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Bedeutung von Geschichte

Bedeutung von Geschichte ist Deutung von etwas, das sich deuten lässt, das aber auch auf Deutung angewiesen ist. Ein kleiner Nachtrag zu den einleitenden Bemerkungen des vorigen Blogbeitrages.

Eine sehr schöne Übersicht über den Stand der geschichtswissenschaftlichen Diskussion um ihr „Erkenntnisproblem“ in Auseinandersetzung mit dem „linguistic turn“ und der  „postmodernen“ Befindlichkeit gibt Hans-Jürgen Goertz, inzwischen emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Hamburg. In dem Reclam-Bändchen „Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität“ (2001)  setzt er sich sehr eingehend, konzentriert und umsichtig mit dem Streit in der historischen Wissenschaft der letzten Jahrzehnte auseinander. Um den „linguistic turn“ geht es natürlich, um „postmodernen“ Konstruktivismus der Wirklichkeit als „Text“ oder Textur, um den Charakter der „Narrativität“, der der historischen Wissenschaft als Geschichtsschreibung wesentlich zukommt, kurz gesagt um das Problem „historischer Referentialität“: Wie erkennt der Historiker seinen Gegenstand, was ist überhaupt sein Gegenstand, wie ist er zugänglich und welcher Methoden kann er sich dabei bedienen? Löst sich alles in Textualität, nicht nur in Kontextualität, auf? Welche Bedeutung hat der Zusammenhang von „Geschichte“ und der Erzählung von „Geschichten“, was also ist die „narrative Grundbefindlichkeit“ des Historikers? Kann er anders denn durch eine „Erzählung“ und damit mittels einer sprachlichen Konstruktion (Literatur) einen geschichtlichen Gegenstand in seiner Bedeutung erkunden? Was überhaupt ist der Gegenstand, ein „brutum factum“ oder bereits ein „historisches Factum“ mit eigener Verweisstruktur? Inwiefern kann die „Tropologie“, d.h. der Gebrauch einer allgemein als sinnvoll erkannten Redeweise und Begrifflichkeit („Rede-Wendung“, z.B. Reformation,  Holocaust) Bedeutung enthalten und aufschließenden Charakter für das Verständnis geschichtlicher Ereignisse haben? Welches ist dabei letztlich die Rolle des Historikers, des „Referenten“ vergangener Geschichte, in seiner eigenen Gegenwart?

Letztlich hat diese teilweise sehr heftige und engagiert geführte Diskussion – natürlich auch immer wieder auf dem Hintergrund grundsätzlicher ideologischer Differenzen – unter den Historikern doch so viel erbracht:

1. von Rankes gleichsam „außergeschichtliche“ Aufgabenstellung für den Historiker, einfach „festzustellen, was war“, muss scheitern. Der Historismus war eine Errungenschaft der Aufklärung, musste selber aber wiederum „entmythologisiert“ werden. Bloße bruta facta, „Daten“, sind noch keine Geschichte, und Geschichte ist mehr als die chaotische Ansammlung von Daten aus der Vergangenheit. Dieses „mehr“ aber gilt es bewusst zu machen, sachlich wie methodisch.

2. Das Referenzverhältnis besteht zwischen heutigem Historiker und dem, worauf die bloßen Daten verweisen: ihre gleichsam innewohnenden Referenzen, Zusammenhänge, die aufgrund der historischen Fragestellung des Referenten sowohl aufgespürt als auch an die Daten herangetragen werden. So besteht ein Wechselverhältnis zwischen der den Fakten möglicherweise eigenen Verweisstrukturen und der Referentialität, die der Forschende aus seiner Fragestellung heraus („Wie kam es zum Ersten Weltkrieg?“) an die Geschehnisse der Vergangenheit heran trägt.

3. Hinzu kommt die unhintergehbare Vermittlungsfunktion der Sprache, sofern Geschichte immer schon als „Text“ begegnet und in einem neuen Text erzählt werden will. Nur so kann sich Zusammenhang und Bedeutung erschließen und „Geschichte“ aus der Vergangenheit als Konstruktion der Gegenwart (mit ihren Fragen und Leitideen) ‚vermittelt‘ werden. Das berühmte „Aha-Erlebnis“ beim Lesen eines Geschichtsbuches ist immer begründet in einer bestimmten Bedeutung, die etwas für die Jetztzeit gewinnt („Aha, darum ist das also heute so.“)

Ich lasse hier einmal Hans-Jürgen Goertz selber zu Wort kommen, dem im Hinblick auf die Grundsätzlichkeit der Diskussion um Aufgabe und Methodik des Historikers vollkommen zuzustimmen ist, wenn er in Auseinandersetzung mit Chris Lorenz schreibt:

Doch hier gilt nur ein Entweder-Oder: Wer sowohl von Konstruktion als auch von Rekonstruktion spricht, hat sich noch nicht auf die Radikalität dieses neuen Geschichtsverständnisses eingelassen. Im übrigen wird nicht die Vergangenheit konstruiert, als ob es sie sonst nicht gäbe, konstruiert wird die Geschichte. Nicht alles, was vergangen ist, ist Geschichte. Aus dem Amorphen des Vergangenen wird zur Geschichte nur das, was eine Gestalt, und das heißt, eine Sprache erhält. Um den Gedanken wieder aufzunehmen: Der konstruktivistische Ansatz ist als die äußerste Anstrengung zu verstehen, der »historischen Realität« abzutrotzen, was von ihr zu erkennen möglich ist. [a.a.O. S. 37]

Denn darum geht es ja: Aus dem „Amorphen“ des Vergangenen etwas zu gewinnen, was des Erzählens wert ist, weil es als Äußerungen und Verhalten von Menschen eine Bedeutung hatte und eine Bedeutung für uns gewinnen kann. Das, ‚was ist‘ als solches, ist nichts, – und darum auch nichts, was uns interessieren könnte. Nur die erzählte Geschichte, die Zusammenhänge und „Bedeutungen“, die wir konstruieren, machen aus Geschehenem „etwas“ und können für uns als „Geschichte“ interessant werden.