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Neue Unübersichtlichkeit

Unübersichtlichkeit und Multikomplexität erfordern neue Handlungsweisen. –

Geschichtliche Abläufe sind eigentlich immer unübersichtlich. Geschichtswissenschaft bemüht sich, Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen, Quellen zu erheben und zu bewerten, Abläufe zu strukturieren und Ereignisse im Geflecht anderer Ereignisse zu identifizieren. Die unterschiedlichsten Interessen und Kräfte wirken in unterschiedlicher Intensität und mit abgestufter Wirkungskraft aufeinander ein. Zufälle überformen planvolles Handeln oder setzen es gänzlich außer Kraft. Zu den tatsächlichen Ereignissen treten die Bewertungen und Reaktionen hinzu, die sich bei Bekanntwerden ergeben, und sind nun ihrerseits Ereignisse, die den Verlauf der Dinge beeinflussen. Jeder zeitliche Ablauf handelnder Akteure ist verflochten mit anderen Akteuren, Individuen, Gemeinschaften, gesellschaftlichen Strukturen, geistigen Strömungen und Stimmungen, welche die Wahrnehmung der Ereignisse in einem begrenzten Umfeld bestimmen. Dies alles gilt im Rückblick auf die Vergangenheit, wo man den Vorteil hat, gewisse Ergebnisse und Auswirkungen geschichtlicher Verläufe inzwischen zu kennen und darum einzelne Ereignisfäden gegeneinander abgrenzen und gesondert verfolgen zu können.

In der Gegenwart gilt dieselbe Komplexität, dieselben Verflechtungen von Ereignissen und Interessen, Meinungen und Absichten usw. Es fehlt allerdings der Abstand, um bestimmte Ereignisse isolieren und gewichten zu können, und es fehlt jegliches Wissen darüber, wie etwas ausgeht. Es gibt Vermutungen über wahrscheinliche Verläufe, die allesamt mit den Erfahrungen aus bisherigen Verläufen begründet werden. Es sind im Blick auf die zu erwartende Zukunft also bestenfalls Extrapolationen, die weder Überraschendes noch Zufälliges noch Stimmungsmäßiges berücksichtigen können. Solche Gegenwartsanalysen mit Voraussagen für die nahe Zukunft sind nicht besser als Computermodelle, deren Güte von den eingehenden Daten und den gewählten Rahmenbedingungen bestimmt wird. Geschichte verläuft de facto immer wieder anders als erwartet oder vermutet. Viele Beobachter vermuten vieles, und einige wird es immer geben, deren Vermutungen dem tatsächlichen Verlauf nahe kommen. Sie hatten aber keine besonderen Fähigkeiten, sondern schlicht das Glück gehabt, in der erwartbaren Bandbreite der Voraussagen den Sektor getroffen zu haben, der zufällig die tatsächliche Entwicklung abgebildet hat.

Insofern dient alle geschichtliche Forschung, dienen auch alle geschichtlichen Betrachtungen dem Wunsch und dem Bemühen, im Gewirr der Ereignisse innerhalb des eigenen Gesichtsfeldes eine Struktur, Tendenz, Auswirkung von etwas zu entdecken. Was da gefunden und heraus gestellt wird, ist nie mehr als nur eine Facette des Rückblicks auf Ereignisse, die von anderen mit anderem Blick und einem anderen Datenbereich auch in einer anderen Facette interpretiert und dargestellt werden. Dies gilt in höchstem Maße zugespitzt für Analysen und Betrachtungen der Gegenwart. Unübersichtlichkeit ist also ein wesentliches Merkmal von Weltereignissen überhaupt, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart.

Dies gilt wiederum umso mehr, wenn der Bereich der Wahrnehmung und der Erfassung von Ereignissen und Daten erheblich zunimmt. Die durch Kommunikation, Mobilität und wirtschaftlichen Austausch globalisierte und vernetzte Welt bildet einen Ereignis- und Erfahrungsraum, der von einem einzelnen Beobachter nicht mehr zu überblicken ist. Viele Beobachter zusammen genommen können zwar mehr und Unterschiedliches wahrnehmen, stellen dann aber ihrerseits wiederum ein neues Netz von Meinungen und Interessen dar (z.B. „Medien“), die sozusagen auf der Metaebene der Deutung von Ereignissen indirekt auf Ereignisse ein- und rückwirken und also ebenfalls beobachtet, analysiert und interpretiert werden müssen – eine Deutungsebene zweiter Ordnung, und so fort. Die Komplexität der Ereignisse, Verläufe und ihrer Wahrnehmung wird dadurch also nicht einfacher, sondern eher noch komplexer.

Diese verschachtelten Zusammenhänge von Strukturen, Ereignissen, Wahrnehmungen, Absichten, usw. in globalisierten Wechselverhältnissen nenne ich einmal Multikomplexität. Multikomplexität ist das, was Unübersichtlichkeit ausmacht. Die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, geistigen und mentalen Verhältnisse der Gegenwart sind extrem multikomplex, das heißt extrem unübersichtlich. Eine Erkenntnis, die sich daraus ableitet, ist, dass Multikomplexität so gut wie gar nicht steuerbar, kontrollierbar ist. Schon ‚einfache‘ Komplexität ist schwer zu beherrschen; dazu können Computermodelle beitragen. Doch auch für das beste Modell gilt letztlich die Unvorhersehbarkeit zukünftiger Ereignisse – und eben auch Murphys ‚Gesetz‘, dass alles, was passieren kann, irgendwann tatsächlich passiert [„If there’s more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.“]. Vermeidung von Disaster und Eingrenzung möglicher Folgen gehört also zum Geschäft der Risikobegrenzung in der Politik ebenso wie in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Von völliger Kontrolle komplexer Zusammenhänge, von Kontrolle über Multikomplexität kann aber keine Rede sein. Dies liegt weniger an zu geringer Daten- oder Rechenbasis als an der Dynamik komplexer offener Systeme.

Brext
Brexit 2016 (Youtube.com)

Nun gibt es aber stets Erfahrungswerte, die bei der Bewältigung konkreter Aufgaben helfen und in den meisten Fällen auch sicher zum Ziel führen. Die Reduktion von Komplexität auf das Wesentliche (bzw. auf das, was als solches erscheint) ist dafür der bewährte Weg. Wenn ich nur einige Rahmenbedingungen kenne und nur wenige davon beeinflussen kann, werde ich mich gerade auf diese konzentrieren. Dies gilt natürlich auch für die Bewertung und Bewältigung einer unübersichtlichen Gegenwart – und ist das Geschäft konkreter, praktischer Politik. Es kommen heute aber aus meiner Sicht Dinge dazu, die an bewährten und bekannten Deutungs- und Handlungsmustern zweifeln lassen. Und genau dies nenne ich die „neue Unübersichtlichkeit“. Verantwortlich dafür sind sowohl Veränderungen in der politischen „Großwetterlage“ (keine zufällige Metapher), als auch eine Vielzahl von Innovationen, deren Auswirkung und Folgen noch weitgehend unbekannt sind. Zwei Ereignisse mögen diese Situation kennzeichnen: Die Auflösung der machtpolitischen Nachkriegsverhältnisse 1989/90 und der Siegeszug der Digitalisierung. Beides fällt in etwa in denselben Zeitraum, beides hat bisherige Deutungen von Ereignissen und daraus abzuleitende Handlungsmuster in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft obsolet gemacht. Machtpolitik ist zwar immer noch Machtpolitik, Interessen einzelner Mächte halten sich meist über einen langen Zeitraum (über mehrere Generationen) durch, die Ökonomie funktioniert weltweit weitestgehend auf kapitalistischer Basis, und mehr als in einen Tag und in einen Kopf hinein geht, geht eben nicht hinein. Jeder versucht in seinem eigenen kleinen Umfeld (Familie, Arbeit, Freunde) möglichst gut zu leben, was für einen Großteil der Menschheit nichts Luxuriöses bedeutet, sondern schlicht den Kampf ums Überleben – in der Heimat oder in der Fremde.

Darüber hinaus aber haben sich in der letzten Dekade die Verhältnisse derart gravierend verändert, dass allein schon die Geschwindigkeit dieser Veränderung (von einigen als „disruption“ gefeiert) die Multikomplexität erhöht und die Unübersichtlichkeit verstärkt hat. Orientierung wird immer schwieriger, zumal dann, wenn eigene Lebensverhältnisse betroffen sind und aus einer scheinbar sicheren Vergangenheit heraus die Gegenwart instabil wird und sich in eine prekäre Zukunft verwandelt. Die Angst allein genügt schon, um als Motor für eine Reihe von Entwicklungen zu dienen, die sprunghaft, nicht vorhersehbar und irrational verlaufen – für Strategen und Technokraten aller Art ein Graus. Vieles, was wir an sozialen und politischen Entwicklungen beobachten, hat seinen Grund in dieser gesteigerten Unübersichtlichkeit, die mit gesteigerter Unsicherheit gepaart ist. Die Multikomplexität unserer heutigen Lebensverhältnisse lässt sich eben nicht einfach mit Aufmerksamkeits – „multitasking“ überspielen oder gar in den Griff bekommen. So verwundert es gar nicht, dass die Suche nach einfachen Erklärungen, das Bedürfnis nach klaren Schwarz-weiß-Einordnungen, die Bereitschaft, irrationalen Erklärungen und Mechanismen zu vertrauen (Verschwörungstheorien, Esoterik), auch der Drang zur unmittelbaren Gewalt insbesondere gegenüber Minderheiten, (vermeintlichen) Außenseitern und Andersdenkenden zunimmt. Sündenböcke machen die Hyperkomplexität mit ihren individuellen Auswirkungen anscheinend erträglicher. Hier tut sich derzeit den Sozialwissenschaftlern und Psychologen ein weites Feld der Betätigung auf.

Die Politik allerdings, und das ist wirklich besorgniserregend, steht recht hilflos da und scheint sich weitgehend mehr treiben zu lassen, als wirklich noch steuern und gestalten zu können oder zu wollen. Vielleicht ist derzeit schon einiges gewonnen, wenn das Schlimmste (was immer das konkret ist) verhindert werden kann. Manchmal ist es gut, wenn man bei vermeintlicher Ausweglosigkeit Zeit gewinnt für neuen Handlungsspielraum. Die neue Unübersichtlichkeit zwingt zur Pragmatik in den Handlungsmöglichkeiten und zur Bescheidenheit in den Zielen. Vertrauen erwecken und Zusammenhänge erklären wird zur Hauptaufgabe. Gewinnen werden sonst nur die großmauligen Verführer und Verkäufer einfacher Lösungen. Da könnte allerdings noch einiges auf uns zukommen.

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