Jun 262011
 

>Buchvorstellung: Johannes Kandel, Islamismus in Deutschland. Zwischen Panikmache und Naivität. Freiburg i. Br., 2011, siehe bei Amazon

„Islamismus“ ist ein schillernder Begriff, der in unterschiedlichen Bedeutungen verwandt und oft mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Kandel klärt zu Beginn, was unter „Islamismus“ zu verstehen sei, und nennt vier Merkmale: 1. eine politisch-extremistische Herrschaftsideologie; 2. eine politische Protest- und Revolutionsbewegung; 3. eine soziale Bewegung; 4. eine global-transnationale (virtuelle) Diskursgemeinschaft; letzteres kennzeichnet er als „Islamismus 2.0“. Im ersten Kapitel seines knapp gehaltenen Buches geht er auf die unterschiedlichen Definitionen und den verschiedenen Gebrauch von Islamismus in Wissenschaft und Politik ein und nennt auch innerislamische Definitionen. Es erstaunt schon an dieser Stelle, dass Kandel den Islamismus kaum als eine ernst zu nehmende religiöse Bewegung darstellt, und auch die Abgrenzung zu dem, was unter „Islam“ im Unterschied zum „Islamismus“ verstanden werden kann, fehlt.
Im zweiten Kapitel streift Kandel kurz die Ursachen und Ausbreitung des Islamismus, wobei zu den Ursachen kaum etwas gesagt wird außer dem Hinweis auf die „Identitätskrise der islamischen Welt … seit dem westlichen Kolonialismus und Imperialismus im 19. Jahrhundert sowie dem Kollaps des Osmanischen Reiches“. Zur Verbreitung islamistischen Gedankengutes schildert er die Iranische Revolution 1979, die Wahabiten und die Muslimbruderschaft in Ägypten. Insbesondere verdeutlicht er den dem Islamismus von Anfang an inhärenten Antisemitismus – ein wichtiger Hinweis, der in der Islamismus-Diskussion viel zu wenig beachtet wird.
Im dritten Kapitel befasst sich Kandel näher mit der „Ideologie und Politik des Islamismus“ anhand der Gegenüberstellungen von „Islamismus und Moderne“, „Staat und Demokratie“, „Binnenstrukturen, Dienstleistungen und Moral“, Islamismus und Antisemitismus“, „Islamismus, Dschihadismus und Terrorismus – die Gewaltfrage“ und „Der Islamismus als global-transnationale virtuelle „Diskursgemeinschaft“. Besonders der Abschnitt über die Verquickung des Islamismus mit Antisemitismus bringt eine Vielzahl von Belegen und Begründungen, die zeigen, dass der Antisemitismus für den Islamisten mehr ist als bloßes anti-israelisches Beiwerk. Dies sollte in der öffentlichen Diskussion weit mehr ins Bewusstsein rücken.
Im vierten Kapitel fragt Kandel: „Sind die Muslime in Deutschland islamistisch?“ – eine wirklich provokante Frage. Er stellt hier ganz nüchtern die Zahlen der muslimischen Vereinigungen und ihre teilweise Nähe zum Islamismus dar. Insbesondere referiert Kandel eine Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzel vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren von 2007, die mit genauer Methodik und vorsichtigen Urteilen zu einigen bemerkenswerten und beunruhigenden Ergebnissen kommt. Es muss nämlich mit einem „Radikalisierungspotential in einer Größenordnung von 10 – 12 % der muslimischen Gesamtbevölkerung“ gerechnet werden, das beträfe bei ca, 4 Millionen Muslimen in Deutschland zwischen 400 000 und 500 000 Menschen. Noch erschreckender, dass davon etwa die Hälfte als in hohem Grade „islamismusaffin“ bezeichnet wird, also als zwar noch nicht offen islamistisch, aber doch in allergrößter Nähe gemäß den Kriterien „hohe Demokratiedistanz“, „starke Aufwertung der islamischen Eigengruppe“ und „deutliche Abwertung westlicher Gesellschaften“. Noch einmal mehr als der Hälfte hiervon, immerhin einer Gruppe von 153 000 Muslimen („bei Berücksichtigung der statistischen Unschärfen“) kann zur Durchsetzung ihrer Ziele ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft attestiert werden, besonders auffällig in der Gruppe von jungen Muslimen. „Sie bilden das unmittelbare Mobilisierungspotential für die Islamisten.“
Das nächste, fünfte Kapitel umfasst zwei Drittel des Buches; es enthält eine ausführliche Darstellung der Ideologie und Arbeitsweise verschiedener islamistischer Gruppen in Deutschland und Europa. Hier setzt sich Kandel vor allem mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation „Milli Görüs“ auseinander, ferner unter anderen mit der Kaplan-Gruppe, der Muslimbruderschaft, der Hisbollah und Hamas (!) sowie dem „Muslim Markt“ im Internet und der „Islamischen Zeitung“. Man bekommt hier einen sehr gründlichen Einblick in die Ideologie und Arbeitsweise dieser Organisationen und kann danach ihren Einfluss auf die innermuslimische Meinungsbildung in Deutschland besser abschätzen; er ist jedenfalls sehr viel höher und verbreiteter als bisher vermutet. Der Leser findet in diesem breit angelegten Kapitel eine Menge von Material, Literaturverweisen, Weblinks und Hinweisen zum Nachvollziehen der dargelegten Fakten und zur eigenen Weiterarbeit. Vor allem setzt sich Kandel immer wieder mit kritischen Gegenpositionen (Werner Schiffbauer) und Stellungnahmen und Selbstdarstellungen einiger islamischer Verbände und ihrer Funktionäre auseinander. Dabei kann man Kandel kaum den Vorwurf der Voreingenommenheit und Parteilichkeit machen, versucht er doch durchgängig, sachlich genau und fair die Positionen darzustellen und an seinem eigenen Maßstab der Demokratie- und Gesellschaftsverträglichkeit zu messen. Leider fehlt diesem großen Kapitel etwas die Systematik und Übersichtlichkeit; so benutzt Kandel den Buchteil über Milli Görüs zu einer sehr fundierten Auseinandersetzung mit islamischem Selbstverständnis und ihrer Außendarstellung. Über weite Teile ist dies Kapitel eine einzige Problemanzeige, ein intellektueller Aufschrei angesichts der verbreiteten Verharmlosung islamistischer Ideologien am Beispiel der einzelnen Organisationen, die Kandel durchgeht.
„Wie gefährlich ist der Islamismus?“ fragt Kandel am Ende seines Buches und fasst zusammen: „Gegen den Islamismus kann der Staat alleine nicht erfolgreich kämpfen: Wir brauchen eine intelligente Mischung aus energischer Sicherheitspolitik, Integrationspolitik und einem breiten zivilgesellschaftlichen Diskurs im Sinne kritischer Streitkultur.“ Kandel sieht den Islamismus in Deutschland recht erfolgreich am Werk, offenbar den Sicherheitsorganen immer eine Nasenlänge voraus: „Sie nutzen fünftens mit großem Erfolg die virtuelle Welt des Internet, das sich bislang umfassender Beobachtung und schärferer Kontrolle entzieht.“ Am Schluss seiner gründlichen Untersuchung formuliert Kandel einen Anspruch, der eigentlich mehr eine Hoffnung ist, die sich aus seinen Analysen nicht unbedingt ergibt: “Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist dazu bereit und wendet sich gegen den Extremismus der Islamisten. Der Kampf gegen den Islamismus kann nur mit ihnen, nicht gegen sie gewonnen werden.“ Ist die große Mehrheit der Muslime das wirklich? Ihre Verbände jedenfalls sind dazu nicht entschlossen genug bereit.
Das Buch ist flüssig geschrieben, reich belegt, von profunder Sachkenntnis geprägt und darum bemüht, eine ‚ausgewogene‘ Darstellung zu bieten. Dies gelingt Kandel nicht immer, denn allzu sehr sprechen die Fakten, die er präsentiert, die Sprache der Intoleranz und Taktik, der Verstellung und Undeutlichkeit. Dass „die Muslime die fundamentalen Verfassungsprinzipien des säkularen, demokratischen und pluralistischen Rechtsstaates anerkennen“, ist aus dem Dargestellten gerade nicht offenkundig. Umso mehr fehlt eine gründliche Analyse des Zusammenhangs von Grundstrukturen des heutigen Islam und des Islamismus. Kandel will keine religionswissenschaftliche Analyse geben, aber sie müsste sich anschließen. Wenn er als Glaubensprinzipien, also als ideologischen Kern einer islamistischen Gruppierung, folgende Punkte nennt (S. 166): Bekenntnis zu Allah als den Einen und Einzigen und an Mohammed als den Gesandten Gottes; fünfmaliges Gebet; Lesen des Korans und der Schriften (Hadithe); Achtung anderer Muslime; Unterwerfung des eigenen Lebens unter den Willen Allahs; Einsatz für missionarischen ‚dschihad‘ – dann ist zu fragen, welcher Muslim dem nicht zustimmen könnte. Die Frage nach dem Verhältnis von allgemein gelebtem Islam zum Islamismus ist spannend und bedarf der Klärung.

Ich kann das Buch zur Lektüre und zur Weiterarbeit besonders im Bildungswesen nachdrücklich empfehlen!
 26. Juni 2011  Posted by at 15:10 Islam, Islamismus, Religion

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