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Spannende Geschichte: Was lehrt uns Sokrates?

Geschichte hilft dabei, dass wir uns besser selbst verstehen: woher wir kommen, was vor uns war, was andere angestoßen haben, das bis heute wirkt. Dies gilt besonders für die Geschichte des Denkens. Da stehen wir als Zwerge auf den Schultern von Riesen. Nur: Blicken wir nicht zurück, dann kommen wir uns selbst wie Riesen vor – und mühen uns damit ab, wieder einmal neu ‚das Rad‘ erfinden zu müssen. Geschichtslosigkeit führt zur Selbstvergessenheit und zur Überheblichkeit. Weil uns beides nicht gut tut, einige Anregungen aus der Geschichte des Denkens: zum Beispiel Sokrates.

ό τί εστί (ho ti esti) – „Was ist das?“ Mit dieser Frage pflegte Sokrates (†399 v.C.) sein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln. Er tat das fast wie ein Kind, nur fragte er nicht nach gegenständlichen Dingen, sondern nach Allgemeinem: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Tapferkeit? Was ist ein Philosoph? Was ist ein Politiker? Normalerweise konnte man davon ausgehen, dass seine Gesprächspartner wussten, was die jeweilige Sache ‚eigentlich‘ war: Ein Politiker sollte wissen, was Politik ist, ein Philosoph, was Weisheit ist, ein angesehener Bürger, was Tapferkeit oder Gerechtigkeit ist. Der Witz bei Sokrates war, dass er in dem folgenden Gespräch mit sicherem Gespür zeigte, dass sein Gegenüber keineswegs genau wusste, was die Sache, um die es ging, denn eigentlich wäre. Am Ende kam immer dasselbe heraus: Dass der große Staatsmann gar nicht genau wusste, was Gerechtigkeit ist, der Feldherr nicht, was Tapferkeit ist, und auch der Weisheitslehrer nicht, was denn eigentlich die Weisheit oder gar die Wahrheit wäre. Ihnen allen zeigte Sokrates wieder und wieder, dass sie zwar meinten, etwas zu wissen, es im Grunde aber nicht wussten. Dieses seinen Eliten deutlich zu machen, dazu sah sich Sokrates berufen.

Kein Wunder, dass sich viele der von Sokrates Angesprochenen bloß gestellt fühlten, dass sie seine Fragerei hinterhältig oder gar hochmütig empfanden: Er, Sokrates, wisse demnach das alles ganz genau? Nein, antwortete Sokrates dann, ich weiß es auch nicht besser. Aber im Unterschied zu euch weiß ich wenigstens, dass ich es nicht weiß, und behaupte auch nicht, es zu wissen. Er machte sich Feinde mit seinem Räsonnement. Die Jugend fand es toll, alles zu hinterfragen und ihre Lehrer bloß zu stellen. Unter anderem, weil er die Jugend verführe und außerdem die überkommenen Traditionen des Glaubens und Denkens missachte, wurde Sokrates der Prozess gemacht. Die etablierte Gesellschaft entledigte sich eines unbequemen Fragers mittels des berühmten Schierlings-Giftbechers.

Sokrates hat immer wieder gezeigt, wie wichtig und richtig es ist, den Dingen im Konkreten wie im Allgemeinen auf den Grund zugehen, auch auf die Gefahr hin, dass bis dahin vermeintlich Gewisses unsicher und ungewiss wird. Man muss sich dann neu auf die Suche des Nachdenkens und Forschens machen, um es besser, genauer, ‚richtiger‘ zu wissen. Sein Fragen „Was ist das da [in Wirklichkeit]?“ war der Beginn einer ‚Aufklärung‘, die Einzelne und ganze Gesellschaften meist an kritischen Punkten des Übergangs immer wieder ergriffen und beschäftigt hat.

Dem, was seinen Zeitgenossen auf die Nerven ging, nämlich (wir würden heute sagen) nach Legitimität und Begründungen zu fragen, stellte sich Sokrates ganz unerschrocken und mit leichtem Mut. Es war nicht der Mut der Gewissheit oder des sicheren ‚Besserwissens‘, sondern die Zuversicht, dass der kritisch fragende menschliche Geist vielleicht nicht an sein gewünschtes Ziel, aber auf jeden Fall weiter kommt.

Und ein Zweites zeigt Sokrates: Der Anfang aller Kritik ist die Selbstkritik, das Eingeständnis, es selber eben bis dahin auch nicht besser zu wissen, nur vorläufig etwas zu wissen vorbehaltlich besserer Erkenntnis und weitere Aufklärung. Seine Fragekunst (er nannte es „Hebammenkunst“) bewahrte ihn vor aller Voreingenommenheit und Doktrinierung. Seine ‚Ideen‘ waren halt keine ‚Ideologien‘.

Kann man sich heute was von abschneiden, egal um welche politische Couleur oder Weltanschauung es geht!