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Die Schrecksekunde

Der unbändige Drang zu verdrängen

Es ist kaum glaublich, mit welcher Geschwindigkeit weitergehende Forderungen und eilige Maßnahmen der Lockerung einander ablösen. Es scheint ein Überbietungswettbewerb stattzufinden, welches Bundesland es als erstes wieder zurück in die möglichst vollständige Normalität schafft, um möglichst wenig aus der üblen Corona-Zeit zurückzubehalten. Es kann allenfalls noch ein ‚erster Platz‘ bei der Abschaffung der Distanz- und Maskenpflicht errungen werden. Die Schul- und Kita-Öffnung ist längst angekündigt, ebenso das Öffnen von Gastronomie und Hotels. Ferienziele an der Nord- und Ostsee sind bald wieder erreichbar. ‚Verantwortliche Normalität‘? Ach was, jetzt geht es darum, möglichst schnell alles zu vergessen, alles aufzuholen, was da irrsinniger Weise vertan wurde. So what? Corona? Die Virologen widersprechen sich doch. Zahlen sind sowieso manipuliert. Wir merken: Alles läuft bestens, und Kranke gibt’s halt immer. Ende Gelände, das Spiel ‚Corona‘ ist vorbei, – neues Spiel, neues Glück!

Die Schrecksekunde ist also vorbei. Sie dauerte tatsächlich nur gut drei Wochen. Da waren die Bilder aus Italien präsent, die Militärkonvois mit Särgen; da explodierten die Zahlen auch bei uns, und die Intensivstationen füllten sich. Mit den höheren Sterberaten ging es dann erst richtig los. Aber eine Woche nach Ostern, am Ferienende, begann schon das Rütteln am Lockdown, das erst leise, dann immer lautere Fragen: Wie lange noch? Was kostet das alles? Welcher Schaden wird in der Wirtschaft angerichtet? Wie lange kann man sich das leisten, den Wohlstand zu opfern? Ist das denn alles überhaupt nötig, wenn es doch nur eine Grippewelle ist? Und die bis dahin eifrig in Talkshows eingeladenen und per Podcast angehörten Virologen wurden allmählich zu Boten des Bösen, die man zunehmend angriff, für ihre Botschaft verantwortlich und schließlich in den letzten Tagen verächtlich machte. Sie trauten ja anscheinend ihren eigenen Zahlen nicht, wenn sie doch ständig neue Zahlenwerte und Ziele propagierten. Also Schluss damit!

Es sind nicht die zuerst wenigen Nörgler, Verschwörungsanhänger, Eiferer und Radikalen, die das alles für „Diktatur“ und „Faschismus“ hielten. Eine Zeitlang noch hielt die Mehrheit in Umfragen, welche die Politik „der Kanzlerin“, also der Bundes- und aller Landesregierungen, unterstützte und den Lockdown mit Kontaktverboten und den weitreichenden Einschränkungen für richtig und angemessen hielt. Noch immer gibt es eine starke Gruppe, die eher mehr Vorsicht und weniger Lockerungen wollen, aber sie geben längst nicht mehr den Ton an. Lautsprecher aus der Industrie, von Verbänden und Interessenvertretern verstärken die Anklagen der Libertären von rechts und links, der angeblich unterdrückten schweigenden Mehrheit, also „des Volkes“, wie wir das ja schon zur Genüge von der AfD und den Pegidas kennen, die nun „doch wenigstens das noch sagen dürfen“ (vgl. den Essay von Melanie Schröter, „Sagen oder nicht sagen“, 2015), dass die ganze Corona-Geschichte eine Strategie der Regierenden, also der „Eliten“, sei zur Machtübernahme und Entmündigung des Volkes usw. Solange es ‚nur‘ erst einige Dutzend, dann einige Hundert und zuletzt am 1. Mai über Tausend waren, die da in Berlin protestierten und sich als „Widerstand 2020“ (gemeldet unter AfD – Adresse) formierten, mag man das als skurrilen Ausdruck einiger Irrer und Fanatiker von rechts und / oder links halten. Aber es prägt allmählich die Stimmung, so dass auch angeblich Normal-Bürger/innen „gegen diese Diktatur jetzt“ (TV-Bericht) auf die Straße gehen. Das bohrt und nagt und lässt die Fassade der Einigkeit bröckeln. Das dissonante Konzert der politischen Führungen, die sich derzeit einen Überbietungswettlauf mit Ankündigungen von weiteren Lockerungen bieten, tut ein Übriges, – als fürchteten sie, in einem „Sturm auf die Bastille“ unterzugehen. Die Plebs ist jedenfalls schon mal da. Es läuft also nach bekanntem Muster der oft erklärten Anti-Demokraten ab – leider nicht verwunderlich, leider normal in den jüngsten Zeiten – und warum dann nicht auch normal in dieser Zeit?

Charité Berlin

Deswegen ist die Zeit der „Schrecksunde“ umso erstaunlicher. Die Bevölkerung wirkte wie geschockt. Schon vor dem offiziellen Lockdown blieben die meisten zu Hause. Die Medien berichteten intensiv. Täglich gab es neue Zahlen. Virologen und Epidemiologen beherrschten die Szene. Erst wurde viel gelobt: Die „Helden“ und „Heldinnen“ des Alltags. Die Ruhe in der Öffentlichkeit. Die weitgehende Bereitschaft, die engen Regeln zu befolgen. Ein extra Lob gab es für die Vernunft und Einsicht in der Bevölkerung, Deutschlands Demokratie zeige sich gereift, rücksichtsvoll und einfühlsam. Chöre auf den Balkonen. Klappern und Kirchenglocken am Abend. Was für Szenen der Eintracht und Besonnenheit!

Erste Stimmen meldeten sich alsbald: Gewalt in den Familien werde ansteigen, Depressive würden in ausweglose Situationen geraten, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen begann auf die vielen psychischen und wirtschaftlichen Schäden in der Gesellschaft hinzuweisen. Die Kosten des Lockdowns könnten die Kosten des Virus übersteigen, hörte man, erst leise, dann immer öfter. Die Schrecksekunde war vorbei. Schnell meldeten sich Rücksichtslosigkeit, Eigeninteressen, Leichtsinn und Unvernunft. Mit der Reife und Vernünftigkeit in der Gesellschaft war es nicht weit her. Es wäre auch sehr verwunderlich gewesen. Das normale Ellbogenverhalten war wieder da. Die Lobbyisten waren zuerst zur Stelle, als es darum ging, die Bereitschaft des Staates zu großzügigen und ‚unbürokratischen‘ finanziellen Hilfen in Anspruch zu nehmen und weitere Hilfen einzufordern. Inzwischen gibt es keine Branche, keine Gruppe in der Bevölkerung, die nicht nach staatlicher Unterstützung schreit. Hier war die Bereitwilligkeit der Länder und des Bundes offenbar zu groß, abgesehen von den Betrügern, die sogleich auf dem Trittbrett mitfuhren. Diese Kosten leichtfertiger Wirtschaftsförderung werden noch Generationen zu tragen haben. Wobei gegen die flankierenden Maßnahmen zur sozialen Abfederung (Kurzarbeitergeld) wirklich nichts einzuwenden ist; sie haben Schlimmeres verhindert.

Inzwischen zeigt sich, dass manche Warnungen vor Kollateralschäden des Lockdowns doch nur vorgeschoben waren, geschickt platzierte Stimmungsmache. Der Vorsitzende des Kinderschutzbundes NRW musste dann kürzlich zugeben, dass die Zahl gemeldeter Gefährdungen des Kindeswohls in den Familien seit März rückläufig sei (Funke-Medien) Man konnte lesen, dass die Suizidrate während der Corona-Krise gesunken ist (n-tv) und dass Einbrüche und Gewaltdelikte während der Kontaktsperre weniger geworden sind (NRW). Das ist kein ‚Nutzen‘ der Corona-Krise, nur ein Hinweis, auf unbegründete Befürchtungen.

Begründet sind aber die Befürchtungen, es könne eine zweite Welle der Infektionen kommen. Sobald die Kontakte der Menschen sich wieder normalisieren, kommt es zum Punkt der Wahrheit, wie weit die Pandemie wirklich eingegrenzt und im Griff ist. Die Epidemiologen warnen uns. Die Virologen weisen weiterhin auf das bisher immer noch weitgehend unbekannte Verhalten des neuen SARS – Virus hin. Fachleute betonen, dass die Gefahr des Wiederaufflackerns der Corona-Epidemie bei uns real ist, dass alles andere an ein Wunder grenzen würde. Man will es nicht mehr hören.

Wissenschaftler und ihre Fakten werden als unzuverlässig gescholten. Wissenschaft ist eben keine Religion, die eindeutige Wahrheiten verkündet. Wissenschaft ist ein Prozess des Lernens, des Irrtums und der Berichtigung. Selbst Daten sind nicht so objektiv, wie sie scheinen. Sie müssen eingeordnet und interpretiert werden. Da können Sichtweisen und Interessen im Spiel sein. Wissenschaft ist darum in der Situation, wo sie politisch gefordert wird, gut beraten, immer wieder auf die eigenen Bewertungen und Grenzen hinzuweisen: Wissenschaftliche Ergebnisse sind in der Regel gut begründet und zuverlässig, aber gelten niemals absolut. Solche Differenzierungen aber mag weder die Medienwelt noch die Politik. Darum gehört auch der Respekt vor und das Hören auf die Wissenschaft zu der vorübergehenden Schrecksekunde.

Politiker polemisieren wieder und hängen ihr Fähnchen nach dem Wind. Der FDP-Chef hat neulich erst verkündet, ihm könne keiner Angst machen mit einer zweiten Welle, ganz so, als sei der Kampf gegen ein Virus eine Mutprobe (Tagesspiegel). Es fällt kaum mehr auf, wie dumm eine solche Aussage ist. Andere schließen sich da nahtlos an. Der Schock ist vorüber. Wie immer sich die Pandemie auch bei uns in Deutschland entwickelt – von einem Lockdown wird niemand jemals wieder etwas wissen wollen. Da hat die entsprechende Agitation schon erfolgreich für gesorgt. Koste es, was es wolle. Die Kanzlerin hält dagegen – wie lange noch?

Es bleibt Mathias Richling: „Wir wollen das Drama nicht hören, weil der Mensch nicht leben kann mit Aussicht auf Drama. Wir wollen es nicht hören, weil man es nicht erträgt. Wenn es dann schlimmer kommt, ertragen wir es schon. Aber nicht vorher.“ (Die Mathias Richling Show 03.05.2020)

Und wenn das Schlimmste vorbei ist, wollen wir gar nichts mehr davon wissen.

Update am 09.05.2020
Das wellenartige Aufflammen und massive Ausbreiten von Verschörungstheoretikern aller Art, „gegen Corona und Kontrolle“- Rechte, Linke, Esoteriker, Reichsbürger und was es sonst noch am Merkwürdigkeiten gibt – mit öffentlichen Protesten an vielen Orten der Republik hatte ich noch gar nicht im Blick. Es ist eigentlich völlig irre und kaum glaublich. Ich lasse den Tagesspiegel berichten: Verschwörungstheorien erreichen Mitte der Gesellschaft, 09.05.2020

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