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Grenzen des Humanum

Der Mensch ändert sein gewohntes, als normal erlebtes Verhalten nur, wenn er unbedingt muss. Dies Müssen geschieht kaum aus Einsicht, sondern nur aus äußerem Zwang. Das gilt besonders dann, wenn sich in der zurückliegenden Zeit die Umstände des Lebens subjektiv verbessert haben, – Angenehmes wird schnell zur Gewohnheit. Aber auch ein defizitärer Zustand kann aus Gewohnheit als unabänderlich und darum normal empfunden werden, dessen Änderung man bisweilen fürchtet. Dies macht eine Resozialisierung von Randgruppen oder Randexistenzen so schwer. Umgekehrt wird kaum etwas als so bedrohlich angesehen wie sozialer oder individueller Abstieg. Ein Aufstieg zu mehr Wohlstand, Wohlergehen und zur vermehrten Erfüllung individueller Wünsche wird dagegen gerne angenommen und bald als Normalzustand erlebt, auf den man Anspruch zu haben meint.

Nach Höherem zu streben gehört ebenfalls zur menschlichen Grundausstattung. Dieses ‚Höhere‘ kann ein besserer Job sein, mehr Einfluss, mehr Geld, mehr Macht, aber auch mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, zur individuellen Lebensgestaltung und Zufriedenheit. Die eine mag ihre Erfüllung in einer Leitungsposition oder politisch verantwortlichen Existenz sehen, der andere in einer gesicherten Existenz als anerkannter Wissenschaftler, auch wenn ihn nur ein kleiner Teil der Fachwelt kennt. Nobelpreise erreichen nur wenige. Generell kann man sehen, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt nach diesem ‚Höheren‘ strebt. Die meisten bescheiden sich mit dem Normaldasein eines Durchschnittsbürgers, sei aus Mangel an Möglichkeiten, sei es aus Mangel an Fähigkeiten, sei es aus Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit ist überhaupt eine entscheidende Triebfeder ’normalen‘ Verhaltens, quer durch alle Bevölkerungsschichten. Mit zunehmendem Alter nimmt allerdings auch das Bedürfnis nach Stabilität, Ruhe und Bequemlichkeit zu. Wenn, dann ist es der Jugend, wie immer man sie altersmäßig abgrenzt, vorbehalten, vorwärts zu stürmen, Neues zu suchen und bedingungslos Veränderung anzustreben. Man erlebt dies in jeder Generation wieder neu, auch wenn sich dieser jugendliche Impuls, wo er sich überhaupt gesellschaftlich bemerkbar artikuliert, nach einiger Zeit von selber beruhigt und legt. Das Älterwerden und andere persönliche Schwerpunkte der Lebensgestaltung (Familie, Kinder) geraten dann in den Vordergrund.

Eine ‚permanente Revolution‘ hat noch nie stattgefunden. Allein sie zu propagieren ist die Weigerung anzuerkennen, dass jede Veränderung nach kurzer Zeit in eine neue Stabilität und Tradition mündet. „Konservativ sein heißt, an der Spitze des echten Fortschritts zu stehen“ (Franz Josef Strauß) ist nur scheinbar ein Widerspruch. Es gelingt nur nicht immer gleichzeitig, sondern kennzeichnet den Rhythmus des Vorwärtsschreitens und Bewahrens des Erreichten. Einen solchen Rhythmus zu finden, ist die hohe Kunst nicht nur der Politik, sondern der Wirtschaft ebenso wie des individuellen Lebens. Zu viel Veränderung macht unzufrieden, zu viel Beharrung gefährdet das Erreichte. Denn die Welt und die Lebensumstände in ihr ändern sich fortwährend. Beharrung kann da immer nur von kurzer Dauer sein oder als Anpassung des Bisherigen an die neuen Umstände verstanden und verwirklicht werden. Schon der Blick auf die Veränderung als ‚Anpassung‘ allein in den Familienverhältnissen lehrt schnell zu erkennen, wie schwer das ist, – wie schwer es ist, das rechte Maß an Veränderung, an Festhalten und Loslassen, an Weggeben und Neugewinnen zu finden. Diesen Prozess auf gesellschaftlicher Ebene zu gestalten, ist noch um ein Vielfaches schwieriger.

Wir leben in einer Zeit, in der das Thema „Klimaveränderung“ in unserer Welt, vor allem der abendländischen Industrie- und Wohlstandsgesellschaft, beherrschend geworden ist. Das liegt natürlich zum einen daran, dass die tatsächliche Veränderung des Klimas mit allen außergewöhnlichen Begleiterscheinungen messbar geworden ist, also aus der Welt wissenschaftlicher Forschung und Prognosen heraus zur alltäglichen Erfahrung zu werden beginnt. Das „Klima“ ist etwas so Großes, Weltweites und Komplexes, dass nur starke Vereinfachungen überhaupt begreifbar machen, was da vor sich geht und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Kein Zweifel, hier liegt eine übergroße Bedrohung des Lebens in einer Welt, wie wir sie bisher kennen. Hier scheint es für viele nur so etwas wie einen totalen Stopp, einen kompletten Ausstieg zu geben. Es gibt andere Bedrohungen, die wir eher als Herausforderungen verstehen: Bevölkerungswachstum, Ernährung, Pandemien, Kriege um Macht und Ressourcen, – und im Kleineren die Zukunft unserer deutschen Industriegesellschaft, die einem Großteil der Bevölkerung einen Wohlstand wie nie zuvor ermöglicht hat, dessen langfristige Kosten jetzt sichtbar präsentiert werden, außerdem die Sicherung im Alter, also Renten, Pflege, Wohnung. Und natürlich – wie sollte es in einer komplexen Welt anders sein – hängt hier wieder „alles mit allem“ zusammen. Daran wird auch die heutige Wahl eines neuen Bundestages nichts ändern. Vielmehr wird sich zeigen, dass die Mühlen der Veränderung nur sehr langsam, dafür aber stetig mahlen, der gewollten und der ungewollten Veränderungen. Es stehen einige an, das ist gewiss.

Gelbwesten in Frankreich (c) zdf

Diese Weltsituation, in die andere Akteure ‚ganz vorne‘ eingestiegen sind (China, Indien) samt sich ständig wandelndem (= erwärmendem) Klima macht die Balance zwischen Veränderung und Beharrung, zwischen Politikwechsel und Stabilität zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe. Es steht nicht nur die allgemeinpolitische Stabilität (etwa durch die Parteienvielfalt) auf dem Spiel, sondern die wirtschaftliche und soziale Stabilität. Wenn Verlustängste durchschlagen, wird das soziale ‚Klima‘ schnell heiß laufen. Und wie anders als mit massiven Wohlstandsverlusten könnte der Klimawandel rigoros bekämpft werden? Wie anders als mit massiven Arbeitsplatzverlusten könnte sich die deutsche Industrie von heute auf morgen vom Welt-Exportschlager Automobil lossagen? Wie anders als mit massiven Einkommensverlusten könnte die Gesellschaft zu einer angeblich klimaneutralen Lebensweise umgebaut werden? Wer macht da noch mit? Welche Möglichkeiten gibt es, dem Klimawandel durch technische und industrielle Möglichkeiten und Innovationen die Stirn zu bieten? Wieviel Flexibilisierung und Straffung von politischen Vorgaben und Verwaltungsabläufen müssten da geändert werden?

Nur äußere Not bringt den Menschen zur Änderung seines Verhaltens. Politische Maßnahmen gehören nicht dazu. Sie werden sofort als von Menschen verantwortet, von Interessen geleitet und als „alternativlos“ behauptet und eingeengt durchschaut. Wenn erkennbar gemacht würde, welche Alternativen zu welchen Kosten es gibt (übrigens auch für Rente, Pflege usw.) und wenn zugleich der moralische Absolutheitsanspruch der (jugendlichen) Aktivisten relativiert würde, wäre zumindest die Möglichkeit einer vernünftigen, auf Interessenausgleich zielenden gesellschaftlichen Diskussion gegeben. Diese dürfte die Parteigrenzen einerseits sprengen, andererseits (schon wegen Abwehrreflexen) ideologische Unterschiede zuspitzen und verschärfen. Im Umfeld einer sich sozial rapide verschärfenden Lage (Energiekosten, Wohnen) sind Entwicklungen möglich, die zu mehr Aggression, Unruhen, gewaltbereiten Demonstrationen führen (Gelbwesten), die nicht mehr zu kontrollieren sind. Lösungen würden dadurch nur noch erschwert. Andererseits muss der Druck erst noch wachsen und spürbar werden, um Verhaltensänderungen zu erzwingen. Darum scheint der einzig verantwortbare und gangbare Weg darin zu liegen, behutsam die nötigen Veränderungen einzuleiten, den Druck anzupassen und die möglichen Kollateralschäden auszubalancieren. Es wird kein Optimum sein können, vielleicht nicht einmal eine Art Kompromisslösung, sondern das, was menschenmöglich ist, also dem Humanum und seiner nicht immer sozialen, aber oft aggressiven, gewaltbereiten Natur einigermaßen entspricht. Mit den Folgen muss der Mensch weltweit so oder so leben.


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