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Nationalismus

Eine aktuelle Problemgeschichte

„Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel, 20.02.2020

In der Gegenwart sind politisch ‚rechts‘ verortete Themen wieder erstaunlich aktuell und erschreckend brisant geworden. Zu diesem neu-rechten Themenkreis gehören die Begriffe Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus. Hinzukommt ein Wiederentdecken des ‚Völkischen‘ und ‚Identitären‘. Aus der Geschichte heraus bietet sich „Nationalismus“ als Oberbegriff an, dem die anderen Themen unter- oder beigeordnet werden können; sie hängen alle zusammen. Es sind negative Begriffe der Abgrenzung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Selbstbehauptung auf Kosten angeblich ‚Minderwertiger‘. Ob Nationalismus auch eine positive Bedeutung haben kann, wird unten erörtert.

Es ist erstaunlich, dass alle diese Begriffe spezifisch neuzeitliche Phänomene beschreiben. Statt von Antisemitismus sprach man bis zum 19. Jahrhundert von Judenfeindlichkeit oder Antijudaismus. Rassismus gibt es als festen Terminus erst ab dem 20. Jahrhundert, nachdem eine ‚wissenschaftliche‘ Rassentheorie als ideologischer Unsinn entlarvt wurde. Der Sache nach ist Rassismus allerdings älter, gehört aber ebenfalls in die Neuzeit und hat sich seit dem 16. Jahrhundert mit dem Kolonialismus verbunden (gegen „Schwarze“, „Rote“, „Gelbe“, „Coloured“). Frühere Gesellschaften und Kulturen kannten durchaus Sklaverei und grenzten sich von Fremden ab, aber selten war damit eine prinzipielle Abwertung und Geringschätzung verbunden. Diejenigen, welche die „klassischen“ Griechen als „Barbaren“ bezeichneten, waren Bartträger und / oder sprachen unverständliche Sprachen, sie wurden deswegen nicht als ebenbürtig mit der griechischen Kultur angesehen. Sie konnten aber in die griechische Kultur einbezogen werden, zumal dann, wenn sie militärisch überlegen waren (Makedonen, Römer). Im Athen und Rom des Altertums konnten griechische Bürger aus verfeindeten Städten versklavt, also verkauft werden, aber Sklaven wiederum konnten als Freigelassene zu Mitbürgern, griechisch Metöken, oder gar zu römischen Bürgern werden (Germanen). Von einer natürlichen Minderwertigkeit war keine Rede, allenfalls kulturelle Andersartigkeit, auch Unterlegenheit, oder eben persönliches Pech konnte ihnen zugeschrieben werden.

Zwar ist das Wort ‚Volk‘ alt, hat aber in der Neuzeit, speziell im ‚Völkischen‘, eine völlig neue, ‚identitäre‘ Bedeutung erhalten. Dies hängt mit der Entdeckung (oder Erfindung) der ‚Nation‘ zusammen, eben auch ein spezifisch neuzeitliches Phänomen. Nationalismus entstand mit der Aufklärung und der Französischen Revolution. Der Begriff bezeichnet mehr ein idealisiertes Konstrukt als eine gesellschaftliche oder kulturelle Wirklichkeit, allerdings von höchster Sprengkraft. Der abgrenzende Charakter der Begriffe ‚Nation‘ und ‚Nationalismus‘ führen direkt zu den eindeutig abwertenden und ausgrenzenden Begriffen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Weil der Begriff ‚Nationalismus‘ in der Bewertung vermeintlich als uneindeutig positiv bzw. negativ angesehen wird, wende ich mich diesem Phänomen in der Hauptsache zu.

Napoleon in Berlin
Napoleon in Berlin (c) Wikimedia

Statt einer eigenen ausführlichen Darstellung biete ich hier eine Art Materialsammlung an. Karl Popper hat in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts mit seinem programmatischen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (hier zitiert nach der 7. Auflage von 1992) auch den Nationalismus charakterisiert. Seine Auffassung findet sich später in vielfältigen Darstellungen zum Nationalismus wieder. Dass der Begriff Nationalismus besonders mit den Namen Herder und Fichte verbunden wird, ist allerdings Gemeingut. Seine Kennzeichnung des Nationalismus als Religionsersatz in einer aufgeklärten, säkularisierten Welt, wurde meinungsbildend.

Sodann zitiere ich ausführlich aus einem Vortrag von Dieter Langewiesche: Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert: zwischen Partizipation und Aggression, gehalten bei einer Tagung der Friedrich -Ebert – Stiftung 1994. Der gedruckte und inzwischen vergriffene Text ist vollständig überarbeitet im Netz verfügbar: Langewiesche-Vortrag. Dieter Langewiesche ist ein deutscher Historiker. Er zählt zu den führenden Experten für die Geschichte des Nationalismus und Liberalismus. (Wikipedia) Der gesamte Aufsatz ist auch nach fast 25 Jahren hoch aktuell und lesenswert.

Schließlich bringe ich noch einige Abschnitte aus der Wikipedia, die zu unseren Themen gute Übersichten und längere Artikel bietet, – hier zitiert speziell zur Begriffsklärung, eigenes Weiterlesen empfohlen.

Aus all dem ergeben sich diese Aspekte (keine vollständige Liste) des Nationalismus:

  • Nationalismus ist ein Phänomen der Moderne.
  • Seine Ambivalenz zwischen Integration nach Innen und Aggressivität nach Außen ist nur eine scheinbare.
  • Weder Territorium noch Sprache noch kulturelle Eigenheiten können eine ‚Nation‘ von sich aus ’natürlich‘ bestimmen und gegen andere abgrenzen.
  • Kriterien zur Abgrenzung werden aus anderen, politischen, ideologischen Gesichtspunkten gewonnen: meist aus rassistischen, chauvinistischen, antisemitischen, fremdenfeindlichen, dünkelhaften (Suprematie).
  • Ein „Verfassungspatriotismus“ ist ein fragwürdiger ‚Ersatz‘ für Nationalismus, sofern er zwar integrieren soll, aber faktisch durch so etwas wie „Leitkultur“ abgrenzt und ausgrenzt.
  • Der ideelle Gegensatz zum Nationalismus ist nicht ‚Kosmopolitismus‘, sondern eine liberale, offene, demokratische und pluralistische Gesellschaft.
  • Grenzen sind historisch relativ und sollten nur vertraglich und niemals gewaltsam geändert werden (wie im Falle der Krim).
  • Kooperationen und Unionen zwischen Staaten aber können Interessenausgleich, Zusammenhalt, Freiheit und Frieden bieten.
  • Identität als Heimat beruht, wenn überhaupt, auf dem nahen, vertrauten Umfeld der Herkunft oder dauerhaften Wohnung, der Familie, Freunde und Bekannten. (Man frage zum Beispiel den Gelsenkirchener, was seine ‚Heimat‘ ist!)


Nationalismus Geschichte

Einer der nächsten, der zur Theorie des Nationalismus beitrug, war J.G. Herder, ein früherer Schüler und zur Zeit ein persönlicher Freund Kants. Herder behauptete, daß ein guter Staat ’natürliche‘ Grenzen haben solle, das heißt Grenzen, die mit den Grenzen des von seiner ‚Nation‘ bewohnten Gebietes zusammenfallen; diese Theorie trug er zuerst in seinen Ideen z« einer Philosophie der Geschichte der Menschheit vor (1785): „Der natürlichste Staat“, so schreibt er, „ist ein Staat, dem nur ein Volk mit nur einem Nationalcharakter angehört … Ein Volk ist ein natürliches Gewächs, und es gleicht darin einer Familie, nur ist es weiter ausgebreitet“. Wie in allen menschlichen Gemeinschaften, so ist auch im Falle des Staates die natürliche Ordnung die beste – das heißt jene Ordnung, in der jeder die ihm von der Natur zugedachte Funktion ausführt. Diese Theorie, die eine Antwort auf das Problem der ’natürlichen‘ Grenzen des Staates zu geben sucht, eine Antwort übrigens, die nur zum neuen Problem der ’natürlichen‘ Grenzen der Nation führt…

Der Mann, der den deutschen Nationalismus mit seiner ersten Theorie versah, war Fichte. Die Grenzen einer Nation, behauptete er, sind durch die Sprache bestimmt. (Das macht die Sprache nicht besser. Wo werden Unterschiede des Dialekts zu sprachlichen Unterschieden: Wie viele verschiedene Sprachen sprechen die Slawen oder die Germanen, oder sind diese Unterschiede nur Dialekte?)

Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Bd.2 1992/2 S. 63f.

Zur Zeit, als Fichte der Apostel des Nationalismus wurde, erhob sich in Deutschland als Reaktion auf die Napoleonische Invasion ein instinktiver und revolutionärer Nationalismus. (Das war eine jener typischen Reaktionen des Stammesbewußtseins gegen die Ausdehnung eines übernationalen Reiches.) Die Völker verlangten demokratische Reformen…
Dieser frühe Nationalismus erhob sich mit der Gewalt einer neuen Religion; wie ein Mantel umhüllte er einen humanitären Wunsch nach Freiheit und Gleichheit. „Der Nationalismus“, so schreibt Anderson [E.N. Anderson, Nationalism…, 1939], „wuchs heran, als das orthodoxe Christentum verfiel, er ersetzte den Glauben des letzteren durch den Glauben an eine besondere mystische Erfahrung“, durch die mystische Erfahrung der Gemeinschaft mit den übrigen Mitgliedern des unterdrückten Stammes, durch eine Erfahrung, die nicht nur das Christentum, sondern insbesondere das durch die Mißbräuche des Absolutismus zerstörte Gefühl des Vertrauens und der Loyalität dem König gegenüber ersetzte. Diese unbändige neue und demokratische Religion war offenkundig eine Quelle großer Beunruhigung und sogar Gefahr für die herrschende Klasse und insbesondere für den preußischen König.

Popper, a.a.O. S. 66f.

Hegel hatte ihn [den Nationalismus] gezähmt, und er hatte versucht, den deutschen Nationalismus durch einen preußischen Nationalismus zu ersetzen. Aber indem Hegel so ‚den Nationalismus zu einer Komponente‘ seines Preußentums ‚reduzierte‘ (um seinen eigenen Jargon zu verwenden), ‚hob er ihn auf‘ für später; und Preußen sah sich gezwungen, sich nach alter Methode der Gefühle des deutschen Nationalismus zu bedienen. [1866 im Krieg gegen Österreich]

Popper, a.a.O. S. 70

Nationalismus und Demokratie

Nationalismus ist ein Geschöpf der Moderne. Als die alteuropäische Welt von der Amerikanischen und der Französischen Revolution in ihren Fundamenten erschüttert wurde und in der napoleonischen Ära dann vollends zerbrach, da gehörte nicht nur die Idee der Selbstbestimmung zu dem neuen Demokratie-Ideal, das seitdem die Welt verändert. Nationalismus gehörte auch dazu. Denn von Beginn an suchten die Menschen ihre neuen Ansprüche im Gehäuse der eigenen Nation zu verwirklichen. Die revolutionären Ideale forderten zwar universelle Geltung, doch ihr zentraler Handlungsraum war und blieb die einzelne Nation. Hoffnungen auf internationale Solidarität gab es zwar immer wieder, doch stets zerstob die Sehnsucht nach einem „Völkerfrühling“ angesichts der überlegenen Kraft, die von den nationalen Leitbildern ausging.

Dieter Langewiesche: Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert: zwischen Partizipation und Aggression, 1994 S. 5

Im Rückblick zeigt sich die Wirkungsgeschichte des Nationalismus zwar voller Widersprüche, in ihren großen Linien aber doch klar erkennbar: Im späten 18. Jahrhundert als eine antiständische, egalitäre Befreiungsideologie entstanden, veränderte der Nationalismus die staatliche und auch die gesellschaftliche Ordnung Europas im Laufe eines Jahrhunderts völlig, griff im Gefolge der imperialistischen Eroberungszüge weltweit aus und wurde zu einem zentralen Bestandteil der Europäisierung der Welt, häutete sich aber erneut zur Befreiungsideologie, entlegitimierte die imperialistischen Zentren und half so, die Kolonialreiche, die er zuvor mitgeschaffen hatte, wieder aufzulösen.

Langewiesche a.a.O. S. 7

Nationalismus umfaßt in dem Bild, das ich entwerfe, beides, setzt beides frei: Partizipation und Aggression. Um mit Reinhart Koselleck zu sprechen: Das „bewegliche Epitheton ’national‘ “ war semantisch offen, konnte links wie rechts verwendet werden, doch immer hat es „wie ein Lackmuspapier einen aus- und eingrenzenden Gesinnungstest“ ermöglicht. – Ein spezifisches Gemisch von Partizipation und Aggression kennzeichnet die Berufung auf die Nation als Letztwert gesellschaftlicher Legitimität zu allen Zeiten.

Langewiesche a.a.O. S. 9; 12

[Norbert] Elias, der in die Geschichte blickende Soziologe, hat in einem stimulierenden Essay den Nationalismus einen „Glauben von wesentlich säkularer Natur“ genannt. Er rechnet ihn zu den „Glaubensdoktrinen“, die „unter bestimmten Umständen durch einen selbsttätigen Prozeß der wechselseitigen Verstärkung immer mehr Macht über ihre Gläubigen gewinnen … – diese Nationalisierung von Lebenswelten und Verhaltensnormen hat sich in allen Gesellschaften vollzogen, die im 19. und 20. Jahrhundert vom Modernisierungsprozeß erfaßt worden sind. –
Der Nationalismus, diese in ihren Ursprüngen und in ihrem Veränderungswillen revolutionäre Ideologie, modernisierte seit dem späten 19. Jahrhundert den Konservativismus und wurde von diesem zugleich usurpiert. Das ist der oft beschworene Wandel vom linken zum rechten Nationalismus.

Langewiesche a.a.O. S.13f.

Ich will Ihnen meine skeptische Sicht erläutern, indem ich mit Blick auf die beiden Pole Partizipation und Aggression zwei Grundprobleme in allen bisherigen Nationsbildungsprozessen betrachte: die Rolle des Territoriums und dann noch einmal das Verhältnis zu Fremden. –

Dieses Territorialprinzip, das allen Nationalismen eingeboren ist, hat, von seltenen Ausnahmen abgesehen, durchweg zu schweren Konflikten geführt. –

Territorialkonflikte friedlich zu lösen, ist kaum einem der historischen Nationalismen gelungen, egal welcher Phase er zuzuordnen ist. Hier zwischen gutem Nationalsinn und bösem Nationalismus zu trennen, wäre wirklichkeitsblind.-
Demokratisierung von Staat und Gesellschaft führt nicht von selber zum Ausgleich zwischen den Nationen – mit dieser für sie unerwarteten Erfahrung wurden die Menschen erstmals 1848 offen konfrontiert.-
Doch als Leitmotiv war das Prinzip ‚Ein Staat – ein Territorium‘ allen nationalen Bewegungen von Beginn an eingepflanzt. Dieses Prinzip, das sei noch einmal hervorgehoben, ließ nahezu alle europäischen Nationalstaaten seit dem frühen 19. Jahrhundert als Geschöpfe von kriegerischer Gewalt entstehen.

Langewiesche a.a.O. S.16-20;

Der Kampf um das nationale Territorium ist auch ein Kampf um nationale Homogenität. Das ist der zweite Problemkreis, den ich als letzten Punkt ansprechen will: das Verhältnis einer Nation zu Fremden und damit auch zu sich selbst.
Eine Nation konstituiert sich über Selbst- und Gegenbilder. Im Bild von dem Fremden gewinnt man ein Bild von sich selbst. Und umgekehrt: Am Selbstbild formt sich das Bild des Fremden. Insofern ist jedem Nationalismus immer die Abgrenzung vom Nationsfremden eigen. Das ist in der Forschung weitgehend unstrittig, ganz gleich welchem Ansatz sie folgt.

Langewiesche a.a.O. S. 21

Und schließlich der englische Philosoph und Anthropologe Ernest Gellner. In seinem anregend-provokativen Buch „Nations and Nationalism“ [1983] sieht er das nationalistische Zeitalter charakterisiert durch, wie er sagt, „gesellschaftliche Selbstverehrung“ und „kollektive Selbstanbetung“ in Gestalt der Nation. Die Nation ist für ihn nichts Vorgegebenes, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion, an der die Intellektuellen vorrangig beteiligt sind. Der von ihnen gestaltete Nationalismus erschaffe die Nation, nicht umgekehrt. In seiner Weltgeschichte des Nationalismus sieht er dessen historische Funktion darin, die Gesellschaft den Bedingungen der Moderne anzupassen. An die Stelle der früheren komplexen kleinräumigen Gruppenbeziehungen trete eine „anonyme, unpersönliche Gesellschaft aus austauschbaren atomisierten Individuen“, zusammengehalten vor allem anderen durch eine gemeinsame Kultur. Diese neue, entlokalisierte Kultur durchzusetzen sei die Aufgabe des Nationalismus.

Langewiesche a.a.O. S. 22

Deshalb, so Gellner, wurde die Übereinstimmung von Kultur und Staat zum „nationalistischen Imperativ“. Wer diese Identität angreife, zerstöre die Lebens- und Zukunftssicherheit der Menschen. Wo Kultur und Staat nicht territorial zusammenfielen, indem fremde Kulturen in den eigenen Nationalstaat eindringen oder dort überdauern, da werde dies unter dem Diktat des neuen nationalistischen Imperativs als Skandal empfunden. Ihn zu beseitigen, begreife die Nation, so zerklüftet sie politisch oder sozial im Innern ansonsten auch sein mag, als eine Aufgabe der kollektiven Selbsterhaltung. In Gellners sozialanthropologischer Nationalismustheorie muß also das Fremde entweder eingeschmolzen werden, nationalisiert oder aber abgetrennt, ausgestoßen, vertrieben werden. Ich meine, daß diese bittere Theorie ein hohes Maß an historischer Plausibilität beanspruchen kann. Und die Gegenwart [1994] scheint geradezu nach dieser Theorie inszeniert zu werden.
Gleichwohl, es bleibt als harte Tatsache: Die Nation als Partizipationsgemeinschaft hat ihre Identität stets in der Abgrenzung gegen das als fremd Empfundene erzeugt.

Langewiesche a.a.O. S. 23

Das im Nationalismus verhärtete Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdbild spielte im Prozeß der Nationsbildung eine zentrale Rolle. Nationen wuchsen in langfristigen Entwicklungsprozessen zusammen. Wirtschaftliche, politische, kulturelle Verflechtungen vielfältigster Art wirkten mit. Der Nationalismus übernahm dabei die Aufgabe einer Integrationsideologie. Er schuf das Bewußtsein zusammenzugehören, aus einer gemeinsamen Vergangenheit zu kommen, gemeinsame Gegner zu haben und gemeinsame Ziele für die Zukunft zu besitzen. Die Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten und den noch Ungeborenen, wie es Ernest Renan genannt hat. Wir sollten aber nicht den Blick davor verschließen, daß diese Nationswerdung sehr oft, wahrscheinlich sogar in den weitaus meisten Fällen, in Kriegen kulminierte – zwischenstaatlichen Kriegen und Bürgerkriegen, Revolutionskriegen. Alle Erklärungsmodelle, die Nationsbildung ausschließlich als die Entstehung von Kommunikationsgemeinschaften verstehen, scheuen vor dieser bitteren historischen Einsicht zurück: der Krieg mit dem Fremden innerhalb und außerhalb des von der Nation beanspruchten Territoriums als Schöpfer nicht nur von Nationalstaaten, sondern auch von nationaler Identität.
Ich behaupte nicht, dies müsse immer so sein. Geschichte läßt sich glücklicherweise nicht hochrechnen, auch die künftige Geschichte des Nationalismus nicht. Zwischen ihr und der Vergangenheit liegt der politische Wille der Gegenwart. Aber man sollte die vergangene Geschichte kennen, um einschätzen zu können, welche Kräfte der Nationalismus früher freigesetzt hat und möglicherweise auch in seiner künftigen Geschichte noch einmal freisetzen kann. –
Alle Seiten des Nationalismus können wir aber nur erkennen, wenn wir ihn in seiner gesamten Gestalt sehen. Sie umfaßt beides: Partizipation und Aggression.

Langewiesche a.a.O. S.27/28

Nationalismus Begriff

Nationalismus ist ein Phänomen der Moderne. Vor allem im 19. Jahrhundert kam es zu nationalistischen Mythenbildungen, um die neugeschaffenen Nationen als vermeintliche oder tatsächliche Traditionsgemeinschaften zu verankern. In Europa bekam der Nationalismus einen erheblichen Schub durch die Ideen der Französischen Revolution. In ihrer Folge wurde die Idee der Volkssouveränität populär, welche sowohl einen demokratischen als auch einen nationalen Ansatz hat. Vorreiter dieser Mythenbildungen waren in Deutschland etwa Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte, in Italien Giuseppe Mazzini.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus#Geschichte

Ernest GellnerEric HobsbawmBenedict AndersonRobert Miles und andere betonen, dass es sich bei einer Nation um eine „imaginierte Gemeinschaft“ handele. Für Gellner ist Nationalismus „keineswegs das Erwachen von Nationen zu Selbstbewusstsein: man erfindet Nationen, wo es sie vorher nicht gab“. Anderson versteht eine Nation als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft“(“imagined communities”), definiert aber imagined (vorgestellt) im Sinne von created (geschaffen), nicht im Sinne von false (falsch, künstlich). Nach Robert Miles geht der Nationalismus von der Existenz „naturgegebener Unterteilungen der Weltbevölkerung“ aus und verkörpert ein politisches Projekt, ein Territorium in Beschlag zu nehmen, „in dem das ‚Volk’ sich selbst regieren kann“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus#Analytische_Konzepte

Rassismus

Die erste Rassismus-Definition stammt von der Amerikanerin Ruth Benedict. In ihrem 1940 erschienenen Buch Race – Science and Politics bezeichnet sie Rassismus als „das Dogma, dass eine ethnische Gruppe von Natur aus zu erblicher Minderwertigkeit und eine andere Gruppe zu erblicher Höherwertigkeit bestimmt ist. Das Dogma, dass die Hoffnung der Kulturwelt davon abhängt, manche Rassen zu vernichten und andere rein zu erhalten. Das Dogma, dass eine Rasse in der gesamten Menschheitsgeschichte Träger des Fortschritts war und als einzige auch künftig Fortschritt gewährleisten kann“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#cite_ref-Fredrickson_6-6

„Rassismus ist der Glaube, daß menschliche Populationen sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert unterscheiden, so daß bestimmte Gruppen gegenüber anderen höherwertig oder minderwertig sind. Es gibt keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg, mit dem dieser Glaube gestützt werden könnte.“
UNESCO-Deklaration gegen den „Rasse“-Begriff auf der UNESCO-Konferenz Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung im Jahre 1995

https://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus#cite_ref-21
Antisemitismus

Als Antisemitismus werden heute alle Formen von Judenhass, pauschaler Judenfeindschaft, Judenfeindlichkeit oder Judenverfolgung bezeichnet. Der Ausdruck wurde 1879 von deutschsprachigen Antisemiten geprägt und entwickelte sich seit dem Holocaust zum Oberbegriff für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund ihrer angenommenen oder realen Zugehörigkeit zu „den Juden“ negative Eigenschaften unterstellen. Damit werden Ausgrenzung, Abwertung, Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung jüdischer Minderheiten (Völkermord) gefördert, vorbereitet und/oder gerechtfertigt.

Pauschale Judenfeindschaft hat eine rund 2500 Jahre alte Tradition, in der sich eine Vielzahl Bilder, Gerüchte, Klischees, Vorurteile, Ressentiments, Stereotype von „dem“ oder „den“ Juden bildeten, überlagern und durchdringen. Während die Anlässe, Motive, Begründungen und Zwecke der Judenfeindschaft je nach Zeitumständen und Trägergruppen wechselten, zeigen die dafür benutzten Bilder große Konstanz und Ähnlichkeiten. Die Antisemitismusforschung hat daher keine allgemeingültige Definition des Phänomens aufgestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus

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