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Fridays for Future

Offener Brief eines Großvaters

Liebe Jugend! – Ihr tut recht daran, öffentlich wirkungsvoll einen konsequenten Klimaschutz einzufordern. Die wissenschaftliche Evidenz ist überwältigend, die Herausforderung gewaltig. Der Klimawandel mit allen zu erwartenden Auswirkungen bedroht die Zukunft, eure Zukunft. Es ist richtig, dass ihr dagegen aufsteht und lautstark eure Stimmen erhebt, dass es kein Weiter-so geben darf. Unser Leben und Wirtschaften muss wirksam und rasch verändert werden, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Ihr habt allein jetzt schon in der Öffentlichkeit viel bewirkt und zu einem Meinungsumschwung beigetragen. In der Politik sind eure Proteste und Forderungen angekommen. Das hat dazu beigetragen, dass innerhalb kurzer Zeit Maßnahmen zum Klimaschutz und zu Begrenzungen des CO2-Ausstoßes beraten und beschlossen werden, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren.

Natürlich geht es euch immer noch zu langsam, zu zaghaft, mit zu vielen Kompromissen. Eben lese ich von Sophia Pott, eurer Europa-Sprecherin, zu den Beratungen im Europaparlament (7.10.2020):

„Die momentane Ausgestaltung des Gesetzes reicht nicht, um die 1,5 Grad einzuhalten. Damit ist es für uns nicht unterstützbar.“ – „Wir bräuchten 80 Prozent Reduktion der Treibhausgase bis 2030, um das 1,5-Grad-Ziel gerade noch einhalten zu können“, so Pott. „Wir haben 40 Jahre lang wenig getan, um Klimaschutz umzusetzen. Wir haben nicht die Zeit, um in lange Verhandlungen zu gehen.“

https://twitter.com/DLF/status/1313725938652372993?s=20

Ihr seid kompromisslos für einen radikalen Wandel, weil der Klimawandel so radikal ist. Es ist euer Recht, dies zu fordern, nicht nur für eure Generation, sondern auch darüber hinaus für eine Zukunft in einer lebenswerten Welt. Das ist richtig so.

Ich bin ebenfalls entschieden für einen Wandel, der eine lebenswerte Zukunft für meine Kinder und Enkelkinder ermöglicht und bewahrt. Einige meiner Enkelkinder sind gerade in die Schule gekommen. Deren Zukunft reicht noch weiter als eure. Wer heute geboren wird, hat eine Lebenserwartung von mehr als 80 Jahren. Wie wird die Welt im Jahre 2100 aussehen?

https://www.tagesspiegel.de/politik/fridays-for-future-und-klimakabinett-so-rettet-deutschland-das-klima-nicht/25027440.html

Da denke ich noch an vieles andere über die Klimaveränderung hinaus. Sie ist ein wesentlicher Faktor der Bedrohung, aber es gibt noch weitere wie Bevölkerungswachstum, Migration, Mächtekonkurrenz, Kriege. Man darf sich den Blick durch den Klimawandel nicht verstellen lassen und muss auch die weiteren großen Herausforderungen im Blick behalten. Eine Bewegung wie die Eure kann sich nur auf ein Thema fokussieren, das sie für das wichtigste hält, das ist klar. Das ist eure Stärke, darf aber nicht zugleich zur Schwäche werden. Um sich nicht von all den Bedrohungen überwältigen zu lassen, ist Nüchternheit und Pragmatik nötig – und der Optimismus, dass sich mit gutem Willen neue Wege finden lassen.

Ich denke an viel Naheliegendes, wenn ich an meine Kinder und Enkel denke. Ich möchte, dass ihre Welt so offen und lebenswert bleibt, wie ich sie hier in Europa und insbesondere in Deutschland erlebt habe und noch erlebe. Ich bin über 70 Jahre alt und habe damit eine beispiellose Zeit des Friedens, des Aufschwungs und des Wohlstands in diesem Teil der Welt erlebt. Ich weiß wohl, dass davon vieles auf Kosten anderer Weltteile geht. Unsere Wirtschaftsweise ist nicht ‚gerecht‘ und nicht ’nachhaltig‘, was immer das im Einzelnen heißen mag. Unser Wirtschaften ermöglicht einerseits ungeheuren Reichtum weniger 1) und große Armut vieler. Der Bereich dazwischen umfasst den größten Teil der Bevölkerung in Westeuropa. Bei allen Fehlern und Mängeln – noch nie in der Geschichte ging es einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland so gut wie heute.

  • Wir haben ein im Vergleich zu früheren Zeiten beispielloses und funktionierendes Sozialsystem. Mehr als die Hälfte der Staatsausgaben fließen direkt oder indirekt in den Sozialbereich als Transferleistungen.
  • Wir haben ein Gesundheitssystem, das allen Bürgern eine optimale Versorgung im Krankheitsfall garantiert unabhängig vom Einkommen. Die Unterschiede zwischen der gesetzlichen und der privaten Krankheitsversicherung sind vergleichsweise gering. 2)
  • Wir brauchen eine deutliche Verbesserung der Pflegeleistungen angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft, z.B. Obergrenzen bei den Eigenleistungen. 3)
  • Wir brauchen ein besseres Bildungssystem. Zwar ist das bestehende mehrgliedrige Schulsystem durchaus bewährt und leistungsfähig, kann aber den Herausforderungen der Zukunft nicht standhalten. Damit ist nicht nur die Digitalisierung gemeint, sondern die unhaltbare Tatsache, dass immer noch die soziale Herkunft für den Erfolg im Bildungssystem entscheidend ist. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch eine Ressourcenverschwendung, die wir uns nicht leisten können.
  • Wir brauchen einen Umbau unserer Wirtschaft. Deutschland wird ein exportorientiertes Wirtschaftsland bleiben müssen, aber der Klimawandel und die Umwälzungen der Globalisierung und der drohenden Re-Nationalisierung erfordern große Anstrengungen, unsere Industrie fit zu halten – oder fit zu machen, – nicht nur die Automobilindustrie.

Das sind zwei Punkte mit „Wir haben“ und drei Punkte mit „Wir brauchen“ – und die Liste ließe sich verlängern. Klar ist: Um all dies erhalten und weiterhin gewährleisten zu können, brauchen wir eine starke, gut funktionierende Wirtschaft. Weil ich mir für meine Kinder und Enkel ebenfalls ein Leben in Wohlstand und Sicherheit wünsche, brauchen wir viele Investitionen, sichere Löhne und hohe Einkommen. Die Sicherung großen Wohlstands erfordert weiterhin beständiges Wachstum der Wirtschaftsleistung. Es ist sehr viel qualifizierte Arbeit, anspruchsvolle Bildung und Ausbildung an Schulen, Hochschulen und Universitäten mit internationaler Reputation erforderlich, um unseren hohen Standard zu erhalten. Auch künftig muss dieser Wohlstand erarbeitet und verdient werden, und dafür gilt es alle Chancen zu ergreifen.

Um die hohe Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft (in Deutschland, Europa, weltweit) gewährleisten zu können, sind Wachstumspfade nötig, die zugleich (und das ist heute die besondere Herausforderung) Pfade des Wandels sind hin zum Ziel der Klimaneutralität, der Umweltverträglichkeit, größerer Gerechtigkeit. Bei all eurem Drängen sind doch Wege des Übergangs erforderlich, die notwendige Kompromisse beinhalten. Den Umbau der Industriegesellschaft, die seit 200 Jahren auf der Nutzung und Verbrennung fossiler Rohstoffe basiert, kann kaum in 20 oder 30 Jahren bewerkstelligt werden, wenn man heftige Brüche und Einbrüche der Wirtschaftsleistung und damit verbundene Nöte in der Gesellschaft vermeiden will.

Und das Klima, die Steigerung der Temperaturen? – Wir werden damit noch eine Weile leben müssen und als Menschheit die Folgen des Klimawandels zu tragen haben. Die erforderlichen Maßnahmen müssen effizient, schnell umsetzbar, nachhaltig und zugleich förderlich für Wirtschaft und Wohlstand sein. Wir werden dafür alles nutzen müssen, was möglich ist: Einsparungen, neue Technik, Phantasie für neue Wege. Das hinzukriegen, was bisher der Quadratur des Kreises gleicht, ist wohl die größte Aufgabe, welche die heutige Generation und künftige Generationen zu leisten haben.

Wer mir bis hierher lesend gefolgt ist, mag vielleicht auch noch ein Beispiel lesen, das mich ermutigt und optimistisch macht: die weltweite Verbreitung der modernen Kommunikationstechnik. Auf meinen vielen Reisen durch Südamerika und Afrika habe ich gesehen, welche Revolution in kürzester Zeit die Verbreitung des Mobilfunks bewirkt hat. Zuerst war da das Satelliten-TV, das die Welt öffnete für die, die einen Stromzugang hatten. Dann kamen die billigen Solar-Panels dazu, die zusammen mit einer alten Autobatterie einfache Stromversorgung plus Sat-TV in die letzten Winkel der Erde brachten. Aber wirklich revolutionär war erst der rasche Ausbau der Mobilfunknetze, die langwellige Frequenzen nutzen und darum mit relativ wenigen Masten und Basisstationen auskommen. Die Technik des leitungsgebundenen Telefonnetzes wurde in vielen Gebieten der Erde (außer in den Großstädten) einfach übersprungen! Und jetzt ist das Internet wirklich in jedem Haus und jeder Hütte möglich – und wird mit einfachen Handys genutzt. Die rotweißen Sendemasten sieht man heute überall in den Landschaften Afrikas und Südamerikas 4).

Solch einen technologischen Sprung wünsche ich mir auch für die Energiegewinnung und Mobilität. Jenseits der heutigen batteriebetriebenen E-Mobilität stehen die wirklichen Innovationen noch aus. Die disruptiven Techniken der Zukunft müssen erst noch erfunden werden. Aber ich bin sicher: Es wird sie geben – mit Eifer, Willen und Phantasie! 5)


Anmerkungen

1) Die Corona-Krise hat die Superreichen rund um den Globus noch reicher gemacht. Das Gesamtvermögen der mehr als 2000 Dollar-Milliardäre weltweit stieg bis Ende Juli auch dank der Erholung an den Aktienmärkten auf den Rekordwert von rund 10,2 Billionen Dollar (8,7 Billionen Euro). Das geht aus Berechnungen der Beratungsgesellschaft PwC und der Schweizer Großbank UBS hervor. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Krise-macht-Superreiche-noch-reicher-article22082914.html [zurück]

2) Der Vergleich mit den USA oder UK lässt die Leistungen unseres Gesundheitssystems besonders deutlich werden. Der großen Mehrheit der US-Bevölkerung dagegen stehen die besten Mittel der amerikanischen Medizin gar nicht zu Verfügung. [zurück]

8.10.2020 11:01 Expertin: Deutsche Patienten erhalten ähnliche Therapie wie Trump
Corona-Patienten in Deutschland erhalten nach Angaben von Susanne Herold, Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, eine ähnliche Behandlung wie US-Präsident Donald Trump. Auch Patienten hierzulande würden mit dem Medikament Remdesivir und einem Cortison-Präparat behandelt, sagt Herold. Allerdings habe Trump auch ein weiteres Medikament erhalten, das den Eintritt des Virus in eine Zelle durch neutralisierende Antikörper verhindern soll. Dieses sei in Deutschland noch nicht zugelassen. Die beiden anderen Behandlungen seien aber auch in Deutschland „zum Standard“ geworden

https://www.n-tv.de/21626512

3) Der Vorschlag des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, 700 € als Obergrenze für Zuzahlungen im Pflegebereich festzulegen, kostet nach seinen Angaben jährlich 5 – 6 Milliarden Euro. Von der besseren Vergütung der Pflegekräfte ganz abgesehen. [zurück]

4) „Der Mobilfunk in Südamerika ist in weiten Teilen des Kontinents gut ausgebaut. Weil viele Regionen über ein mangelhaftes und veraltetes Telefonnetz verfügten, investierten viele Staaten und Unternehmen seit der Jahrtausendwende bevorzugt in eine moderne Telekommunikation über Handys und Smartphones. Aus diesem Grund verfügen selbst kleine Dörfer über einen guten Handyempfang und eine hohe Bandbreite für das mobile Internet.“ 
https://www.billiger-telefonieren.de/mobilfunk/handyempfang-suedamerika_134263.html [zurück]

5) Soeben (8.10.2020) lese ich die Meldung: CO2-Abgabe beschlossen: Benzin- und Heizöl werden teurer. Der Bundestag hat eine höhere CO2-Abgabe ab 2021 beschlossen. Sie soll fossile Brennstoffe unattraktiver machen. Das bedeutet, dass unter anderem Sprit, Heizöl und Gas mehr kosten werden. Der CO2-Preis liegt ab dem neuen Jahr bei 25 Euro pro Tonne. Die Abgabe wirkt wie eine Steuer und soll schrittweise bis 2025 auf 55 Euro klettern. via @ntvde [zurück]


Dieser Text ist auch als PDF verfügbar: Fridays for Future Offener Brief

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