Kategorien
Deutsche Frieden Gerechtigkeit Gesellschaft Ideologie Politik

>Wunsch und Wirklichkeit

>Immer wieder fallen wir auf unsere eigenen Wünsche und Sehnsüchte herein, verwechseln unsere Wunschwelt mit der wirklichen Welt und ihren Bedingungen und Realitäten. Da wünschen wir uns Sicherheit und Frieden und meinen, uns irgendwie aus all den Schlamasseln (Terrorismus, Afghanistan, Klimageschachere) dieser Zeit heraus halten zu können, und eh wir uns versehen, stecken wir in den größten Schlamasseln mitten drin. Die Welt, wie sie ist, will einfach nicht so sein, wie wir neuerdings (seit 1945) friedliebenden und braven Deutschen, die alles korrekt und richtig machen z.B. mit der CO2-Senkung und Windrädern, es uns wünschen. Auch die Taliban lassen sich einfach nicht mit neuen Schulen und Brunnen und vielen Euros von ihrem bösen kriegerischen Tun abbringen und schießen und sprengen munter weiter. Sogar das Terrornetzwerk al-Qaida, das viele Gutmenschen doch eher für eine phantastische Erfindung des fiesen George W. Bush gehalten haben, ist aktiv wie eh und je, nur dass diesmal die Niederlande den schwarzen Peter haben, weil sie in Amsterdam einen Terroristen ein Flugzeug in die USA besteigen ließen. Die zahlreichen Kontrollen an den Flughäfen haben wir ja immer vor allem als Einschränkung unserer Persönlichkeitsrechte und Verletzung des Datenschutzes gesehen, doch gewiss nur durch die bösen Amerikaner verursacht (sie machen bei der Einreise sogar Fotos von einem jeden – igitt! ruft da Herr Schaar), die unter einem unverständlichen, zwanghaften „9/11-Syndrom“ leiden. Wäre die Welt so lieb und brav, wie wir Deutsche sie uns oft vorstellen und wünschen, gäbe es das alles natürlich nicht, sondern man könnte fröhlich nach Phuket und zu den Malediven fliegen und noch ein paar Lehrer und Sozialarbeiter nach Pakistan und in den Jemen schicken. Dann wäre alles gut. Auch das furchtbare, (für Leser der taz) KZ-gleiche Lager Guantanamo muss natürlich sofort aufgelöst und alle dort unschuldig gefangen Gehaltenen befreit werden, so wie es der Messias Obama einst versprach. Leider ist der Wunschtraum Obama auch nicht mehr das, was er einst versprach zu sein, und leider ist auch diese heile Welt, in der es eigentlich gar keine Terroristen und auch keine Gefängnisse und keine Geheimdienste und Geheimoperationen (außer mit vorheriger öffentlicher Zustimmung durch Herrn Ströbele) geben dürfte, nicht so, wie wir es uns in unseren Träumen wünschen. Das Aufwachen aus Traumvorstellungen ist dann schon sehr hart. Da sind dann tatsächlich Freigelassene aus Guantanamo nach Saudi Arabien zurück gekehrt und haben im Jemen wieder Führungsfunktionen innerhalb al-Qaidas übernommen und wollten ein Flugzeug sprengen – schier unglaublich! Wie kann das bloß sein…

Und dann die Sache mit der Gleichheit und der Gerechtigkeit. Eigentlich wollen wir Deutsche ja alle ganz gleich sein, vor allem darf der Nachbar nicht mehr haben und mehr können als wir selber. Wir selber dürfen und wollen natürlich sehr wohl mehr haben und mehr sein als unser Nachbar, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Denn genau so ist es ja gerecht, wenn ich das erhalte, was mir in meiner Traumwelt vorschwebt. Mehr soziale Gerechtigkeit heißt für uns ja nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sein kann (beides eben: das Glück gehört dazu und das Schmieden, das tatkräftige Zupacken), sondern dass man oben kappen und bremsen muss (z.B. die Hochbegabten und Glücklicheren) und unten anheben und vollstopfen muss (z.B. die Bequemen und Pechvögel), damit wir eine schön nivellierte wohlfühlige Gleichheitssauce bekommen. Wenn wir dann selber noch ein bisschen mehr ab bekommen und uns einen kleinen Vorteil verschafft haben (eine kleine Subvention, ein bisschen Schwarzarbeit), ei was sind wir dann doch für ein glücklicher Schelm! Wir wollen ja mit unserem an Stammtischen und in Sportvereinen erprobten Gerechtigkeitssinn, der alles stets besser und vor allem nachher weiß und vorher gewusst haben will, nicht wirklich selbstbewusste Bürger sein, sondern ganz bescheiden nur kleine Bürger, ein bisschen niedlich und harmlos und nur manchmal heimlich boshaft und gemein (nachts und in U-Bahnen), halt gewiefte Kleinbürger eben… Die haben sich immer schon gerne ihre Welt in der Wohnstube gezimmert, ehedem aus Nippes und Kitsch, heute lieber aus Youtube und Florian Silbereisen.

Dem glücklichen Volk ein eben solches neues Jahr voller Traumwelten und Wattepackungen – und eine Packung Aspirin beim Aufwachen…

Print Friendly, PDF & Email