Aug 112015
 

[Gesellschaft, Internet]

Windows 10 ist da. Alle Welt freut sich. Alle Welt? Nicht ganz, da ist ein kleines globales Dorf von Datenschützern… Leider endet damit schon die Anspielung. Denn im kleinen Dorf der Datenschützer und Bürgerrechtler gibt es keine pfiffigen Ideen und auch keinen Zaubertrank, der ‚Macht‘, also maßgeblichen Einfluss garantierte. In der fröhlichen und bunten Welt der Netzenthusiasten, Nerds und digitalen ‚Natives‘ werden Warner eher als Störenfriede abgetan und als von Verfolgungswahn getriebene „Aluhüte“ lächerlich gemacht. Es sind halt nur Ewiggestrige und Modernisierungsverweigerer, die sich mit dem massenhaften Datensammeln, mit Ausschnüffeln und Überwachen ihrer Privatsphäre nicht einfach abfinden wollen. Die Beliebtheit von Facebook, Google, Apple beweist doch, das sich Lisa und Otto Normalo kaum darum scheren, was eigentlich mit den hübschen Geräten (darf man das noch sagen? ich meine ‚Gadgets‘), die man kaum noch aus der Hand geben mag, geschieht, was da alles dran hängt. Es ist nicht nur die unbedarfte Einstellung „Ich hab ja nichts zu verbergen“, die immer wieder anzutreffen ist (so wird berichtet), sondern schlicht die Faszination, die von den vielen Möglichkeiten des Entdeckens, des Spielens, des Kontakts, des Teilens von Fotos und Einfällen (oder auch nur von blöden Bemerkungen) mit Smartphones und Tablets ausgeht. Wer wollte da den offensichtlichen Spaß verderben? Dennoch: Eine Soziopsychologie dieser neuen Netzwelt-Geräte muss erst noch geschrieben werden.

Und jetzt also auch Microsoft. Nachdem der Windows- und Office-Konzern den Anschluss an die Internetwelt eine Zeit lang verpasst zu haben schien, holt er nun mit seinem Paradestück Windows 10 mächtig auf. Zwar gab es auch schon unter Windows 8 die Verknüpfung des Betriebssystems mit einem Microsoft -„Konto“, also dem Anmelden an einem Microsoft-Server, aber erst mit Windows 10 betritt der Softwarekonzern konsequent die vernetzte Welt und wird zum Internet-Konzern. Anders als beim Smartphone und Tablet, wo Microsoft nach wie vor nur eine Nischenrolle spielt, besteht nun die Chance, die Netzherrschaft auf dem Markt der Home-PC’s und Notebooks zurück zu gewinnen, auch wenn dieser Markt gegenüber den reinen Netzgeräten schrumpft. Mit Windows 10 möchte sich Microsoft nun endlich auch auf breiter Front dem Geschäft mit ‚Big Data‘ widmen. Der Nutzer des neuen Standard-Betriebssystems für PC und NB soll sich gleich beim Start des Computers in der Microsoft-Cloud anmelden (MS-Konto) und bei der Nutzung des PC’s fortwährend Daten seines Nutzerverhaltens liefern, egal welches Programm oder welche App er gerade ausführt. Standardmäßig wird jeder Windows-Nutzer mit einer festen ID versehen, die das tut, was die Abkürzung sagt: seine Identität bei jedem Vorgang internetweit eindeutig erkennbar machen. Facebook ist auf diese Idee schon viel früher gekommen und hat sie perfektioniert, und von Google weiß man es nicht so genau. Dies dient zum einen einer optimal  personalisierten Werbung, zum andern aber auch ganz anderen Möglichkeiten, Nutzerverhalten zu kennen und zu beeinflussen. Microsoft möchte alles aufzeichnen und speichern, was auf dem PC mit Apps und Programmen geschieht, ferner den Browserverlauf, also die Adressen aller besuchten Webseiten, alle „Informationen zum eigenen Schreibverhalten“, gemeint sind alle Tastatureingaben sprich: alle geschriebenen Texte, und alle Sprachaufzeichnungen und -suchen, die mittels der neuen Sprach-Wunderwaffe Cortana erfasst werden. Dies ist der Liste der „Datenschutzoptionen“ in Windows 10 zu entnehmen. Es sei sogleich darauf hingewiesen, dass sich all diese genannten Punkte deaktivieren lassen, aber wie weit diese Deaktivierung wirkt, bleibt das Geheimnis des Konzerns. Auch die Anmeldung am PC geht ohne Internet-Verbindung und ohne Microsoft-Konto, und selbst die Nutzung der eigenen WLAN-Bandbreite für die anderweitige Verteilung von Microsoft Updates (eigenes Thema) lässt sich unterbinden. Entscheidend ist aber, dass all dies standardmäßig aktiviert ist und wohl nur von kundigeren Nutzern mit einigem Bemühen deaktiviert und abgestellt werden kann. Microsoft geht wohl zu Recht davon aus, dass 99 % der Nutzer das neue Windows 10 so nutzen, wie es installiert und standardmäßig eingerichtet ist. Der daraus zu erwartende Datenstrom ist unermesslich.

Windows 10 - Microsoft

Windows 10 – Microsoft

Dass das Upgrade auf Windows 10 für bisherige Benutzer von Windows 7 und 8 ein Jahr lang „gratis“ zur Verfügung steht, ist schon der Ausdruck einer Täuschung: Bezahlt wird mit den eigenen Daten. Wenn man darüber hinaus Windows 10 gesondert erwerben möchte, muss man noch zusätzlich einen „normalen“ Preis für die Nutzung der Software bezahlen (zwischen 100 und 150 Euro). Das ist eigentlich eine doppelte Abschöpfung, denn man bezahlt ja weiterhin mit den munter fließenden Daten. Für Facebook- und Google-Dienste wird kein „Nutzungsbeitrag“ erhoben, sondern man bezahlt ausschließlich mit seinen Daten. Wenn es in einem Bericht der WELT über die Warnungen der Verbraucherberatungen vor Windows 10 heißt, „Nutzer digitaler Geräte werden immer mehr selbst zu einer Ware, die vermarktet wird“ (Verbraucherberatung Rheinland-Pfalz), so klingt das überraschend naiv. Der ganze Sinn und Zweck der großen Internetkonzerne besteht in nichts anderem als darin, sich die Daten der Nutzer so umfassend wie möglich anzueignen und zu vermarkten. Das ist die bisher fast einzige und allumfassende Geschäftsidee im Internet. Microsoft folgt diesem Modell nun mit Windows 10 ebenfalls sehr konsequent.

Man wird vielleicht in einem Nebengedanken an die „Schnüffelpraxis“ der staatlichen „Sicherheitsorgane“ denken. Es tun dies ja nicht nur die NSA, sondern alle Nachrichtendienste der Welt, die größten aus den USA, China und Russland erwartungsgemäß am umfassendsten – und nur über die Praxis der NSA gibt es dank Edward Snowden genauere Kenntnisse. Hier dient die „Vermarktung“ weniger dem unmittelbaren Generieren von Gewinn, als der Machtdurchsetzung, Machtabsicherung, Machterweiterung des jeweiligen Herrschaftsbereiches und seiner darin implizierten ökonomischen Interessen – unter anderem gewiss auch der Gefahrenabwehr. Der Unterschied von Google und der NSA liegt in den unmittelbaren Konzernzielen, nicht in der Unterscheidung von privatwirtschaftlich und staatlich – und auch nicht in der Anwendung der eingesetzten Mittel. Weltweite Hacker-Angriffe dienen ebenso sehr wirtschaftlichen wie militärischen Zwecken. Auch wenn sich Apple und Google im Gefolge der Snowden-Enthüllungen etwas von den unmittelbaren US-amerikanischen Staatseingriffen distanzieren möchten, ziehen beide Seiten doch letztlich am selben Strang, und der heißt: Big Data.

Um welche Daten geht es überhaupt? Was macht Daten so wertvoll – und wie wertvoll sind sie eigentlich? Daten sind alles, was man digital darstellen kann. Ein altes Papierfoto gehört nicht dazu, aber neue Fotoabzüge schon: Es ist nur der Ausdruck einer Bilddatei, die auf dem Chip der Kamera gespeichert wurde. Bislang wurden Bild und Ton nahezu vollständig digitalisiert. „Analoge“ (als Gegenbegriff zu digital) Schallplatten sind eine inzwischen exklusive Randerscheinung, und auch Filmstudios und Kinos verbreiten die „Filme“ digital. Bei Texten dürfte das ebenso gelten, weil auch Printmedien wie Zeitung, Plakat und gedrucktes Buch inzwischen komplett digital erstellt (Texterfassung und Satz) und zum immer größeren Teil digital verbreitet werden (Online-Ausgaben, eBooks). Das ist bisher nur der Anfang. Wertvoll werden die Daten aber erst auf der Seite des Nutzers. Konnte man bei einer gedruckten Zeitung nie wissen, ob sie gelesen oder nur zum Müllverpacken benutzt wurde, so weiß die Redaktion heute sehr genau, welche Artikel angeklickt und gelesen (Verweildauer) werden. Das gilt genau so für Musik-Streaming und für eBooks. In beiden Fällen übrigens erwirbt man keine „Ware“ mehr im Sinne eines Tonträgers oder eben Buches, sondern nur noch ein Nutzungsrecht an einem digitalen Inhalt, für den es keinen Unterschied mehr zwischen Original, Streaming oder millionenfacher Kopie gibt. Praktische Folge zum Beispiel: Ein gelesenes Buch kann ich weiter verschenken oder verkaufen, ein eBook nicht. An diesem kleinen Beispiel wird sehr schön deutlich, wie die Verfügungsmacht über die Daten und ihre Bereitstellung zur alleinigen Ursache der Wertschöpfung von Internetkonzernen wird. Wird diese Verfügungsmacht auch noch an ein bestimmtes Gerät (in diesem Falle ein Lesegerät wie z.B. das Kindle) gekoppelt, dann hat der Nutzer nicht einmal mehr die Kontrolle darüber, was auf seinem Lesegerät drauf ist: Die digitalen Inhalte können jederzeit vom Datendienstleister / Dateninhaber verändert oder gelöscht werden. Zugespitzt als Ergänzungsfrage: Gehören „die Daten“ eigentlich überhaupt jemandem? Oder geht es immer nur um die Bereitstellung und um die Regeln der Nutzung? Nullen und Einsen als solche sind ja recht frei verfügbar.

Es wird schnell kompliziert. So erklären alle Internetfirmen, dass die von ihnen erhobenen Daten fortan ihr Eigentum wären. Jetzt geht es um die eigentlich spannenden, weil besonders wertvollen Daten: Nämlich um alles, was unsere Identität und unser Verhalten digital erfassbar, bearbeitbar und voraussagbar macht. Genau daum geht es bei Big Data eigentlich, nicht um die digitalisierte Enzyklopedia Britannica – das wäre nur ein Fliegenschiss. Durch unsere allgegenwärtigen Internetgeräte wird alles erfasst, was wir alleine und gemeinsam tun. Es entstehen komplette Nutzerprofile: Wann, wo, was, wer, mit wem, wann, wie lange, wie oft, worüber, warum, wozu usw. [Seit kurzem kann man bei Google Maps die komplette eigene Bewegungshistorie aufrufen!] Das ist der eigentliche Schatz von Big Data. Wir kaufen  im Internet ein, bestellen Konzertkarten, buchen eine Reise, ein Hotel oder einen Flug, bestellen ein Taxi oder eine Pizza, tragen ein Armband, um unsere Köperwerte („Gesundheitswerte“) zu messen, lassen mittels ‚Smart Home‘ unsere Heizungs- und Elektro-Verbrauchswerte online erfassen – und unser Verhalten im Straßenverkehr zumindest als Autofahrer ist gerade dabei, komplett digital erfasst zu werden: Das neue Auto tut das ohne unser Zutun und Wissen. Es ist unser nahezu gesamtes Verhalten als lebendige soziale Personen, das wir mittels Daten ‚anderen‘ zur Verfügung stellen. Wer sind diese anderen? Weiß einer vom anderen? Werden diese Daten verknüpft? Möglich ist es, und wir dürfen getrost davon ausgehen, dass das, was möglich ist, auch längst getan wird. Die jeweils zugewiesenen IDs der großen Internetkonzerne machen sonst überhaupt keinen Sinn. Man müsste nun nur noch die ID-A samt damit verbundenen Daten mit der ID-B und ihren Daten verknüpfen… Die Rechenkapazität dafür ist vorhanden dank Moore’s Law, die Server-Farmen vermehren sich ständig. Wenn es vor vielen Jahren einen Aufschrei (so würde man heute sagen) wegen einer Volkszählung gab, so ist das aus heutiger Sicht Pippifax im Vergleich zu dem, was Internetkonzerne und staatliche Organe über einen jeden als Daten zur Verfügung haben und nutzen oder nutzen können.

Ganz abgesehen von der Frage, ob man sich dieser umfassenden Datenerfassung überhaupt noch entziehen kann, sei noch einmal die Frage gestellt, wem denn eigentlich diese Daten aus dem persönlichen ‚Nutzerverhalten‘ eigentlich gehören. Dies ist eigentlich die wichtigste Frage. Nur mit ihrer Beantwortung könnte man zum Beispiel auf europäischer Ebene die bisherige Tendenz von ‚Big Data‘ in eine andere Richtung lenken. Theoretisch ist sie rechtlich klar: „Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist im bundesdeutschen Recht das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen.“ (Wikipedia). De facto aber verzichtet jeder Nutzer darauf in dem Moment, wo er / sie auch nur ein Handy in Betrieb nimmt: Dabei muss er nämlich den Geschäftbedingungen von Apple oder Google zustimmen, sonst läuft gar nichts. Mit dieser Zustimmung erhält der jeweilige Konzern das Recht an den persönlichen Daten: sie zu nutzen zum Beispiel zu Werbezwecken oder sie an Dritte zu verkaufen, wer immer das sein mag und was immer der damit machen will. Auch Windows 10 lässt sich nur in Betrieb nehmen, wenn man vorher den Geschäftsbedingungen von Microsoft zugestimmt hat – ein zig Seiten langer Text, den bestimmt niemand liest, der aber Microsoft wie den anderen Netzgiganten alle Nutzungsrechte der personenbezogenen Daten überträgt. Solange sich hieran nichts ändert, wird sich auch an der ökonomischen Macht der Konzerne nichts ändern – und an ihren Fähigkeiten, das Nutzerverhalten vorherzusagen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Manipulieren hätte man früher gesagt. Die staatlichen Sicherheits- und Informationsorgane fragen den Nutzer naturgemäß überhaupt erst gar nicht.

Die Macht der Daten, also von Big Data, liegt darin, dass wir, jeder und jede einzelne von uns, sich mit unseren Lebensvollzügen und Verhalten, mit Vorlieben und Schwächen, Wünschen und Träumen, Gefühlen und Absichten, darin exakt widerspiegeln. Es ist so etwas wie unser digitales Ich. Das Recht an diesem zweiten Ich haben wir derzeit faktisch an riesige Netzkonzerne und Staatsorgane (in USA, Russland, China usw.) abgegeben, die daraus unglaublichen Gewinn generieren und Macht über uns gewinnen. Daran sollte, daran muss sich etwas ändern. Es muss gewährleistet sein, dass jeder Nutzer das Recht an seinen Daten behält, so wie auch jeder Kulturschaffende darauf besteht und bestehen muss, das Recht auf seine kulturellen Erzeugnisse auch in der digitalen Welt zu behalten. Ein einfacher pauschaler Klick auf „Zustimmung zu den Allgemeinen Geschäftsbedingen“ dürfte da keinesfalls reichen. Man muss es nur vom Kopf auf die Füße stellen, das Recht auf die Nutzung an den Daten: Auch die Freigabe zur Nutzung der persönlichen Daten sollte klar eingegrenzt und rechtlich bestimmt sein, zeitlich befristet gelten und jederzeit wiederrufen werden können – und entsprechend vergütet werden! Das ist die wirklich geniale Idee, die Jaron Lanier als Rezept für eine „humanistische Internetökonomie“ vorschlägt (siehe sein Buch Wem gehört die Zukunft? 2014). Dass dies nur im transnationalen Rahmen funktionieren kann, ist klar. Die Europäische Union hätte darin ein notwendiges und wirkungsvolles Handlungsfeld. Das frühere Regulierungsverfahren gegenüber Microsoft betreffs der freien Browserwahl ist zwar heute obsolet, stellt aber immerhin ein Modell bereit, an dem man sich gegenüber den mächtigen Internetkonzernen heute orientieren könnte. Nationale Gesetzgebung jedenfalls greift zu kurz. Allerdings kann und sollte man auf nationaler Ebene den Anstoß dazu geben. Dann würden auch die vielen sich verzettelnden und teilweise abstrusen Ziele der diversen Internet-Aktivisten klarer ausgerichtet und wirkungsvoller in der Öffentlichkeit vertreten werden können.

Und – wenn schon nicht die ellenlangen, unverständlichen Geschäftsbedingungen lesen (tue ich auch nicht), dann wenigstens die jeweils verfügbaren Datenschutzeinstellungen so restriktiv wie mit der eigenen Bequemlichkeit vereinbar einstellen. Das gilt übrigens auch für Windows 10 – siehe hier!

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