Kategorien
Kultur Netzkultur

Wahrnehmungsproblem?

Das Auffällige und das Missliche an vielen Netzdiskussionen ist die Selbstverliebtheit. Dann werden Sachthemen zu Wahrnehmungsfragen. Gelegentlich auch zu Fragen von Dominanz und Herrschaft. Das Netz prägt keine neue Kultur, sondern bildet die vorhandene Welt nur ab.

Der Artikel von Malte Welding in der FAZ über Urheberrechtsprobleme hat mir etwas verdeutlicht, was weit über das Thema dieses Artikels und auch über die darüber bei Google+ geführteDebatte (z.B. hier) hinaus geht.  Mir wird deutlich, wie wenig eigentlich diese Online – Diskussion bringt. Man wird immer wieder simpelstes Verständnis vermissen, Verständnis für das, was einer gesagt bzw. geschrieben und gemeint hat, Verständnis für die Absicht, den Skopus, des anderen bzw. des jeweiligen Textes. Statt dessen werden lieber auf Stichwort hin Lieblingsthemen behandelt oder man missversteht den Autor oder Mitdiskutanten bewusst, indem man ihm das eigene technische Denkschema unterschiebt (Was ist der Inhalt in „Bullett-Points“?) und daran misst. Oder man schreibt gleich von ganz etwas anderem, was einem gerade so in den Sinn kommt. Ich empfinde die meisten Debatten, die ich mitlese, immer stärker als frustrierend, unsachlich, langweilig, einfach nur nervig und überflüssig. Um die Sache geht es selten. (Das sieht bei Kommentaren direkt innerhalb von Blogs oft anders = besser aus.) Von einer besonders guten Diskussions-Kultur kann man da wahrhaftig nicht sprechen, das ist eher enttäuschend.

Viel mehr scheint es mir um Selbstdarstellung zu gehen. Wenn Sachprobleme als „Wahrnehmungsprobleme“ verhandelt werden, dann läuft was schief. Oder besser: Dann zeigt sich, worum es vielen Schreibern im Netz geht: um Selbstdarstellung. Man möchte wahrgenommen, und zwar als möglichst wichtig und von möglichst vielen. Eigentlich nichts besonderes, das ist bei Selbstdarstellern immer so. Aber das Netz, bekannte Blogs und die soziale Plattformen à la Google+ eignen sich dafür besonders gut, scheint mir. Schaut man sich die Bekanntesten an, dann hat man eine Versammlung von Narzissten und anderen Selbstverliebten beisammen. Zumindest Dominanz-Verliebten. Eigentlich ist es genau so wie im Leben sonst, wie in der Gruppe oder in der Kneipe: Die Wortführer bestimmen das Gespräch, drum heißen sie ja auch so, selbst wenn das ansonsten Dumpfbacken sind.

Das Gerede von der „Kulturrevolution“ durch das Internet erscheint mir umso mehr als leeres Gerede. Die These ist obsolet. Es stimmt genau, was Malte Welding schreibt: „Das Internet stellt die Welt nicht auf den Kopf, es bildet sie ab.“ All die klassischen und sattsam bekannten Verhaltensweisen der Dominanz, des Beißens, Missverstehens, Verdrehens oder einfach der Unsachlichkeit von Gesprächsverhalten finden sich hier wieder – wie sollte es auch anders sein. Im Gegenteil, die Unmittelbarkeit und das Instant-Mitreden / Mitschreiben wozu auch immer legt unüberlegtes, einfach nur emotionales oder vorurteilsbehaftetes Beteiligen besonders nahe. Sofort schreiben, bloß nicht denken, ist dann die Devise. Auf den Einfall komme es an, auf Spontaneität, lese ich. Na ja.

Und so findet man wie früher den „anchor man“ in US News Shows nun den selbstverliebten Blogger, der, wenn er Glück hat und es so weit gebracht hat Sascha Lobo, inzwischen seine Sicht der Welt in einem traditionellen Print-Organ verbreiten darf. OK, wie jeder andere Journalist auch. Da gibts dann plötzlich gar keinen kulturellen Unterschied mehr zwischen neuen und alten Medien.

Die Wortführer versammeln ihre Herden um sich herum („follower“), und das Ganze nennt man dann zu Recht „Netzgemeinde“. Da kann sich Knüwer so viel gegen wehren wie er will. Es ist genau dasselbe Verhalten: Vorredner (Vordenker) und nachfolgende ‚Gemeinde‘. Und wenn dann jemand den Anschluss an S. L. geschafft hat, kann er sich rühmen, dass ihm oder ihr nun die gesamte Palette des Internets 2.0 zur Selbstdarstellung und Selbstvermarktung zur Verfügung steht. Toll.

Kein Missverständnis: Ich kritisiere das überhaupt nicht. Das ist normal so. Aber man sollte aufhören, das Web als Heilsbringer einer neuen Kultur zu glorifizieren. Es ist nur ein Medium der Kommunikation und Distributioon (Text, Ton, Bild), das die Welt auf seine Weise nutzt und dortige Strukturen abbildet. Dazu gehören Facebook und Google und Amazon genauso wie die GEMA und eben social blogger und Netizens und Narzissten und Lebenskünstler wie zu allen Zeiten. Warum auch nicht?

[Benachbartes Thema: zur Debattenkultur bei den Piraten! siehe Badische Zeitung.]