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Lehrreiche „Geschichte“

Geschichte als solche ist nicht „lehrreich“. Wir können sie allerdings dazu machen. Dann bekommen manche geschichtliche Ereignisse und Gestalten neue Leuchtkraft und erhellen die Gegenwart. Herfried Münklers Darstellungen gelingt das immer wieder.

 

Geschichte ist nicht einfach „interessant“ oder „lehrreich“, denn für sich genommen ist das, was war, eben das, was vergangen ist, und insofern im wörtlichen Sinne die Voraussetzung für das, was heute ist, und mehr nicht. „Geschichte“ wird das Vergangene erst durch den Akt intellektueller Aneignung, Wahrnehmung, Betrachtung, Analyse, Deutung, Bewertung usw. Geschichte in diesem Sinne ist also Konstruktion, aber natürlich keine willkürliche. Methodisches Herangehen und kritisches Sichten des „Materials“ (Dokumente und Daten aller Art) sollen zumindest sicher stellen, dass eine historische Darstellung an ihre Quellen gebunden bleibt, wenn auch der Anspruch eines Ranke, einfach darzustellen, „was war“, nicht einlösbar ist. Es gibt eben keinen Zugang zu Vergangenem, der nicht mindestens ebenso vieldeutig und interessegeleitet ist wie die Wahrnehmung und Beurteilung der jeweiligen Gegenwart. Im Gegenteil, diese „Multivalenz“ und Multiperspektivität“ nimmt mit dem Abstand von der Gegenwart eher noch zu. So weit, so bekannt, so gut.

Dennoch aber kann die Betrachtung eines bestimmten Zeitraums oder konkreter geschichtlicher Gestalten insofern „interessant“, also unser Interesse weckend und befriedigend, sein, als man Linien sozialer, wirtschaftlicher, politischer, kultureller, meinetwegen auch ‚ideengeschichtlicher‘ Art aus der Vergangenheit, aus einer bestimmten historischen Epoche, in die Gegenwart ziehen kann. Dabei sollte man sich dessen bewusst bleiben, dass epistemologisch die Blickrichtung ja entgegengesetzt verläuft, indem ich aus meiner heutigen Perspektive mit meinen jetzigen Erkenntnissen und Fragen an „die Geschichte“ herantrete. Mit diesen metatheoretischen Erwägungen im Hinterkopf kann es dann nicht nur unterhaltsam, sondern sogar äußerst lehrreich werden, strukturelle Parallelen, typologische Ähnlichkeiten,  Muster menschlichen / politischen Verhaltens, ursächliche Bedingungen und Wirkungen zu erheben und auszuwerten. Oft gelingt auch erst aufgrund eines anders gelagerten Selbstverständnisses des jeweiligen Historikers in seiner Jetzt-Zeit, neue Motive, Charakterisierungen oder gar „Paradigmen“ zu entdecken. Wir sagen dann, wenn eine solche Darstellung gut, also einleuchtend und überzeugend gelungen ist, dass sie uns einen historischen „Ort“ (Topos) oder eine geschichtliche Person neu erschlossen hat, neue bemerkenswerte Facetten der Vergangenheit entdeckt hat, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte vielleicht hier und da wieder aufspüren lassen und die sogar ein neues Licht auf unsere Gegenwart werfen können. So schließt sich dann ein Kreis der geschichtlichen Reflexion, wenn sie bestenfalls zur erneuten, d.h. erneuerten Selbstreflexion unserer Zeit geführt hat. Insofern möchte ich Geschichte als „lehrreich“ bezeichnen.

Dies kann man je nach eigener Meinung und eigenem Standpunkt nicht von allen, aber doch von vielen Werken der Historiker sagen. Insbesondere möchte ich diese interessierte und mich mit Interesse ansteckende Vorgehensweise der Beschäftigung Herfried Münklers mit Niccolò Machiavelli (Münklers Dissertationsschrift von 1982) attestieren. Dies Buch und seine sich darin gut erschließende Argumentation sollte eigentlich das leichtsinnige Reden vom „Machiavellismus“ im Sinne von rücksichtslos egoistischer Machtpolitik unmöglich gemacht haben. Vielleicht ist das Buch zu dick, als dass Politiker/innen das lesen könnten. Die Gedanken und Analysen sind nach dreißig Jahren noch genauso wichtig und erkenntnisfördernd wie zum Zeitpunkt ihrer schriftlichen Niederlegung. Der äußerst niedrige Preis in den Antiquariaten und sein Erscheinen als Taschenbuch 2005 macht den Zugang zu diesem Werk und seiner Themenstellung eigentlich leicht. Zu lesen ist es aber durchaus anstrengend; darum habe ich den Eindruck, seine Wirkung sei verpufft. Dabei könnte es doch … nun ja. Schön für einen selber, wenn man dann ein hoch interessantes „Fündlein“ entdeckt zu haben glaubt.

Ich möchte als ein Beispiel eine kleine Textpassage zitieren, die gar nicht auf Machiavelli gemünzt ist, sondern die sich mit Polybios beschäftigt, dem Geschichtsschreiber und „Staatsphilosophen“ aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, der den Niedergang von Griechenland – Makedonien und den Aufstieg Roms zur größten imperialen Blüte nach dem letzten der drei Punischen Kriege mit der Zerstörung Karthagos 146 vuZ beschrieben hat. Zugleich hat  Polybios über den zyklischen Wechsel der Staatsformen nachgedacht und war insofern ein gewichtiger Vorläufer und Ideengeber für Machiavelli. Münkler kommt da zu einer Beschreibung des Polybios, die einem heute noch ganz anders in den Ohren klingen mag als vor dreißig Jahren:

Der griechische Intellektuelle, den politischen Abstieg seiner Heimat vor Augen, ist von der Wucht und dem Erfolg der expansionistischen römischen Außenpolitik seit dem 2. Punischen Krieg fasziniert, die er allein aus dem Charakter der römischen Verfassung heraus zu begreifen vermag. In Anlehnung an die Entwürfe der mittleren Stoa, insbesondere die des Panaitios, die den römischen Waffen die Aufgabe zuwiesen, das Licht der hellenistischen Zivilisation über die ganze Erde zu verbreiten, entwarf Polybios den Gedanken einer Vereinigung der Menschheit zu einer einzigen, die gesamte Erde (oikumene) umfassenden, universalen Polis, in der Rom die Exekutivgewalt zufallen werde. Damit rechtfertigte er die imperialistische Außenpolitik Roms in ihrer ganzen Breite. Ein letzter Rest der klassischen Verknüpfung von Ethik und Politik schimmert dennoch durch: Kriege dürfen nur, so legt Polybios fest, um eines moralischen Zwecks willen geführt werden. Gerade diesen moralischen Zweck aber besaßen die römischen Legionen, solange der zivilisatorische Fortschritt im Gefolge ihrer Waffen einherschritt. Dilthey hat geglaubt, aus dem Gedanken der römischen Weltherrschaft, wie er von Polybios erstmals literarisch erfaßt worden ist (der aber sicher in der mittleren Stoa weit verbreitet war), eine Geschichtsphilosophie des Fortschritts heraus lesen zu können. Er übersah dabei jedoch den zutiefst pessimistischen Zug, der das Denken des hellenistischen Historikers beherrschte… [a.a.O. S. 126]

Eigentlich bin ich versucht, an die Stelle von „Rom“ im Text entweder „London“ zur Zeit Victorias (am britischen Wesen sollte die Welt genesen) oder eben Washington (am american way of life und an der US hard power soll die Welt genesen) zu setzen. Die „Rechtfertigung imperialistischer Außenpolitik“ und ihre moralische Unterfütterung verläuft wohl stets nach demselben Muster. Auch die These vom Aufstieg und Niedergang von Imperien (Münkler selbst hat dazu einen Klassiker geschrieben: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005) leitet sich von derartigen Darstellungen und Beurteilungen ab. Das ist nicht allein deswegen interessant, weil man dann allzu schnell meint Parallelen ziehen zu können („siehste, die Amis gehn unter“), sondern weil einem beim genaueren Hinschauen neben Strukturparallelen auch vergleichbare (oder eben unvergleichliche) Voraussetzungen und Bedingungen zu Gesicht kommen, die einen zum genaueren Hinsehen auf die Umstände und Bedingungen heute motivieren kann. Jedenfalls erscheint einiges an Machiavelli, so wie Münkler sein Leben und Denken heraus gearbeitet hat, durch aus „modern“ und aktuell genug zu sein, um sich damit in den heutigen Krisensituation zu befassen. Denn „Krisen“ sind offenbar immer wieder sehr produktiv. Erst dann entfalten sich neue Möglichkeiten; sie können erst Wirklichkeit werden, wenn manches Alte nicht mehr taugt. Machiavelli war in den Wirrungen seiner Florentinischen Stadtrepublik äußerst an Stabilität interessiert, ja die Frage nach „Beständigkeit“ von Gesellschaft (sic!) und Herrschaft ist nach Münkler sein leitendes Motiv das gesamte Werk und die ganze Lebenszeit hindurch. Was hält noch, nachdem die mittelalterliche Versicherung der religiös-metaphysischen Garantiewelt dahin gegangen ist? Was kann heute Basis und Zielvorstellung politischen und gesellschaftlichen Handelns sein, wenn Machtpolitik de facto multi-polar und Finanzpolitik uni-global geworden sind? Machiavellis Losung „Beständigkeit“ bei allem Schwanken von virtù (Mut, Entschlossenheit und Nüchternheit) und necessità (notwendige sachliche Gegebenheiten) sollte zumindest auch das Leitmotiv bei der gegenwärtigen Bewältigung der EU- und Eurokrise sein. Allerdings scheint da „Beständigkeit“ oftmals mit starrköpfigem Festhalten an eigentlich unhaltbar gewordenen Positionen (Kanzlerin-Veto) verwechselt zu werden. Das ist nie gut. Machiavelli hat zumindest in seiner politischen Praxis sehr viel Flexibilität (contra Medici, pro Medici, contra Medici) gezeigt; geholfen hat es ihm persönlich allerdings wenig. Er landete auf dem politischen Abstellgleis als Schriftsteller. Florenz allerdings ging in der Folgezeit ebenfalls unter und verlor alle seine frühere Bedeutung…