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Klimawandel in den Griff bekommen

Die LageDie FaktenSzenarienSchlussfolgerungen

Die Lage

Eine Unabwendbarkeit mit unabsehbaren Kosten: „Seither sind Schwierigkeiten und Kosten dramatisch gestiegen. Laut einer 2020 in Scientific Reports erschienenen Studie haben sich die inflationsbereinigten Kosten dafür, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, seit 1980 nahezu verdoppelt.“ Schätzungen allein für Deutschland belaufen sich auf fast 2 Billionen Euro (FAZ). Aber nichts oder zu wenig zu tun ist keine Option. Zu spät zu handeln ist vermutlich noch viel teurer.

„Reicht es, so wie immer mehr Staaten dies tun, für Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität anzupeilen? Das wäre zumindest mit der Zwei-Grad-Grenze einigermaßen vereinbar. Oder wären sofortige, drastische Einschnitte in allen Lebensbereichen geboten? Kürzlich veröffentlichten drei Klimaforscher um James Dyke von der University of Exeter auf dem Portal „The Conversation“ einen viel diskutierten Text, in dem sie das Konzept der Klimaneutralität als „gefährliche Falle“ bezeichnen. Es verschiebe das Problem in die Zukunft und schaffe die Illusion, dass es sich mit künftiger Technik lösen lasse – und führe so doch nur zu Untätigkeit. 

„Es braucht eine glaubwürdige Selbstbindung, das ist für mich das Entscheidende am Urteil. Die Politik muss nicht nur Ziele definieren, sondern auch die Instrumente, um sie zu erreichen“, sagt Edenhofer.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimaschutz-kosten-massnahmen-zeitfaktor-1.5280638
sowie
https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/wissen/klimawandel-aktuell-der-sz-klimamonitor-e203859/

Die Fakten

  1. Der menschengemachte Klimawandel ist eine Realität. Kurze Übersicht der Fakten:
  2. In der Klimapolitik besteht ein weitreichender Konsens darüber, dass bei einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf max. 2° C bzw. auf 1,5 °C (Pariser Klimaabkommen 2015) über dem vorindustriellen Wert eine gefährliche Störung des Klimasystems durch den Menschen gerade noch vermieden werden kann. Bei einer Überschreitung der 2 (1,5)-Grad-Grenze würden die Folgen des Klimawandels nicht mehr kontrolliert werden können. https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel
  3. Gegenwärtig liegt die globale Mitteltemperatur bereits um 1 °C über dem vorindustriellen Niveau. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die bis heute erfolgten Emissionen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten eine weitere Erwärmung von bis zu 0,5 °C verursachen könnten wegen der Trägheit des Klimasystems.
  4.  Die Menschheit müsste schlagartig alle CO2-Emissionen stoppen, um eine Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Da das undenkbar ist, müsste sofort mit einer radikalen Reduzierung der Emissionen auf nahezu die Hälfte in 10 Jahren begonnen werden. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) kann die Erderwärmung nur dann deutlich unter 2 °C begrenzt werden, wenn die globalen CO2-Emissionen „etwa im Jahr 2020 ihren Scheitelpunkt erreichen“.
  5. Falls das nicht gelingt, und davon ist auszugehen, helfen nur noch sogenannte „negative Emissionen“. Darunter wird der nachträgliche Entzug von Kohlendioxid aus der Atmosphäre durch Maßnahmen wie Aufforstung, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder Ozeandüngung verstanden. Diese Maßnahmen des Climate Engineering sind bis auf die Aufforstung technisch nicht ausgereift, und ihre Wirkung ist höchst umstritten.
  6. Klimamodellberechnungen kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass anders die angestrebte Begrenzung der globalen Erwärmung nicht eingehalten werden kann. Auch der Weltklimarat IPCC  geht in seinen Berichten von der Notwendigkeit aus, in der zweiten Jahrhunderthälfte negative Emissionen einzusetzen. Nachtrag vom 23.06.2021: Weltklimarat zeichnet düsteres Zukunftsbild
  7. Das Pariser Klimaschutzabkommen strebt zwar eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C an. Die Verpflichtungen, die die einzelnen Staaten auf freiwilliger Basis bisher eingegangen sind, laufen jedoch auf eine Erwärmung von 3,0 °C bis zum Ende der 21. Jahrhunderts hinaus. Geht man davon aus, dass nicht alle Staaten ihre eingegangenen Verpflichtungen auch einhalten (China, USA), dürfte der Wert noch höher liegen.
  8. Völlig unterschätzt wird die Wucht, mit der die kommende Transformation Veränderungen mit sich bringen wird. Wer die Energieversorgung (weitgehend) auf Erneuerbare umstellen will, wird Genehmigungsverfahren vereinfachen, den Bau von Stromautobahnen beschleunigen und generell die gepflegte Haltung des „Nicht in meiner Nachbarschaft“ überwinden müssen. Wer den schnellen Bahnverkehr fördern will, wird unter anderem bisher blockierte Projekte in den Tälern von Rhein und Inn in Gang bringen müssen. [s.u.]
  9. Unterschätzt werden die Verteilungsfolgen der Transformation auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Die Klimapolitik ist ein extrem teures Unterfangen; Schätzungen allein für Deutschland belaufen sich auf fast 2 Billionen Euro. Ein hoher CO2-Preis vertreibt die Produktion von Treibhausgasen, aber er belastet Unternehmen und Privathaushalte finanziell. Auch in Deutschland werden Benachteiligte Unmut äußern und nach Transfers rufen
    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/klima-energie-und-umwelt/warum-wir-fuer-die-klimarettung-eine-starke-wirtschaft-brauchen-17341507.html?premium
So stark sind alle Bereiche unseres Lebens mit CO2-Ausstoß verknüpft.
https://www.ndr.de/ratgeber/klimawandel/CO2-Ausstoss-in-Deutschland-Sektoren,kohlendioxid146.html
Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von CO2 liegt in Deutschland zurzeit bei etwas über 11,5 Tonnen; weltweit bei 4,8 Tonnen. 2 Tonnen Kohlendioxid jährlich pro Kopf wäre das klimaverträgliche Ziel.
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Szenarien

Wenn man die politische, ökonomische und gesellschaftliche Situation sowohl hierzulande als auch weltweit realistisch einschätzt, brauchen wir neben den dringend erforderlichen Maßnahmen zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes dennoch einen Plan B, um sich auf die erwartbaren Klimafolgen einzustellen. Noch einmal: kein „Plan B“ als Alternative, sondern ein zusätzlicher Plan B für den Katastrophenfall.

Es geht dabei beispielsweise um Wassermanagement, Lebenmittelmanagement, Bodenmanagement, Infrastrukturmanagement und vieles mehr. Zu rechnen ist mindestens mit folgenden Herasuforderungen:

  • zunehmende Naturkatastrophen
  • Trockenheit und Dürren
  • Verwüstung und Versteppung
  • Anstieg des Meeresspiegels
  • Stürme und Überflutungen
  • Beeinträchtigung / Überlastung der Infrastruktur
  • Gefährdung der Energieversorgung
  • Migration und Fluchtbewegungen
  • Kampf um bewohnbare und bewirtschaftbare Regionen
  • machtpolitische Verschiebungen und Gewaltausbrüche

siehe Anatomie einer Katastrophe https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/was-die-klimakrise-wirklich-bedeutet-e946076/

Was könnte und sollte sich daraus ergeben? Nach den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie kann man gar nicht bald genug anfangen, sich auf erwartbare Szenarien einzustellen:
-> Weltkatastrophenrat -> Europäischer Katastrophenrat -> nationale Katastrophenräte
Außerdem müssen alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, CO2-Ausstoß nicht nur zu vermindern, sondern der Atmosphäre CO2 wieder zu entziehen (climate-engeneering).

Schon jetzt lassen sich Auswirkungen in den USA beobachten:
Klimaflüchtlinge im eigenen Land
Amerikaner müssen wegen des extremen Wetters immer häufiger umziehen. Das hat soziale Folgen für Städte wie Flagstaff und macht inzwischen jene Häuser in Miami teuer, die nicht am Meer liegen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) ruft den Abschied vom Erdölzeitalter aus: Ab sofort sollen keine Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen mehr erfolgen, fordern die Energieexperten aus Paris in einem neuen Bericht, der beschreibt, wie die Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts ihre Emissionen an klimaschädlichem CO2 netto auf Null senken kann. Darin empfiehlt die IEA auch, ab dem Jahr 2035 den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor auf der ganzen Welt zu stoppen und den Bau weiterer konventioneller Kohlekraftwerke unmittelbar einzustellen. FAZ 18.05.2021
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/klima-energie-und-umwelt/iea-fordert-stopp-von-investitionen-in-neue-oel-und-gasfelder-17346121.html

Das ist nur der Anfang. Die gewaltigsten Auswirkungen wird der Klimawandel und seine direkten wie indirekten Auswirkungen in Asien und Afrika (Australien möglicherweise unbewohnbar) haben – und massiv betroffen wird das nördliche Europa sein als Fluchtziel aus dem aufgeheizten Süden.

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NASA Apollo 11: Earth Rising over the Moon’s Horizon 1969

Schlussfolgerungen

  1. Der Klimawandel ist wahrscheinlich die größte Herausforderung im Blick auf die Zukunft, aber nicht die einzige. Zunehmende Ungleichheiten (arm – reich), sich verstärkende Umwucht bei Chancen und Ressourcen, ungebremstes Bevölkerungswachstum und gleichzeitige Überalterung, Pandemien und Migration, wachsende Rivalitäten der antagonistischen Weltmächte, ideologischer Terrorismus, Cyber-Terrorismus, zunehmende Anfälligkeit digitaler Netze und Systeme, Allgegenwart von Überwachung und Lenkung, Zunahme autoritäter Herrschaften – all dies drängt heran.
  2. Diese Herausforderungen kommen zu den Klimaveränderungen überlagernd noch hinzu und verstärken die Risiken und den Handlungsdruck. Es ist darum unsachgemäß und unverantwortlich, mit einem „Tunnelblick“ nur eine einzige große Herausforderung zu fokussieren.
  3. Wenn wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Verhältnisse allein im Einflussbereich von Europa nicht völlig aus dem Ruder laufen sollen, ist entschlossenes Handeln nach abgestimmten Prioritäten bei gleichzeitiger Berücksichtigung divergierender Entwicklungen und Interessen unbedingtes Erfordernis verantwortungsvoller Politik. Die Rolle wissenschaftlicher Beratung sollte groß sein, kann aber nicht allein entscheidend sein.
  4. „Alldays for future of mankind“ müsste die Devise sein, komplexe Zusammenhänge auch komplex darzustellen und in komplexe Handlungsabläufe zu übersetzen, in Teilaspekte und Unterkomplexe aufzuteilen und möglichst regelbasiert und transparent anzugehen. Neben einem „Plan A“ und „Plan B“ wird es weitere Strategien und Alternativen geben müssen, um auf vermutlich zunehmend chaotisch ausfallende Reaktionen und Rückkopplungen natürlicher und sozialer Prozesse spontan und so angemessen wie möglich reagieren zu können.
  5. Bei aller Voraussicht, bei allen Modellen und Berechnungen, bei aller Planung, Vorbereitung, starken Maßnahmen, bei allem Handlungsdruck bleibt dennoch gültig: Die Zukunft ist unbekannt und unverfügbar. Eine NASA- Simulation hat letztens gezeigt, wie schnell es mit menschlichen Planungen angesichts z.B. eines [nicht unwahrscheinlichen] Asteroiden- oder gar Meteoriten-Einschlages vorbei sein kann. Für liberale Politik gibt es immer Handlungsalternativen. Auch das Klimaziel 1,5° ist keine Monstranz, und ein vermuteter Kipppunkt ist nicht das Weltende.
  6. Wie’s aussieht, steht der Menschheit eine Bewährungsprobe nie gekannten Ausmaßes bevor, die all ihre Kreativität, all ihr Können und Wissen – und all ihre Kooperation erfordert, weil es schlicht um das Überleben als Menschheit auf einem bewohnbaren und lebenswerten Planeten geht.

Wir Menschen brauchen den Planeten Erde mit all ihrem Leben, ihren Möglichkeiten und Gütern als Grundlage unseres Lebens.
Die Erde braucht uns Menschen nicht. Sie wird sich weiterdrehen und kann auch ohne die Spezies Mensch auskommen und alles umgestalten und Neues hervorbringen.

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