Apr 122015
 

[Medien]

Die Tageszeitungen experimentieren in der digitalen Welt. Sie müssen, denn „Print“ reicht nicht mehr. Tendenziell wird es künftig nur noch ein Anhängsel sein. Mir geht es hier nicht um eine Sichtung der vielen Analysen und Prophezeiungen über die erwartbare Zukunft der Tageszeitungen, sondern um einen Erfahrungsbericht. Ich war immer ein eifriger Zeitungsleser und bin es noch. Aber die Art und Weise der Lektüre hat sich doch sehr verändert. Das Angebot der Tageszeitungen kommt da mit meinen Erwartungen und Wünschen nicht mit. Vielleicht geht es anderen auch so. Darum schreibe ich mal über meine Wünsche und meinen Frust mit den überregionalen Tageszeitungen in der digitalen Welt. Meine Eindrücke beziehen sich vor allem auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und auf die Süddeutsche Zeitung. Die Webseiten anderer Zeitungen und Magazine nutze ich gelegentlich.

Zu Beginn dieses Monats hat die Süddeutsche (SZ) einen Relaunch im Netz gestartet. Vollmundig hieß es, künftig wolle man das News-Portal SZ.DE, die Zeitung und das Magazin digital unter einem Dach anbieten. Ich habe das mit einem zweiwöchigen Probeabo getestet und fest gestellt: Das Layout ist tatsächlich einheitlicher, übersichtlicher und ansprechender geworden. Bedauerlich und enttäuschend ist, dass es sich nur um ein neues Layout handelt. „Unter der Haube“ ist alles beim Alten geblieben. Es bleibt bei der traditionellen Trennung:

– Neuigkeiten und einige redaktionelle Artikel mit Videos auf dem SZ.DE – Portal, kostenfrei
– Digitale Zeitung auf der Basis der Print-Ausgabe, starr im 24-Stunden-Takt, kostenpflichtig.
– digitale Abo-Alternativen nur täglich oder monatlich.

++++ Digitales Abo betrifft alle Erscheinungsweisen, also Web-App und Tablet / Smartphone gemeinsam.

—– sehr lange Ladezeiten der SZ-Zeitungs-App (Tablet).

—– Artikel der digitalen Print-Ausgabe lassen sich direkt weder drucken noch über Email teilen. Ein digitaler „Zettelkasten“ wird dadurch unnötig schwer gemacht (cut&paste).

Das ist insgesamt entschieden zu wenig Veränderung. Es ist nur ein kleiner Trippelschritt hin zu digitalen Angeboten mit echtem Mehrwert.

SZ.DE

Süddeutsche digital

Die FAZ verfolgt ein ähnliches Modell, ist im Layout aber etwas zurück geblieben, indem sie weiterhin auf das veraltete ePaper, also eine PDF-Version der Druckausgabe, setzt. Bei der Zeitungs-App (Print-PDF, kostenpflichtig) lassen sich wenigstens die einzelnen Artikel anklicken und dann als reine Textausgabe lesen und sogar via Email teilen. Gerade Letzteres begrüße ich sehr, da es in digitaler Form das Sammeln von „Zeitungsausschnitten“ ermöglicht. Dennoch ist aber dieses auf der Druckausgabe beruhende PDF-Format wenig glücklich und nicht mehr zufrieden stellend. Dafür bietet die FAZ über die Tablet / Smartphone-App den Kauf einer Einzelausgabe (1,99 €) oder ein 7-Tage-Abo (9,99) inkl. FAS an. Das ist schon mal eine gute und preiswerte Alternative.

Beide Zeitungen halten also an der Trennung fest von einem kostenlosem Angebot im Netz (SZ.DE, FAZ.NET) und daneben einer kostenpflichtigen Printausgabe in ‚irgendwie‘ digitaler Form. Das ist aus meiner Sicht sehr unbefriedigend.

– Es gibt Doppelungen: Ich lese zuerst im jeweiligen News-Portal der Zeitungen. Wenn ich dann die kostenpflichtige Printausgabe lese, finde ich eine Reihe von Artikeln auch in der Zeitungsausgabe wieder. Die kann ich gleich übergehen – von der fehlenden Aktualität der ersten Zeitungsseiten einmal ganz abgesehen.

– Das freie Portal (FAZ.NET, SZ.DE) bietet die Inhalte top aktuell, medial ansprechend präsentiert, verknüpft mit weiterführenden Links und Videos oder interaktiven Grafiken, – alles das eine Stärke des Mediums Internet. So wünsche ich mir das Format einer Zeitung insgesamt.

– Das freie Web-Angebot ist natürlich beschränkt, „verkrüppelt“ gewissermaßen, denn weiterführende Artikel, Hintergrundinformationen und breitere Analysen gibt es nur in der kostenpflichtigen digitalen Print-Ausgabe.

– Dass die redaktionelle Arbeit bezahlt werden soll, finde ich völlig ok – ich möchte nicht mit Werbung zugemüllt werden. Aber dass es nur in der Form der digital kopierten Druckausgabe geht, ist unzureichend und medial überholt. In der „digitalen“ Druckausgabe fehlen dann auch alle multimedialen Elemente, die halt nicht gedruckt werden können. Das starre 24-Stunden-Korsett der „Zeitungsausgaben“ ist ein weiterer Anachronismus.

– Wenn dann gute Artikel der Druckausgabe einige Zeit später (Stunden oder Tage) doch noch auf der kostenlosen Webseite erscheinen (üblich bei FAZ.NET), frage ich mich erst recht nach dem Mehrwert der Druckausgabe bzw. dem Vorteil des Abos. Hier kannibalisiert sich die gedruckte Zeitung zeitversetzt selber.

FAZ

FAZ digital

Was wünsche ich mir nun als Tageszeitung? Klar, erst einmal alles das, was eine gute Zeitung ausmacht: Gut recherchierte Berichte, Hintergrundartikel, argumentierende und abwägende Kommentare usw. All das ist durchaus seinen Preis wert. Dazu bin ich gerne bereit. Aber es sollte vorzüglich auf das Internet, also auf die digitale Nutzung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zugeschnitten sein.

Was ich mir konkret wünsche:
– eine wirkliche Zeitung auf digitaler Basis; Basisartikel und News kostenfrei, vertiefende und weiterführende Artikel kostenpflichtig (Abo), mit Bewegtbild (Videos) und interaktiven Grafiken, Feedback usw.
– Print-Ausgabe als momentaner Stand („snapshot“) zum Zeitpunkt des jeweiligen druck- und transportbedingten „Redaktionsschlusses“.
– differenzierte Kaufmöglichkeiten für das Mehrwert-Angebot täglich sowie digitale Abos wöchentlich und monatlich.

Kurzum: Ich möchte die gesamte Breite einer aktuellen Zeitung von FAZ und SZ (und anderen) frei verfügbar und in einer kostenpflichtigen Plus-Variante (Mehrwert-Artikel, eigens ausgewiesen, z.B. Mehrwert-Themen in einer ständig aktualisierten Übersicht) angeboten bekommen. Ich wünsche mir, dass Zeitungen eben nicht mehr als „Tageszeitungen“ mit einem bestimmten Redaktionsschluss und einer 24 Stunden starren Ausgabe erscheinen, sondern online fortlaufend aktuell gehalten werden, wie es bei den kostenfreien Portalen bereits der Fall ist. Mehrwert-Artikel können verfügbar gemacht werden dann, wenn sie verfügbar sind. Die Form der Präsentation von Nachrichten und Hintergrundinformationen, Kritiken und Rezensionen sollte durch die Möglichkeiten des Mediums Internet bestimmt sein. Wenn ich Artikel aus dem Bereich Feuilleton zuerst lesen möchte, sollte dafür ein Klick in diesen jeweils aktuellen Bereich ausreichen – und nicht mehr ein „Blättern“ am Tablet. Das Erscheinungsbild, die Erscheinungsweise und das Handling einer gedruckten Zeitung darf nicht die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Formen einer Zeitung bestimmen und beschränken. Das ist der wesentliche Punkt.

Das Beispiel einer gelungenen Präsentation einer sehr informativen Recherche ist der „Artikel“ der FAZ über den Zuckeranbau in Brasilien und seine verheerenden Folgen. Der Druck-Artikel, war schon gut, aber sehr viel besser ist der online gestellte ausführlichere Bericht mit Videos, Grafiken usw, wie er dann im Netz zu finden ist:

Zuckeranbau Brasilien

-> Zuckerrohranbau in Brasilien

Ja, so wünsche ich mir Zeitung heute!

UPDATE 19.04.2015

Ich stieß erst jetzt auf den Kress-Bericht über eine Rede des Chefredakteurs der Washington Post, Marty Baron, die er am 08.04.2015 an der University of California gehalten hat. Thema: Der digitale Wandel im Journalismus („journalism’s transition from print to digital“). Kress.de fasst die Rede zusammen und stellt die zentralen Punkte heraus. „Das Internet entwickelt seine eigenen Möglichkeiten der Kommunikation: dialogorientierter und zugänglicher. Diese Möglichkeiten bieten uns eine völlig neue Mischung aus Tools wie Video, Audio, Social Media und interaktiven Grafiken.“ sagt Baron unter anderem. Der lesenswerte Beitrag bringt aus meiner Sicht die digitale Herausforderung für die Zeitungen gut auf den Punkt.

 12. April 2015  Posted by at 11:02 Medien, Presse Tagged with: , ,

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