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Berge Wandern

Feiertags – Hetze

Feiertage sind zum Entspannen da? Falsch gedacht! Action ist angesagt, von wegen Muße!

Ein langes Wochenende im Spätfrühling oder schon Frühsommer, Feiertage, die in Süddeutschland den Auftakt zu den ‚kleinen Sommerferien‘ bilden, in denen man gerne ‚in den Süden‘, zur Sonne, fährt und fliegt – was sonst außer Freude, Muße, Entspannung und Aufmerksamkeit für im Alltag Übersehenes sollte sich da ausdrücken: Freizeit und Spaß gewiss auch, aber ebenso gewiss doch auch eine zeit-oder zumindest terminvergessene Leichtigkeit und Unbekümmertheit, eine Offenheit und Schaulust an all dem, was außerhalb von Alltag und Beruf um einen herum auch noch da ist, die Sinne lockt und einfach so ‚passiert‘.

Dachte ich.

Auf meiner fröhlichen Fahrt zu einer sonnigen Frühlingswanderung in den Bergen befinde ich mich alsbald im Stau, nicht auf der Autobahn, sondern auf einer ’normalen‘ Bundesstraße am Feiertags-Samstag um 9 Uhr morgens. ‚Stop and Go‘ bis zum Zielort. Das Radio meldet lange Staus auf den Südautobahnen nach Österreich, Slowenien und Italien, der Moderator verspricht, einem die Zeit im Auto durch passende Musik zu verkürzen: „So kommen Sie viel schneller zum Ziel.“ Wie das funktionieren soll, bleibt schleierhaft.

Parkplatz. Noch gibts hier kein Parkraumproblem. Autoschilder aus der Nähe und aus allen Teilen Deutschlands. Neben mir werden die Fahrräder (Mountainbikes, also technisch hochentwickelte Zweirad-Maschinen) entstaut und fahrbereit gemacht, die Radfahr-Montur gerichtet, das richtige ‚Dressing‘ (heißt das so? ich meine nicht die Salatsauce, sondern den ‚Dress‘, die Kleidung) in Form gebracht. Bunte Wurstpellen mit Schaumstoff unterm Hintern. Rucksack mit Trinkschlauch geschultert. Ab gehts.

Daneben das rüstige Rentnerpaar mit Hund, Rucksack (ER), Stöcken und passender Wanderkleidung. Die kleine Frauengruppe ein paar Autos weiter, die sich mit mächtigen Walking-Stöcken zum Abmarsch bereit macht, alles frisch gestylt: Dress von Mammut, Schöffel oder Wolfskin (eine Antiklimax, Aldi kommt nicht vor), kurze Haare lässig geföhnt, Schweißband um die Stirn; die schon gut gebräunte Haut verrät um diese Jahreszeit die aktiven Outdoor-Aktivistinnen. Es wird geschnattert, als habe man sich gerade wieder seit langer Zeit das erste Mal getroffen. Los gehts.

Zum Glück ist es dennoch kein ‚Run‘ auf die Berge, man bleibt im Tal, es geht wegen des vielen Schnees oben noch nicht anders. Einerseits sammelt sich alles auf wenigen Wegen in den Tälern, andererseits ist die Menge derer, die da draußen mit mir unterwegs ist, trotz des Staus auf den Straßen noch überschaubar. Das Wandern eine Lust. Hinauf gibt es wie meist die Alternative Fahrweg oder steilerer Fußpfad. Die wenigsten wählen den steinigen Steig. Keine Mountain-Biker. Erstaunlich. Oben, wo die Wege zusammentreffen, um dann auf einem zweispurigen Schotterweg weiter taleinwärts zu führen, finden sich dann alle wieder zusammen. Die ersten rasten gleich am Berggasthof, andere hasten gleich weiter zum ‚Ziel‘. (Was ist da eigentlich das ‚Ziel‘?)

Auch Wandern ist für die meisten eine gesellige Sache, warum auch nicht. Ins Gespräch vertieft (Wortfetzen beim Passieren: „Oma“, „Kollegin“, Hotelqualität, letztes Shopping-Erlebnis) wandert man unverdrossen weiter durch eine in dieser Höhe gerade durchgrünte einmalig schöne Bergahorn-Allee, weiter oben stehen die Bäume erst in Knospen. Die Ausblicke (Achtung! Dazu muss man stehen bleiben!) und Rückblicke ins Tal hinab (Achtung! Dazu muss man sich umdrehen!) zeigen die Pracht des unterschiedlich getönten frischen Grüns zwischen dem Dunkel der Fichten (Achtung! Dazu muss man Baumarten unterscheiden können!). Die noch weithin schneebedeckte Bergkulisse ist atemberaubend – und wenn das nicht nur eine Leerformel ist, das sollte man tatsächlich stehen bleiben, um zu schauen und Atem zu holen, auch wenn einem die Puste noch längst nicht ausgegangen ist.

Die paarweisen und gruppengebündelten Wanderer wandern weiter, ins Gespräch vertieft. Der Fotoapparat, – ach ja ein Gruppenbild mit Waldi! Da klacken auch schon über den steinigen Weg die Walkerinnen heran, große Schritte, selbst die kurze Mähne fliegt, die weißen Zähne blecken beim Schnattern werbegerecht in nicht vorhandene Kameras. Links – rechts – klack – klack – kicher – schnauf – sabbelsabbelsabbel… Nun, die Sonne scheint, und das ist wohl die Hauptsache, wo auch immer man sich gerade befindet.

Neben dem Weg auf der noch kuhfreien Alpwiese blüht es über und über: Küchenschelle, Pippau, verschiedene Steinbreche und -wurze, die duftigen lila Kugelblümchen, die hohen gelben Rispen des Klappertopf und –  ja und Enzian! Der kleine sternenförmige Frühlingsenzian streckt sich aus dem Gras, und etwas weiter auf einer Lichtung finden sich verstreut, aber zahlreich die wunderschönen Kelche des großen, blau leuchtenden stängellosen Enzian. Viele Knospen dieses Enzian liegen noch ungeöffnet im Grase und warten auf die Sonnenstrahlen. Ich kann von dieser Pracht kaum genug bekommen, fotografiere hingerissen (zum wievielten Male diese immer gleichen Fotos?), steige die Bergwiese ein wenig hinauf, weil weiter oben ja noch schönere Exemplare stehen könnten. Ach, es sind alle gleich schön und doch eine schöner als die andere!

Unten auf dem Weg geht die Karawane ungestört weiter, die Senioren und Junioren, Wanderer und Radler, ins Gespräch, Wandern und Radfahren vertieft. Klar, die Mountainbiker müssen bei diesem steinigen Wegen höllisch aufpassen, da kann man schlecht nach links oder rechts gucken. Dann kommen auch schon die ersten zurück, in rasanter Fahrt talabwärts, die müssen erst recht aufpassen – und damit rechnen, dass die anderen schon rechtzeitig zur Seite springen. Wie, die Walkerinnen sind schon auf dem Rückweg? Können die fliegen? Nein, es ist eine andere Gruppe fast identisch herausgeputzter Outdoor-Aktivisten.

Zum Talende hin wird es rauer, Schneefelder reichen bis an den Fahrweg heran, ein Wunder, dass die Alphütte geöffnet hat und bewirtschaftet ist. Ein Glück auch, denn  man kann sich sonst noch nirgendwo niederlassen als auf der frei geräumten Terrasse. Ich komme neben einer Gruppe zum Sitzen, dynamische Mittdreißger, drei Paare, Biker, die jetzt „zünftig“ ein Bier zu sich nehmen, die stylischen Sonnenbrillen zurecht rücken und sich vor ihren Begleiterinnen  muskelspielend so recht in Positur rücken. Naja, es ist doch Frühling! Statt der kahlen und schmutzigen Schneefelder und den Resten von Wächten um die Hütte herum könnte die Terrasse auch auf einen See im Flachland gehen, es machte scheinbar auf das Verhalten der Besucher kaum einen Unterschied. Hauptsache Sonne, Ziel erreicht, wieder mal der Erste gewesen – gleich gehts in eiliger Sturzfahrt zurück ins Tal!

Einen Tisch weiter schaufelt ein wohlbeleibter Rentier mit seiner Angetrauten (vermute ich in jener Generation) eine deftige Brotzeit in sich hinein, Flasche Bier inklusive, und auf drei aufgetürmten Sitzpolstern sich verbreitend. Die halbe Maß gehört in Bayern sowieso dazu. Als Norddeutscher bevorzuge ich ganz stillos um diese Uhrzeit Kaffee. Bergdohlen kreisen um uns herum und warten auf einen Happen bzw. auf die krümeligen Reste. Die Ersten gehen wieder, Neue kommen jetzt erst an. Hallo und Halli, man ist am Ziel, ein schöner Tag auch, wunderbar, nicht wahr? Diese Berge also… ein Traum. Sonnencreme heraus und frisch eingeschmiert. Klar, besser ist das.

Es geht wieder zurück. Ich komme erneut an der Blumen- und Enzianwiese vorbei, bleibe stehen und beobachte eine Weile, fotografiert habe ich ja schon. Solange ich da stehe und schaue, einige Minuten, bleibt niemand stehen, niemand schaut, bückt sich, selbst die Kompaktkameras taugen wohl nur für Personen. Als eine weitere kleine Gruppe vorbei ist, mache ich mich wieder auf den Weg, sauge die dufterfüllte Luft auf, die mich mit jedem Schritt talab wärmer umspielt. Man kann dann auch ganz still und ganz für sich gehen und schauen, auch mal stehen bleiben und schauen, all die Herrlichkeit in sich aufnehmen.

Der Parkplatz unten ist bei der Rückkehr dicht gefüllt, kein Plätzchen frei. Ich bin früh dran. Hier ist tatsächlich Ruhe. Oben geht die Hetze weiter. Feiertagsausflug, Wanderziel erreicht, die vorgegebene Walking-Zeit eingehalten, erstmals in diesem Jahr wieder einen anstrengenden (boah ei!) Berganstieg per Rad geschafft. Das Triezen macht Vergnügen. Offenbar.

Nur Schauen ist viel zu langweilig.

[Den „schönen“ Fotobericht gibts in meinem Wanderblog „bergehoch und länderweit“.]