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>Darwin – Entdecker der Evolution

>Im inzwischen zu Ende gehenden Darwin-Jahr 2009, in dem des 200. Geburtstages von Charles Darwin gedacht wird, waren zahlreiche Fernsehsendungen zu sehen und Radiobeiträge zu hören und Internetseiten zu lesen, in denen Darwin als „Begründer der Evolutionstheorie“ gefeiert wurde. Noch gestern Abend gab es in Bayern Alpha zwei Beiträge über Darwins „Reise ans Ende der Schöpfung“ und über „Galápagos, den Garten Eden“. Auf der Webseite „BR-Online“ findet sich eine ausführliche Übersicht und Würdigung von Charles Darwin und seiner „Evolutionstheorie“, durchaus gut und informativ gestaltet. Dort findet man auch einen eigenen Abschnitt über die „Evolutionslehre: „Survival of the Fittest“ – Die Evolutionstheorie.“ Die Darstellung beginnt mit dem „biblischen Schöpfungsbericht“, der „im jüdisch-christlich geprägten Kulturkreis viele Jahrhunderte lang als Tatsache“ gegolten habe. Weiter unten auf der Webseite folgt eine Darstellung der Position der „Kreationisten“ und eine kritische Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Ideologie des „Intelligent Design“ – ich erwähne das der Vollständigkeit halber, um keinen falschen Eindruck meiner nachfolgenden Kritik zu erwecken. Denn diese Beiträge sind gut gemeint, meist gut gemacht und typisch für die mediale Öffentlichkeit der letzten Monate zum Thema Darwin.

Problematisch ist die Bezeichnung „Begründer“ oder „Schöpfer“ der Evolutionstheorie. Problematisch ist die Gegenüberstellung und Abgrenzung zum „biblischen Schöpfungsbericht“. Problematisch und bezeichnend ist die sogleich und fast gleichwertig, wenn auch kritisch präsentierte „Lehre“ des Kreationismus unter dem modernen Titel des „Intelligent Design“. Man beachte die Terminologie: Die Evolution ist nur eine „Theorie“, wenngleich eine weithin anerkannte; der biblische Schöpfungsmythos ist ein Jahrhunderte lang akzeptierter „Bericht“; der Kreationismus ist eine verbreitete, aber nicht allgemein anerkannte Theorie. Was ist allein aus dieser Terminologie zu schließen? Ein Bericht beschreibt Dinge, die als Tatsachen gelten, geht also von der Tatsächlichkeit seiner „Fakten“ aus, dies umso mehr, wenn die Geltung und Deutung eines solchen „Berichtes“ über Jahrhunderte verbürgt zu sein scheint. Ganz anders eine „Theorie“ mit dem fast immer mitschwingenden Unterton „bloß“ eine Theorie. Denn eine Theorie ist dem Wortsinne nach eine Anschauung über Fakten, eine Deutung von Gegebenheiten, deren Wahrheitsgehalt noch und immer wieder zu überprüfen ist, also zu verifizieren oder genauer nach Popper zu falsifizieren ist. Über Gegebenheiten kann es verschiedene Theorien geben, die dann Ausdruck unterschiedlicher Anschauungen und experimentell erhärteter Beweise sind. Ein Bericht dagegen suggeriert Augenscheinlichkeit und selbstverständliche Authentizität. Eine Theorie interpretiert und deutet, ein Bericht nennt „Fakten“. Eine Theorie ist nur eine vorläufige Annäherung an die Wahrheit, ein Bericht beruht auf evidenter Tatsächlichkeit. „Theorie“ und „Bericht“ sind eigentlich keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Gattungen von Aussagen. Eine Theorie ist die wissenschaftliche Beschreibung der Annäherung an die Wirklichkeit, wie sie auch jenseits des Augenscheins „wirklich“ ist. Ein Bericht aber will den eigenen Augenschein wiedergeben und beschreiben. Er setzt die Tatsächlichkeit des Beschriebenen voraus, wie immer es sich dann mit dem Wahrheitsgehalt und der Objektivität des Beschrieben verhält. Im Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnis kann ein Bericht zum Beispiel von der Anordnung eines Experiments und dessen Verlauf gegeben werden. Wie das Ergebnis des Experiments zu deuten ist, beschreibt dann die Theorie. Umgangssprachlich allerdings erhebt ein „Bericht“ eher den Anspruch der Faktizität als eine bloße „Theorie“, die Subjektivität und bloße Meinung suggeriert.

Zurück zu den medialen Würdigungen Darwins. Sind die dort verwendeten Termini also eher streng erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch gemeint oder mehr umgangssprachlich? Als aufklärende Informationen der öffentlich-rechtlichen Medien ist hier wohl die umgangssprachliche und allgemein verständliche Bedeutung der Terminologie vorherrschend und auch gewollt, schließlich sollen und wollen die Infos „aufklären“. Genau das tun sie aber nicht.

Kein Redakteur oder Autor populärwissenschaftlicher Beiträge käme auf die Idee, den Umsturz des Weltbildes im 15. und 16. Jahrhundert als „Galileis Meinung“ oder „Keplers Theorie“ oder als „Theorie des Kopernikus“ darzustellen; stets ist von der „Kopernikanischen Wende“ des Weltbildes die Rede. Dass die Sonne im Mittelpunkt der in elliptischen Bahnen um sie kreisenden Planeten steht, gilt seit dem als gewisse Tatsache. Niemand würde hier von „bloßer Theorie“ sprechen, wenngleich sie gut belegt und experimentell (Raumflüge!) bestätigt ist. Tatsächlich ist auch dieses moderne Weltbild „nur“ ein Bild, also eine wissenschaftliche Theorie, deren Einzelheiten immer wieder überprüft und an die experimentellen Befunde angepasst werden müssen. Wie sehr sich auch heutige Weltbilder verändern, zeigt die Entwicklung der populär sog. „Atomtheorie“, deren Grundlagen derzeit mit den Experimenten am LHC im CERN (Genf) überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden (müssen). Im Allgemeinverständnis aber sind die Erkenntnisse eines Galilei, eines Kopernikus und eines Kepler gleichsam Grundlagen unseres Welt- und Wirklichkeitsverständnisses geworden. Über den Mars kann man nun „berichten“, aber eben keine „Theorie“ mehr erstellen. Die Fakten gelten als selbst evident und allgemein bekannt und anerkannt.

Erstaunlicherweise ist das bei der Beschreibung dessen, was wir „Evolution“ nennen, noch immer ganz anders. Vielleicht sind 150 Jahre einfach zu kurz, um die tiefgreifende Veränderung, die die Entdeckung der Evolutionsgeschichte und der Mechanismen der Evolution eigentlich bedeuten, in das allgemeine Bewusstsein und Weltverständnis eindringen zu lassen. Selbst informative Beiträge im Darwin-Jahr betrachten die Gegebenheit der Evolution noch immer als eine „bloße“ Theorie, das ist schon befremdlich. Man kann Charles Darwin und Alfred Russel Wallace als Entdecker der Evolution würdigen, und die wissenschaftliche Abgrenzung zu ihnen ist nicht ein religiöser Schöpfungsmythos, sondern zum Beispiel die bis dahin mehr verbreitete Theorie des ersten modernen „Biologen“ Jean-Baptiste de Lamarck. Vieles muss die heutige Evolutionsforschung anders und neu schreiben. Darwins „Origin of Species“ ist zwar nach wie vor ein wissenschaftsgeschichtliches Fundament, aber die moderne Evolutionsbiologie und Genetik führt mit ihren Experimenten und Erkenntnisses doch schon recht weit über Charles Darwin und sogar über den vor wenigen Jahren verstorbenen Großmeister der Evolutionswissenschaft, Ernst Mayr, hinaus. Heute (siehe das sehr gute Interview mit Eve-Marie Engels im SWR2) spielen spontane, etwa durch Umweltbedingungen induzierte Mutationen eine viel größere und wichtigere Rolle, als es das ursprüngliche Verständnis der Evolution vermuten ließ, wie die Erforschung der Genfaktoren in der Populationsgenetik und der Forschungsbereich der Epigenetik ergeben haben. Bei aller Veränderung im Detail und bei aller Ausdifferenzierung in der heutigen Evolutionsforschung besteht doch darin keinerlei Zweifel: dass es sich bei dem, was wir Evolution nennen, um einen tatsächlichen Vorgang handelt, dessen Gegebenheit und Nachweisbarkeit ebenso selbstverständlich und evident ist wie das Weltbild Keplers. Evolution kann man entdecken, beschreiben, differenzieren, erforschen, darüber berichten, ihre Folgen und Auswirkungen diskutieren, die Zukunft prognostizieren, man kann auf der Gegebenheit der Evolution Artenbeschutzprogramme und Naturschutzsysteme entwickeln und auch zu Ideologien missbrauchen, aber man kann eines definitiv nicht: das Geschehen der Evolution als „bloße Theorie“ in Frage stellen. Es gilt das Wort des großen Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky: “Nothing in Biology makes sense, except in the light of evolution.” „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“

Darum sollten wir aufhören, eine missverständliche Terminologie zu verwenden und falsche Alternativen aufzumachen. Die religiösen Schöpfungsmythen sind ebenso defintiv, d.h. auch im Selbstverständnis der Religionen, keine Alternative zu wissenschaftlicher Theoriebildung und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Den Unsinn dieses „Gegensatzes“ sollte man endlich auch im „ÖRRTVI“, im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen und Internet, beenden. Charles Darwin aber und die Geschichte seiner Forschungen und Schriften können uns auch heute noch unser Weltverständnis erhellen, wenn und weil wir unsere Welt nun „im Lichte der Evolution“ betrachten können.