Jun 302019
 

Mehr als das Drehen an Stellschrauben

Auch nach den vorsichtigeren Modellen des Weltklimarates (IPCC) wird sich die Klimaveränderung fortsetzen und die Temperaturkurve des Weltklimas weiter ansteigen. Es ist durchaus richtig, von Klimakrise zu sprechen und nicht nur von Klimaveränderung. Denn man muss davon ausgehen, dass der kritische Punkt erreicht, wenn nicht gar überschritten ist. Der kritische Punkt bezeichnet ein Verhalten des Klimas, das bereits jetzt erhebliche Veränderungen und nachhaltige Schäden hervorruft (Eisschmelze, Dürrezonen, Meereserwärmung). Wenn der Temperaturanstieg nicht gestoppt wird, ist mit einer Zunahme von sogar kurzfristig beobachtbaren Klimaveränderungen und gravierenden Wetterereignissen zu rechnen. Darum gilt die Forderung nach einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2°, besser 1,5° (Pariser Klimabkommen) im Vergleich zum vorindustriellen Niveau.

Etwas Besonderes ist der Kipp-Punkt: Er ist dann erreicht, wenn trotz aller menschlichen Maßnahmen die Klimaveränderung eine Eigendynamik entwickelt, die nicht mehr zu stoppen ist ( irreversible Rückkopplungen durch Kippelemente im Erdsystem ). Die Liste solcher Kippelemente ist lang und wird länger. Einzelne Punkte daraus sind uns durchaus aus der öffentlichen Diskussion geläufig wie das Schmelzen der Gletscher und des Polareises, das Verschwinden der Korallenriffe, Verringerung der Waldflächen, Auftauen der Permafrostböden usw. Wann ein solcher globaler Kipppunkt erreicht ist, lässt sich wohl erst im Nachhinein feststellen, – dass wir nahe daran sind und ihn eventuell bereits überschritten haben, ist eine begründete Vermutung. Darum ist das Wort „Klimakrise“ angemessen und zutreffend. Die Menschheit steht an einem Scheideweg.

#Showyourstripes

Zunächst erscheint die Alternative zwischen „weiter so“ und „Handlungen ändern“ einleuchtend und einfach zu sein. „Weiter so“ wollen nur noch die harten ‚Klimaleugner‘ (Kurzform, es müsste ja heißen Klimaveränderungsleugner), sei es dass sie das Reden über eine Klimakrise für Unsinn oder gar eine Verschwörung halten, sei es dass sie nicht gewillt sind, ihre nationale Politik gegenüber Industrie, Energieerzeugung und Arbeitsplätzen zu ändern bzw. ihr „zu schaden“ (so US-Präsident Trump jüngst auf dem Osaka-Gipfel). Keine Veränderung bedeutet „komme, was da wolle“. Die Hoffnung ist: Irgendwie schaffen ‚wir‘ das schon (Bolsonaro). Das mag stimmen, nur werden die vermutlich immensen Kosten (finanziell, sozial, humanitär) einer solchen Haltung ausgeblendet. Abgesehen davon ist diese Haltung aber deswegen abwegig und unvernünftig, weil sie nicht unterscheidet zwischen vielen einzelnen womöglich ungünstigen Faktoren und dem Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt. Werden diese Lebensgrundlagen angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Ich komme darauf zurück. [siehe unten]

Also bleibt der zweite Weg „Handeln ändern“. Politisch scheint das gegenwärtig der einzig gangbare Weg zu sein, auch wenn die meisten weitreichenden Änderungen bloße Absichtserklärungen sind: Beendigung der Kohleverstromung, CO2-Bepreisung, erneuerbare Energien (derzeit bei 40 %), emissionsfreie Mobilität. Jede einzelne Maßnahme ist äußerst komplex und wäre eine eigene Diskussion wert – und sie wird in der Öffentlichkeit durchaus kontrovers geführt. Der „Kohlekompromiss“ lässt wenigstens den Willen zur Einigung erkennen. Vorausgesetzt, wir setzen das alles erfolgreich und zeitnah in Deutschland um, wäre das Klima dann „gerettet“? Wohl kaum, und das nicht einmal, weil der deutsche Beitrag zum Klimaschutz international gesehen zahlenmäßig äußerst gering ist. Beispielhaft zu handeln wäre ja auch schon ein Pluspunkt.

Es geht aber eigentlich um viel mehr und um etwas ganz anderes. Denn all diese und weitere Handlungsoptionen für ein ‚klimabewussteres‘ Handeln und Gestalten auf allen politischen Ebenen ist auf nahe Sicht ohne Zweifel gut und richtig, aber es ist bei allen guten Absichten ein unzureichender Ansatz auf sekundären Ebenen. Nicht nur veränderte Handlungen sind zu bewerkstelligen, sondern ein anderes Verhalten ist zu üben. An konkreten „Stellschrauben“ Veränderungen in Angriff zu nehmen, um „Klimaschutz“ zu betreiben, ist wahrscheinlich politisch die einzige realistische Möglichkeit. Es steht aber zu befürchten, dass die Maßnahmen allesamt zu kurz greifen. Das kommt in den Blick, wenn man auf die Kette der Ursachen und die Ausmaße der Wirkungen schaut.

Der Maßstab des IPCC gibt einen Hinweis auf die Ursachen: das vorindustrielle Niveau der Klimadaten – die Industrialisierung. Ein oft gebrauchtes Bild zeigt die Auswirkungen plastisch: Wir verbrauchen die Ressourcen von 2 Planeten („Welterschöpfungstag“ WWF). Innerhalb der EU verbrauchen wir schon die Ressourcen von 2,8 Planeten, wenn alle so leben würden wie wir. Das eine weist auf den ungefähren Zeitpunkt einer Produktionsveränderung als Ursache (Industrialisierung), ohne genau aufzulisten, welcher Art diese Auswirkungen sind. Auf jeden Fall gehört die enorme Steigerung des Ausstoßes von Treibhausgasen dazu, die durch den massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen (Kohle, Erdöl, Erdgas) freigesetzt werden. Zu den Folgen der Industrialisierung gehört dann eine Wirtschaftweise, die Ressourcen von Jahrmillionen ausbeutet und sie binnen vergleichsweise kürzester Zeit in einen globalen Produktions- und Wirtschaftskreislauf einbringt und ‚verbraucht‘. Die Annahme eines Ressourcenverbrauches von „mehr als einem Planeten“ beruht auf der Einsicht, dass für ein stabiles Gleichgewicht von Klima und Umwelt nur so viel Ressourcen verbrauchen werden dürfen, wie unser Planet nachhaltig zur Verfügung stellt. Beide Blickrichtungen, die auf die Ursachen und die auf die Folgen, müssten nun im Einzelnen erörtert werden – die dazu vorhandene Literatur ist nahezu uferlos, beginnend mit dem Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ 1972 bis hin zu den jüngsten Veröffentlichungen des IPCC, des WWF und anderer.

Hier nur einige Hinweise. Die Industrialisierung ist eine zunächst lokale Veränderung der Produktionsweise durch den Einsatz von Maschinen (Dampfmaschine) als Ersatz bzw. Ergänzung menschlicher Arbeitskraft. Dieser Prozess hat sich zum einen global ausgeweitet, zum anderen als eine gesellschaftliche Transformation verwirklicht (Kapitalismus, Liberalismus, Marxismus). Auswirkungen auf die Umwelt waren ursprünglich überhaupt nicht im Blick: Umwelt gab es einfach immer. Kolonialisierung, Vernetzung und Digitalisierung haben diesen Prozess in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten exponentiell erweitert („Industrie 4.0“) Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Sowjetunion und dem staatskapitalistischen Aufstieg Chinas ist der Kapitalismus das wesentliche Paradigma der globalisierten internationalen Wirtschaften geworden. Er beruht nach wie vor auf „Wachstum“ von Ressourcen, Produktion und Kapital. Auch die Landwirtschaft hat sich weltweit längst zu einer hochintensiven Agroindustrie gewandelt. Wir leben vom Öl, wir arbeiten mit Öl, unser (einseitiger) Wohlstand beruht auf Öl, – sofern Öl hier einmal für fossile Energie und Rohstoffe insgesamt stehen mag. Das Anthropozän ist immer zugleich Petrozän + Kapitalismus.

Die Auswirkungen reichen weiter, als auf den ersten Blick ersichtlich. Es sind ja nicht nur „Schadstoffe“ wie Abgase, Gülle und Pestizide, die die Umwelt belasten. Der gesamte Ausstoß von Plastik müsste als Eintrag in die Umwelt gewertet werden, sofern er nicht wirklich nachhaltig abgebaut wird; Export und Verbrennen („thermische Verwertung“) gehören definitiv nicht zu einem nachhaltigen Abbau. Erst allmählich ist es in das Bewusstsein gerückt, dass unsere Erde tatsächlich endlich ist, und auch Mond und Mars absehbar keinen Ausweg versprechen. In diesen Tagen jährt es sich zum 50. Mal, dass ein Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte. Die Mondfahrer bemerkten aus der Ferne, wie klein und zerbrechlich der Planet Erde ihnen erschienen ist. Aber eine wirkliche Konsequenz wurde aus dieser Einsicht bis heute nicht gezogen. Wir leben, arbeiten, produzieren und verbrauchen weiter, als gäbe es kein Morgen, als gäbe es keine Endlichkeit. Insbesondere die digitalen Megakonzerne behaupten, die Grenzenlosigkeit der menschlichen Möglichkeiten zu verwirklichen (siehe dazu aktuell Evgeny Morozov). Doch im Grunde heben sie nur den Kapitalismus auf seine nächste, digitale und globale Stufe – damit alles (Machtverhältnisse) bleibt, wie es ist.

Wenn der Satz richtig ist, dass wir nach wie vor von fossilen und anderen endlichen Ressourcen leben; wenn es ferner zutrifft, das die Weltbevölkerung demnächst die 10 Milliardengrenze erreichen wird (2050), wenn außerdem richtig ist, dass unsere gesamte Lebensweise auf einer massiven Überbeanspruchung der natürlichen, d.h. planetarisch vorhandenen Ressourcen beruht, wenn außerdem berücksichtigt wird, dass unser Wohlstand sehr einseitig von der Ausbeutung des größten Teiles der nicht so weit entwickelten Länder abhängt (durch Export von Rohstoffen und Billiglöhnen); wenn in einem weiteren Blick zahlreiche Konflikte um Selbstbehauptung, Macht und Vorherrschaft aus der Sicherung und Einverleibung von Ressourcen bestehen, teilweise im Zusammenhang mit Spätfolgen des Kolonialismus, …. – dann kann man eigentlich nur eine wesentliche Schlussfolgerung ziehen: Es geht nicht mehr nur um das Abarbeiten von „Stellschrauben“ und Einzelmaßnahmen. Es geht gar nicht um einzelne Maßnahmen oder Maßnahmepakete, – es geht um eine grundlegende Änderung des Verhaltens.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich. Wie oben bereits angedeutet: Wird das Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Wenn alles gefährdet ist, ist alles zu ändern. Dass dies geschieht, ist sehr unwahrscheinlich. Aber genau das müsste passieren. Niko Paech beschreibt es, hier und hier. Es klingt sehr radikal, weil es sehr radikal ist. Wollen wir das wirklich? Will ich das? Eigentlich nicht, nicht wirklich. Der Verstand sagt vielleicht Ja, aber das Grummeln im Bauch meint: Muss das wirklich sein? Kein schönes Auto mehr? Keine fernen Weltreisen, keine Urlaubsflüge? Kein einfaches Einkaufen im Supermarkt, kein Fleisch, kein Soja (Tofu!), keine Haustiere, – nur heimische Produkte, nur Bio, nur Fahrrad, – und was ist mit dem Energieverbrauch für Internet, digitale Produkte, mein geliebtes Smartphone? Alles weg? Was Niko Paech einen „graduellen Rückbau“ nennt, bedeutet schlicht eine Revolution. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich, wirklich will. Aber ist es nicht konsequent? Gibt es eine Alternative? Es hilft ja wenig, sich damit zu trösten, dass man mit diesem Unwillen zur effektiven Veränderung nicht alleine steht, sondern eine große Mehrheit wohl auch nicht „will“: „Europäer wollen keine Elektroautos kaufen“, sagte gerade der Entwicklungschef von BMW. Ich bleibe etwas ratlos. Das Umdenken, Umgewöhnen braucht Zeit. Aber genau die haben wir nicht, nicht wirklich. Die Möglichkeit einer „Ökodiktatur“ möchte ich ausschließen, und die Populisten allerorten machen es nur schlimmer. Aber reicht es, nur auf Einsicht zu setzen, wenn es selbst schon für kleine Schritte einiger „incentives“ bedarf? Vielleicht ist das aber der Anfang. Vielleicht ist nun doch #fridaysforfuture im Recht, und zwar gerade wegen ihrer Radikalität und Kompromisslosigkeit. Wahrscheinlich brauchen wir diesen Stachel der Jugend, weil sich sonst nichts bewegt und nichts ändert. Noch einmal: Es ist und bleibt sehr, sehr unwahrscheinlich, dass diese Änderung geschieht und ein Erfolg wird.

Es muss sich aber etwas ändern. Es muss sich um unserer Welt willen sehr viel ändern. Es muss sich um unseres Menschseins, unserer Kinder und Kindeskinder willen alles ändern. Und wenn es zuletzt das Klima, seine rasante Veränderung ist, das uns dazu zwingt: zur Klima – Revolution. Zuerst revoltiert „das Klima“, dann revoltiert der Mensch. Vielleicht so – wenn überhaupt. Sonst bleibt nämlich nur die oben ausgeschlossene Möglichkeit: Weiter machen wie bisher – koste es, was es wolle. Mit ein paar Korrekturen vielleicht.

art.

Update:

Eine alarmierende Sicht gibt es hier zu lesen – bitte die Einleitung zur Bedeutung von Worst-Case-Szenarien beachten!
Klimaprognose 2050

Ebenso alarmierend, weil auf konkrete Pläne verwiesen wird, ist dieser Bericht über derzeit noch geplante oder in Bau befindliche fossile Kraftwerke.
Geplante Kraftwerke sprengen Klimaziele

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