Mai 102015
 

[Netzkultur]

Es herrscht Ratlosigkeit, Katerstimmung. Das räumte auch Johnny Haeusler im Interview mit Scobel zum Abschluss der re:publica 2015 ein. Das ist eigentlich nicht neu, denn das hatte der deutsche Netzguru Sascha Lobo schon vor einem Jahr festgestellt. Es war offenbar nicht nur das diesjährige Thema, das mehr Schwierigkeiten machte als gedacht: „Finding Europe“ – was bedeuten kann: den Weg dahin finden oder Europa überhaupt erst (er)finden. Symptomatisch vielleicht auch die drei Diskutanten bei Scobel, die entweder grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Projekt Internet (ökonomisch, kulturell, demokratisch) äußerten oder es mit der Bändigung von mächtigen Konzernen assoziierten oder in der Lösung der Sicherheitsprobleme den Ausweg sahen. Diese unterschiedlichen Akzente sind zusammen genommen gewiss richtig. Sie weisen auf die Bruchstellen der gegenwärtigen Netzwelt und Netzpolitik. Wie lässt sich das Potential der Netzökonomie mit Demokratie, Freiraum und Privatheit verbinden?

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re:publica – wikimedia

Mir stellt sich die Frage, ob die historischen Vergleiche passen und ob überhaupt schon ein vorläufiger Konsens darüber besteht, wie die „Internet-Welt“ einzuordnen ist. Von „digitaler Revolution“ ist die Rede, und dieser Ausdruck kennzeichnet das Umwälzende der Digitalisierung, die dem Internet ebenso wie der globalen Ökonomie zugrunde liegt, nämlich alles und jedes in binären Daten ausdrücken und algorithmisch verarbeiten zu können. Von „Netzwelt“ ist die Rede, vom „Online-Bereich“ oder dem „Cyberspace“, als ob es sich um eine zusätzliche Welt oder zumindest um eine neue Dimension der „offline“ oder „real“ Welt handele, die sich da als Layer über alles andere lege. Beim Internet denkt man dann besonders an die neuartige Kommunikation, die quasi raum- und zeitlos instantan erfolgen kann und alle „sozial“ in Netzwerken verbindet und digital erfasst. Facebook hat es immerhin auf 1,44 Milliarden Mitglieder gebracht (März 2015), mit deren Daten die Firma arbeitet. Man könnte noch viel mehr aufzählen, um das Neue der digitalen Netzwelt zu adressieren. Aber was ist eigentlich das wirklich Neue, das all dem zugrunde liegt und so viel Veränderung („disruption“) zur Folge hat?

Da beginnt schon die Unsicherheit. Der Verweis auf ein einzelnes Faktum (der Mikrochip, die digitale Codierung) ist so richtig wie zu kurz gegriffen. Es hat nach den Maßstäben der heutigen Innovationszyklen sehr lange, nämlich einige Jahrzehnte gebraucht, bis der Mikrochip samt der zugehörigen Software und Netzstruktur den Siegeszug antreten konnten. Die technischen Voraussetzungen der Mikroelektronik wurden in den 50er Jahren gelegt. Daneben brauchte es offenbar auch die passenden wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die dann ab Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Netzrevolution auslösten. Selbst vom ARPA Netz zum WWW (CERN) hat es so lange gedauert, wie heute kein Smartphone hält. Was eigentlich dazu geführt hat, dass sich „das Internet“ nach sehr zögerlichen Anfängen (besonders auch hierzulande) dann sehr schnell massenhaft durchsetzen konnte, wäre noch ein interessantes Forschungsprojekt. Dafür mussten eine Reihe von Voraussetzungen stimmen. Die Verbreitung des Telefons und des Farbfernsehens je Haushalt hat jedenfalls sehr viel länger gedauert. Was konnte diese Beschleunigung auslösen?

Es ist zudem schwierig, zutreffende Vergleiche zu finden. Es handele sich um eine neue industrielle Revolution – man denkt vergleichsweise an Dampfmaschine und Elektrizität. Mit Blick auf die Revolution in der Kommunikation wird der Vergleich mit dem Buchdruck herangezogen – dem billigen Flugblatt entspricht dann das Weblog für jedermann, der Zeitung die Twitternews. Versteht man das Internet insbesondere mit seinen „Sozialen Netzwerken“ als grundlegend neue Kulturtechnik, dann legt sich der Vergleich mit der Erfindung der Schrift nahe. Die Verführung der Möglichkeiten des Netzes besteht auch darin, unüberbietbar groß zu denken. Dabei muss man heute schon bei dem Adjektiv „sozial“ vor Netzen ein Fragezeichen machen, weil erst zu klären ist, was darin sozial und was ausgesprochen a-sozial ist. Jedenfalls merkt man sehr bald, dass die historischen Vergleiche hinken und die zugewiesenen Namen (z.B. Cyberspace, Onlinewelt) mehr verdecken als erhellen.

Das erklärt, dass es sich tatsächlich um etwas sehr Neuartiges handelt. Zugrunde liegt zunächst eine neue Technik, die eine Explosion von Anwendungsmöglichkeiten freisetzt. Es handelt sich aber zugleich um eine komplett neue Darstellung, eine neue Repräsentanz der Welt, nämlich übersetzt in binäre Daten und darum berechenbar und mit Codes bearbeitbar. Text, Bild, Ton, sogar räumliche Gegenstände lassen sich in digitalisierter Form re-produzieren. Original und Kopie werden auf ein digitales Substrat zurück geführt. Ebenso sind personale Beziehungen und Kommunikation digital darstellbar und mit Algorithmen formbar und auswertbar. Das Neue besteht also darin, dass es eine neue Beschreibungssprache für die Wirklichkeit gibt in Form von Programmcodes für die mikroelektronische Verarbeitung. Die grundlegende Sprache dieser Repräsentation der Wirklichkeit ist die Mathematik. Sie liefert das Medium für die Welt als digitale Form. Diese neue Möglichkeit der Repräsentation der Wirklichkeit und ihrer Funktionen und Beziehungen macht es verständlich, dass die Netzwelt oder Onlinewelt wie eine zweite, eigene Welt erscheint. Es ist aber die eine, alte Welt mit all ihren Funktionsweisen, Mächten und Interessen, die sich in dieser digitalen Repräsentation neu erfindet, derer sich Kapital und Machtinteressen ebenso bedienen können wie Staaten, einzelne Personen und freie Vereinigungen.

Die Veränderungen durch diese funktionale digitale Repräsentation der Wirklichkeit sind sehr weitreichend, wir erleben das gerade in allen Facetten der digitalen Revolution – diesen Ausdruck halte ich für die angemessenste Beschreibung. Aber als neue Weise der Darstellung der Wirklichkeit, der Repräsentation und Codierung der Welt, bleiben die Tatsachen zunächst dieselben: Reden ist Reden, Schreiben ist Schreiben, Kaufen ist Kaufen, Kapital ist Kapital, Macht ist Macht, Staat bleibt Staat. Dass nationales Recht multinationalen Konzernen und global vernetzten Akteuren nicht beikommen kann, ist keine Eigentümlichkeit der Digitalisierung, sondern eher der ökonomischen Globalisierung. Digitalisierung verstärkt das nur. Was die digitale Verfügbarmachung von Welt und Wirklichkeit, von Beziehungen und Personen im Einzelnen bedeutet, welche Auswirkungen und Weiterungen das enthält, ist jeweils im Einzelfall zu diskutieren und zu bewerten. Moralische Normen müssen deswegen nicht neu erfunden werden. Beleidigungen im Netz sind ebenso inakzeptabel wie Beleidigungen im persönlichen Gegenüber – usw. Allerdings ist der rechte Gebrauch der digitalen Verfügbarmachung allererst neu zu bewerten und sind Regeln anzuwenden, die der Tragweite der digitalen Repräsentation angemessen sind. Rechtliche Normen sind in der Tat neu zu definieren (z.B. Urheberschaft, Kopie; Privatheit, Öffentlichkeit usw.). Da sind wir erst am Anfang eines Weges, bisweilen rat- und machtlos, aber am besten illusionslos und beharrlich – die re:publica ist eine Station, die dies dokumentiert, nicht nur im Blick auf Europa.

UPDATE 11.05.2015

Ich finde heute bei FAZ.NET einen Artikel von VALENTIN GROEBNER über die Vergänglichkeit von digitalen Speichern und die Flüchtigkeit digitaler Prozesse.

 10. Mai 2015  Posted by at 13:17 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , , ,

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