Sep 262018
 

Kann man den jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit all ihren Umbrüchen, Tabubrüchen, Aufgeregtheiten überhaupt irgendetwas Positives abgewinnen? – Aber natürlich, man kann es durchaus! Denn es wird wieder diskutiert, gestritten, sich ereifert, auch mit überzogenen Positionen und Grenzverletzungen, aber insgesamt doch engagiert und selbstbewusst, auch wenn es in den sozialen Medien immer wieder zu hässlichen Pöbeleien und gezielten Verunglimpfungen kommt. Dass über die Zustände in unserer Gesellschaft und über den Zustand der Gesellschaft als ganzer so heftig diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen für eine interessierte und engagierte Bürgerschaft, die sich nicht mit einer eingefrorenen Regierung und den Selbstbespiegelungen der Oberen zufrieden gibt. Zwar mag es auch viele geben, die sich längst frustriert und resigniert (oder einfach übergangen und gleichgültig) aus der Diskussion und politischen Teilnahme verabschiedet haben – die große Gruppe der Nichtwähler ist ein Anzeichen dafür – , dennoch kann man eben in keiner Weise davon sprechen, dass es in unserer Gesellschaft lethargisch und leidenschaftslos zugehe, und das ist angesichts der Herausforderungen unserer Zeit etwas sehr Positives, vielleicht sogar ein positiver Wandel.

Deutschland spricht

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Aktion „Deutschland spricht“ in Berlin © Alexander Probst für ZEIT ONLINE

Denn es ist doch einfach gut, dass vielerorts, in vielen Medien und auf unterschiedlichen Plattformen die wichtigen Themen der Gesellschaft aufgegriffen und diskutiert werden:

  • über Gerechtigkeit und soziale Spaltung
  • über Migration und Integration
  • über Offenheit und Selbstvergewisserung
  • über Nation und Europa
  • über Wehrhaftigkeit und Interessen
  • über Rechtsstaat und Zivilcourage
  • über Emanzipation und Gleichberechtigung
  • über Missbrauch und andauernde Schuld
  • über Bildung, Schule und Wissenschaft
  • über Digitalisierung und Globalisierung
  • über Solidarität zwischen Alten und Jungen, Starken und Schwachen, Vorauseilenden und Langsameren
  • über Freundschaft, Heimatliches und Vertrautes
  • über Religion und Moral
  • über Alter und Pflege
  • über Fakt und Fälschung

Die Liste ließe sich leicht verlängern, genauer ausführen, ergänzen, weiter differenzieren. Sie bedeutet auch keinerlei Rangordnung der Themen und Verhältnisse, die darin angesprochen werden, und auch zunächst keine Zuspitzungen. Die muss es freilich auch geben, wenn es denn um mehr geht als um Spielereien und ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘. Es geht in der Tat um mehr, und das ist auch der Grund dafür, dass oft so heftig und polarisiert gestritten wird, so dass nicht mehr zugehört wird und der andere samt seiner anderen Meinung verteufelt wird. Zuhörenkönnen und Geduld gehören zur Diskussion ebenso wie Informiertheit, Argumentationsfähigkeit und Redegewandtheit. Gefühle und Leidenschaften gehören auch dazu, das muss alles so sein, wenn es nicht zur sterilen Übung, zum Ritual geraten soll.

Es gibt allerdings auch Grenzen, Grenzen des guten Geschmacks (worüber man streiten kann) und Grenzen des Tolerierbaren (worüber man nicht mehr streiten kann). Wo Menschen persönlich angegriffen und missachtet werden, wo zu Verfolgung und Gewalt aufgerufen wird, wo sich eine Gruppe anmaßt, alleine die Wahrheit zu besitzen und sich gewaltsam durchsetzen zu können, wo die Menschenwürde missachtet und anderen gar abgesprochen wird, da sind Grenzen überschritten. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren, dagegen gilt es Widerstand zu leisten und Polizei und Gerichte anzurufen. Über eine Verrohung der Sprache kann man sich noch beklagen, aber wo Verfolgung und Gewalttätigkeit ausgeübt wird gegenüber anderen, die man als fremd und andersartig ablehnt und ausgrenzt, da ist das Gespräch zu Ende. Antisemitismus ist dabei die Spitze und das wiederkehrende Kennzeichen von grundübler Bosheit und Gewalt. Antisemitismus war und ist für eine Gesellschaft immer wieder so etwas wie der Lackmus-Test ihrer demokratischen Reife und Toleranz. Wo es wieder Juden an den Kragen geht, folgen meist auch die Ausgrenzung anderer Unangepasster und Missliebiger auf dem Fuße, die man beseitigen und ‚ausmerzen‘ will. Ein völkischer Nationalismus und ein sich harmlos gebender erzrechter Populismus sind reale Gefahren der freiheitlichen Gesellschaft. Da nützt keine Diskussion mehr, da gilt nur Widerstand – um ‚den Anfängen zu wehren‘ ist es schon fast zu spät.

Aber da gibt es eben auch die auflebende Bewegung für eine gesellschaftliche Diskussionsfähigkeit und Offenheit, die gegen Ängste und dumpfe Gefühle angeht und Abgehängte einbezieht. „Deutschland spricht“ ist eine großartige Idee. Eine polarisierte und politisierte Öffentlichkeit ist an sich noch gar nichts Schlechtes. Es wäre die Chance da, nach einer Zeit der Erstarrung zu mehr Diskussionskultur, Gesprächsbereitschaft und Toleranzfähigkeit zu finden. Das muss geübt werden, gerade auch vor dem Hintergrund von shitstorms und üblen Beschimpfungen, wie sie im Schutz der Anonymität des Netzes wohl unvermeidlich sind. Man sollte sich davon nicht irritieren lassen, die wichtigen Diskussionen nicht zerstören lassen. Hohlköpfe, auch gefährliche, gibt es immer. Manchmal werden sie sogar Präsident. Damit aber solche Stimmen bei uns nicht zur Mehrheit werden, sondern als dumpfe und dumme Bosheit entlarvt werden, dafür ist das offene und öffentliche Gespräch, die heftige Diskussion, die engagierte Position und Gegenposition, Rede und Gegenrede nötig. Ich habe den Eindruck, wir sind gerade schon dabei.

Das wäre doch ein echt positiver Wandel!

Reinhart Gruhn

 26. September 2018  Posted by at 11:43 Demokratie, Gesellschaft, Öffentlichkeit, Politik, Rechtsstaat Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Positiver Wandel
Okt 152016
 

„Wir sind das Volk!“ Ein Protestruf, ja – aber wer ist das Volk? Seinen „Sitz im Leben“ hat dieser Ruf aus tausenden von Kehlen bei den Montags-Demonstrationen 1989, die zum Fall der DDR-Regierung wesentlich beigetragen haben. Zuerst getragen von kleineren Gruppen wuchs die Zahl der Protestierenden in Leipzig auf einige zehntausend, schließlich auf einige hunderttausend Demonstranten an. Die Zahlen sind geschätzt. Wenn insbesondere die 70.000 Teilnehmer der Leipziger Demonstration vom 9. Oktober 1989 skandierten „Wir sind das Volk!“, so lag darin ein spezieller Protest gegen die Usurpation des Begriffs „Volk“ durch die SED-Führung als Machtzirkel des DDR-Staates. Die Partei gab von ihrem Selbstverständnis her vor, was der Wille des Volkes war, sie repräsentierte allein das Volk der „Arbeiter und Bauern“, das es gegen jegliche Konterrevolution zu schützen galt. Das „Volk“ der SED war bewusst nur ein Volksteil („Klasse“), der wiederum seine alleinige Repräsentation und sein Vollzugsorgan in der Partei und ihrer Führung hatte. Dieser ideologische Anspruch wurde auf den Montagsdemonstrationen gegen die herrschende Nomenklatura gerichtet: Nicht ihr seid es – wir sind das Volk, das ihr ständig im Munde führt!

Es war die besondere geschichtliche Situation des politisch erstarrten und wirtschaftlich ruinierten SED-Staats, die diesen Protest ermöglichte und unter dem Motto „Wir sind das Volk“ zum Erfolg führte. Die dann folgenden Diskussionen und Verhandlungen in den diversen „Runden Tischen“ brachten alsbald die Mühsal des Ausgleichs der Interessen und Meinungen, von Forderungen und Gegenforderungen, von hoch gesteckten Zielen und notwendigen Kompromissen an den Tag. Die eigentliche friedliche Revolution lag in dem Prozess der Machtübernahme getragen durch die „Runden Tische“, – die Proteste mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ waren ein Auslöser dafür. Von dieser erfolgreichen Transformation der politischen Herrschaft in eine parlamentarisch-demokratische Form, nämlich der reformierten DDR, die dann ein Jahr später der Bundesrepublik Deutschland beitrat, bezieht der Ruf „Wir sind das Volk“ seine Legitimation und seine weitere Wirksamkeit als Mittel der Bestreitung von Herrschaft.

Man müsste genauer sagen: Als Mittel der Bestreitung von illegitimer Herrschaft bzw. die Bestreitung der Legitimität einer Herrschaft, die ihrerseits nicht mehr über angemessene Legitimität verfüge. Mit „Wir sind das Volk“ (und seinem geschichtlichen Abglanz) wird grundsätzlich die Herrschaftslegitimität bestritten. Darum ist der Satz eine so wirkungsvolle und einprägsame Waffe der neuen Rechten geworden. Er scheint mit dem eigenen Herrschaftsanspruch zugleich die Legitimation und das Erfolgsrezept in sich zu tragen. Dem Vorwurf des Partikularen wird damit die Spitze genommen: Auch wenige können gegenüber vielen das Recht auf ihrer Seite haben, weil die jetzt noch Wenigen nur die Vorhut der Vielen sind, wenn man sie denn nur ließe.

Das ist das heute besondere Moment: War es zum Ende der DDR hin fast jedermann in Ost und West klar, dass die Phrasen hohl und die Herrschaft brüchig geworden waren, dass vor allem der wirtschaftliche Niedergang des Einparteien-Staates zu weitreichenden politischen Veränderungen zwang, also gewissermaßen ein ‚objektiver‘ Grund für die Bestreitung der alten Herrschaft gegeben war, so fehlt diese Evidenz heute weithin. Die Wirtschaft floriert, und bei aller möglichen und notwendigen Kritik an der faktischen Politik der Regierung oder von einzelnen Parteien und Politikern ist es jedem möglich, offen seine Meinung zu sagen, im Netz zu posten, zu demonstrieren, neue Parteien zu bilden und als Opposition zur Wahl zu stellen. Eine parlamentarische Demokratie wie die unsere lebt eben nicht nur von den Parteien (sie wirken laut Grundgesetz an der Willensbildung“mit“), sondern vom öffentlichen Streit, von Kritik und Gegenkritik in den Parteien und auch in der Öffentlichkeit außerhalb und gegen die Parteien. Die Medien spielen dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle, die eigens zu erörtern wäre. Die behauptete Legitimation der Parole der Neuen Rechten „Wir sind das Volk“ muss sich auf die Behauptung stützen, dass die parlamentarische Demokratie angeblich nicht mehr funktioniere, dass die Politiker alle korrupt, die Presse einseitig und lügnerisch seien, die Wahrheit unterdrückt und „das Volk“ betrogen würde. Die Behauptung dieser pervertierten Realität erhält eine solche Eigendynamik und ein solches scheinbar selbstbestätigendes Gewicht, dass Hinweise auf gegenteilige Fakten nicht mehr ankommen. Das Kontrafaktische wird zum wesentlichen Grundstein der eigenen politischen Überzeugung. Die eigene Überzeugung aber gründet in Gefühlen und Obsessionen, in Wut oder Hass, der sich durch Gleichgesinnte nur wechselseitig bestätigt und verstärkt. Die Neue Rechte schafft sich ein abgeschlossenes politisches Weltbild, das selbstimmun ist und von außen kaum mehr erreicht werden kann. Damit klinkt sich diese Bewegung aus dem demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess immer stärker aus – um ihn zugleich medial zu dominieren.

Trump Anhänger

Trump – Anhänger 2016

Was bei uns in Deutschland Pegida und Afd, sind in Frankreich FN, in England UKIP und so weiter. Exemplarisch und beängstigend ist dieses Phänomen derzeit im US – Präsidentschaftswahlkampf bei den Anhängern Trumps, also in weiten Teilen der Republikaner, zu diagnostizieren. Einen guten Text dazu hat Frank Stauss geschrieben: „EIN BLICK IN DIE USA IST EIN BLICK IN UNSERE ZUKUNFT.“  Wie man ferner lesen kann, wird von Trump-Anhängern, von Trump mit zweideutigen Aussagen unterstützt, offen mit Gewalt und Revolution gedroht, sollte Trump nicht gewählt werden bzw. ihm die gerechte Wahl „geraubt“ werden. Hier lässt sich die Gefahr für ein auf Diskussion, Respekt und Konsens angewiesenes Gemeinwesen mit Händen greifen. Wenn die eigene politische Weltsicht kontrafaktisch zur Norm der Wirklichkeit wird, sind Diskussion und Kompromiss nicht mehr möglich. Hierin liegt der Keim, der die westlichen parlamentarischen Demokratien in ihrer Existenz gefährden und schließlich zerstören könnte.

„Wir sind das Volk“ hatte als Parole seine historisch konkrete Berechtigung und kann auch erneut eine Berechtigung finden. Das geht solange in Ordnung, wie allen bewusst ist, dass es sich um einen partikularen Anspruch handelt, der die Mächtigen kritisieren und Diskussionen ermöglichen will. Heute ist es zum diffamierenden Schlachtruf der Antidemokraten geworden. Wenn Diskussion, Respekt und das gemeinsame Suchen nach Fakten und Lösungen verweigert wird, ist auch kein Konsens mehr möglich. Dann ist das Gemeinwesen bedroht, der innere Friede gefährdet und der Sinn für Respekt des Anderen, Andersseienden, Andersdenkenden, verloren. Das „Volk“ ist konkret nur das Staatsvolk, und dazu gehören alle, die Bürger dieses Staates sind, hier leben und ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen können. Das Staatsvolk ist nicht „völkisch“, schon gar nicht „christlich-abendländisch“, und auch nicht im alleinigen Besitz der Wahrheit, sondern es ist durch das Grundgesetz beschränkt und ins Recht gesetzt. Wer nach dem „Volk“ schreit, hat den freien und mündigen Bürger mit Anstand und Respekt meist längst schon vergessen. Antidemokraten in der Demokratie sägen an dem Ast, auf dem sie und wir sitzen.

Mrz 102013
 

Die Eurokrise / Schuldenkrise / Finanzkrise hat sich (vordergründig) etwas beruhigt; es gab zumindest in den letzten Monaten keinen neuen „Rettungsschirm“. Die Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes bewegt sich hierzulande auf einem verhaltenen, aber stabilen Niveau mit positiven Aussichten. Von Flughäfen und Bahnhöfen gibt es auch grad keine aufgeregten Neuigkeiten außer mal hier mal dort einen kleinen Streik. Die Energiewende geht mehr schlecht (Kosten) als recht (Steigerung von Ökostrom) voran, und von den Parteien sind derzeit überhaupt keine Impulse zu vernehmen abgesehen von ein wenig üblichem Gezänk. Selbst Steinbrück verpasst neuerdings die Aufreger. Es hat sich eine gleichgültige Ruhe ausgebreitet, die Dinge, die sich eher gut entwickeln, wie selbstverständlich zur Kenntnis zu nehmen, und Dinge, die sich eher schlecht entwickeln, als unabänderlich achselzuckend hinzunehmen.

Wahlen (KFM / pixelio.de)

Wahlen (KFM / pixelio.de)

Hallo, im Herbst sind Wahlen! Keine Spur von Bewegung, Aufbruch, Diskussion, Streit um den besseren Weg, oder auch nur Aufklärung und Erklärung der vielen Unklarheiten im politischen und wirtschaftlichen Alltag. Scheinbar ist die offizielle Politik in Regierung und Opposition schon froh, dass nichts passiert und alles eben nur irgendwie so läuft: Die oben sind oben, und die Unten bleiben unten. Erstaunlich. Erst überschlägt sich alles, der Untergang des Euro-Abendlandes wird dramatisch beschworen, dann gibt es ein paar Nachtsitzungen mit anschließenden Ringen unter den Augen, die Euro- und Nationalbanker zücken ihre Stifte, um jegliche Kreditbegrenzungen aufzuheben, eine Schwemme billigen Geldes flutet und versickert im Nirgendwo der roten Zahlenkolonnen. Alles klar? Alles gut?

Genau besehen ist gar nichts klar und gar nichts gut. Wir haben uns nur an den Nebel gewöhnt, der sich über die politische Landschaft gelegt hat wie das ewige Grau unseres diesjährigen Winterhimmels. Stellen wir doch einfach ein paar Fragen:

  • Was ist das überhaupt für eine „Krise“: des Euro? der Schulden? der Banken? der Ungleichgewichte in der Wirtschaft, im Export? Alles hängt irgendwie zusammen, aber wenn man für ein Problem eine Lösung finden will, muss man es zuerst klar eingrenzen und bestimmen. Dazu finde ich nur viele unterschiedliche, widersprüchliche, mehr oder weniger interessegeleitete Meinungen. Wahrscheinlich ist deswegen auch die Konfusion über mögliche Lösungen so groß. Einige scheinen aber von der Konfusion besonders zu profitieren.
  • Wo bleibt das ganz Geld, also die -zig Milliarden Euro, die von den EU-Regierungen über die die EZB „bereit gestellt“ wurden: Wem wurde das Geld konkret „bereit gestellt“? Wurde da reales Geld bewegt oder wurden nur Buchungen vorgenommen, die sich bei diversen (National-) Banken im Euroraum in ihren Salden nieder schlugen? Wer also hat konkret etwas von diesem „Geld“ gehabt? Waren es politisch gewollte Buchungstricks, indem Negativsalden einfach an einem anderen Ort (EZB) in beliebiger Höhe verbucht und mit „neuem“ Geld schwarz gefärbt  wurden? Oder wird nur eine neue (Immobilien-) Blase befeuert?
  • Wer hat etwas davon, dass Regierungen „sparen“, das heißt, Sozialleistungen kürzen? Warum werden bei den einen die Schulden auf die EZB übertragen (die das ja deswegen „ab kann“, weil sie faktisch die Verfügungsmacht über alles Buchgeld hat), bei den anderen aber als Opfer eingefordert? Warum kehrt sich überhaupt ein Land an seinen „Schulden“, wenn sie doch letztendlich auf dem Verschiebebahnhof der internationalen Finanzinstitute geparkt werden können und so im Nirwana der virtuellen Geldschöpfung verschwinden? Oder anders herum: Welche Spekulation in wessen Interesse treibt die jeweiligen Schuldzinsen in die Höhe?
  • Warum müssen gerade diejenigen, die mit diesen Finanzmanipulationen in großem Stil zwischen Staaten, Nationalbanken, „systemrelevanten“ Banken (= die gesamte private Finanzmacht) nun gar nichts zu tun hatten, haben und jemals zu tun haben werden, auf ihre Löhne, Gehälter, Renten, sozialen Dienstleistungen verzichten? Kurz: Warum müssen all die kleinen Leute in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland usw. in ihrem Alltag, in Haus und Familie dafür „realwirtschaftlich“ büßen, dass hier wahrscheinlich oligopole Finanzjongleure (alles im Nebel) ihre ganz speziellen Süppchen kochen? Warum sind so viele kleine Geschäfte Pleite, aber nie die großen Banken? Warum gilt das als „normal“?
  • Warum kann der gesellschaftliche Konsens und das politische Versprechen der „sozialen Marktwirtschaft“, der besagt, dass die Reichen zwar reicher werden dürfen, die Ärmeren aber ebenfalls deutlich besser gestellt werden müssen, dass also sozialer Aufstieg für alle konkret möglich wird, – warum kann dieser Konsens seit einigen Jahren faktisch außer Kraft gesetzt werden, ohne Widerstand, ohne Protest? Die lauen Stellungnahmen der bekannten Verbände zum Armuts- / Reichtumsbericht der Bundesregierung verdienen die Bezeichnung „Protest“ wohl kaum, allenfalls Pflichtübung. Da hat ein „Politikwechsel“ statt gefunden von grundsätzlicher Tragweite.
  • Warum gilt es fraglos als abgemacht, dass durch die Energiewende die normalen Endverbraucher massiv belastet werden, wohingegen die Großindustrie von Freistellungen und einem Verfall des Strompreises ebenso massiv profitiert? Wen interessieren noch die CO2-Emissionen, nachdem die Kosten der CO2-Zertifikate, eigentlich als Mittel zur Steuerung und Reduzierung des CO2-Ausstoßes gedacht, gegen Null gehen? Wie kommt es, dass sich die Öffentlichkeit in Politik und Medien zwar über Grillo in Italien aufregen, aber den Nebel über unserer eigenen politischen Wirklichkeit gar nicht mehr wahrzunehmen und aufdecken zu wollen scheinen?
  • Wie kann es sein, dass Gegenwehr von Bürgern in besonders betroffenen Ländern gegen diese als „alternativlos“ deklarierte EU-Politik durch Massenproteste, Streiks, der Wahl von Parteien, die wenn schon keine Lösung, so doch wenigstens den deutlichen Protest gegen diese nebulöse Verzerrung der Wirklichkeit zugunsten des Triumphes der Finanzoligarchien (als deren Sachwalter die Rating-Agenturen auftreten*) formulieren wie Grillo, Syriza, – dass diese hilflos im Nebel stochernde Gegenwehr lächerlich gemacht und als „unvernünftig“ abgetan wird? Wer definiert hier, was vernünftig ist? Vielleicht doch die Schweizer, die mit ihrer erfolgreichen Volksinitiative gegen die Abzocker (mit einer Rekordzustimmung unter allen jemals durchgeführten Volksinitiativen) zumindest ein deutliches Zeichen gesetzt haben: Bis hierher und nicht weiter?

Ich muss einhalten, die Liste wird zu lang. Wie dicht muss der Nebel von Desinformation, Ahnungslosigkeit und Phantasielosigkeit sein, wenn sich eine Politik immer wieder als „alternativlos“ rühmt (und es zwischen Regierung und Opposition nur Unterschiede in den Nuancen gibt), wo  es doch gerade Aufgabe von Parteien und gesellschaftlich engagierten Gruppen sein sollte, Alternativen auszuarbeiten und aufzuzeigen? Alternativlosigkeit ist das Ende, der Bankrott der Politik. Nur Nebelwolken zu verbreiten und sich argumentativ (wenns denn überhaupt Argumente sind) zum verlängerten Arm der Finanzinteressen zu machen, ist der Bankrott der Medien, neue oder alte, völlig egal. Es wird Zeit, Klartext zu reden (aber anders als der unsägliche Steinbrück), die vielen Probleme anzusprechen, zu benennen, um Lösungen zu ringen, zu diskutieren, zu streiten, laut, offen, öffentlich, meinetwegen auch mal schrill, wenn man gehört werden will, den Mächtigen Grenzen aufzuzeigen, wie weit man mit dieser bisherigen Politik mitzugehen bereit ist und wo definitiv Schluss ist. Dieser Punkt, dass mit den einfallslosen, ewig gleichen Wegen und Begründungen Schluss sein muss, ist längst erreicht. Es wird Zeit, dass bei uns in der Öffentlichkeit Bewegung in die Bude kommt. Schon allein deswegen bin ich mittlerweile für „Volksinitiativen“ nach Schweizer Muster auf Bundesebene: damit endlich diskutiert und endlich hart gestritten wird. Auch wenn einem das Ergebnis dann manchmal nicht passt.

Hallo! Es ist Wahlkampfzeit! Ran an die Diskussion! Wenn nicht jetzt, wann dann?

UPDATE 11.03.

*) siehe zu den Eigentumsverhältnissen bei den Rating-Agenturen die aktuelle Rezension des Buches von Werner Rügemer „Rating-Agenturen“ in der FAZ.

 10. März 2013  Posted by at 11:14 Europa, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Sirenen im Nebel
Feb 092013
 

Seit einiger Zeit „im Netz unterwegs“ (was für eine Formulierung…) stelle ich fest, dass ich mich öfter als zuvor auf den sozialen Plattformen langweile. Facebook habe ich seit längerem links liegen lassen, bin dort inzwischen abgemeldet, in die Timeline bei Twitter und auf die Mitteilungen bei Google+ schaue ich seltener. Natürlich sinkt damit auch die Häufigkeit meiner aktiven Beteiligung, meiner eigenen Beiträge. Blogs mag ich, aber sehr genau ausgewählt. Die konsumiere ich eigentlich nicht anders als Zeitungen, nur mit der leichteren Möglichkeit direkt zu reagieren. Das tue ich aber auch nicht oft, allenfalls mal ein „1+“, und manchen angefangenen Kommentar habe ich nach der ersten Zeile wieder gelöscht und lasse es dabei. Wie kommts?

Zum einen ist es sicher ein gewisser Gewöhnungseffekt. Der Reiz des Neuen lässt nach. Da schaue ich eher danach, was es mir bringt. Denn eines ist auch klar: Sich im Netz zu bewegen ist zeitaufwändig. Lesen, weiterklicken, einen Diskussionsstrang verfolgen, nachschauen, überprüfen, sich eventuell anderweitig schlau machen – all das kostet viel Zeit. Ich bin nur noch dann bereit, diese Zeit aufzubringen, wenn ich einen Nutzen für mich erkenne: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, auf einen neuen Gedanken aufmerksam gemacht werde, einen mir bisher unbekannten Zusammenhang entdecke oder gar ein ganz anderes Themenfeld finde, das mir so bisher noch nicht begegnet ist. Wenn es der Fall ist, interessiert mich der Beitrag und ich beschäftige mich damit, beteilige mich wohl auch gelegentlich an einer Diskussion. Insgesamt ist das Ergebnis aber äußerst dünn, besonders in den Diskussionsbeiträgen. Es geschieht doch sehr selten, dass man einen wirklich guten Gedanken findet, sei er nur kurz wie ein Aphorismus, sei er länger ausgeführt und begründet. Etwas Interessantes, Neues, Weiterführendes im Netz, in sozialen Medien, in Blogs zu finden ist etwa so selten, – ja eben wie ein wirklich gutes Buch selten ist, wie ein treffender und gelungener (Zeitungs-) Artikel selten ist. Es ist dabei ziemlich egal, obs Online oder Print ist. Diese Feststellung als solche ist nicht neu, das war eigentlich schon immer so.

Vuvuzela

Vuvuzela

Das hängt natürlich von den eigenen Erwartungen und Standards ab. Ich lasse mich bereitwillig von gekonnt formulierten Anstößen interessieren, folge gerne einer klaren, womöglich zwingenden Argumentation, möchte über den verhandelten Gegenstand etwas mir bisher Unbekanntes erfahren. Texte und Beiträge reizen mich also, wenn sie etwas Verschlossenes neu und anders erschließen, Dunkles aufdecken, Neuland skizzieren. Dann lasse ich mich auch gerne auf neue Begrifflichkeiten und Denkmuster ein, prüfe die neuen Kategorien und versuche für mich Klarheit darüber zu bekommen, was darin nun an wirklichem Erkenntniswert liegt, inwiefern eine neue Art zu denken auch neue Wirklichkeit erschließt, deutet, interpretiert, erklärt, welche Aspekte mir bisher so einfach nicht klar waren. Das klingt sehr hoch gestochen, ist aber ganz praktisch und pragmatisch gemeint. Es muss mich interessieren, es sollte stilistisch und formal ansprechend rüber kommen, und ich darf danach möglichst nicht bereuen, extra Zeit aufgewendet zu haben. Ich gebe zu: Zeit zu vergeuden ist für mich inzwischen ein schrecklicher Gedanke.

Es braucht niemand sonst diese Haltung zu teilen, es ist eben meine Haltung. Da ist mir zunächst einmal egal, was andere denken und meinen. Allerdings möchte ich irgendwann auch über bestimmte Gedanken und Erkenntnisse kommunizieren. Das geht in Diskussionen, Arbeitsgruppen, bei einer Tagung oder auch im freundschaftlichen Gespräch. Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser Austausch direkt persönlich oder medial vermittelt geschieht. Natürlich macht eine persönliche Begegnung etwas anderes aus als eine medial vermittelte wie zum Beispiel bei einem Diskussionstrang in einem Forum. Das direkte persönliche Gegenüber schafft eine eigene Atmosphäre der (auch sensualen) Verständigungssmöglichkeiten, die indirekte mediale Kommunikation nicht bietet. Dennoch, es geht auch in der Distanz. Was mich dann stört und zunehmend nervt und langweilt, ist die Oberflächlichkeit der Argumentation, die Rechthaberei, das Nichtzuhören bzw. Lesen dessen, was gesagt, geschrieben und gemeint ist. Die Diskussionswirklichkeit im  Netz ist da eher sehr enttäuschend und dürftig, jedenfalls in dem Bereich und in den Fällen, wo ich es mit bekommen habe. Das betrifft eben nicht nur das lautstarke Tönen des SPON-Papstes. Der Eindruck bleibt natürlich immer subjektiv, siehe auch die Gefahr der Filter-Bubble. Trotzdem würde ich einfach behaupten, dass mein Eindruck nicht ganz einsam und verkehrt ist. Andere haben  Ähnliches beschrieben.

So finde ich „im Netz“ eigentlich all das wieder, was ich sonst auch in öffentlichen Diskussionen antreffen kann: Die Vielredner, die Lauten und Rechthaber, die Eiferer und Verbohrten, die Ideologen, die einfach nur Oberflächlichen und Dummen (in dem was sie da sagen), die Nerver und Eitlen, Selbstgefälligen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es davon in den offenen Foren des Netzes mehr gibt, als mir in den letzten Jahren leibhaftig begegnet sind. Das liegt gewiss auch daran, dass ich solchen Leuten aus dem Weg zu gehen pflege. Ich fetze mich da nicht mehr, ist Zeitverschwendung, unnötig. Was ich nun als Effekt der Langeweile bei mir beobachte, hat vielleicht genau mit derselben Haltung zu tun. Ich mag nicht diese überheblichen Ideologen, die Evangelisten des Netzes, die nun in den social media eine wunderbare Plattform haben, ihre verqueren Ansichten öffentlich auszubreiten. Mögen sie es gerne tun, aber ich muss es ja nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn darüber gestöhnt wird, dass das „Merkel-Deutschland“ einer „neobürgerliche Post-Adenauer-Vergangenheit“ verhaftet sei, wenn linker Eifer im Kielwasser der Achtundsechziger sich mit digital-technizistischen Netzphantasien paart, wenn der erkennbare Frust, es im akademischen Betrieb vielleicht zu nichts gebracht zu haben, sich umso hämischer über das Desaster „politischer Dissertationen“ auslässt, wenn im schönsten Boulevardstil jede Woche eine neue Ismus-Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, alte und neue Medien Hand in Hand, – aus oft nichtigem Anlass, nur aus dem Ungefähren, also aus dem Bauch raus, aber immer mit dem unüberhörbaren Anspruch, in jedem Falle Recht zu haben und es ja besser zu wissen, ja dann habe ich eigentlich genug. Dieser Öffentlichkeit des Netzes gehe ich dann umso lieber aus dem Weg, wie ich es IRL (in real life) und in TV-Talkshows längst tue. Das muss ich mir nicht antun, das ist pure Zeitvergeudung.

Darum schaue ich zwar seltener auf die Diskussionen in den (Netz-) Medien, aber umso öfter in gute Blogs und Zeitschriften und auf ausgezeichnete Beiträge, die mir heute dank Internet viel leichter auffindbar und zugänglich sind, als es beim Stöbern durch Buchläden, Bibliotheken und Literaturverzeichnisse ehedem möglich war. Ich bin darum wahrlich kein Verächter der vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Allerdings bin ich eher gelangweilt durch die atem- und gedankenlose Hektik im Netz, auf Twitter oder sonst wo. Nettes, harmloses Geplänkel ist mir dann allemal lieber als verbohrtes Sektierertum. Das gibts nämlich im Netz zu Hauf. „Nischenkultur“ nennt man das wohlwollend. Meinetwegen, nur mich muss das nichts angehen. Denn gegen die Langeweile im Netz gibt es ein probates Mittel: Interessantes Lesen und selber denken.

UPDATE, 21:51 h

Lese eben bei Heise, was recht gut zu meiner Auffassung passt und sich auf Facebook bezieht. Das ließe sich durchaus als Symptom verallgemeinern:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Viele-machen-Facebook-Ferien-1801186.html

 9. Februar 2013  Posted by at 13:47 Netzkultur, social media Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Mediale Langeweile