Jul 132014
 

Was einem die Zeit des Lebens als Zusammenhang erschließt.

[Kultur, Wissen]

Wissen wandelt sich. Es fällt mir schwer, die vielen Veränderungen um mich herum wahrzunehmen und in einen Zusammenhang zu bringen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen verändert sich tatsächlich viel. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es wirklich mehr ist als in früheren Jahren. Es könnte auch nur so scheinen. Denn das ist das Zweite: Ich nehme eine Vielzahl von Lebensbereichen im näheren und weitern Umfeld wahr, und meine Aufmerksamkeit richtet sich auf mehr Unterschiedlichkeiten und Einzelheiten als früher. Das hängt, dessen bin ich mir ziemlich sicher, mit meinem Status als Nicht-Berufstätiger zusammen. Ich vermeide den Ausdruck Ruheständler, weil ich von einem Stand der Ruhe eigentlich nichts merke, im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit hat sich nur verschoben von den unmittelbaren Dingen, die sich früher mit der Berufstätigkeit verbanden, zu den Dingen des weiteren und ferneren Lebens, der Politik und Gesellschaft, der Wirtschaft und Wissenschaft, der Kultur und Natur. Es gibt da weniges, was mich nicht interessiert. Mir scheint, mit der Zeit wächst die Neugier und der Wissensdurst immer stärker. Schließlich ist da ein Drittes, das mit dem größeren zeitlichen Überblick zusammen hängt, den man mit den Lebensjahren bekommt: Man hat schon viele Dinge und Verhältnisse kommen und gehen gesehen, das relativiert manche Begeisterung über scheinbar Neues. Und man ahnt Zusammenhänge, Verbindungen und größere Linien zwischen Entwicklungen, die man bisher überhaupt nicht erwogen hat.

Gerade dies Letztere ist mit einem hohern Maß an Interpretation und Konstruktion verbunden. Zusammenhänge und Verbindendes, Linien der Entwicklung und Abbrüche fallen einem nicht von selbst auf den Schirm. Man erfährt sie auch selten aus den Medien, noch seltener im Gespräch oder in den Kontakten über soziale Medien. Diese sind ohnehin eher Gesprächs-Surrogate. Man lernt Verbindungen herzustellen, Linien zu ziehen am ehesten durch die Lektüre von Büchern. Dabei sind es dort wiederum weniger die thematisch expliziten Darstellungen der Zeitgeschichte oder ihrer verschiedenen Teilbereiche als vielmehr schöne Literatur, dann vor allem auch Fachliteratur, detaillierte Darstellungen bestimmter Problembereiche in einzelnen Sparten menschlichen Wissens und organisierter Wissenschaft. In den meisten Bereichen bleibt man auf „populäre“ (1) Darstellungen angewiesen, die sich an das allgemeine, größere Publikum richten und die eben nicht ausgewiesene Fachliteratur ist. Nur im eigenen Fach mag man auch spezielle Fachliteratur verfolgen und verstehen. Aber auch solche detailreichen und sachlich genauen Einzelstudien, so interessant und packend sie sein mögen, vermitteln einem selten den Überblick über einen größeren Bereich des Lebens und Wissens.

Die „Zusammenschau“ ist im Wesentlichen die Sache des Lesers und des Mit- und Nachdenkenden. Ich selbst bin es, dem auf einmal Zusammenhänge auffallen – oder vielmehr einfallen, der Verbindungen sucht und Linien zieht und dem sich dann und wann Strukturen zeigen und größere Muster des Verhaltens und der irgendwo im Gewusel der zahllosen Einzeldinge, Einzelereignisse und partikularen Tatsachen einen Faden entdeckt, den er vermutet und gewissermaßen gesucht oder sogar geknüpft hat. Ein solches Verständnis wächst, es entsteht allmählich aus vielen Einzelbeobachtungen und Detailkenntnissen und scheinbar oft ganz anders orientierten Literaturen. Dies Verständnis von Zusammenhängen ist auch keineswegs ein bloß theoretisches, denn es erwächst aus den konkreten Lebensvollzügen, aus der Praxis und Erfahrung des Miteinanderlebens, der Kenntnis des Vertrauten und der Entdeckung des Neuen, Unbekannten, wie es auf manchen Reisen geschehen kann. Immer sind hier Begegnungen mit anderen Menschen entscheidend. Erst auf diesem Hintergrund – als Metapher weniger der flache Hintergrund eines Bildes als der quirlig bunte Hintergrund einer Großstadtstraße – treten beim Nachdenken und Innehalten Zusammenhänge und Verbindungen ans Licht, die man vorher nie gesehen hat.

Manchmal, oft sind es sehr bekannte Zusammenhänge, die man bisher nur vom Hörensagen kannte, nun aber lebensmäßig und dann auch theoretisch als Wissen nachvollziehen kann. Bisweilen sind es aber auch ganz neue, unerwartete Verknüpfungen, die sich einem aufdrängen und von denen man noch nie gehört und gelesen hat, ja deren Verbindungen einem dennoch ganz nahe liegend und selbstverständlich erscheinen, so dass man sich wundert, dass man davon noch nirgendwo erfahren hat. Ab und an geschieht es dann, zugegeben recht selten, dass man einen Gedanken gefasst und hin und her bewegt hat, sich fragt, warum man mit diesem Gedanken offenbar ganz alleine da steht – und dann plötzlich in einem Buch genau diesen Gedanken vorfindet. Das ist dann ein Grund zu großer Freude, als hätte man einen alten Freund getroffen. Zugleich zeigt es, dass man als normaler Mensch selten oder gar nie etwas wirklich Neues denkt oder sieht; das Meiste ist doch schon irgendwo gedacht, gesagt, geschrieben oder kunstvoll dargestellt worden. Wirklich Originelles ist rar. Wenn man es entdeckt, egal ob bei anderen oder sich selbst, ist es wie das Auffinden eines Schatzes. Es erscheint einem dann als ein Schlüssel, mit dem sich auf einmal Türen zu Räumen öffnen lassen, die einem bisher verschlossen und rätselhaft waren. Andererseits ist die Freude oft von kurzer Dauer, denn die Zahl der ungeöffneten Türen wächst mit jeder geöffneten, oder in den bekannten Worten: Je mehr man zu wissen meint, desto größer ist die Menge des Unwissens. Vielleicht ist es dies, dass die Neugier, manchmal auch Ungeduld, immer weiter wachsen lässt.

Evolution

Evolution – Wikimedia

Um nicht nur in allgemeinen Betrachtungen stecken zu bleiben, hier noch einige Konkretionen. Im Bereich der Politik, die es ja immer mit Macht und Machtverhältnissen zu tun hat, empfinde ich bisweilen fast tektonische Erschütterungen. Das gilt weniger in der Innenpolitik, die wenig überraschend ist und fast immer absehbar und ausrechenbar, also positiv gesprochen von Stabilität und Kontinuität geprägt wird, besonders in Zeiten einer großen Koalition. Die politischen Veränderungen geschehen sehr viel stärker im europäischen und weltpolitischen Maßstab. Vor 10, 20 Jahren hätte wohl niemand vermutet, dass die Frage „Wohin treibt Europa?“ alsbald eine sehr ernstzunehmende, existentielle (Ukraine!) ist mit ganz ungewissen Antworten. Bei den weltpolitischen Machtverhältnissen gibt es noch viel größere Verschiebungen, die mit Kriegen großen Ausmaßes verbunden sind wie gegenwärtig im gesamten Nahen Osten. Vor einigen Jahrzehnten hätte man auf China als die größte Herausforderung verwiesen – und heute ist China eher ein akzeptierter Mitspieler, auf dessen Stabilitätsverantwortung man angewiesen ist. Den USA sind die eigenen Kriege über den Kopf gewachsen, und in vielen Teilen der Welt wächst die Instabilität (Afrika) und drohen neue failed states mit allen Begleiterscheinungen (oder Ursachen) von Terrorismus und Gewaltherrschaften lokaler warlords, die nichtsdestoweniger weltweit vernetzt sein können, allein schon um an Waffen zu kommen, und die leicht instrumentalisiert werden in den Auseinandersetzungen größerer Mächte und Interessengruppen. Der begründende Hinweis auf das fatale Erbe der Kolonialzeit reicht aus meiner Sicht immer weniger aus. Es muss nach „moderneren“ Ursachen und Gründen gesucht werden. Das ergibt alles in allem eine sehr divergierende Wahrnehmung: Einerseits rücken durch Geschäftsverbindungen (Globalisierung) und Reisemöglichkeiten (Tourismus; Flüchtlingsströme) immer mehr Erdteile zusammen, andererseits führen die Interessen von Ländern und Machteliten zu immer neuen Koalitionen, Brüchen und Machtverschiebungen. Weltpolitik ist immer im Fluss, aber mir scheint, dieser Fluss war lange nicht so reißend und im Verlauf ungewiss, wie es heute der Fall ist. Darin spielt Europa eine Rolle, wenn auch keine so bedeutende, wie es die Wirtschaftskraft vermuten ließe.

Ein ganz anderer Bereich von neuen Entwicklungen und veränderten Zusammenhängen ist durch den Prozess der Digitalisierung gekennzeichnet. Das Internet ist nur ein Teil davon, und das World Wide Web wiederum nur dessen bekanntester Aufsatz. Die Digitalisierung wälzt in der Tat Arbeiten, Leben und Wissen vollständig um – und wir befinden uns erst in den Anfängen dieses Prozesses. Das Internet, das schon von den Ursprüngen her ein US-amerikanisches, militärisch verankertes (ARPA) Netz war und weithin geblieben ist, stellt insofern einen Sonderfall dar, als es wie kaum eine andere Neuerung der letzten zwei Jahrzehnte Träume geweckt und Illusionen herauf beschworen hat. Heute ist heilsame Ernüchterung eingetreten („Internet kaputt“), ohne dass man auf die vielen neuen Annehmlichkeiten der Vernetzung mittels Smartphones usw. verzichtet. Das INTERNET müsste besser INSANET heißen: insane für krank, irre, verrückt, und NSA für die eigentliche Macht der Beherrschung dieses Netzes. Selbst wenn Teile der Netzstruktur privatisiert sind (Kabelverbindungen, besonders unterseeische) und weiter aufgeteilt und privatisiert werden (Netzgesellschaften), so ändert das nichts daran, dass es ein von den USA beherrschtes Netz ist, solange die NSA & Co. jederzeit und überall den Vollzugriff („Abgriff“) haben und solange US-Firmen die Angebote des WWW dominieren bzw. monopolisieren. Die schöne neue Welt der eBooks und des Musik- / Video- Streamings hat die Kehrseite einer bis dato unbekannten Durchlöcherung und Durchleuchtung der Privatsphäre, weil der Kunde im Allgemeinen so oder so mit seinen Daten bezahlt. Was das erst mit Smart Home und Smart Health ergeben wird, kann man nur ahnen. Der Geist ist aus der Flasche, also gilt es ihn zu zähmen und kontrolliert zu nutzen.

Schließlich noch einen Hinweis auf die Entwicklungen der Natur und der Naturwissenschaften. Wissenschaftliche Paradigmata sind zeitgebunden und unterliegen den Wechseln der Zeitläufe. Wenn sich heute die Naturwissenschaften, insbesondere die Neurowissenschaften, als alleinige Sachwalter von Vernunft und gerechtfertigtem Wissen darstellen, wenn eine naturwissenschaftlich-technische Marktgesellschaft das Monopol auf Wahrheit und Erkenntnis, auf Wissen und wirkliche Fakten beansprucht, dann ist diese moderne Wissenschaft zur Weltanschauung geworden mit einem quasi-religiösen Anspruch. Kein Wunder, wenn sich daran andere Religionen reiben und dagegen andere Weltsichten erheben. Die hochmütige Arroganz der heutigen Wissenschaften schreit weniger nach „alternativen“ Lebensstilen als vielmehr nach Selbstkritik und Selbstbegrenzung der technisch-wissenschaftlichen Vernunft (vgl. dazu die neuesten Beiträge im Blog Phomi). Die geschichtliche Bedingtheit, durchgängig ökonomische Interessiertheit und thematisch-sachliche Vorläufigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist mir noch nie so deutlich gewesen wie heute. Wissenschaftlich organisiertes Wissen zielt in erster Linie auf ökonomisch orientierte Verwertung, ist also „Markt-Wissenschaft“. Vernunft, und Erkenntnis geht aber viel weiter als der Bereich dessen, das sich vermarkten und verkaufen lässt.

Wissen ist Teil des Lebens. Erwerb von Wissen ist Vollzug des Lebens. Im Verlauf des Lebens etabliert und verändert sich das, was man zu wissen meint. Es ist ein lebendiger, offener Prozess, der sowohl Irrtum als auch Vorläufigkeit und Veränderlichkeit in sich begreift. Die offenkundige Kurzsichtigkeit mancher wissenschaftlich oder technisch begründeter Ziele und Hoffnungen ergibt sich sehr schnell aus der Betrachtung größerer Zusammenhänge. In den ganz großen Linien erscheint da der Mensch als das steinzeitlich-intelligente Lebewesen, das sich mit Vernunft, Technik und Macht die Erde angeeignet hat und sich nun mit all seinen Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten in eine ungewisse Zukunft katapultiert. Gut, wer da noch Zeit zum Nachdenken findet.

 

 

(1) Der Begriff populär bzw. populärwissenschaftlich müsste genauer untersucht werden. Zunächst beschreibt er das Allgemeinverständliche im Unterschied zur Sprache der Fachwissenschaft. Zudem will er deutlich machen, dass zum Verständnis eines populärwissenschaftlichen Buches weniger oder keine Voraussetzungen („besondere Vorkenntnisse“) nötig sind. Beides wäre kritisch zu befragen: Was taugt eine Wissenschaft, die sich nur noch intern in einer hoch differenzierten Fachsprache verständigen kann? Kann das neben dem Erfordernis der Präzision und Knappheit nicht auch eine Strategie des bewussten Ausschlusses sein? Sodann erfordern nicht alle einigermaßen originellen und gründlichen Darstellungen eines Themenbereichs immer gewisse Vorkenntnisse und in jedem Fall die Bereitschaft, sich auf ein bestimmtes nicht alltägliches Denken einzulassen? Ohne Vorkenntnisse kann man nichts verstehen.

 13. Juli 2014  Posted by at 12:42 Allgemein Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Leben und Wissen
Jun 292013
 

Die Wirklichkeit ist nicht so unzweifelhaft wirklich, wie sie auf den ersten Blick scheint – und wie sie von den „naiven“ Realisten voraus gesetzt wird. Es ist erstaunlich, wie alte philosophische Traditionen wie der antike erkenntnistheoretische Skeptizismus eines Sextus Empiricus plötzlich wieder ganz aktuell erscheinen. Natürlich muss ein neuer Name her, „eliminativer Phänomenalismus“ klingt auch gleich viel wissenschaftlicher. Die dahinter stehende Sache ist aber alt und durchaus ernst zu nehmen. Es ist erst recht bemerkenswert, dass diese radikale Position auf dem Hintergrund der Hirnforschung und der modernen Phänomenologie des Bewusstseins auftaucht. Thomas Metzinger, analytischer Philosoph und Bewusstseinsforscher, entwickelt eine hoch interessante, wenn auch im Blick auf die verfügbare empirische Datenbasis noch hoch spekulative Theorie des Ich und des Bewusstseins; auf sein anregendes Buch „Der Ego-Tunnel“ habe ich wiederholt hingewiesen. Mittels des Begriffs des „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM) versucht Metzinger, auf der Höhe der empirischen Befunde der Neurowissenschaften eine evolutionär-funktionale Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Der Titel seines populärwissenschaftlichen Buches deutet schon das Ergebnis an: Wir leben in einem unbewusst selbst entworfenen „Ego-Tunnel“, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der aus dem Gehirn evolutionär entspringende Geist hat eine unglaublich komplexe und effektive Weise der Aneignung der Welt hervor gebracht mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei wird „die Welt“ aber allererst in einem Modell konstruiert, das durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung im Gehirn transparent zur Verfügung gestellt wird. „Welt“, also äußere Realität, ist das, was mir zuhanden ist. Das „virtuelle“ Selbst erstellt eine virtuelle Welt, um darin als absichtsvoller Agent auftreten zu können. In einer wissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins kann diese Funktionalität entdeckt und bewusst gemacht werden. Es bleibt aber ein Zirkel, denn das Bewusstsein spiegelt sich hierbei nur in sich selbst. Offenbar hat sich dieses Modell aber als Überlebensstrategie bestens bewährt. Es ist allerdings nur ein Modell.

Dass der Wirklichkeitsbezug erkenntnistheorerisch zweifelhaft bleibt, verdeutlicht eine zunächst recht exaltiert erscheinende Position. Metzinger beschreibt sie in einem fiktiven Gespräch so:

Das merkwürdige philosophische Konzept, das diese Traumgemeinschaft aus Naturwissenschaftlern entwickelt und zu ihrer Prämisse gemacht hat, ist unter dem Namen »eliminativer Phänomenalismus« bekannt. Wie der etwas übereifrige Doktorand Ihnen erklärt: »Eliminativer Phänomenalismus ist durch die These charakterisiert, dass die Physik und das neurowissenschaftliche Menschenbild eine radikal falsche Theorie sind; eine Theorie, die so fundamentale Defekte aufweist, dass sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Ontologie irgendwann schließlich durch eine vollständig entwickelte Wissenschaft des reinen Bewusstseins ersetzt werden, statt problemlos auf diese reduziert zu werden.« Die gesamte Wirklichkeit ist demzufolge eine phänomenale Wirklichkeit. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Wirklichkeit herauszufallen, besteht darin, die grandiose (aber fundamental falsche) Annahme zu machen, dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt (ein Wurmloch, wie die Forscher im Traum-Tunnel es ironisch nennen) und dass es Ihr eigener Tunnel ist. Indem Sie sich diese Überzeugung ernsthaft zu eigen machen, würden Sie jedoch plötzlich unwirklich werden und sich selbst in etwas noch Geringeres als eine bloße Traumfigur verwandeln: in eine mögliche Person – genau das, was Ihr Kontrahent am Anfang der Diskussion behauptet hat. (Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, S. 213f.)

Der „Ego-Tunnel-Blick“ ist also durchaus nicht nur erhellend. Aber richten wir unsere Überlegung auf etwas Anderes. Weniger bezweifelbar ist es, dass wir die Welt außerhalb nur vermittels unserer Sinne durch unsere geistige Aktivität wahrnehmen können. Dabei geschieht eine Interpretation der Sinneserfahrung, die uns das, was der Sinn vermittelt, allererst zugänglich und begreifbar macht. Das Auge gibt uns ein „Bild“ von etwas, das elektromagnetische Strahlung im „sichtbaren“ Bereich, also zwischen 380 nm und 780 nm Wellenlänge, reflektiert. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung, wie ein Schaubild (Wikipedia) verdeutlicht. Für akustische Sinneswahrnehmung gilt dasselbe, auch da steht unseren Sinnen nur ein kleiner Ausschnitt zur Verfügung, den wir als Töne und Klang wahrnehmen. Ein bestimmter Wellenbereich wird von unserem Tastsinn als Wärme empfunden. Auch dies ist eine Interpretation, denn das Gefühl von Wärme ist keine physikalische Eigenschaft. Wärme ist „thermische Energie, die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeichert ist.“ Gegenständlichkeit ist eine bestimmte Anordnung oder Struktur eines atomaren oder molekularen Verbandes, dessen Energie- und Masseeigenschaften von unseren Sinnen (Auge, Tastsinn) in ganz bestimmter Weise wahrgenommen und durch das Gehirn interpretiert werden können. Physikalisch gibt es allenfalls „Körper“, das heißt molekulare Strukturen mit bestimmten Eigenschaften. Auch hier gilt wiederum, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt vorhandener Körper wahrnehmen können, die von Größe und Ausdehnung her unseren lebensweltlichen Anforderungen entsprechen. Was zu klein oder zu groß, zu langsam oder zu schnell, zu nah oder zu fern ist oder wofür wir überhaupt keinen Sinn haben, das nehmen wir nicht wahr, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Was wir auf keinerlei Art wahrnehmen können, ist für unsere „naives“ Realitätsempfinden nicht vorhanden. Für Radarimpulse oder Radioaktivität haben wir kein Sensorium, darum nehmen wir diese Strahlung und damit diese mögliche Gefahr unmittelbar nicht wahr. Das Zeitempfinden schließlich ist ebenfalls durch unseren Organismus bestimmt, indem unser Leben im Rhythmus des Herzschlages entlang des Rhythmus‘ von Tag und Nacht verläuft. Zeit „an sich“, also physikalisch, ist nur als Veränderung im Raum relativ zu anderen Systemen bestimmbar. Sie ist allerdings „gerichtet“, d.h.  unumkehrbar aufgrund des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre (Entropie).

Molekülbewegung (Wikipedia)

Molekülbewegung (Wikipedia)

Über das „Gesetz“ der steten Zunahme der Entropie ließe sich genüsslich philosophieren, insbesondere was Entropie genau bedeutet. „Unordnung“ ist nur eine sehr ungenaue Interpretation, „Zunahme von Information“ (von Weizsäcker) schon eine sehr viel genauere. Hier sei nur fest gehalten, dass grob gesprochen die Welt der Physik (als Basiswissenschaft unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes) von der Welt, wie wir sie wahrnehmen, erfahren und interpretieren, grundverschieden ist. Alles, was wir als inner- und alltagsweltliche Gegebenheiten kennen, kommt dort „nur“ als abstrakte Beschreibung von Massen und Energien, von Kräften und Wechselwirkungen, von Feldern und Konstanten vor. Beide Welten passen schon „irgendwie“ zusammen, aber sind ihrer Art nach doch völlig verschieden: In den Gesetzen der Physik findet sich nämlich überhaupt keine unsrer Empfindungen und mentalen Metaphern, Modelle, Bilder wieder.

Was ist nun wirklich: die Welt der Physik oder die Welt unserer Alltagserfahrung? Oder ist auch die Welt der Physik „nur“ ein Modell, ein sehr viel abstrakteres, genaueres, aber eben auch nur ein eben mathematisches Modell unseres Geistes, um all das („Welt“) zu erfassen und zu bestimmen („Erkenntnis“) und in seiner Funktionsweise („Gesetze“) zu erklären, was uns zunächst unsere Sinne naiv-real als zuhanden und darum vorhanden vermitteln? Zumindest machen diese Überlegungen deutlich, dass die Auffassung der alten Skeptiker bis hin zu den Geist-Theorien der Neuplatoniker (Welt als Emanation unseres Nous / Geistes) gar nicht so weit von dem entfernt sind, was auch heute zugespitzt formuliert wird wie oben zitiert: Dass sich die „reale“ Welt als reines Phänomen, als fiktives Modell, als mentale Repräsentanz des Bewusstseins eliminativ auflöst oder zumindest infrage gestellt sieht. „Darum soll es auch erst mal genug sein mit der Tunnel-Erkenntnistheorie“, beschließt Metzinger seinen Abschnitt. Wohl wahr, es ist verwirrend, aber eben auch spannend und nachdenkenswert. Die allzu forschen Realisten und physikalischen Materialisten sollten sich jedenfalls nicht allzu sicher wähnen. Der Hauptgegner des Skeptizismus von ehedem war der von ihnen so benannte und bekämpfte Dogmatismus. Das könnte zu denken geben.

 29. Juni 2013  Posted by at 11:53 Philosophie, Wissenschaftstheorie Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Eliminative Wirklichkeit
Dez 232012
 

Wenn man sich intensiver mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, so muss das keineswegs mit einem erwarteten oder erhofften Gegenwartsbezug verbunden sein. Wenn ich mich seit einiger Zeit genauer mit der Geschichte des Römischen Reiches befasse, insbesondere mit der Epoche seiner Transformation zur Spätantike und schließlich zu dem, was „Mittelalter“ genannt wird, so geschieht das eben nicht, um Parallelen mit irgendwelchen Erscheinungen oder Mächten unserer Gegenwart herzustellen oder aufzudecken. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Was immer man an vermeintlichen Ähnlichkeiten in der Geschichte des „Aufstiegs und Falles“ großer Reiche / Mächte / Kulturen mit jüngeren oder gegenwärtigen Entwicklungen zu finden meint, ist weit mehr von Projektionen bestimmt, die wir aus den Fragen und Problemen unserer Gegenwart heraus in Ereignisse der Geschichte hinein verlegen, als von den geschichtlichen Gegebenheiten, Tatsachen und Ereignissen selbst. Tun wir das womöglich mit dem Ziel, aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen zu können, sei es um sie besser zu deuten, sei es gar um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, so gehen wir doppelt fehl. Die Geschichte „lehrt“ nichts. Sie ist kein Steinbruch von Direktiven und Handlungsanweisungen. Sie bietet uns noch nicht einmal eine Auswahl an Optionen, die wir für die Gegenwart fruchtbar machen könnten.

Was für die Militärs oft festgestellt wurde, dass nämlich die Generalität für den nächsten Krieg stets mit den Erfahrungen des letzten Krieges plant – und dann von der völligen Andersartigkeit des nächsten Krieges überrascht wird, genau dies gilt auch für geschichtliche und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen insgesamt. Die Bedingungen und Zusammenhänge eines jeden Ereignisses in Geschichte und Gegenwart sind so einzigartig, multipel kausal, verflochten und ambivalent, dass allein schon die Feststellung dessen, was „Tatsache“, also was wirklich „der Fall ist“, nie unproblematisch ist. Die Erhebung nackter distinkter Daten allein sagt ja noch überhaupt nichts über das damit gemeinte Ereignis aus: über seinen Zusammenhang, die Genese, die Komplexität, die darin zum Ausdruck kommenden Absichten und Interessen, die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen und Auswirkungen, erst recht nicht über die jeweilige Bedeutung eines Ereignisses. All dies nämlich setzt schon eine Einbettung eines Ereignisses in einen Sachzusammenhang voraus, der vom Beobachter nie ohne einen zugehörigen Deutungs- und Verstehenszusammenhang zu haben ist. Nicht nur für Ereignisse der Geschichte, sondern ebenso auch für solche der Gegenwart (was ist überhaupt die „Gegenwart“? wie lange erstreckt sie sich?) gilt die methodische Klärung der Herangehensweise und des damit jeweils verbundenen vorausgesetzten Verstehensrahmens des Betrachters. Sogleich kommen dann die metahistorischen, gewissermaßen geschichtsphilosophischen Fragen auf, zum Beispiel nach „Historismus“, „Konstruktivismus“ (in diversen Spielarten), dem „post-histoire“ und anderen Geschichtsbildern. Bei Ereignissen der Gegenwart liefert uns unser Weltbild und unser vorgängiges Weltverstehen („Vorurteil“) den Rahmen möglicher Deutungen, die allererst zur Bedeutung eines Ereignisses führen.

Forum Romanum (Wikipedia)

Forum Romanum (Wikipedia)

Man mag meinen, Ereignisse der Gegenwart seien doch viel leichter und besser zu erkennen und zu verstehen als solche der Geschichte, da wir doch viel „näher dran“ sind und heute viel mehr Informationen zur Verfügung haben. Das hilft jedoch nicht allzu viel, da die Menge möglicher Informationen immer unabsehbar größer ist als die gegebene Menge vorhandener Informationen. Dies gilt natürlich auch für Ereignisse in der Geschichte, in vergangenen Zeiten, nur dass uns dort mit wachsendem Abstand eine immer größere Menge von Informationen über wesentliche Zusammenhänge für immer verborgen bleibt und eben nicht mehr verfügbar ist. Zwar bietet das Urteil aus dem zeitlichen Abstand heraus den Vorteil, bestimmte Verläufe inzwischen zu kennen. Jedoch ist es bleibend schwierig, hier Verläufe als Folgen und Auswirkungen zu verstehen. Allein dies setzt gleich wieder eine bestimmte „Konstruktion“ unserer eigenen Wahrnehmung und Bewertung der früheren Ereignisse voraus. Damit ist dann die Erkenntnis und das Verstehen geschichtlicher Ereignisse gar nicht so verschieden von der Erkenntnis und dem Versuch, gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen zu verstehen.

Diese angedeutete Schwierigkeit mit vermeintlich „objektiven“ Beschreibungen geschichtlicher Ereignisse (abgesehen von der reinen Tatsächlichkeit begrenzter Fakten und Daten), die sie mit gegenwärtigen Ereignissen durchaus teilen, macht es schwer, zu einem abschließenden Urteil der Bedeutung, der Auswirkungen und der „Lehren“ zu kommen. Deutungen und Bewertungen, die sich möglichst genau und umfassend auf vorhandenes oder zugängliches Faktenmaterial stützen möchten, werden stets nur annäherungsweise und vorläufig möglich sein. Darum ist es auch vergebliche Mühe, aus Geschehenem außerhalb meines unmittelbaren Einflussbereiches und außerhalb meines unmittelbaren Wirkungszusammenhanges irgendwelche positiven Handlungsalternativen (und das wären „Lehren“ ja) abzuleiten. Jedenfalls wäre eine intuitive Wahl unter verschiedenen gegenwärtigen Optionen mindestens genau so „vernünftig“ wie eine vermeintlich rational begründete. Der von mir jeweils feststellbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bleibt in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Sache mit unendlich vielen Variablen.

Warum also sich überhaupt mit Geschichte beschäftigen? Um des Menschen willen, um zu sehen und zu erkennen, wie Menschen sich verhalten haben oder gerade verhalten, was ihnen möglich war oder eben nicht möglich ist. Der Mensch in der Geschichte ist das eigentlich spannende Thema. Je mehr man in geschichtliche Zusammenhänge eintaucht, Ereignisse und Gestalten zu erkennen sucht, desto mehr  wird man zu der Auffassung kommen, dass unserer Art nichts „Menschliches“ fremd ist. Die mich leitende Frage ist also weniger: Was ist warum so und nicht anders passiert? sondern vielmehr die Frage: Wie haben sich Menschen verhalten? Wie weit sind ihre Motive, Wünsche und Absichten erkennbar? Wie haben sie tatsächlich gelebt und gedacht? Wenn man so will, sind dies einerseits sozialgeschichtliche, andererseits verhaltenspsychologische Fragestellungen.

Ich möchte sie aber nicht so eng und methodisch begrenzt verstanden wissen. Mich interessiert schlicht das „Humanum“, der homo sapiens als Kultur- und Geschichtswesen, als meist etwas erleidendes und seltener aktiv handelndes Subjekt seines Lebens. Mit dieser Fragestellung rückt mir ein konkreter Mensch von vor 2000 Jahren, sofern und so weit er fassbar ist, sehr nahe: Er ist dasselbe, was ich bin, nur unter sehr anderen Umständen und Bedingungen. Auch diese Frage will nicht quasi hinten herum nach „Lehren“ fragen, eben nach den Lehren aus dem sogenannt Allzumenschlichen. Das wäre ziemlich platt und uninteressant. Natürlich haben Menschen zu allen Zeiten gelebt, geliebt, gelitten und sind erfüllt oder unerfüllt gestorben. Mein Nachfragen in die Geschichte hinein (genauso wie übrigens in andere Kulturkreise hinein) orientiert sich an den vielfältigen Facetten des Menschlichen, ihres Umgangs mit Glück und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, mit Macht und Reichtum, mit Gewalt und Stolz und und und. Und da gibt es dann in der Tat unendlich viele Unterschiede zu entdecken, Merkwürdiges, Beeindruckendes, Großartiges, Ernüchterndes, Kleinliches, Jämmerliches usw. in allen nur denkbaren Nuancierungen. Nein, eben nicht in nur „denkbaren“ Nuancen, sondern in Weisen und Facetten der Lebensgestaltung, die immer wieder anders und neu und unerwartet, weil unableitbar sind. Nur dies macht für mich Geschichte so interessant, ja so wahnsinnig aufregend: Weil einem dadurch das, was Menschen möglich ist, so erhellend, aber auch so grausam vor Augen geführt wird. Geschichte ist darum auch so spannend – und desillusionierend. Und genau diese zu gewinnende Nüchternheit ist es, die dann auch für die Orientierung in der je eigenen Gegenwart hilft. Es ist nicht das geschichtliche Beispiel, es ist die Vielfalt des dem Menschen Möglichen. Wer das ein wenig erkennt und damit zu rechnen lernt, der gewinnt tatsächlich auch eher Orientierung und Perspektiven in der Gegenwart, sei es im Großen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, sei es im Kleinen des mir eigenen Verantwortungsbereiches. Nur insofern kann Geschichte ‚Schule des Menschlichen‘ sein.

Einer, der zu einer solch selten nüchternen und scharfsichtigen Urteilskraft über Dinge der Vergangenheit und Gegenwart im Verlaufe eines langen Lebens gefunden hat, ist Helmut Schmidt. Ich denke, das macht die eigentliche Faszination seiner Person aus.

 23. Dezember 2012  Posted by at 12:34 Geschichte, Kultur, Mensch Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Mensch in der Geschichte
Okt 112012
 

Die Gültigkeit der Aussage „Nichts ohne Gehirn“ und die Eigenständigkeit des geistigen Bereiches („Layer“) innerhalb der einen Wirklichkeit habe ich in den vorigen beiden Beiträgen zu umreißen versucht. Es fehlt noch eine recht entscheidende Überlegung. Es geht um die Frage nach der Verbindung, nach der Bindung oder „Teilhabe“, wie früher gesagt wurde, zwischen der „Welt“ des Mentalen, Geistigen und der Wirklichkeit, wie sie „ist“, wie sie die Naturwissenschaften erfasst. Wie kommt man von dort nach hier und von hier nach dort? Was ist der vermittelnde „link“? Klingt auf dem ersten Blick vielleicht trivial, ist es aber ganz und gar nicht. Der heutige Begriff von Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht gründlich genug bedacht, wenn diese Frage übergangen wird.

In einem TV-Beitrag zum Thema „Macht des Unbewussten“ (WDR 09.10.2012) erklärte ein Hirnforscher, es gebe zwar „die Welt da draußen“, nur hätte „ich“ sie noch nie gesehen, denn das einzige, was „ich“ wissen könne, seien die Bilder der Außenwelt, die mir mein Gehirn präsentiere. Ich wisse und erführe also nur, was mir Sinne und Gehirn ‚vorgaukeln‘. Vielleicht ist dieser Neurologe ja ein wenig philosophisch bewandert, dann weiß er auch, dass genau dies die These der klassischen griechischen Skepsis ist, mehr als 2000 Jahre alt. Eines ihrer Hauptargumente beruhte auf der Erfahrung, dass es subjektiv keine Möglichkeit gibt, zwischen einer „echten“ Wahrnehmung und einer Sinnestäuschung zu unterscheiden: Ich bin in meinem Erkennen und Wissen abhängig von dem, was mir die Sinne und das Gedächtnis vermitteln. Was „wirklich“ ist, vermag ich nicht zu erkennen (Pyrrhonische Skepsis). Heute ist es das Gehirn, das mir fast gänzlich unbewusst, aber im Lebensvollzug „transparent“ die Wahrnehmung der Umwelt verarbeitet und aufbereitet. Aus dem Gehäuse meines Kopfes komme „ich“ nicht heraus. Neurale Prozesse konstruieren „meine“ Wirklichkeit.

Die radikale Skepsis hatte schon in der Antike wenige Anhänger, denn allzu offensichtlich spricht die Alltagserfahrung doch dagegen: „Irgendwie“ orientiere ich mich eben doch ganz erfolgreich in der realen Außenwelt. In der Hirnforschung hat sich auch keineswegs Skepsis breit gemacht, sondern nur die Instanz verschoben, die den Kontakt zur Außenwelt vermittelt. Es ist nicht das wache Bewusstsein, sondern vielmehr die unbewusste Steuerung durch Sinneseindrücke und deren erfolgreiche Verarbeitung und Interpretation in den verschiedenen Arealen des Gehirns. Das Bewusstsein in der der Hirnrinde ist nur eines davon.

GPS Satellit im Orbit, Wikipedia

Die Frage ist also weniger, ob oder wie die Welt „draußen“ in mir repräsentiert wird (das geschieht offenbar, und sehr erfolgreich), sondern wie und auf welche Weise es zu einer Übereinstimmung kommt zwischen den geistigen Tätigkeiten, Vermögen,  Konstruktionen und den Realitäten der natürlichen Welt. Denn ebenso offenbar sind die „idealen“ Konstrukte  des Geistes keineswegs deckungsgleich mit ihren Entsprechungen in der tatsächlichen Welt. Den geometrischen Kreis kann ich zwar exakt berechnen, aber nie exakt zeichnen, und er kommt auch in der alltäglichen Welt nie exakt, sondern allenfalls annäherungsweise vor. So waren es gerade die geometrischen und mathematischen Erkenntnisse, die Welt der Zahlen und der Geometrie, die einen Platon zur Beschreibung der „Ideen“ als der „wahren“ Wirklichkeit hinter der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit führten. (Gunter Dueck sieht das etwas zu kurzschlüssig.) Sie schienen doch umso vieles genauer und wirklicher zu sein als alles, was wir sehen und messen  können. Und genau diese Erkenntnis ist dann Ausgangspunkt der enormen Leistungen unserer modernen Naturwissenschaft: die Welt mathematisch zu beschreiben und so zu verstehen und produktiv nutzen zu lernen.

Und jetzt können wir die offene Frage nach der „Verbindung“ genauer stellen: Wie kommt es, dass die mathematischen Produkte unseres Geistes die Welt der Dinge so unglaublich exakt und genau beschreiben können? Ist die natürliche Welt also „zahlenhaft“? Was aber, wenn die Mathematik, wie ein Erwin Schrödinger es formulierte, nur eine hervorragend geeignete Sprache wäre, also ein menschliches Konstrukt, um Naturdinge angemessen zu beschreiben? Wie kommt es dann zu der Übereinstimmung von Denken (in Zahlen) und Wirklichkeit (in Dingen)? Und noch zugespitzter: Finden oder erfinden wir „Naturgesetze“? Sind es überhaupt „Gesetze“ (wer hätte sie denn erlassen oder aufgestellt?) oder nur heuristische Prinzipien? Was ist aber mit der ungeheuren Exaktheit, mit der bestimmte Naturkonstanten (z. B. ‚h‘, ‚c‘, ‚G‘, anders aber ähnlich π) in Zahlenwerten bestimmbar und immer wieder experimentell und mathematisch bestätigt werden? Sind die Formeln und Regeln der Logik (hm, welcher?) nur Operanden unseres Denkens oder sind es Strukturen der Wirklichkeit „da draußen“? Worin besteht der „link“ zwischen den denkerisch erkannten, ‚geistigen‘ Strukturen und der realen, dinglichen Wirklichkeit?

Oder ist die Wirklichkeit doch nur das, zu was unser Erkennen (mit Sinnen und Geist, Hirn und Verstand) sie bestenfalls „machen“, „schaffen“ kann? Leuchtet da Platons Sonne tatsächlich von außen in die Höhle (das war ein Vorschlag für die Lösung des Problems des „missing link“) oder ist die „Sonne“ nur in uns, in unserem mentalen, geistigen Vermögen, womit wir wieder in der gefährlichen Nähe der Skepsis wären? Oder zeigt die Hirnforschung insofern einen Lösungsweg auf, als wir diese Selbstbezüglichkeit anerkennen und nutzen sollten, weil wir aus der „Falle“ der Selbstreferenz niemals heraus kommen können: Das Gehirn betrachtet und befragt das Gehirn, was es als Gehirn leistet und „denkt“? Schließlich sind auch die Erkenntnisse und Interpretationen der Hirnforscher selbst wiederum mentale Leistungen menschlicher Gehirne, – bauzperdauz.

Ich weiß die „Lösung“, sollte es eine geben, natürlich nicht. Ich lasse mich freilich auch nicht damit abspeisen, die Frage sei halt falsch gestellt, so what? Die Frage nach der adäquaten Verbindung, Entsprechung, Teilhabe, wie auch immer man es nennen mag, von „realen“ und „geistigen“ Inhalten bleibt ja bestehen, wenn man genauer hinsieht und weiter denkt. Vielleicht kann man das Problem tatsächlich nur „komplementär“ lösen, dass es eben je nach Ausgangspunkt der Fragestellung unterschiedliche Antwortmodelle geben wird. Dann ist es wie in der Quantenphysik: Es gibt keine „vorstellbare“ Beschreibung, nur eine exakte mathematische Lösung. Und das reicht immerhin, um die tollsten Computer und andere Sachen zu bauen…

 11. Oktober 2012  Posted by at 10:10 Bewusstsein, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Missing Link