Jul 192013
 

I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel des Internets und der ihnen bereitwillig folgenden Internetgemeinde hat einen spürbaren Knax bekommen. Zwar muss hier zwischen der medialen und teilweise auch dem Wahlkampf geschuldeten Aufgeregtheit der veröffentlichten Meinung einerseits und dem tatsächlichen Verhalten der Internetnutzer andererseits unterschieden werden. Solange sich die derzeitige Diskussion um Big Data und #PRISM auf die Verkaufszahlen von Apple, Samsung, der Nutzerzahlen von Google, Facebook, Amazon nicht auswirkt, so lange kratzt die Diskussion offenbar nur an der gesellschaftlichen Oberfläche. Erst ein verändertes Nutzerverhalten würde hier ein gestiegenes Problembewusstsein und eine ernsthafte Sorge erkennen lassen. Dies fest zu stellen ist es noch zu früh. Vermuten kann man allerdings, dass die aktuelle Diskussion kaum dazu beitragen wird, den digitalen Graben zwischen den Techies und den eher Reservierten zu verringern. Vielleicht ist das ja auch gut so. Jedenfalls ist in der Öffentlichkeit die Diskussion über das neue Menschenbild der digitalen Welt – der verhaltenstransparente Konsument und der sicherheitsriskante Bürger – eröffnet.

II. Ganz anders ist die Lage in dem anderen, mindestens ebenso brisanten Themenfeld. Auf welche Weise die modernen Humanwissenschaften auf naturalistischer Grundlage ein neues Menschenbild, mehr noch einen neuen Menschen schaffen, dessen Gehirn in seiner Funktionsweise immer verständlicher und dessen geistige Fähigkeiten und individuelles Verhalten dementsprechend neurologisch erklärbar, kognitiv transparent und psychiatrisch manipulierbar werden, das interessiert nur am Rande gelegentlich das Feuilleton. Populärer sind allemal Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein oder zur „richtigen“ Entfaltung der eignen Potentiale. Dabei beruhen die Methoden der Neurowissenschaften immer stärker auf Computermodellen, die ebenfalls big data erfassen und verarbeiten. „Bildgebende Verfahren“ klingt da etwas naiv und harmlos, denn das ist ja nur die bunte, anschauliche Oberfläche neurologischer Forschung. Andere Verfahren erheben den gesamten elektrischen Zustand eines Gehirns und übersetzen ihn in ein algorithmengestütztes, selbstlernendes Computermodell, das, so die Erwartung, dann schlicht ein Spiegelbild eines menschlichen Gehirns ist. Ob es sich wirklich so verhält und ob es funktioniert, wird sich zeigen, aber die Fortschritte in den Neurowissenschaften sind gerade in den letzten Jahren mit wachsender Rechenpower gewaltig. Jedenfalls wachsen die Bemühungen um eine Modellierung des menschlichen Geistes bzw. des Bewusstseins weit über bloße Theorien hinaus. Es wäre leichtfertig, hier nur Spekulation und technische Phantasien am Werk zu sehen. Was bisher als science fiction erscheint, könnte schneller als gedacht science technics werden. Nachdem die Diskussion vor einigen Jahren die Frage des „freien Willens“ (ein Nebenkriegsschauplatz) publikumswirksam thematisiert hat, ist die Hirnforschung mit ihren Strategien, menschliches Gehirn und menschlichen Geist endlich in den Griff zu bekommen, weitgehend öffentlich unbeobachtet. Nur über die Stammzellenforschung hat man sich eine Zeit lang aufgeregt, auch dies aus meiner Sicht eine sehr deutsche Nebenbühne.

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

III. Im Blick auf die Neurowissenschaften und die durch sie gemeinsam mit der Biogenetik nachhaltig veränderten Humanwissenschaften hinkt eine öffentliche Diskussion, ja überhaupt Wahrnehmung der Tragweite und Auswirkungen, also der ethischen Herausforderungen und Handlungsbegleitung der Wirklichkeit auffallend hinterher. Was die digitale Transformation betrifft, haben wir soeben die Chance bekommen (Snowden sei Dank), die Diskussion um Mittel und Wege, Rechte und Grenzen, Wollen und Sollen breit und öffentlich, hoffentlich ausführlich und begründet zu führen, praktische politische und persönliche Konsequenzen eingeschlossen. Auch dies hat ethische Aspekte in der Frage, welches Menschenbild der Digitalisierung zu Grunde liegt oder liegen sollte. Es zeigt sich, dass die großen Themengebiete Digitalisierung und Hirnforschung, erweitert um das Thema der Biogenetik, uns an die Schwelle einer kulturellen Transformation ungeahnten Ausmaßes bringen. Diese Transformation wird zwar zunächst in den industrialisierten Ländern beginnen, aber kaum vor irgend einem Kontinent halt machen. Die Möglichkeit, diesen Transformationsprozess zu steuern, wird schwierig sein, weil der ihn antreibende Strom der Ereignisse und Interessen fast übermächtig ist. Umso mehr und kraftvoller muss das Bemühen um öffentliche Diskussion und Gestaltung sein. Neue ethische Maßstäbe und rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig. „Alles was wir einmal Bürgerrechte oder Privatsphäre nannten: Das ist alles weg.“ (Leyendecker). Damit nicht noch mehr von dem „weg“ ist, was uns lieb und teuer ist, sollten wir uns kundig machen und einmischen, in jedem der neuen Wissensgebiete, vor allem gegenüber den politisch-industriellen Machtkomplexen. Die Zeiten eines Nelson Mandela, der gestern seinen 95. Geburtstag beging, könnten andernfalls im Rückblick noch als rosig erscheinen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Ethik und Politik der kulturellen Transformation.

 19. Juli 2013  Posted by at 11:15 Gesellschaft, Mensch, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der digitalen Transformation
Mrz 232013
 

Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte „Würde der Tiere“ verwenden. Zu „Ethik der Tiere“ findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu „Würde der Tiere“ schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “ Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. „Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.“ (Erläuterung des BMELV) Von einer „Würde der Tiere“ wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Immerhin „Mitgeschöpf“ wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, „artgerecht“ oder „gemäß seiner Art“ zu behandeln ist. Von „Würde “ zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…“ Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: „Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.“ Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was „Würde aller Kreatur“, „Würde aller Lebewesen“ und speziell die „Würde der Tiere“ bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

Tierschutz_Bläßhuhn_Küken-640

Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem „übertriebenen“ Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen „populär“. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der „Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik„, die lapidar vermeldet: „Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.“ Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als „Sachen“ anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine „Seele“ haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr „ursprünglichen“ Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. „Tierisch“ ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch „viehisch“ und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‚Ich hab tierisch Appetit auf Eis.‘ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als „Tier“ zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie „Das Tier in uns“ – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das „Tierische“ zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‚beseelt‘ und ‚belebt‘ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‚Lebewesen‘ nahe. „Animalisch“ ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‚tierisch‘. ‚Lebewesen‘ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‚animals‘. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort „Kreatur“ aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: „Geschöpf“ (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‚Kreatur‘ und ‚animal‚ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‚beseelten Lebewesen‘ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‚Geschöpfen‘ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‚tickt‘, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‚Seelenwesen‘) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als „Mitgeschöpfe“ mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als „Mitgeschöpfen“ zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten „Tierschutz“ kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich „ohne vernünftigen Grund“ zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‚Seelenwesen‘ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum „Menschenfresser“, aber doch zum ‚Verbraucher‘ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den“Teppich“ der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‚anständig‘ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen „vernünftigen Grund“, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Posted by at 12:04 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der Tiere