Kategorien
Integration Politik

>Sarrazin, der Sarazene

>Was hat Thilo Sarrazin eigentlich „Schlimmes“ gesagt? Er hat sich in Lettre International zum Thema „Klasse statt Masse“ geäußert. Seine Wortwahl ist provozierend, klar und eindeutig. Er hat jede political correctness und Diplomatie vermieden. Damit hat er – wieder einmal – ins Fettnäpfchen der öffentlichen Meinung getreten und viel scheinheilige Entrüstung hervorgerufen. Ob man einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank solch eine absichtlich provokante Äußerung durchgehen lassen darf, ist die eine Seite; da mag Gerald Braunberger in seinem Kommentar in der FAZ Recht haben. Eine ganz andere Sache ist aber die Beurteilung des Inhaltes seiner gewollten Provokation – gewollt deswegen, weil es sich nicht um ein Live-Interview gehandelt hat, sondern um einen Zeitschriften – Artikel, zu dem Sarrazin zuvor sein Ok gegeben haben muss. Was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, das war genau seine Absicht.

Dass insbesondere die Großstädte in aller Welt, aber eben auch in Europa und „sogar“ in Deutschland ein wachsendes Problem mit einer sozialen Spreizung der Stadtgesellschaft haben, ist ein bekanntes Phänomen. Die Banlieues in den französischen Großstädten kommen immer wieder als soziale Brennpunkte in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, spätestens dann, wenn wieder einmal Autos brennen und Barrikaden errichtet werden. Brennende Autos sind auch in Berlin zu einem alltäglichen Problem geworden. Die Gewalt in den Schulen, insbesondere in Problemgebieten, also Wohnvierteln mit sozial schwachen und „bildungsfernen“ Schichten sowie einem hohen Ausländeranteil kann nur mit großer Mühe eingedämmt werden. Die Öffentlichkeit nimmt durch die Nachrichten nur noch die größeren Vorfälle wahr, über anderes wird gar nicht mehr berichtet. Zudem hat der Bevölkerungsforscher Herwig Birg wiederholt auf die demografischen Probleme durch die verstärkte Immigration hingewiesen, so sehr klar in seinem viel gelesenen Buch „Die demographische Zeitenwende“ von 2001, 3. Aufl. 2003. Noch in diesem Jahr wies er in einem Beitrag für die FAZ auf eben dieses Problem hin, dass Migranten-Familien (zur Definition dieses Begriffes siehe den letzten Link) eine noch immer deutlich höhere Geburtenrate vorweisen als deutsche Familien. Über kinderreiche Familien, die jetzt Hartz IV – Empfänger sind und oft schon in der vorigen Generation Sozialhilfeempfänger waren, kann jedes Jugendamt ausführliche Auskunft geben. Dass ferner der Anteil derjenigen, die von Transferleistungen leben, in Berlin mit 20 % (= jeder fünfte) doppelt so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt, konnte und kann man bei der Tagesschau nachlesen. All dies sind Fakten, die Sarrazin eigentlich nur „zitiert“, also in seinem Beitrag in Erinnerung ruft.

Aber es gibt ein besonderes Reizwort in seinem LI – Beitrag: UNTERSCHICHT. Es ist dies ein inzwischen geächtetes Wort. In der Soziologie, wo hinsichtlich der Klärung von Begriffen noch eine ganz andere Auseinandersetzung herrscht als in der öffentlichen Debatte, zumal am Stammtisch, ist der Begriff „Unterschicht“ weitestgehend obsolet geworden. Er ist dort im wahrsten Sinne des Wortes zu oberflächlich und bildet die differenzierte gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr ab. Zudem enthält er tendenziell eine Wertung („Unter-„), die man in der deskriptiven Betrachtung vermeiden möchte. Die Alternativen sind allerdings auch noch wenig überzeugend und zudem strittig. Man spricht vom Prekariat, was aber eigentlich nur die ungeschützten Arbeits- und Lebensverhältnisse betrifft und keine sozial homogene Gruppe. Dann gibt es den Begriff der „Neuen Unterschicht„, der die modernen Lebensformen differenzierter darstellen möchte, aber ebenfalls durchaus umstritten ist. Als politisch korrekt haben sich auch die Begriffe „bildungsferne Schichten“ und „sozial Schwache“ eingebürgert. Alle diese Begriffe wollen eines um fast jeden Preis, auch den der klaren Verständlichkeit (Prekariat!): eine Wertung, die eine Abwertung und somit eine mögliche Diskriminierung wäre, vermeiden. Umgangssprachlich ist man da viel härter und direkter: Man spricht mit ausdrücklichem negativen Beiklang von „Ausländern“, „Asozialen“ und „Sozialhilfe – Adel“, heute „Hartz IV – Adel“. Die negative Bewertung liegt doch auch auf der Hand: Niemand möchte gerne so leben; für die meisten sind diese Bevölkerungsgruppen der Wohnumfeld-Gottseibeiuns. Es führt zu nichts, wenn man sich eine klare Ausdrucksweise aus Angst, zu diskriminieren, verbietet. Ob ich nun von „Gruppen“ oder „Schichten“ rede, mag soziologisch von Bedeutung sein. Im wirklichen Leben der Städte ist es das nicht, da weiß jeder Bewohner eigentlich sehr genau, wer damit gemeint ist. Auch die Gemeinten und Betroffenen wissen es und sind oft sehr viel weniger empfindlich als ihre vermeintlichen Fürsprecher. Auch hier kennen die städtischen Sozialämter und kommunalen Wohnungsbaugesellschaften ihre jeweiligen Pappenheimer nur zu gut, reden intern auch eine klare Sprache und versuchen, Ghettoisierungen und damit soziale Brennpunkte zu vermeiden. Bei einem Bevölkerungsanteil von 20 % wie in Berlin wird das natürlich schwierig. Dort sind dann gleich ganze Stadtteile betroffen: Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain. Was also hat Sarrazin gesagt, was man nicht schon genauestens wüsste?

Er hat zusätzlich die in Berlin offenbar sehr unzureichende und im Großen und Ganzen wenig erfolgreiche Integrationspolitik kritisiert. Nicht nur in Berlin leben Verfechter einer forcierten Integration oft mehr von Wunschbildern und Wunschträumen denn von der Zurkenntnisnahme der Realität. Zu dieser gehört eben auch, dass nachweislich Ausländer der zweiten und dritten Generation oft schlechter integriert sind (sein wollen?) als ihre Eltern und Großeltern. Die Tendenz zu „Parallelgesellschaften“ hat keineswegs abgenommen, und es ist auch ernsthaft zu fragen, ob das überhaupt vermeidbar und als negativ zu bewerten ist. Dass allerdings Deutschland als Einwanderungsland die Kriterien und Prioritäten (Punktekatalog!?) für Einwanderungswillige aus eigenen Interessen neu festlegen sollte, das ist inzwischen politisch durchaus diskussionswürdig. Auch hier macht also Sarrazin kein neues Fass auf, ebenso wenig wie mit dem Insistieren darauf, dass für keine Stadt 20 % Empfänger von staatlichen Unterstützungsleistungen einfach hingenommen werden können.

Was also ist das eigentlich Anstößige an dem Beitrag von Thilo Sarrazin? Ich denke, er hat all dies Bekannte und Richtige in einer Weise auf den Punkt gebracht und ohne jede Vorsicht in der Sprache (und im Missverstehen!) provozierend formuliert, dass der mediale Aufschrei und die öffentliche Entrüstung zu erwarten war. Genau dazu wollte er offenbar beitragen: die Probleme nicht mehr unter den Teppich zu kehren, sondern sie in offener Diskussion zu thematisieren, um sie dann auch besser zu lösen. Dass man Thilo Sarrazin auch gutmeinend verstehen kann, zeigt der Beitrag von Mechthild Küpper in der FAZ. Für eine klare Sprache hat Thilo Sarrazin mit Worten tapfer gekämpft wie ein Sarazene!

Print Friendly, PDF & Email

Eine Antwort auf „>Sarrazin, der Sarazene“

>Sarrazin hat recht. Für den ganzen political correctness-Kram mitzumachen, dafür bin ich zu alt. Ich kann mir nicht mehtr nach jedem Staatsstreich die neuen Länder in Afrika merken (bei mir gibt es noch Obervolta)und ob jetgzt Schwarze Neger, Negroes, Amerikaner mit afroamkerikanischen Background oder Blacks heißen, weiß ich auch nicht immer so genau. Indianer sind für mich keine Indogenen und Unterschicht kein Prekariat. Allerdings kannn ich mir unter Asis was vorstellen.
Auf einen Nenner gebracht: Ich liebe Leute die Klartext reden und und nicht jeden Tag neue Worte finden, um Unangenehmes zu verkleistern.

Kommentare sind geschlossen.