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Wissenschaft und Politik

Pressekritik an Laschet wg „Wissenschaftsskepsis“

Laschet misstraut der Wissenschaft – und stimmt der AfD zu

Erkenntnis und Handeln liegen beim Klimaschutz drei Jahrzehnte auseinander – so lange hat es gedauert, bis die Politik auf die Wissenschaft hört. Dass Laschet seine Grundskepsis gegenüber der Forschung oft und offensiv äußert, lässt wiederum die Forschung skeptisch werden, wenn Laschet sich jetzt zum Vorreiter in Sachen Klimaschutz erklärt. Auch, wenn sich Laschets Aussagen zuletzt stets auf die Corona-Pandemie und nicht auf den Klimaschutz bezogen.

Im Landtag bestärkte der Ministerpräsident unlängst sogar einen AfD-Politiker in dessen Wissenschafts-Skepsis: „Sie haben heute einen wahren Satz gesagt: Immer, wenn jemand ankommt und sagt: ,die Wissenschaft sagt’, ist man klug beraten zu hinterfragen, was dieser gerade im Schilde führt“, rief Laschet dem AfD-Abgeordneten Martin Vincentz zu.

Noch mehr ließ sein folgender Satz aufhorchen: „Denn die Wissenschaft hat immer auch Mindermeinungen. Und wenn es ein Einzelner ist“, sagte der Kanzlerkandidat. Das wirft die Frage auf, ob der Kanzlerkandidat findet, die Politik solle auch mal auf einen einzelnen Wissenschaftler hören statt auf den Stand der übrigen weltweiten Forschung. Denn nach diesem Grundverständnis stellt die AfD auch den menschgemachten Klimawandel infrage. Ein Wissenschaftler, der ihn gegen alle Erkenntnisse der übergroßen Mehrheit leugnet, lässt sich immer finden.

19.07.2021 https://www.wp.de/wirtschaft/wirtschaft-in-nrw/sind-laschet-und-nrw-fuehrend-beim-klimaschutz-der-check-id232820835.html

Ob Ministerpräsident Laschet zutreffend zitiert und damit als AfD-verdächtig charakterisiert ist, soll hier nicht erörtert werden. Die vermuteten Unterstellungen sind allerdings ziemlich infam. Aber ab davon. Zu problematisieren ist vielmehr, welches Verständnis von Wissenschaft Journalisten vielfach (und eben auch in diesem kleinen Text) offenbaren und dadurch Wissenschaft in Ideologie verwandeln. Davon zeugen fast täglich journalistische Beiträge, die vor Betroffenheit und Besserwisserei strotzen, und die den Unterschied von Wissenschaft und Politik nicht zu kennen scheinen.

Unwetter NRW, RP, By

Wissenschaft ist das Bemühen, nach rationalen und fachbezogenen Maßstäben Erkenntnisse zu gewinnen über das, was wir als wirklich ansehen. Über wissenschaftliche Ergebnisse wird nicht abgestimmt, sondern sie werden einer Fachöffentlichkeit präsentiert, die diese Ergebnisse beurteilt, auswertet, dazu Stellung nimmt und kritisiert. Als „gesicherte Meinung“ kann dann dasjenige gelten, was die große Mehrheit von Fachleuten zu einem bestimmten Zeitpunkt als überzeugend und „evident“ anerkennt. Fast immer müssen wissenschaftliche Ergebnisse im Laufe der Zeit und im Verlauf weitergehender Forschung und Differenzierung korrigiert, angepasst und gegebenfalls aufgegeben werden. Gelegentlich kommen dann auch bisherige Einzelmeinungen zur Geltung, die vielleicht schon früher als andere Dinge erkannt und richtig eingeordnet haben. Es hat zum Beispiel Jahre, Jahrzehnte gedauert, bis die von Max Planck entdeckte Quantelung der Energiezustände (1890) allgemein als gesicherte Erkenntnis akzeptiert wurde. Es gab und gibt immer Ergebnisse bzw. Interpretationen von Beobachtungen, die sich später als falsch herausstellen. Klassisches Beispiel ist der Äther, den man als Träger elektromagnetischer Wellen annehmen wollte. Er konnte nie nachgewiesen werden, und so wurde die Äthertheorie zugunsten einer umfassenderen Theorie elektromagnetischer Felder aufgegeben. Entscheidend für eine naturwissenschaftliche Theorie ist ihr Erklärungs- und Vorhersagepotential. Heute wird durch mathematische, statistische Modellierungen das mögliche Erklärungspotential „ausgerechnet“, aber keine Modellierung, die ja immer von ihren Ausgangsdaten und Randbedingungen abhängig ist, ersetzt die Überprüfung an der Wirklichkeit im Zeitverlauf. Auch hier gibt es mehr oder weniger zutreffende Modellergebnisse, wie uns der Pandemieverlauf in seiner wissenschaftlichen Begleitung und Aufbereitung immer wieder vor Augen geführt hat. Wissenschaft ist also ein kritisch-rationales Verfahren, das zu bestimmten Zeitpunkten als gesichert geltende Ergebnisse produziert, die stets revidierbar und insofern „unsicher“ bleiben. Dennoch sind wissenschaftlich erhobene und geprüfte Ergebnisse das beste Mittel, das wir Menschen haben, um möglichst genaue Aussagen über wirkliche Mechanismen und Prozesse machen zu können. Nichts liegt dabei der Wissenschaft ferner als ein dogmatisches Korsett, wie es Religionen und Ideologien eigen ist. Aber das Vertrauen in die Integrität der weltweiten „Wissenschaftsgemeinde“ muss dennoch vorhanden sein, und Vertrauen in überzeugende Ergebnisse lässt sich erwerben, aber nicht beweisen. Das ist genau die Krux mit den Wissenschaftsleugnern in der Querdenker-Bewegung. Ohne Vertrauen in wissenschaftliche Methoden lassen die sich kaum überzeugen.

Wissenschaft ist oft genug in den Dienst der Mächtigen gestellt und dadurch korrumpiert worden. Die Entwicklung der Atombombe gehört zu den klassischen zwiespältigen Unternehmungen von Wissenschaftlern – mit verheerenden Auswirkungen. „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ von Heinar Kipphardt und in „Die Physiker“ von Max Frisch wurde diese Problematik in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts literarisch aufgearbeitet. Aber auch Auftragsforschung mit fragwürdigen Ergebnissen (Tabakindustrie gegen die Schädlichkeit des Rauchens) und einseitige Pharmaforschung (Glyphosat) hat das Vertrauen in wissenschaftliche Arbeit beschädigt. Und wenn während der Pandemie ein anerkannter Wissenschaftler seine (Teil-) Ergebnisse von einem PR-Unternehmen präsentieren lässt (Fall Streeck), hat das zumindest ein ‚Geschmäckle‘ und stellt damit das Ergebnis als eventuell nicht vertrauenswürdig infrage. Vertrauen ist also auch für die Wissenschaft eine hoch gehandelte und empfindliche Währung. Kritische Nachfragen sind immer angebracht.

Eigentlich ist es nun kaum mehr nötig, über die Unterschiede zur Politik ausführlich zu schreiben, sie fallen ja ins Auge: Politik geht es um Meinungen und Mehrheiten, um Überzeugungen und Anhängerschaft, um Macht und Interessen. Zwar können sich liberale Gesellschaften um einen möglichst sachlichen „herrschaftsfreien“ Dialog bemühen, aber inzwischen ist auch dies reine Utopie: Gesellschaftliche Diskurse unterliegen denselben Vorurteilen, Interessen und Machtbestrebungen zum Erreichen oder Verhindern bestimmter Ziele wie der politische Prozess selbst. Die „Diskurse“ in den sozialen Medien, wenn man sie denn überhaupt als solche bezeichnen kann, spiegeln viel eher populistisch aufgemachte Machtfragen und Auseinandersetzungen wider, als den Akteuren meistens selber bewusst ist. Fake und fact mischen sich unheilvoll. Meinungsmacht durch Klicks ist Macht, und sie ist heute sehr viel weiter verbreitet und in alle möglichen Richtungen gestreut, als das früher möglich war, als man nur „Springer“ als Hauptgegner ausmachen konnte.

Kurzer Blick zurück auf den anfangs zitierten Text aus den Funke-Medien zu Laschet. Der Trigger ist darin die unterstellte Nähe zur AfD. Die zitierten Äußerungen zum Thema Wissenschaft dagegen sind durchaus allgemeingültig. Auch Klima-Wissenschaftler sind keine Priester, die ex kathedra Wahrheiten verkünden. Überzeugend werden sie allein durch Argumente und Belege, und die sind zum Thema Klimawandel erschlagend und überwältigend. Darüber lässt es sich derzeit kaum mehr streiten. Um die natürlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen und über die politisch notwendigen Konsequenzen samt Abwägungen mit konkurrierenden Interessen muss natürlich gesellschaftlich diskutiert und gestritten werden, denn es gibt niemals nur einen einzigen ‚richtigen‘ Weg zum Ziel. Auch der Kampf um wirkungsvolle und sozial gerechte Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Erwärmung und Klimaveränderung erfordert Auseinandersetzung und Diskussion um den politisch besten Weg. Ideologie kennt nur Eindeutigkeiten, nur richtig und falsch. Hoffentlich schafft es unsere Gesellschaft, den Ideologen auch unter den vermeintlich ‚guten‘ Klimaaktivisten zu widerstehen und einen Diskussions- und Handlungsprozess in Gang zu setzen, der um den nötigen langen Atem weiß, den alle Maßnahmen das Klima betreffend brauchen. Klima ist ein sehr träges System, und die dann hoffentlich positiven Auswirkungen gegenwärtigen Handelns werden erst in Generationen sichtbar werden, – wie es auch Generationen gebraucht hat, die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu erkennen und zu erfahren, die der Klimawandel seit Beginn der Industrialisierung verursacht. „Den Planeten retten“, wie einige vollmundig tönen, ist der unpassende, anmaßende und übertriebene Slogan. Der Planet Erde ist schon mit ganz anderen Bedingungen fertig geworden, ehe es Menschen gab. Die Menschen heute und künftig und für diese eine geschützte und lebenswerte Umwelt zu erhalten, ist allerdings schon Aufgabe genug.


Nachtrag vom 22. August 2021

Überlegungen zum sinnvollen und qualifizierten
Einsatz von Politikberatung werden dringlicher, nachdem auch die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Defizite in Politik und Verwaltung und dem Menagement von Katastropen deutlich gemacht hat. Was hätte man vorher wissen, was besser machen können? Die Autoren:

Caroline Schmutte leitet das Deutschland-Büro des Wellcome Trusts, einer gemeinnützigen Stiftung für Gesundheitsforschung.

Heyo K. Kroemer ist Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Sie stellen ein Konzept für eine neue und bessere wissenschaftliche Politikberatung vor – Text aus der FAZ hier zum Download.

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