit. Unser vergleichsweise hoher Wohlstand, die starke Wirtschaftskraft Deutschlands, die Fähigkeit im friedlichen Austausch der Waren und Meinungen und des Ausglkeichs der Interessen in Europa leben zu können, beruht auf dem obersten Wert des Miteinanders, der Gemeinschaft zwischen den europäischen Ländern (die EU hieß ja zuerst EWG) und der gegenseitigen Solidarität. Es ist eine völlige Verkennung der Wirklichkeit und auch der partnerschaftlichen Verpflichtungen, sich in (ökonomisch) schwierigeren Zeiten auf sich selbst zurück ziehen zu wollen. „Exportweltmeister“ ohne wirtschaftliche und finanzielle Solidarität, das geht nicht, geht auf Dauer nicht gut. Wenn man ein Wohlstandsgefälle wie das innerhalb Europas nie ganz vermeiden kann, müssen Ausgleichsmaßnahmen her, die den leistungsmäßig Zurückbleibenden den Anschluss ermöglichen. Klar kostet das Geld, viel Geld. Den wirtschaftlich schwächeren Ländern sind dabei auch erhebliche Eigenleistungen (Strukturreformen) zuzumuten. Aber letztlich muss es auch so etwas wie gemeinschaftliche Risiken und gemeinschaftliche Verpflichtungen, sprich: Schuldengemeinschaft, geben. Alles andere wäre eine Illusion. „Mia san mia“ mag im bayerischen Fußball passen, aber sonst nirgendwo.

Es gibt noch mehr solcher Illusionen in unserer Gesellschaft, zum Beispiel die von völliger Chancengleichheit, überhaupt von egalisierender „Gerechtigkeit“, dem Allheilmittel „Transparenz“ und der Verwechslung von Volksnähe und Populismus. Die Illusion über das „Wunder des Netzes“ ist gerade geplatzt, gottseidank, denn jetzt kann man die Netztechniken und Möglichkeiten sehr viel realistischer einsetzen und nutzen – und auch begrenzen. Das Zerplatzen von Illusionen kann in anderen Bereichen sehr viel schmerzhafter sein und ungute Auswirkungen haben. Eine enttäuschte und sich über sich selbst täuschende Gesellschaft fällt allzu leicht in neuen Irrationalismus. Denn wenn es kompliziert und unangenehm wird, dann schlägt die Stunde der Vereinfacher und Verführer. Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt.

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2 Antworten auf „Illusionen“

„Wer glaubt eine Illusion abgelegt zu haben, sich aus einer befreit zu haben, sogar nun endlich frei von jeder Illusion zu sein, der hat bloß noch nicht erkannt, in welchen Illusionen er augenblicklich feststeckt und welche er sich neu auferlegt hat, zum Beispiel: Die Illusion der Illusionsfreiheit.“

Aus: Dehn, Stefan: Gedankentagebuch Februar 2014: Die Entdeckung der Weltformel 0=1

Schon recht, das klassische Paradox: Eine begründete Meinung zu haben heißt, Vorurteile abzulegen. Das erste Vorurteil ist, eine begründete Meinung zu haben. Oder: Alle Kreter lügen, sagte der Kreter.
Du verstehst: Es geht mir nicht um Illusionsfreiheit, sondern darum, sich wenigstens einiger beharrlicher oder gefährlicher Illusionen zu entschlagen.

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