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Europa Geschichte

Veränderung in Europa

 Offenbar hat in Europa eine neue Zeit begonnen. Noch ist unklar, wie sie zu überschreiben wäre. „Renationalisierung“ als Schlagwort greift zu kurz, weil die ökonomische Verflechtung viel zu fortgeschritten ist. Aber eine Abgrenzung und Besinnung auf das eigene nationale Interesse ist sehr wohl festzustellen.

Zwei Beiträge in der Frankfurter Allgemeinen der letzten Tage zeigen sehr deutlich die Symptome der Veränderung, die sich in Europa in diesen Jahren vollzogen hat und noch weiter vollzieht. Es sind nur in geringem Maße Folgen der Finanzkrise, allerdings erweist sich diese Krise schon als ein Resultat der Veränderung, die allmählich und doch sehr deutlich manifest wird.

Ich nenne zuerst das Interview mit dem französischen Historiker Pierre Nora unter der Überschrift „Man hat sich auseinandergelebt„. Er bezieht sich damit auf die etwas abgekühlte Phase der deutsch-französischen Verständigung, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg programmatisch entwickelt hat. Denn alle zur Schau gestellte Eintracht zwischen Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy können nicht darüber hinweg täuschen, dass hier zwei Welten, zwei Kulturen, zwei Denk- und Handlungsstile aufeinander treffen. Nora stellt darüber hinaus eine tiefer gehende Entfremdung fest, die ein fehlendes Interesse aneinander dokumentiert.

Ich habe in den letzten Jahren keinerlei Annäherung feststellen können. Weder auf kulturellem noch auf intellektuellem Gebiet und auch nicht im Bereich der Universitäten. … Was mich betrifft, so habe ich das Gefühl, dass mir die deutsche Kultur relativ fremd ist. In meinem Fall hat das wahrscheinlich mit der Generation zu tun, der ich angehöre, und auch mit dem schweren Erbe des Krieges. Das ist bedauerlich und, wie ich gern zugebe, vielleicht sogar blamabel, aber es ist so. Ganz allgemein glaube ich, die Zeit ist in kultureller und geistiger Hinsicht nicht sonderlich fruchtbar in unseren beiden Ländern.

Nora verweist darauf, wie sehr das wechselseitige Interesse, die jeweils andere Sprache zu erlernen, nachgelassen hat. Auch der kulturelle und intellektuelle Austausch zwischen Deutschland und Frankreich sei weitgehend zum Erliegen gekommen. Nora führt das Bemühen um eine deutsch-französische Verständigung („Freundschaft“) auf die besondere Lage Europas nach zwei Weltkriegen zurück. Diese Situation ist nun aber definitiv vergangen, und andere Anforderungen prägen das Miteinander und oft Gegeneinander.

Als nach dem Krieg der Wille bestand, den Nazismus auszulöschen, gab es eine deutsch-französische Annäherung, das ist unbestreitbar. Europa war damals eine unabweisbare Notwendigkeit. Doch dieses Europa ist letztlich sehr abstrakt geblieben – außer für Geschäftsleute und Juristen. Zu dieser Zeit gab es ein Miteinander. In der Folgezeit verlangsamte sich der Integrationsprozess. Heute scheint mir – und das ist gravierend und besorgniserregend – der Wille zur Abgrenzung beider Nationen stärker zu sein als der Wille zur Annäherung.

Kulturell sei es inzwischen einfach so: „Letztlich ist das ganz einfach: Wenn Sie nichts zu exportieren haben, gibt es auch nichts auszutauschen.“ Das sei allerdings ein Problem des Westens insgesamt, ein Krisen-Symptom gewissermaßen. Dennoch, so beschreibt es Nora, manifestiert sich dieses Desinteresse aneinander doch sehr deutlich im deutsch-französischen Verhältnis, weil es im Gegensatz steht zu der behaupteten Gemeinsamkeit der politischen Eliten. Andererseits könnte man dem skeptischen Resümee Noras auch die Vermutung entgegenstellen, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Unternehmungen beider Länder inzwischen so sehr zur Normalität geworden ist, dass die Deklamation einer besonderen deutsch-französischen Beziehung einfach nicht mehr nötig ist. Das wäre dann ein stück Normalität in Europa. Aber die kritische Frage des französischen Zeitbeobachters bleibt ja dennoch im Recht.

Scheinbar ein ganz anderes Thema schlägt der bekannte Ökonom Hans-Werner Sinn an. Seine Analysen zum Thema Griechenland und Euro-Stabilisierung sind ja hinlänglich bekannt. In seinem Gesprächsbeitrag in der FAZ unter dem Titel „Wir sitzen in der Falle“ betont er jedoch einen Aspekt, der in der ganzen Diskussion um die „Rettung“ Griechenlands kaum beachtet zu werden scheint. Sinn erklärt, dass aus seiner Sicht ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone im besten eigenen Interesse Griechenlands sein könnte – und dieses Ausscheren der Griechen aus dem Euro von den starken Euroländern viel mehr aus Eigennutz verhindert werden soll. Sinn  stellt fest:

Griechenland würde sofort austreten, wenn es keinen Zugang zu Druckerpresse und Rettungspaketen mehr hätte. Der einzige Grund, warum die Griechen im Euro bleiben, ist die Hoffnung, von dem vielen Geld, das den Gläubigern zufließen kann, ein bisschen für sich abzuzweigen. – Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Portugal und andere? – Die ist vorhanden. Aber sie wird von den Gläubigern an der Wall Street, in London und Paris instrumentalisiert. Sie sagen: Wenn Ihr Griechenland nicht rettet, bricht die Welt zusammen. In Wahrheit bricht ihr Vermögensportfolio zusammen, nicht die Welt. Wenn man das weiß, muss man nicht so ängstlich sein. Persönlich glaube ich, dass die Kapitalmärkte sehr wohl zwischen den Ländern unterscheiden können. So halte ich eine Ansteckung von Irland für ausgeschlossen, weil die Märkte beobachten, dass Irland wieder Leistungsbilanzüberschüsse hat.

Sein Fazit ist ernüchternd, aber eigentlich sehr wohl bekannt:

Der Zug ist in Richtung Transferunion abgefahren. Die Rettungsschirme werden in Kürze verbraucht sein. Dann wird man Deutschland bedrängen, die Summe zu erhöhen, um die alten Kredite zu schützen. Man wird immer wieder neues Geld dem alten hinterherwerfen, um sich bis zur jeweils nächsten Wahl zu retten. Im Endeffekt werden dreieinhalb Billionen Staatsschulden der Südländer vergemeinschaftet sein. Deutschland wird einen erheblichen Teil seines Auslandsvermögens verlieren – entweder über Staatskonkurse, über Inflation oder, am wahrscheinlichsten, über Steuererhöhungen zur Finanzierung der anstehenden Transferunion.

Was bedeutet dies alles aber für Europa? Wie immer man es dreht: Es gibt immer weniger gemeinsame Interessen. Dasjenige Gemeinsame, was immer behauptet wird, entpuppt sich allzu oft als eklatantes Eigeninteresse, seien es die der starken Euro-Länder, die um ihre Investitionen in Schuldenstaaten bangen, seien es die der sog. Schuldenländer, die sich ein bisschen Anteil am Reichtum der Großen sichern möchten. Von Solidarität zu sprechen ist hier völlig verfehlt, denn das setzte gemeinsame Interessen und Werte voraus, was zweifelhafter wird. Noch einmal soll Nora das Wort haben:

…diese gemeinsame [europäische] Zivilisation befindet sich in einer Krise. Die humanistische Kultur – Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen – ist am Ende. Sie einte einst die europäischen Eliten, aber sie ist im Verschwinden begriffen. In Frankreich, in Deutschland und im übrigen Europa.

Es geht heute um wirtschaftliche Effizienz, letztlich immer um den größtmöglichen Eigennutz. Dies muss als solches noch nicht einmal verkehrt sein, wenn es denn wenigsten so deutlich ausgesprochen würde und nicht in einem Nebel von „europäischer Idee“ und „Gemeinsamkeit“ ideologisch verhüllt würde.

Offenbar hat in Europa eine neue Zeit begonnen. Noch ist unklar, wie sie zu überschreiben wäre. „Renationalisierung“ als Schlagwort greift zu kurz, weil die ökonomische Verflechtung viel zu fortgeschritten ist. Aber eine Abgrenzung und Besinnung auf das eigene nationale Interesse ist sehr wohl festzustellen. Wer meint, letztlich alleine stärker zu sein als in der Gemeinschaft, wer also dem vermeintlichen „Schweizer Modell“ (am stärksten allein)  nacheifern möchte, legt letztlich die Axt an die Wurzel desjenigen Europas, wie wir es bisher seit 50 Jahren kennen. Auch dies allein muss noch kein Fehler sein, denn es gibt niemals Stillstand. Zum Verhängnis würde es dann, wenn erneut Krieg und Gewalt zum Mittel der Politik würden. Ein „Staatskommissar“ jedenfalls klingt, auch wenn er nur ökonomisch gemeint ist, schon recht feindselig. Das jedenfalls haben die Griechen zu Recht so verstanden. Sie sind offenbar die ersten Opfer des Auseinanderdriftens Europas – oder der Geburt einer neuen Machtsphäre, deren Gravitationszentrum noch zwischen Paris, London und Berlin ausgehandelt wird.

Und dies, während die eigentlich wichtige Musik in Asien spielt…

 

UPDATE:

Frank Schirrmachers Artikel in der FAZ von heute  „Der Sturz der Babyboomer“ liefert eine geschliffene Erklärung der „Ideenlosigkeit“ unserer politischen Kultur.