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Klima Pandemie

Gegensätzliche Strategien

Klima und Pandemie 2

Es gibt zwei grundsätzlich entgegengesetzte Strategien, großen Krisen zu begegnen: (A) hinnehmen oder (B) bekämpfen. Hinnehmen bedeutet Veränderungen ignorieren, solange das geht, und schließlich Verhalten anpassen, soweit das geht. Dabei werden nur wenige Einschränkungen hingenommen und Opfer möglichst ausgegrenzt. – Bekämpfen bedeutet, Ursachen der Veränderung vermeiden oder durch Verhaltensänderung zurückdrehen, um Status quo zu erhalten oder, besser, einen Zustand quo ante zu erreichen. Man könnte (A) den liberalen, individualistischen Weg nennen und (B) den konservativen, sozialen Weg. In beiden aktuellen Fällen, der Klimakrise und der Coronakrise, verfolgen die meisten Staaten einen Mittelweg irgendwie zwischen beiden Alternativen hindurch: pragmatisch, „auf Sicht“, etwas verändern, aber vorsichtig und nicht zu viel umsteuern. Ziel bleibt das Erreichen des Status quo ante: so wie’s vorher war.

Zuerst zur Strategie (A). Beim Klimawandel gab es besonders in der Industrie und bei Kapitalbesitzern lange Zeit die Marschroute: Fakten ignorieren, als fixe Idee von „Grünen“ verharmlosen, Wirtschafts- und Verteilungsmodell retten. Das hat sich insofern geändert, als die ersten spürbaren Folgen der Klimaveränderung die Stimmung in der Gesellschaft und damit das Wirtschaftsmodell zu bedrohen beginnen. „Grüne Industriepolitik“ ist plötzlich angesagt, nachhaltige Investitionen sind gefragt, um die Kapitalrendite langfristig zu sichern. „Klimafreundliche“ Veränderungen sollen möglichst technisch-industriell und agro-industriell umgesetzt werden, um neue Investitionsbereiche zu erschließen. Gleichzeitig grenzt sich die wohlhabende Kapital-Elite mehr und mehr von der Normalgesellschaft ab, lebt in „gated areas“ auf privaten Hotelanlagen, Ländereien und Inseln. Unvermeidliche negative Folgen des Klimawandels wie Überschwemmungen, Dürre, Ernteausfälle, Kampf um Lebensgrundlagen und Rohstoffe (Bürgerkriege) usw. fallen weltweit besonders auf Kleinbauern und einen verarmenden Mittelstand (Handwerk, Handel) zurück. Die Großstädte und Giga-Metropolen haben zunehmend eine uniforme glitzernde Fassade und ein sie umgebendes Meer von Slums, in denen der Großteil der Bevölkerung knapp am Existenzminimum haust. Diese Ungleichheits -Verhältnisse sind nicht durch den Klimawandel verursacht, aber sie werden durch die Strategie des Anpassens und der fortschreitenden gesellschaftlichen Segregation weiter verschärft. Kurz gesagt: Der liberale, individualistische Weg passt nur auf die wenigen Vermögenden, die sich Gesundheit und Wohlstand kaufen können, und lässt ein wachsendes Prekariat als Opfer zurück. Die scheinbar pragmatische Anpassung verändert letztlich nichts, schützt weder das Klima noch rettet es die Opfer, sondern erhält und verschärft die extreme soziale Ungleichheit zugunsten weniger.

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Klimawandel (c) ESA

Bei der Coronakrise können wir einen ähnlichen Effekt dieses liberalen Weges beobachten: Die einen sollen und wollen ’normal‘ weiterleben und die anderen Gefährdeten sollen geschützt, also ausgegrenzt werden. Solange das Zahlenverhältnis Zweidrittel zu Eindrittel beträgt, scheint es noch einer Mehrheit zu nützen. Wenn aber, wovon auszugehen ist, das Leben mit dem Coronavirus eine langfristige Angelegenheit ist, wird sich das Verhältnis bald umdrehen, weil die Gruppe der Vulnerablen immer größer wird (z.B. durch Long-COVID). Selbst bei einer erfolgreichen Impfkampagne sind erneute Ausbrüche durch gefährliche Mutanten („immun-escape“ = Ausweich-Anpassungen) kaum zu verhindern. Die Beibehaltung unserer bisher gewohnten Lebens-, Arbeits- und Freizeitwelt verlagert die hohen Kosten einer verwalteten Pandemie auf einen großen Teil der Gesellschaft, der bisher schon sozial schwächer dasteht. Auch hier verfestigt und radikalisiert der liberal-individualistische Weg bestehende soziale Ungleichheit und Chancenlosigkeit. „Keine Veränderung“ und möglichst schnell zur „Normalität“ zurückkehren bedeutet faktisch, die gesellschaftliche Spaltung in Nutznießer und Nutzlose zu verschärfen.

(B) Der konservative, soziale Weg mit vielen staatlichen und gesellschaftlichen Regulierungen scheint darum der Königsweg für die Klimakrise und die Coronakrise zu sein. Gleich vorweg: Er ist es nicht. Dieser Weg krankt schon am Ziel: Erhaltung des Status quo, mehr noch des Status qua ante, – alles wie vorher mit Karneval, Malle (auch Male…) und Ischgl. Dies ist eine Illusion, selbst wenn sich die Pandemie mit Impfungen eindämmen lässt. Es ist eine noch größere Illusion, wenn man meint, ein bisschen mehr Elektroautos und ein bisschen weniger Kerosinverbrauch beim Fliegen retten das Klima. Ganz zu schweigen davon, dass weltweit von einem Ausstieg aus der Kohleverstromung wenig bis gar nichts zu sehen ist. Das meiste, was es bei uns in Deutschland an „klimafreundlichen“ Maßnahmen und Reformen gibt, bewirken global fast nichts und sind Beruhigungspillen für das ‚ökologische‘ Gewissen. Viele vegetarische Produkte enthalten Soja- und Palmöl, für das Urwald großflächig abgeholzt wird, von der industriellen Viehwirtschaft ganz zu schweigen. Einzig durch die CO2-Steuer könnte es wegen des Griffs ins Portemonnaie zu gewissen Verhaltensänderungen kommen – national, kaum global. Außerdem trifft sie dank der Ausnahmen für die Industrie (Standortsicherung) vor allem die einkommensschwächere Bevölkerung; sie ist mitnichten sozial, sondern ‚konservativ‘ für Vermögende.

Das Ziel des Status quo ist auch hinsichtlich der Pandemie widersprüchlich, hat doch gerade erst die Globalisierung und der weltweite Tourismus eine lokale Epidemie zu einer globalen Pandemie transformiert (siehe voriger Beitrag). Es muss zumindest gefragt werden, ob es tatsächlich vertretbar und wünschenswert ist zurückzukehren zu den gewaltigen Zahlen der Flugtouristik; zu der Intensität einer globalen Vernetzung der Produktion, die plötzlich stillsteht, wenn notwenige Vor- und Zwischenprodukte nicht mehr geliefert werden können, gerade auch bei Medikamenten; zu landwirtschaftlichen Billigstprodukten, wo chilenische Heidelbeeren (zB.) bei uns im Winter im Supermarkt angeboten werden können – dank geringer Lohn- und Transportkosten. Man könnte eine einfache Formel aufstellen: Weniger globaler Kontakt ermöglich mehr lokale Kontakte, auch wenn sich das Coronavirus vermutlich nicht ausrotten lässt. Es lässt sich jedenfalls eingrenzen und begrenzen. – Der konservative soziale Weg müsste schon ein radikal revolutionärer Weg werden, wenn er den Status quo wirklich verlassen und sozial und zukunftsträchtig werden will. Dies gilt besonders für den Klimawandel, aber ebenso für den weiteren Umgang mit Pandemien wie Covid-19.

Solange unsere Gesellschaft (und darin jeder einzelne) zu wirklich tiefgreifenden Veränderungen nicht bereit ist, weil zu viel Liebgewordenes und Vertrautes auf dem Spiel steht und weil es ja doch noch immer irgendwie gegangen ist und so weitergeht, wird der bisher verfolgte mittlere Weg zwischen den beiden Alternativen, auch wenn diese jeweils ihre medial präsenten Vertreter haben, der gesellschaftlich einzig mögliche sein: mit „Maß und Mitte“ pragmatisch und auf Sicht zu manövrieren und zu regieren. Es wird leider weder gegen die Klimakrise noch gegen eine langfristige Pandemie wirklich helfen, – es wird nur so lange gehen, wie es eben geht und toleriert wird. Gerade dieser maßvolle, aber vermutlich langfristig sehr viel kostspieligere, gefährliche, möglicherweise verheerende Weg hat das große, überwiegende Vertrauen der Bevölkerung, gerade wieder dokumentiert (FAZ plus).

Eine weitere Möglichkeit ist der radikal autoritäre und illiberale Ausweg, der eben radikal die bisherigen Macht- und Geldeliten schützt und bevorzugt (siehe Putins „Schloss“) und jegliche Alternative für die Mehrheit der Bevölkerungen verhindert. Diesen „chinesischen“ Weg mag sich für uns niemand vorstellen und niemand wünschen. Wer weiß, vielleicht könnte gerade diese fatale Möglichkeit einmal Realität werden.


Als positiver Ausblick für ein Leben mit dem Virus: „Lohnt insoweit nicht vielleicht die Blickumkehr von den legitimen Ansprüchen auf die zu lösenden Herausforderungen? DAS LEBEN NACH DER PANDEMIE 18.02.2021 Faz plus

Karl Lauterbach: „Was Corona betrifft: Ich war mir sicher, dass wir Impfungen bekommen. Corona kriegen wir weg. Da bin ich also Optimist. Ich bin aber ein Skeptiker, was die Umweltfragen angeht.“ Süddeutsche Zeitung 08.01.2021

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