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Finstere Neuzeit

Das Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist so etwas wie ein Allgemeinplatz, obwohl er nicht stimmt. Das Mittelalter, wie immer man es abgrenzt und bestimmt, ist weder fern noch finster. Menschen mit finsteren Gedanken und Absichten gab es allerdings damals – und gibt es heute. Vielleicht ist die Neuzeit sogar sehr viele eher eine „finstere Zeit“ zu nennen als andere Epochen hierzulande oder anderswo.

Am Anfang der europäischen Neuzeit stehen Renaissance und Humanismus, und später als ein Höhepunkt die Aufklärung, der „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Revolution, Rationalität, Mathematik, Wissenschaft, vor allem Naturwissenschaft und politische Wissenschaft, Vertrauen auf Vernunft und den Triumph des Geistes gelangten zu einer ungeahnten Hochschätzung und Blüte. Es klingt obszön, wenn heute für Mythen, Verschwörungsphantasien, Esoterik, Nationalismus und was sonst auch immer für Phantasmata auf Demonstrationen mit Rufen nach „Freiheit“ und „Wahrheit“ geworben wird, wie gerade zu Berlin geschehen.

Berlin-Tiergarten, Samstag, 12.19 Uhr. Impfgegner und Neonazis, Trump-Fans und Hare-Krishna-Tänzer – gegen die Corona-Politik demonstrieren Menschen, die sonst wenig miteinander verbindet. 
Der Marsch sogenannter Corona-Skeptiker zeigt: Milieu- und altersübergreifend zieht die Mär von den Mächtigen, die das Volk via Infektionsschutz untertan machten. Männer und Frauen gleichermaßen aus Dörfern und Metropolen, aus organisierten Polit-Zirkeln und aus bislang unpolitischen Haushalten strömen ins Berliner Zentrum, weil sie die „Corona-Diktatur beenden“ wollen, weil sie glauben, US-Software-Unternehmer Bill Gates, die CSU oder die „Finanzlobby“ hätten das Virus erfunden, um sich Gehorsam und Profite zu sichern.

Und so demonstrieren Männer, deren T-Shirts mit „Grenzen schließen“ bedruckt sind, neben Frauen, die Bibelsprüche verteilen und „Refugees-Welcome“-Anstecker tragen. Es gibt Impfgegner und solche, die Impfen für richtig halten. Schwarz-weiß-rote Reichsfahnen sind zu sehen, ein paar Männer mit ausgeprägter Nackenmuskulatur geben sich als Fans eines Fußball-Regionalligisten zu erkennen – und als Gegner der „Judenrepublik“.

Tagesspiegel vom 29.08.2020 https://www.tagesspiegel.de/berlin/bibelsprueche-trommeltanz-und-faschisten-zehntausende-demonstrieren-in-berlin-gegen-die-corona-massnahmen/26140564.html

Der Aufbruch in die „Neuzeit“ stand allerdings keineswegs nur im Zeichen von Freiheit, Vernunft und Mündigkeit, auch nicht von „Gleichheit und Brüderlichkeit“. Die französische Revolution wurde begleitet von der Schreckensherrschaft (La terreur) der Jakobiner und mündete in die Diktatur und Eroberungszüge Napoleons. Die amerikanische Revolution wurde auf Kolonialismus und Sklaverei aufgebaut und führte zur fast völligen Vernichtung und Ausrottung der nordamerikanischen Bevölkerung aus der voreuropäischen Zeit. Überhaupt der Kolonialismus, das Zeitalter der gewaltsamen europäischen Expansion, deren Auswirkungen bis heute andauern. Der Kolonialismus war stets äußerst brutal und gewalttätig, unabhängig von den „hehren Zielen“ („Zivilisation“), die damit als ideologische Komponente verbunden sein mochten. Kolonialistische Expansion beruhte auf der Kraft der Stärkeren, auf dem Streben nach Reichtum, Macht und Nutzen für die wenigen Machthaber. Verschiedene Phasen des Kolonialismus haben sich abgewechselt, und ob der Kolonialismus mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges tatsächlich zu Ende gegangen ist, mag man füglich bestreiten: Die Formen der Herrschaft und der Ausbeutung haben sich geändert, die Strukturen der Abhängigkeit und Unterdrückung blieben noch lange erhalten bis in die heutige Zeit der „Globalisierung“1).

Das ideologische Fundament war und ist ein tiefsitzender Rassismus bzw. eine europäisch-weiße Suprematie. Wurde diese einst religiös begründet und verbrämt, als Zivilisierung geschönt und verschleiert, heute mehr technologisch und ökonomisch umgesetzt und ratifiziert, so kann nichts davon verhüllen, dass es letztlich um blanke Macht, um Geld und Herrschaft ging und geht. Die Kosten für Mensch, Kultur und, wie wir heute deutlicher als je zuvor sehen, für Natur und den Planeten insgesamt, sind exorbitant. Allmählich bekommen wir in den reichen und nutznießenden Staaten Europas die Rechnung präsentiert, nicht zuletzt durch die weltweite Migration.

Will sagen: Die Neuzeit ist weder per se vernünftig, freiheitlich, wahrhaftig und der Humanität verpflichtet. Immerhin hat diese gerühmte aufgeklärte Neuzeit die größten Diktaturen und Schandtaten der Menschheit hervorgebracht (Völkermorde, Holocaust, Gulags) im Vergleich zu allem, was wir sonst aus der durchaus ebenfalls mörderischen Geschichte des Mittelalters und des Altertums kennen.

Vielleicht ist es doch die besondere Situation im westlichen Europa nach den unsäglichen Zerstörungen zweier Weltkriege und nach dem Ende von Hitler-Faschismus, Stalinismus und Kaltem Krieg, die den Universalismus der Menschenrechte, eines humanitären Völker-, Zivil- und Strafrechts, der Bedeutung von Kultur und Wissenschaft im Dienste und zugunsten des Menschen ermöglicht haben wie selten zuvor. Es sieht so aus, als ginge diese außerordentliche Zeit nun zu Ende.

Auch hier ist Glorifizierung und nostalgische Skepsis aufzudecken und zu vermeiden. Imperialismus, Neokolonialismus, Neoliberalismus und eine Globalisierung, die vom Westen gesteuert und zu Nutzen des Westens installiert wurden, sind die bleibenden Grundlagen unseres regionalen und partiellen Wohlstandes und der weltweiten Ungleichheit 2), Ungerechtigkeit, Abhängigkeit und Armut. Hierin liegt zugleich die Quelle des verbreiteten Rassismus, Nationalismus und eines sich wieder deutlich artikulierenden Behauptens der eigenen weißen Suprematie. Genau diese Entwicklung spiegeln die Demonstrationen so unterschiedlicher Akteure wie auf der Berliner Demo am gestrigen Samstag. Es artikulieren sich dieselben wirren, aber durchaus gefährlichen ideologischen Versatzstücke, die auch in den USA bei den Trumpisten, in Brasilien bei den Bolsonaro-Fans und sogar bei Anhängern des Erzopportunisten Boris Johnson zu finden sind. 4)

Rechte vor Reichstag
Reichsbürger vor Reichstag (Foto: picture alliance/dpa via ntv)

Noch sind diese Bewegungen und Demonstrationen bei uns und unseren westeuropäischen Nachbarn zahlenmäßig gering, wenngleich lautstark und international vernetzt. 40 000 Demonstranten in Berlin scheint viel und wenig zugleich, immerhin eine Größenordnung der Mitglieder von AfD und Linken. Die FAZ titelt wohl zutreffend: „Größenwahn und Gewaltphantasien einer Minderheit.“ Das kann dann tatsächlich Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik haben, die nicht unterschätzt und verharmlost werden dürfen.

Stichwort Vernetzung. In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich die sozialen Netzwerke im Internet explosionsartig verbreitet. Viele Ideen, Ideologien, Verschwörungen, Mythen, Hasstiraden, Schüren von Ängsten, aber auch politische Aktionen, Meinungsverbreitung, Manipulation und Fiktionen („alternative Fakten“), Rassismus, Antisemitismus und sexualisierte Gewalt wären ohne das Internet so nicht möglich geworden, wie sie es heute tatsächlich sind. Das Internet, speziell das world wide web, ist ursprünglich ein typisch aufklärerisches egalitäres Konzept, und die vielen Lobeshymnen auf die Segnungen des Netzes aus den Nullerjahren sind noch kaum verklungen. Heute ist die Ambivalenz deutlich zutage getreten, und wir werden uns gesellschaftlich, sozial und politisch noch sehr viel mehr mit diesen Auswirkungen weltweiter Instrumentalisierung, Manipulation, Meinungsmache und Datenmacht befassen müssen. „Digitalisierung“ ist mitnichten ein neutrales Phänomen, also eine beliebige Technik. Es muss immer zugleich bedacht werden, wem und wozu Digitalisierung dient. Das gilt insbesondere, wenn heute wie selbstverständlich der Schlachtruf der „Digitalisierung der Schulen“ ertönt. Cui bono – wem soll es nützen? Eine Digitalisierung unter demokratischer Kontrolle kann es jedenfalls mit Microsoft, Google, Zoom und Amazon kaum geben. 3)

Überdeutlich bleibt die „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer, Adorno), tritt heute die Dialektik, die tiefsitzende Ambivalenz der Neuzeit zu Tage. Es bleibt zu hoffen und dafür zu streiten, dass das nächste Jahrzehnt kein Eintritt in einen finsteren Abschnitt der Neuzeit bedeutet. Die Finsternis der sogenannten Postmoderne ist in Wahrheit das Janusgesicht eines technischen Fortschrittsglaubens, der seine aufgeklärten Ziele vergisst. Das Gebot einer humanen Kultur und Sozialität aber ist die freie und vernünftige Teilhabe unter Gleichen. Da dürfen Rassismus und Antisemitismus keinen Raum bekommen.


Anmerkungen

1 ) Ich spare mir weitere Links; einschlägige Artikel der Wikipedia können ein guter Einstieg sein für weitere Informationen und Lektüre. [zurück]

2) Trotz der Belege für eine relativ abnehmende Verarmung, zumindest zeitweise: siehe Bundeszentrale für politische Bildung, Globalisierung und Armut. Die Corona-Pandemie dürfte in Afrika und Südamerika vieles Erreichte wieder zunichte machen. [zurück]

3) Ich war und bin erstaunt und erschrocken, wie leichthin auch große Universitäten wie die WWU Münster sich des Netzes und der Technik von Zoom bedienen – jede Teilnahme an einer Online-Lehrveranstaltung erfolgt über zoom.us. Eigentlich ein Unding. Siehe aber auch die WWU-FAQ: https://www.uni-muenster.de/IT/services/kommunikation/wwuzoom/faq.html [zurück]

4) Die Reportage von Frank Jansen, Tagesspiegel vom 31.08.2020, bringt es auf den Punkt: „Bunt zu sein galt lange als Markenzeichen der Demonstrationen für demokratische Vielfalt und Multikultur. Als farbenfroher Kontrast zu dumpf-braunen Aufmärschen. Das gilt nun nicht mehr. Die Demonstration am Sonnabend war buntbraun, ein Mix aus Hass und Happening. … Von den Demonstranten in der Nähe, die wie normale Bürger wirken, empört sich niemand darüber, dass der Mord an sechs Millionen Juden verharmlost und Angela Merkel mit den braunen Völkermördern auf eine Stufe gestellt wird. Der Versuch, die Bundesregierung als Nazi-Diktatur zu delegitimieren, scheint bei vielen Demonstranten Konsens zu sein.“ https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-demo-reisst-schmerzgrenzen-ein-ein-buntbrauner-mix-aus-hass-und-happening/26142198.html [zurück]

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